Analysefibel
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Seiteninhalt: BF-Texte: (Hürden und Neubeginn/Begegnungssplitter: Mani, Templer/ Niemand sonst) - Anhang: Sharm-el-Scheik - Reiseernte - Vor dem Vergessen

BF-Texte

Begegnungssplitter

Es geht hier um persönliche Reminiszenzen des Herausgebers, die Sonderbares und vielleicht Bemerkenswertes zum Thema haben. Es ist aus Stilgründen opportun, die Ich-Form zu benutzen. Auch das Saloppe wird für salonfähig gehalten. Manches wird zudem erwähnt, weil es halt Begleitumstände gibt.

 

MANI, - Spuren (2008) 

 Als Erzählelement muss Religiöses herangezogen werden. Inhalte wollen nicht eigentlich aufgezeigt werden, nur so viel, dass es dem Verständnis dient und - auch - der Allgemeinbildung des Schüler-Lesers zugute kommt. Schülern, denen Alt-Geschichte nahe gebracht wurde, ist Einiges vielleicht schon bekannt.

  Die alten Perser waren für die alten Griechen, aber auch noch für die Byzantiner eine stete Bedrohung. Der Hellespont (Dardanellen) war kein Hindernis. Sie gelangten bis aufs griechische Festland. Die Stichworte hierzu: Jahrtausendmitte v. Chr., Dareios der Große, Xerxes I, Marathon, Thermopylen, Salamis. Die Perser bekamen immer zur rechten Zeit eines aufs Haupt. Auch der Islam in der schiitischen Form überwältigte sie, ebenso Mongolen im 13. Jhdt.  Die Schahs machten bis in die jüngste Vergangenheit Furore, die heutigen Iraner ärgern die Amerikaner bis aufs Blut.

 Auch auf geistigem Gebiet hatten sie etwas zu bieten. Das Recht begegnet uns in König Hammurapi und die Religion in Zarathustra (Zoroaster). Und jetzt sind wir am Fadenanfang, zeitlich im 7./6. Jhdt. v. Chr. Dieser Zarathustra lehrte, dass ein böser Gott den guten Gott nicht in Ruhe lassen konnte, ja, dass diese Konfrontation im Menschen den steten Kampf zwischen Gut und Böse spiegele. Finsternis bedrängt das Licht (Dualismus). Faszinierend? Wohl! Heute noch? Abermals wohl! Also springen wir zum Heute. -  

  Vor zwei Jahren (2006) fuhren meine liebe Frau und ich - erstmals wird sie erwähnt: Sie packt seit 21 Jahren für jede Schule, die das Bewerberforum bekommt, ein Paket - auf den Balkan, Slowenien (wo ich vor ca. 25 Jahren arglos Gefahr lief, von kommunistischen Grenzern mit vorgehaltenem Gewehr gefangen genommen zu werden, Dalmatien, Montenegro, eine Traumroute. Vor Dubrownik, früher Ragusa, muss man ca. 20 km durch Bosnien fahren. (Daher wollen die Kroaten demnächst eine Brücke zu einer vorgelagerten Halbinsel bauen, um den bosnischen Meeranstoß umfahren zu können.) Nach wie vor ist Bosnien-Herzegowina nach dem Balkankrieg ein staatliches Kunstgebilde, weil Serben, Kroaten und Bosnier gezwungen werden, in einem heterogenen Gebilde zusammenzuleben. Kroaten und Serben sind aus historischen Gründen Christen, Katholiken bzw. Orthodoxe (Rechtgläubige). Die Bosnier aber beten in Moscheen. Warum? Das hat mit Zoroaster zu tun. Man glaubt es fast nicht. Die Linien zurück zu verfolgen wäre gar nicht so sehr aktuell bzw. akut, wenn nicht neuerdings die dortigen Muslime ungeduldigerweise sich radikalisieren würden. Im Krieg gegen Serben und Kroaten wurden sie unterstützt von islamistischen Glaubensbrüdern. Diese blieben und wurden keinesfalls tolerante Europäer. Sie spielen Hefe. Warum also dort Islam? Das hat mit Bogomil zu tun. Und Bogomil war ein ferner Glaubensnachfahre von Zoroaster, dem alten Perser. Zwischengeschoben war Mani, aber über den referieren wir später.

  Dieser Bogomil predigte zu Zeiten, da das griechische-oströmische Byzanz auf dem Balkan dominierenden Einfluss ausübte, von Licht und Finsternis. Hintergrund waren Völkerverschiebungen auf dem Balkan im 7. Jhdt. n. Chr. Zuerst kamen türkische Awaren und gründeten an der mittleren Donau ein Reich mit beachtlicher Ausdehnung. Der große Karl zerstörte es. Aber südlich davon drückten auf breiter Front slawische Stämme herein und blieben dort bis heute, bekannt als Kroaten und Serben, Jugoslawen, Südslawen. Die Eroberer tilgten das Christentum. Dalmatien  und Albanien blieben im Einflussbereich Roms. Schon kam aus dem Osten der nächste Schub. Dieses Mal waren es hunnische Bulgaren unter ihren Khanen, Sie besetzten das Donaudelta und das Flachland westlich des Schwarzmeeres. Die Slawen wurden nach Westen gedrückt. Anfang des 9. Jhdts. waren die Bulgaren so stark, dass sie das oströmische Reich nach Süden zurück drängten. Sie waren Großmacht. Das orthodoxe Christentum etablierte sich über ihre Herrscher. Kyrill aus Konstantinopel hatte den Zugang über seine kyrillische Schrift gefunden.

  Es gab rebellische armenische Häretiker, Paulikaner. Sie hingen Mani und damit der Urlehre von Zarathustra an. Sie wurden zwangsweise an der bulgarischen Grenze angesiedelt. Und Bogomil, ein simpler Priester, predigte Simples: Das Fleisch ist sündhaft. Enthaltsamkeit ist angesagt. Apathie breitete sich aus. Die Lehre wurde bekämpft, aber in Bosnien fand sie Heimat. Sie wurde bis zur Eroberung durch die Türken Staatsreligion, wanderte von hier aus nach Westen. Weit nach Westen! Unter den Türken ging es um die Frage, werden die Bogomilen Christen oder Muslime? Die Konversion zum Islam war, weil weniger kompliziert, einfacher (daher die Moscheen in Bosnien). In der schönen Moschee in Bursa, Bithynien, vor der Eroberung Konstantinopels (Istanbul) Hauptstadt des Osmanenreiches der Reiseleiter: Wer sage, Allah sei Allah und Mohammed sein Prophet, habe den Schritt zum Islam vollzogen. Ich habe widersprochen und ihm erzählt, dass ich schon als 10Jähriger 'Allah il Allah, we Mohamed rasuhl Allah' vorsagen konnte, dank Hadschi Halef Omar, aber immer noch Christ sei. Er lachte, denn der Hadschi Halef war ihm ein Begriff. Er hatte 'Von Bagdad nach Stambul' gelesen, samt Vor- und Nachbänden. Wer als Kind Karl May nicht las, ist ein armer Wicht. Ziel der Hadsch ist für Muslime Mekka, für Christen Jerusalem. -

  Wir fuhren, die Kinder waren noch klein, zum Zelten am Meer nach Katalonien, Cap de Creus, ganz in der Nähe von Dali's Heimat. Das ist der, der die skurrilen Bilder malte. Heimwärts gings durch Andorra, von da aus hinunter nach Ax-les-Thermes, am Osthang der Pyrenäen. Zeltplatz. Minusgrade, Katastrophe. Brot von Franzosen erbettelt, weil Sonntag. Haben zum Dank was Schönes von mir zugeschickt bekommen.

  Irgendwann erschien auch in Deutsch ein Buch von Ladurie.Titel Montaillou. Ein Dorf vor dem Inquisitor. Die Bewohner waren meistenteils Katharer, leicht radikalisierte Bogomilen. Die Welt ist keinesfalls von Gott geschaffen, vielmehr ist sie ein Werk des Teufels. Alles, was da ist. Die Lehre breitete sich aus, nach Deutschland, England, Frankreich, in Okzitanien komprimiert. Die Häresie konnte nur durch einen regelrechten Kreuzzug mit Schwert und Scheiterhaufen ausgerottet werden. Er richtet sich Anfang 13. Jhdt. unter Führung der Dominikaner auch gegen die Oberschicht, gegen ganze Städte. Aber ausgerottet?

  Ich habe nachgesehen wo dieses Montaillou liegt. Gleich bei Ax-les-Thermes. Wir fuhren vorbei, 2 km hätten uns ins Dorf gebracht. Zu Autor Ladurie muss noch erzählt werden, dass sein Werk insofern als eine Sensation galt, als er Historie im Kleinformat detailgetreu aufzeichnete. Bis dahin war Geschichte Herrscher- und Staatenbericht. -

  Meine Frau und ich sind dann kurz vor der Jahrtausendwende gezielt ins Roussillion gefahren. Man kann nur allen Spanienfahrern  raten, vor der Grenze die Autobahn rechts weg zu verlassen. Stichworte: Corbières, Quéribus, Montségur, Gorges Galamus. Montségur, die letzte Zuflucht der Katharer. Massaker en masse. Ein Weiler, der Massaque heißt. In der Gorge Galamus liegt dramatisch versteckt eine Klause. Es heißt, dass dort ein Antonius, geboren in Lissabon, Zuflucht gefunden habe. Begraben ist er in Padua. Wer Padua besucht, sollte nicht versäumen, die Universität zu besichtigen. Der arme Antonius hatte es schwer - mit den Katharern. Man erzählt, dass er in Rimini für seine Predigt keine Zuhörer gefunden habe. So sprach er eben mit den Fischen am Ufer der Adria. Sie wenigstens hörten andächtig zu. Antonius ist übrigens der Heilige der Verleger. Er hilft beim Finden von Verlorenem. Zu dieser Fähigkeit kann ich Ihnen selbst widerfahrene unglaubliche Stücke erzählen. Man teste das selbst. -

Vor rund 25 Jahren besuchte ich nach mehrjähriger Pause, einen Altkunden im hessischen Bayern. Branche Bankwesen. Mein Gesprächspartner, beredt, aufgeschlossen, gebildet. In der Erinnerung normale Oberfläche. Dieses Mal überschwenglich religiös-beschwörend. Ich bekam ein Script mit. Ich las. Ich las immer verwunderter darüber, wie doch das Licht von der Finsternis bedrängt werde, wie der Mensch in Gut und Böse geteilt sei. Wie ... - Ich wusste Bescheid. Unfasslich!

  Im dritten Jahrhundert lebte Mani, seine Anhänger nennt man Manichäer. Seine Religion und Schriften erlangten eine weit ausgreifende Verbreitung, bis an die Grenzen von China. Aus Persien und Indien gelangten sie auch in katholische und orthodoxe Regionen, intensiv in Nordafrika (Karthago). Wieder lässt das Böse im Menschen das Gute nicht in Ruhe. Erlösung war das Streben aus der Finsternis zum Licht. Der Determinismus, die Vorherbestimmtheit des Lebenslaufes ließ das Bemühen stagnieren. Gibt es im Islam nicht auch das Kismet? Auf eine besondere Art vereinnahmte Mani auch die Lehre Christi. Es ging um die christliche Gnosis, um die Erkenntnis. Der manichäischen Gnosis erwuchs das Heil aus dem Erkennen der Geheimnisse der Welt und Gottes. Wir sprechen heute noch von Gnostikern und Agnostikern. Letztere halten eine theologische 'Kryptästhesie', ein Lüften solcher Geheimnisse für nicht möglich.

 Der populärste Manichäer, man glaubt es kaum, war im zu Ende gehenden 4. Jhdt. Augustinus von Hippo Regius, Mittelmeer-Hafenstadt beim heutigen Annaba nahe der tunesischen Grenze, ein Nordafrikaner also bevor der zum Katholizismus konvertierte. Wenn man weiß, dass er seine umstürzenden Erkenntnisse auch dem Neuplatonismus schuldete, dass er rational dachte wie nur wenige Denker, wundert es nicht, dass er mit Mani nicht glücklich wurde. Wenn Benedikt-Ratzinger auf die Vernunft abstellt, so spricht aus ihm Augustinus. Hoch interessant ist auch, dass dieser Heilige überraschend intensiv Protestantisches dachte. Man muss aber wissen, dass Luther Augustinermönch war. - So bleiben wir wohl für immer in der Geschichte gefangen, was aber auch Vergnügen bereiten kann, denn die Augen gucken tiefer. 

 

Ruchlose Templer? (2008)

 

  Ein geistlicher Ritterorden der Kreuzfahrerzeit, gegründet 1119 in Akkon, in der Levante gelegen, zur Bekämpfung der Ungläubigen und zum Schutze der Pilger und des Heiligen Grabes (Lexikon-Zitat). Ungläubige meint hier Muslime, entsprechend dem Sprachgebrauch der damaligen Zeit. Heute sind Nicht-Muslime die Ungläubigen, die Giaurs, wobei man sieht, wie relativ Bezeichnungen entlang der Geschichte oftmals zu charakterisieren sind. Dabei steht doch im Islam, im Christen- und Judentum, um bei den "Buchreligionen" zu bleiben, der Glaube im Mittelpunkt, so dass es Ungläubige eigentlich gar nicht geben kann.

 "Die Templer nannten sich nach dem Sitz des Großmeisters auf dem Platz des ehemaligen Salomonischen Tempels in Jerusalem. Ordenskleid: weißer Mantel mit achtspitzigem rotem Kreuz auf der linken Brustseite." Der Orden war sehr reich, auch nach der Vertreibung aus dem Morgenland. Das reizte die Gier des Philipp IV., der ab 1305 als französischer König residierte. Der Orden wurde der Abtrünnigkeit vom Papsttum und der Häresie bezichtigt, wiederum mit Feuer und Schwert verfolgt und zerschlagen. Im Lexikon steht, dass der Papst die rechtswidrige Unterdrückung billigte und den Orden 1312 auflöste.

  Im Vatikan waren die Templerakten bis in unsere Zeit unter Verschluss gehalten. Nun bekam eine junge Historikerin Zugang zum Archiv. Ihre Suche war von einem sensationellen Fund gekrönt: ein Dokument, das ausweist, dass der Papst die Unterdrückung eben nicht guthieß. Ab 1305 saß Klement V auf dem Stuhl Petri. 1309 verlegte er seinen Sitz nach Avignon. So befand er sich im Greifbereich des Phillip. Klement war gehorsam. Aber die Templer müssen wohl rehabilitiert werden. 

  Auf einer unvorgeplanten Tour durch Spanien zum portugiesischen Cabo de Vicente (Sagres). Weit südwestlich von Zaragoza , wilde Sierra, einsam, schmale Sträßchen, links im Vorbeifahren eine wohlintakte Stadtmauer, schön anzusehen, überblickbares Ausmaß. Schautafel davor. Wir wurden neugierig. Enge Gassen, Steinpflaster, fein gefugtes Gemäuer der Häuser mit zurückhaltendem architektonischem Schmuck, Mittagsstille. Auf dem Platz vor der Kirche und dem Rathaus - völlig anachronistisch - ein paar geparkte Autos. Mirambel, eine Templersiedlung in größter Einsamkeit, unerreichbar für die französischen Verfolger. Also absichtlich in dieser Abgelegenheit? Ein Refugium?

  In Baden-Württemberg gab es in den Anfängen dieser Schulform zwei Wirtschaftsoberschulen. Eine in Freiburg, die andere in Stuttgart. In der neunten Klasse, derjenigen vor dem Abitur, bekam ich einen Nebensitzer. Peter Lange. Schlank, groß, Germanenkopf. Hochdeutsch sprechend mit Stuttgarter Sound. Formvollendetes Benehmen, gestochene Schrift, nichts Extrovertiertes, verhaltenes Lachen. Sehr bald wurde klar, dass seine Korrektheit einen religiösen Hintergrund hatte. Ordnung, Selbstzucht, etwas fremdkörperlich mit ausgeprägter sozialer Zuwendung. Niemals "bezog" er bei Klassenarbeiten eine Hilfe bzw. erbat sie. In Mathematik war ich gar nicht schlecht. In der Siebten war ich ein Zugänger, von der Höheren Handelsschule. Gleich in der ersten Stunde wurde an das angeknüpft, was vor den Ferien in der Sechsten dran war. Der Lehrer, etwas skurril, als Pensionär Kriminalromanautor, hatte ein Büchlein mit den Namen der Schüler. Nun wanderten seine Augen über die Reihe, stießen auf einen noch unbekannten Namen. "Soll raus kommen .... Lang." Er meinte an die Tafel. Er verlangte, dass ich den Satz des Pythagoras erkläre und demonstriere. Woher sollte ich wissen, was ein P. ist? Und wenn Mensch, was dieser gesagt hat? Die Klasse feixte, lachte. Stotternd gestand ich, dass ich nicht wisse, was er, der Lehrer meine. Meine Erklärung nützte nichts. Setzen, 5. Auch im Zeuignis. Daraufhin berappelte ich mich. Eine Schwäche blieb. Das waren die Formeln, die zwar per demonstratione abgeleitet wurden, aber so, dass ich mich immer mit dem fertigen Produkt begnügte, es auswendig lernte und nicht immer zum Abruf parat hatte.

  In der Neunten Klassenarbeit in Mathe. Ich benötigte für eine Lösung eine Formel. Ich bekam sie nicht mehr zusammen. Stupse ich verstohlen den Peter neben mir. Peter, Formel so und so. Keine Reaktion, kein Blick. Zwei Minuten dauerte es, bis ein Zettelchen, winzig klein, neben meiner linken Hand lag. Es gab eine erschlichene Zwei!.  

  Der Peter Lange, mein Nebensitzer, wanderte nach dem Abitur mit seinen Eltern nach Australien aus. Er war nämlich nicht Katholik, nicht evangelisch. Er war - Templer.

Nachschrift  im Oktober 2016: Mein Nebensitzer Peter, wanderte nach dem Abitur in Stuttgart 1952 nach Australien aus. Nun lese ich in der FAS eine Abhandlung über Templer in Jerusalem. Dort gründeten schwäbische Pietisten vor 140 Jahren eine Kolonie, deren Bewohner sich Templer nannten, nichts mit dem historischen Templerorden zu tun hatten und von den Briten nach dem zweiten Weltkrieg unter anderem auch nach Australien ausgesiedelt wurden, weil sie Nazi-affin waren. Ob mein Nebensitzer zur Jerusalemer Gruppe gehörte, weiss ich nicht.

 

Niemand sonst (Caracas) Eine solitäre Koinzidenz

 Caracas, die Hauptstadt Venezuelas, liegt nicht direkt am Karibischen Meer. Ihr Hafen liegt etwa 10 km entfernt. La Guaira. - Mein Erstgeborener liebt historische Seefahrerromane. Ich auch. Er nennt eine beachtliche maritime Bibliothek sein eigen. Sie war mir bei stetigem Zuwachs zugänglich. Impuls war Hornblower.

 Spanien wurde Bündnispartner des großen Napoleon, nachdem er es eroberte. Die mächtige britische Marine dominierte die Karibik. Der Admiral beauftragte eine Fregatte, die südamerikanische spanische Nordküste zu inspizieren und die Schifffahrt zu stören. Die Fregatte war ein schönes Kriegsschiff, zwölf Kanonen je auf Steuer- und Backbord. Dazu etliche Karronaden. Kurs West lag an. Halber Wind Süd. Das Barometer fiel. Ein alter Fahrensmann machte ein bedenkliches Gesicht. Er kannte die Tücken dieser Küste. Er erzählte, dass er bei einer früheren Fahrt einen der fürchterlichen Stürme erlebt habe, die von Zeit zu Zeit aus dem Gebirge herabpreschten, mit einer Sintflut an Regen. Das Schiff wurde sturmklar gezurrt. Der Sturm kam und trieb das Schiff weit hinaus in die Karibik. Kaum war das Unwetter abgeflaut, kreuzte die Fregatte nach Süd auf und sichtete Land etwas östlich von Caracas. Vorsichtig tastete es sich nach West an den Hafen heran. Eine letzte Landzunge und der Blick in den Hafen war frei. Er war leer, die Hafengebäude platt. Die Schiffe waren aufs Meer hinausgetrieben worden. Kapitel Ende.

  Für den Leser war es jetzt Zeit für die Tagesschau, 20 Uhr. Der Sprecher im ersten Satz: Ein verheerender Regensturm hat heute die Hafenstadt von Caracas völlig unter Schlammlawinen begraben. Tausende Toter sind zu beklagen. - Jahr und Tag habe ich vergessen.

 

Hürden und Neubeginn  (2006)

 

  Der Verleger des Bewerberforum betrieb seinen Verlag immer als 1-Mann-Verlag. Aber das Produzieren, das Drucken, das überließ er stets Druckereien. Praktisch stand ja ein unerschöpflicher Produktionsfundus zur Verfügung. Früher, als es noch keine Textprogramme für Rechner gab, umfasste das Produzieren auch den Satz. Dieser Satz hat immer sehr viel gekostet, daher bot das Rechnerzeitalter einen Riesenfortschritt. Was viel kostet (Satz und Druck) benötigte auch einiges Kapital. Weil keines vorhanden war, blieb nur der Weg über den Vorverkauf anhand von Montageexemplaren, die dem Vorzeigen dienten und  - das Aufnehmen von Schulden. Diese, kann nur gewarnt werden, geraten schnell zum drückenden Gepäck, wenn es nicht so läuft wie erhofft. 

  Nun wird erzählt von Hindernissen im Rückblick.

  Also, als der Verleger sich 1968 selbständig machte, dachte, hoffte er viel. Dabei konzipierte er den Vertrieb immer bundesweit und immer - anders als mans heute oft macht - wurde per Besuch verkauft. Reisen, noch mickrige Autobahnen und Straßen, Hotels. Entfernungstafeln am Straßenrand: 300 km bis Kassel - von Nord her kommend. Ach, war der Bodensee so weit!

  Als erstes wurde recherchiert, dass es für kaufmännische Lehrlinge keine fachlich-lockere Lektüre gab. Also wurde, weil Sachverstand vorhanden, für diese potentiellen Leser eine Serie kreiert. Das erste Heft war schön, gelungen und aufwendig. Dann ging es um das Einwerben von Abonnements, sinnvoll nur bei Großunternehmen, weil die eine ganze Anzahl von Lehrlingen ausbildeten. Das dauerte. Der Zwang entstand, das nächste Heft herauszubringen. Es war noch nicht die vierte Broschüre aufgelegt, da stieß der Verleger auf ein Nachahmerprodukt. Und dann zeigte sich zum ersten Male der Staat als Bremser und Aushebler privaten Bemühens. Er kam auf den Gedanken, Lehrlinge nur noch von solchen Leuten ausbilden zu lassen, die dafür eine Eignungsprüfung absolviert haben. Die Kunden fuhren die kaufmännische Ausbildung radikal herunter (nicht jedoch die gewerbliche). Das Aus stand am Horizont. Der Druck lässt das Hirn in Bewegung geraten. Wenn schon die Zahl kaufmännischer Lehrlinge kollabierte, die Schülerzahl in den kaufmännischen Schulen nicht.

  Waren diese Schüler nicht interessante Nachwuchskunden für Geldinstitute? Die Werbung um sie musste nicht erst erdacht und angeschoben werden, man musste nur versuchen, auf diesen Zug aufzuspringen. Die verbandseigene Werbemittelproduktion galt es durch Außenseiteraktivität zu ergänzen. Also, die bereits nachdruckbereit vorliegenden Broschüren waren nur auf Werbemittel umzufunktionieren. Und tatsächlich gelang es, bundesweit 90 % aller einschlägigen Institute zu gewinnen. Plötzlich gings um große Stückzahlen und daher konnte der Preis sehr günstig angesetzt werden. Zuerst gabs Wochentouren ohne einen einzigen Auftrag. Aber nach und nach entstand Zutrauen.

  Irgendwann lief es sich tot. Eine totale Neugründung lag an. Was könnte man denn als lumpiger Verleger mit ganz geringem Kapitaleinsatz herausbringen? Wo bestand ein Mangel? Mangel an Wissen gab es damals wie heute. Die Flut an Informationen über Gesundheit gab es noch nicht. Man muss die Leute informieren! Mit Basiswissen. Wie funktioniert das Herz, eine Lunge etc.? Das ist etwas für Apothekenschaufenster! Etwas anderes als die langweilige "Industriedekoration" für frei verkäufliche Produkte. Keine Aufforderung zu kaufen, sondern gesunden und kranken Menschen Wissen nahe zu bringen. Der zweite Gründungsakt gelang - Aber! 

  Beim Absatz war nicht über Baden-Württemberg hinauszukommen. Denn: nach einem Dreivierteljahr traf den Einmann-Verleger der Schlag. Stand doch im Schaufenster einer Apotheke im Bayrischen Wald ein Nachahmerprodukt - aufwendig, protzig, perfekt. Geklaut wurde die Idee, im Schaufenster zu informieren, vom dominierenden, großen Verlag, der seit eh und je die Apothekenzeitschriften verlegt. Eine ganze Horde von Zwei-Mann-Verkaufsteams bearbeitete die Apotheken, von denen es damals mehr gab als heute.

  Eine neue Produktidee war also notwendig. Die Apotheken hatten Tees im Sortiment. Auch war zu sehen, dass sie überhaupt einen spezifischen Sinn für alte Botanik und für Historie hatten. Jetzt hatte der Erzähler die Idee, Heilkräuterabbildungen nach Fuchs (16. Jhdt) zu vergrößern, farbig zu drucken und als Dekorationsblickfang anzubieten. Und noch etwas stieß auf Interesse, Reproduktionen von alten Stichen aus der Apothekenhistorie. Aber auch hier gab es ruck zuck bei der Botanik den Nachahmer. Er wurde nicht bedrohlich, weil alte und heutige Botanikdarstellungen unterschiedliche Apothekercharaktere ansprachen und örtliche Alleinstellungen gefordert waren. Es ergab sich auch ein Kontakt zu einem leistungsfähigen Antiquariat, der mit herrlichster echter alter Grafik die Begeisterung für solche Kostbarkeiten anheizte. Erstmals gewann der Erzähler Dauerkunden dafür. Endlich konnten Altschulden auf Null zurückgeführt werden.

  Aber jetzt schlug das Finanzamt zu. Steuern und Alters- und Krankenversicherung fraßen immer so viel des Einkommens auf, dass eine 6stellige Verbindlichkeit nur langsam zu tilgen war. Außerdem bemerkte der Selbständige, dass kein Arbeitgeber mehr die Hälften der Sozialversicherung trug. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob die Umsätze und Gewinne mittels millionenteurer Werbeaktionen gewissermaßen zum automatischen Fließen gebacht werden, oder ob jeder Auftrag mit Mühsal verbunden herein zu holen war. Man freut sich über einen erkämpften Erfolg, der für den verschwenderischen Staat erkämpft wurde (denn dieser versaubeutelt jedes Jahr Milliarden), nicht besonders. Die Fähigkeit Reserven zu bilden, war überlebenswichtig. Was war denn die Alternative zur Selbständigkeit, wenn der 1-Mann-Verleger krank wurde oder aus anderen Gründen lahm gelegt wurde? Damals die Sozialhilfe. Aber der Herrgott hat uns gesund erhalten.

  Genau zu diesem Zeitpunkt und später wiederholt, begannen die Gesundheitskosten aus dem Ruder zu laufen. Was geschah? Die Kunden, soweit sie Apotheker waren, wurden kujoniert. Wenn aber der Umsatz und die Spanne der Apotheken staatlich reduziert wird, dann kaufen sie nichts mehr. Nicht etwa 20 % weniger, sondern nichts! - Der Staat kam dem Selbständigen also wieder einmal in die Quere. Er entscheidet über Sein oder Pleite. Und schon wieder war eine Überlebensidee fällig. Bleiben wir bei den Reproduktionen schöner alter Welten. Es gab alte Grafik für Optiker, für Schuhgeschäfte, für Modehäuser, für Friseure etc. - und Käufer und Kunden. Bis 1988. 

  Wenn Sie die Titelseite des Bewerberforum betrachten, dann können Sie errechnen, dass das Jahr 1988 die Geburt des Bewerberforum brachte. Das war die relativ letzte Neugründung, denn 23 Jahre später erzwang der Staat eine weitere Rettungsentscheidung. Eine Verweildauer von 23 Jahren ist ein gutes Ding. In hunderten Gesprächen mit Schulleitern fiel die Idee auf fruchtbaren Boden. Das Konzept: Ausbildungsplätze zu aquirieren, sie in Anzeigenform in ein Heft zu packen und die Hefte in die Schulen zu bringen, damit sie an die Entlass-Schüler verteilt werden können. Diese Idee gefiel aber auch so um das siebente Jahr herum einem Nachahmer im Stuttgarter Raum, ganz nahe dem Kultusministerium. Ohne Absprache und Genehmigung wurden den Schulen Pakete vor die Sekretariate geknallt. Es gab Beschwerden. Was tat das KM? Es versandte einen Rundbrief an alle baden-württembergischen Schulen mit der Maßgabe, dass es den Schulen verboten wurde, derartige Aktivitäten herein zu lassen. Das Bewerberforum war natürlich mitbetroffen, interessanterweise nicht gravierend, aber doch bedrohlich. Aber gemach, das KM unter einer pragmatischen Ministerin änderte die rechtlichen Regeln und der Albtraum für das Bewerberforum war weggewischt, dank dem Bemühen des Bundestagsabgeordneten.

  Aber nun kam eine öffentlich-rechtlich wirkende Organisation auf die Idee des Nachmachens. Sie tut das bis heute. Damit sie existieren kann, holt sie sich seit Eh und Je von allen Selbständigen einen Zwangsbeitrag. Schon mancher Belastete, auch der Erzähler, ist dagegen gerichtlich vorgegangen - ohne Erfolg. So musste man seine Konkurrenz unter Zwang mitfinanzieren. Mittlerweile tummelt sich nebenan eine Menge weiterer Konkurrenz.

 

  Am Tage, da der Autor seinen Sohn, Dipl.Kfm. Thomas Lang, Leutnant der Reserve, 42, begrub, spuckte der Briefkasten einen Brief des Kultusministeriums aus, der das Bewerberforum auf Papier guiottinierte. Daher ist das Bewerberforum ins Netz gewandert. Das Pamphlet des KM damals wurde von politisch hochangesiedelter Seite als unsäglich beurteilt. Ich habe dieses Machwerk des KM gerügt. Entschuldigt hat sich niemand. Diese Leute sind, was die Spitze anbelangt, den Wählern sei es gedankt, in die Versenkung geschickt worden. Da dies nun etliche Jahre her ist, soll die verbale Abrechnung dieser Attacke offengelegt werden, denn für diese Leute ist das Geschehen Vergangenheit, für den Verleger Ernst D. Lang das Betroffensein, heute noch virulent in den Folgen. Hätte er sich zuvor nicht finanziell absichern können, müsste er mit Hartz IV vorlieb nehmen. Beamtete Akteure können sich das ja nicht vorstellen. Mittlerweile fungierte auch die Rentenversicherung als neuer Alimentierer.

  Es wird zitiert das Schreiben des Verlegers an das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg, gerichtet an den Ministerialrat, adressiert an den Minister, Oktober 2008. (Zeitgleich mit der Eingabe dieses Textes erfahren wir, dass unser OB Schmidt ab August 2013 den Posten des Ministerialdirektors übernimmt.)

"Trotz großen Stresses will ich zu Ihrer Zuschrift Stellung nehmen. Ihr Vorgehen ist einigermaßen fragwürdig, aus den Gründen:

I. Offensichtlich haben Sie keinen Überblick, welche Schulen, dies seit 1988, das Bewerberforum an ihre Entlassschüler verteilen. Die diesjährige Streuliste gibt Ihnen einen Überblick. Sie werden bemerken, dass kaum eine ausgelassen wird. Früher waren es doppelt so viele, bis mir das Alter (Jahrgang 1930) eine Grenze setzte. Zu Beginn habe ich von jedem Schulleiter die Erlaubnis eingeholt. Von rund 400 Schulen haben 3 nein gesagt. Um diese habe ich mich dann nie wieder bemüht.

Weil ich in meinen Schreiben an die Schulleitungen darauf hingewiesen habe, dass das Kultusministerium der Verteilung zugestimmt habe, insinuieren Sie, dass ich all die Jahre die Unwahrheit kolportierte und die Schulen sowie Inserenten hinters Licht führte. - Sie stellen heraus, dass in Ihrem Ministerium "keine Informationen auffindbar " seien, wonach es in der Vergangenheit die Verteilung meiner Broschüre genehmigt hat, m.a.W. diesen Befund nehmen Sie zum Anlass, meine Aussage gegenüber Schulen und Inserenten zu bezweifeln, sonst hätten Sie nicht zum Griffel gegriffen, einfach so. - Das ist schlicht infam. Dann sichten Sie doch bitte die Fotokopie des Schreibens Ihres Ministeriums vom 6. Mai 1992. Darin wird ausgeführt, dass eine neue Vorschrift es ermöglicht, meine "Broschüre Bewerberforum" unter den Bedingungen dieser neuen Vorschriften "in Zukunft an den Schulen zu verteilen", wobei die Zukunft nicht limitiert ist. Es ist hier darauf hinzuweisen, dass ich nie verteilt habe, vielmehr taten das die Schulen.

Anlass und Anstoß zur Neufassung war übrigens das Bewerberforum.   

Ich habe auch am 2.10. 1991 im Vorgriff eine spezifische Einzelgenehmigung ausgesprochen bekommen. Auch hierzu lege ich Fotokopie bei. Im BewF 1991 wird auf 18 Seiten (!) so verfahren, wie Sie nun inkriminieren. Das Kultusministerium hat Tun und Form nicht beanstandet, wie sollte es auch, wohl wissend, dass es bzw. sie durch Gesetz erzwungen waren. 

Es ist Ihnen aus der Tatsache, dass das Kultusministerium einen archivarischen Saftladen verwaltet, doch nicht erlaubt, Ehrabschneidung zu betreiben.

II. Sie schreiben, dass die Schule einen Erziehungs- und einen "Bildauftrag" habe. Das kann nicht sein. Einen Bildauftrag hat allenfalls das Fernsehen. - Der ersten Variante stimme ich zu. Ich untersage Ihnen aber mit aller Schärfe, mir zu unterstellen, dass ich "politische, weltanschauliche oder sonstige Interessen" aus eigenem Antrieb in den Schulen platzieren möchte. Es geschah, weil ich damals gesetzlich Vorgeschriebenem sowie bis zu Ihrer jetzigen Zuschrift ministeriell Genehmigtem, (mir gegenüber nie in der Substanz Modifiziertem oder Widerrufenem) folgte. Wollen Sie mir nun unterstellen, dass ich Werbung betreibe? Will ich das Bewerberforum an die Schulen oder Schüler verkaufen? Politische oder weltanschauliche - im Übrigen Ihrer Ansicht nach wohl fragwürdige -Thesen unterjubeln wolle? Wenn Sie das bejahen, müssen Sie mir Ihre Fundstellen benennen, so dass ich eine gerichtliche Abwägung im Detail anzustreben in der Lage bin. Mit pauschaler Formulierung kommen Sie nicht weit. 

Ich wäre im Übrigen immer froh gewesen, hätte ich die redaktionellen Abhandlungen bleiben lassen können. Meine nunmehrigen Recherchen zur Rechtslage zeigen auf, dass das früher streng gehandhabte Vermittlungs- und Nachweismonopol der Arbeitsverwaltung erst vor drei Jahren sich gänzlich in Luft aufgelöst hat. Wen ich nun in dieser jüngsten Zeit im guten Glauben weiterhin - von Ihren Schulen vielfach hoch geschätzt, weil im Unterricht verwendet (Stückenachforderungen) - das Bewerberforum redaktionell ausgestattet habe, eben wie eh und je, so ist dies aus den dargelegten Gründen nicht rügefähig. Sie unterstellen mir offensichtlich eine gewisse Indoktrinationslust ("Heft ... dazu nutzen") (!) oder einen Hang Meinungen zu verbreiten.

Vielmehr: Bei Entwicklung des Konzeptes des Bewerberforums galt das Arbeitsförderungsgesetz in damaliger Fassung. Das Konzept konnte nur realisiert werden, wenn das BewF mit einem echten redaktionellen Buch ausgestattet war. Fehlte es, waren hohe Strafen angedroht. Das Monopol der Arbeitsverwaltung zum Stellennachweis sollte streng geschützt werden. Ganz offensichtlich reicht Ihr Wissenshorizont historisch und juristisch nicht in diese Zeit zurück.

Sie drehen mir einen Strick für ein Tun und für eine Form, zu dem/der mich das Gesetz zwang.

Aber unabhängig davon. Den redaktionellen Teil des Bewerberforum habe ich im Laufe der Jahre sukzessive reduziert, immer gewärtig, dass mir die Arbeitsverwaltung in die Quere kommt. 10 Druckseiten sind es jetzt. Der Gesamtumfang des Heftes wird bestimmt vom Umfang des Anzeigenteils, des tragenden Teiles, der Ausbildungsplätze an die Entlassschüler heranträgt. 2007 waren es 40 Seiten, 2008 = 36. Der redaktionelle Teil wird abgefasst zu einem Zeitpunkt, da über das Volumen des Anzeigenteiles noch keine Vorstellung gewonnen werden kann.

Sie meinen aber, leichtfertigerweise formulieren zu müssen, dass ich einen Großteil des Heftes dazu nutze, "um meine politischen und weltanschaulichen Ansichen darzulegen." Sie sollten sich hüten, auch noch das Feld der Meinungs- und Pressefreiheit, soweit sie sich im Rahmen von Meinungsäußerungen bewegen, die in den Zeitungen und Zeitschriften gang und gäbe ist, zu betreten. Ich weise Ihre Wortwahl als inadäquat zurück, weil einfach falsch und von unbestimmter Dimension. - So weit Ihre Einlassungen. 

Fazit: Ihr Beurteilungshorizont der Sachlage ist unangemessen eng. Es genügt nicht, sich auf mir bislang unbekannte ministerielle Texte zu stützen.

III.  Ich als Verleger (seit 1968) und Herausgeber und Verfasser aller Aufsätze habe noch Einiges anzumerken.

1. Als Sie meinten, mir Unwahrheiten unterstellen zu können, waren Sie schlicht zu bequem, von mir Unterlagen anzufordern, die meine Aussage den Schulen und Inserenten gegenüber bestätigen.

2. Ich kenne übrigens Ihren Boss (den Minister) höchst persönlich und er mich aus gemeinsamem Erleben noch zu einer Zeit, da eine DDR existierte. Ich hoffe, dass er von Ihrer unsäglichen Attacke keine Ahnung hat.

3. Das Bewerberforum hat mehr als 20 Jahre (wo und was waren Sie 1988?) mitgeholfen, dass junge Menschen zu einem Ausbildungsplatz kommen. Sie raffen sich nicht auf zu einer abwägenden Überlegung. Sie funktionieren wie ein Bürokrat. Sie meinen, das Gesetz gibt Ihnen Handhabe und Auftrag, Menschen mittels schlampiger Methoden zu diffamieren und zu schurigeln. Ich glaube nicht dass Sie berechtigt waren, Ehrverletzung zu betreiben.

 4. Ich glaube auch nicht, dass die Schulen Eigentum des Kultusministeriums sind, auch nicht des Staates, sondern des Bürgers, der sie schließlich finanziert. Höchstens verwaltet es sie. Dabei sind die Schulleiter zu Handlangern degradiert, sonst würde das Ministerium autonome Entscheidungen der Schulleiter akzeptieren, im Vertrauen darauf, dass sie im inkriminierten Fall kompetent genug sind.

5. Ich bekam von Schulleitern und Lehrern viel Zuspruch und Anerkennung.

6. Derjenige/diejenige Schulleiter/-leiterin, der/die Sie informiert hat, (Es war eine Rektorin einer Realschule.) nahm nie Kontakt mit mir auf. Dagegen versteckt er/sie sich hinter dem Ministerium, obwohl er/sie die Macht hat, sich die Belieferung seiner/ihrer Schule zu verbitten. Wenn er/sie die anderen Schulen vor bleibendem Schaden bewahren wollte, so erachte ich das als prätentiös, zu deutsch anmaßend. Es ist zu vermuten, dass eine Anzahl seiner/ihrer Kollegen diese Vorgehensweise keinesfalls gut heißt, sonst hätten sie ihre Schule längst für das BF gesperrt. 

7. Schlussendlich ist ein Fragezeichen zu setzen, wenn Sie das informatorische Nahebringen von zu besetzenden Ausbildungsplätzen an Ausbildungsplatz Suchende angesichts des sozialen und politisch angesteuerten Umfeldes und Anliegens, die Ausbildungsmisere zu bekämpfen, dem Begriff "Werbung in Schulen" subsumieren.

Haben Sie eine gute Zeit.

Lang, Verleger"

 

Anhang

Sharm-el-Scheik

 Als 2015 Terroristen ein russisches Flugzeug zum Absturz brachten, indem dort eine Bombe in die Maschine geschmuggelt wurde, berichtete die SZ darüber auf Seite Drei. Titel "Unter Feuer". Der Autor von der SZ, offensichtlich vor Ort, schwärmte vom ewig himmelblauen Himmel. Meistens ist es wohl so, aber es kann auch Anderes geschehen.

 Zur Zeit, als in Mekka über 150 Pilger in Regenfluten ertranken. waren wir, von Luxor kommend, etliche Wochen später ein paar Tage im All-inclusive-Hotel, das eine Fläche einnahm, die unserem Oberdorf in Markelfingen entsprach (ca. 800 Menschen wohnen in diesem Ortsteil). Die folgende Schilderung geschieht mit dem Titel "Unter Wasser". Im Bus durch den Sinai zum Katharinenkloster - man sagt, dass dort etliche 100 Jahre der Sarkophag des Hl. Jakobus verwahrt war, bevor er auf undokumentierte Weise an die Nordwestküste von Spanien (Galicien) geriet - frug ich den Reiseleiter, wie oft denn dort Regen falle. Nun, so alle 25 Jahre und dann wenig genug. – In der Nacht vor dem Rückflug goß es aus einem Tropengewitter in Strömen in Sharm. Im Luxushotel stand urplötzlich das Zimmer knöcheltief unter Wasser, überall rann das Regenwasser die Wände herab. Nachts um 1 Uhr. Dann erlosch das Licht. Der Koffer musste für den Rückflug am Morgen gepackt werden – tastenderweise in Stockfinsternis. Am Morgen in der Lobby: Das Dach krachte urplötzlich großflächig herunter, zum Glück in das hausinterne Bassin. So also keine Verletzten oder Toten. Notfrühstück. Um 6 Uhr in den Bus zum Flughafen. Er, d. h. die Hallen und die Flugbahn standen unter Wasser, an einen Abflug war nicht zu denken. Dann, Stunden später ab nach Kairo. Anschlussflug nach M war weg. Ankunft dort in der Nacht. Im Umfeld des Flughafens war kein Zimmer zu bekommen. Also um 2 Uhr Entschluss, an den Bodensee zu fahren, heim. Auf der Bodenseeautobahn Vollgas. 7 km vor der Heimat kam der Sekundenschlaf mit der Folge, dass der Wagen gegen die Leitplanke krachte.

Reiseernte

  Das Niederschreiben einer Destination bewirkt in summa ein großes wunderbares Erinnern, geradezu ein Wiederauftauchen oft weit zurückliegender Wege und Eindrücke - anhand der Karten. Die Reisen verteilen sich auf mehr als fünf Jahrzehnte.                                            Sie sind eingeladen, alle Destinationen zu markieren, wo man hätte sich treffen können, wenn Sie denn zeitgleich auch sich dort umgesehen hätten, so, wie es vor Jahrzehnten in Florenz passierte, als wir um eine Ecke am Dom gingen und unversehens vor zwei Markelfingern standen. Von West nach Ost, Nord nach Süd:

Portugal: Valenca, Caminha, Viana, Porto (Blick von der hohen Brücke über den Douro), Guarda (einen Satz portugiesischer EURO-Münzen komplettiert) , Sagres mit der Seefahrerschule des Heinrich des Seefahrers auf der Klippe des Cap Vicente (Vorkommnis: Megatreppe vom Hotel zum Hafen, empfohlenes Fischlokal unten, im schon Fastdunkel zurück. Ein Klirren, Autoschlüssel fällt in die Büsche neben die Treppe. Weg. Kein Finden oder Ertasten ohne Licht. Im Hotel Taschenleuchte erbeten, zurück. Heiliger Antonius hilf! Da lag der Schlüsselbund im Schein der Leuchte.), Lagos, Faro = 8 Dest.  

Spanien: El Burgo de Osma (900 DM Jackett im Zimmer-Schrank vergessen.) Zamora (Auf dem Weg zur Kathedrale durch die Altstadt sprach uns ein alter Spanier auf schwäbisch an. Er schaffte mehr als 20 Jahre beim Daimler in Untertürkheim. In der Kirche lotste er uns in eine seitlich gelegene Marienkapelle. Diese war so üppig und opulent mit Gold und Edelsteinen ausgeschmückt, dass es uns die Sprache verschlug. Nie zuvor und auch später nicht sahen wir so viel Üppigkeit. Ohne die Hinführung hätten wir die Kapelle versäumt.), Santiago de Compostela (Der Hotelchef ließ uns in der Tiefgarage auf seinem Platz parken, Sarkophag des Hl. Jakobus besucht.), Orense, Huelva, Jerez – Port Bou (Walter Benjamin), Andorra, Cadaques (gezeltet), Roses, Figueres, Gerona, Barcelona (Dom), Reus, Tarragona, Tortosa, Montserrat (Kommunion), Poblet (Ein geschlossenes Restaurant. Dessen Chefin mobilisierte den Koch und erfüllte uns den Wunsch, erstmals Tortillas kennen lernen zu können.), Montblanc, Ciudad Rodrigo, Salamanca (Plaza Major), Avila (Stadtmauer), Tordesillas, Valladolid, Segovia (Im Dom war gerade eine Ausstellung über Marterinstrumente und gefolterte Märtyrer. Viel Blut.), Soria, El Escorial, Toledo (Kirchendiener maulte wegen der Kamera), Zaragoza (In der Cafébar am großen Platz der Kathedrale warf jedermann die Papierabfälle einfach auf den Boden.), Teruel (Hotelpreis heruntergehandelt.), Mirambel (Templer-Refugium), Lleiida, Peniscola, Flix, Sagunt, Valencia (3 Besuche, immer im Verkehr ersoffen), Denia, Benidorm, Sevilla, Cordoba, Granada (Al Hambra, Kathedrale zu.), Malaga, Ronda, Motril, Almeria, Cartagena, Alicante, Cadiz (Alle Hotels voll, erst 150 km südlicher, in Barbate hatten wir Glück, weil jemand storniert hatte: In der Region waren tausende Biker unterwegs.), Tarifa (ganz fern Afrika), Algeciras,  Gibraltar (Point Europa), Cuenca, Estrella, Castillo de Mudela, Manzanares, Linares = 57 Dest.

Frankreich:  Calais (Übersetzung nach Dover mit Tragluft-Flügelboot), Le Tréport, Dieppe, Rouen, Le Havre, Honfleur, Trouville, Fécamps, Deauville, Dives sur Mèr, Bayeux (Bildteppich), Avranche, Mont St. Michel, St. Malo, Cap Fréhel, St. Brieuc, Lannion, Pointe de Mathieu, Brest, Douarnenez, Pointe du Raz, Quimper, Penmarch (nachts Nebelhorn vom Leuchtturm), Lorient, Quiberon, Auray, Vannes (Waschplätze), Sarzeau, Chateau de Suscinio, St. Nazaire, Nantes (Toter Christus am Kreuz), Lucon (Richelieu), Esnandes, La Rochelle, Ile de Ré, Rochefort, Saintes, Niort, Cognac, Angouleme, Rochfoucauld, Bordeaux, Biarritz, Bayonne, Port Vendres, Colliure (Sturz der Renate), Perpignan, Narbonne, Bezier, Agde, Sete, Salses (Festung), Clermont l’Herault, Montpellier, Nimes, Arles, Avignon, Chateau neuf du Pape, Grande Motte (Zelten, Renate hat Fieber), Aiges Mortes (Beim ersten Mal vorbeigefahren wegen Unwissen.), Istres (Partnerstadt Radolfzell), Les Baux, Beaucaire, Tarascon, St. Remy, Aix-en-Prov., Marseille, Toulon, St. Tropez, Cannes, Antibes, Nizza, Menton, Monaco, Manosque, Tende, Sisteron, Nyons, Orange, Gap, Embrun (2 Kaffe 12 DM), Briancon, Colmars, Col Allons, Barcelonnet (Germanwingsabsturz), Riez (Im Restaurant WM Spiel D : F: beim Abspielen der Deutschlandhymne wurde Ton des Fernsehers ausgeschaltet!), Verdon-Canyon, Lyon, Viennes (Auf dem Markt Schuhe gekauft), Valence, Grenoble, Chambéry, Aix-les-Bains, Albertsville, Moutiers; Meribel (Schumachersturz), Courchevel, Thorence, Bourg-St. Morice, Col du Petit St. Bernard, Courmayeur, Tignes, Val-d’Isere, Col d’Iseran (so hoch wie Zugspitze), Modane Chamonix, Annecy, Mulhouse, die Ballons, Colmar, St. Dié, Haguenau, Wissembourg, Riquewir, Selestat, Obernai, Kaysersberg, Straßburg, Verdun, Saverne, Nancy, Reims, Soissons, Amiens (Pfingstgottesdienst in Frankreichs größter Kirche), Abbeville, Montbéliard (württembergische Exklave), Belfort, Besancon, Beaume, Baume-les Dames, Dole (Fastunfall), Dijon, Semur-en Auxois, Alise (Oppidum), Abbaye de Fontenay, Vezelay, Pau, Tarbes, Lourdes, Pont de Espangers, St. Bertrand (uralte Kirche), St. Gaudens, St. Lizier, St. Girons, Foix, Montsegur (Katharer), Ax-les-Thermes (Camperfamilie verschenkt Baguette.), Quillau, Defilé de Pierre-Lys, Gorges Galamus (Hl. Antonius), Peyrepertus, Queribus, Toulouse (verstopftes Zentrum), Carcasonne, Montauban (wegen Mobbing durch Kellner im IBIS Gratisabendessen), Beauville (500 m vom Parkplatz entfernt merke ich, dass ich den Foto im Auto ließ. Zurück. Die rechte Autotür war sperrangelweit offen.) Bergerac, Perigueux (IBIS berechnet vergessenen Wein nicht nach.), Lascaux (Höhle gesperrt), Salat-la-Canéda, Poitiers, Tours, Roanne, Limoge, St. Leonhard, Aubousson, St. Junian, St. Etienne, St. Flour, Paray-le-Monial, Clermont-Ferrand, Thiers, Figeac, Rodez, Le Puy, Aurillac. Milleau (Abendessen allein auf Zusage, das Geld anderntags zu bringen.), Albi, St. Affrique, Vittel, Lunéville, Chateauroux, Tournus, Taizé, Cluny, Macon, Chalon-sur-Saone, Cormatin, Anger, Blois (Maria, Mutter Ludwigs XIII), Samour, St. Claude, Bourge-en-Bresse (Maria, Tochter Karls des Kühnen), Brive, Ussel (Mobbing auf Straße), Epernay, Auxerre, Autun, Nevers, Issoire, Le Blanc, Issudum, Montbrison, Ambert, Monts Dore, Parthenay, = 204 Dest. 

Dänemark: Agger (Quallen geschöpft), Struer, Esbjerg, Kopenhagen, Römö, Tonder = 6 Dest.

England: Dover, Folkstone, Hastings, Eastbourne, Brighton, Arundel, Selsey, Portsmouth (HMS Victory), Chichester, Southampton, Winchester, Salisbury, Stonehenge, Exeter, Plymouth, Dartmouth, Torbay, Exmouth, Winchester, Bournemouth, Farnborough, Greenwich, Rochester, Canterbury = 25 Dest. 

Holland:  Amsterdam (Schiphol, Sail = Gorch Fock), Hoorn (Offener Blick in Wohnzimmer von Stra0e aus = histor. Überbleibsel früherer sozialer Kontrolle), IJsselmeerdamm, Vlissingen = 4 Dest.   

Belgien: Oostende, Brügge, Gent (Die van Eycks. Ein Belgier in einem Traffic-Laden führte uns zu einem schönen, günstigen Hotel, anschließend zum 'Spanier'. Dort bekamen wir eine Paela vorgesetzt, wie wir sie im Leben nie wieder antrafen.), Antwerpen, Löwen, Brüssel, Lüttich (Beim Verlassen der Stadt fuhren wir dreimal an einem Schaufenster vorbei, in dem ein Kinderwagen ausgestellt war.), Namur, Malmedy, Huy = 10 Dest.

 

Deutschland-West: Der Herausgeber hat Anfang der 70er-Jahre aus beruflichen Gründen alle Städte besucht in denen eine Sparkasse ihren Hauptsitz hatte. Damals gab es rund tausend davon mit Standort jeweils in der Stadtmitte. - Hernach führte der Weg in alle Orte südlich der Linie Aachen - Göttingen, wenn Apotheken, Optiker und Modeketten anzutreffen waren. Dies bis 1988. Dann startete im 58. Lebensjahr das Bewerberforum. Daher werden nachfolgend nur noch touristische Destinationen erwähnt. Zuvor aber noch eine Bemerkung zu meinem Geburtsort Süßen: 20 Jahre hatte ich täglich Staufeneck (im Dezember 16 in der ZEIT erwähnt, dort feierten wir 1958 unsere Hochzeit) und den Hohenstaufen vor den Augen, ohne Einblick in historische Tiefen. Dabei: Sie, die Hohenstaufen prägten Italien nachhaltig. Wer Apulien und Sizilien (Palermo) bereist, begegnet den Staufern allenthalben und in der Türkei ertrank der große Barbarossa Friedirch I im Saleph. - Die Partei der Ghibelinnen waren die "Waiblinger". Sie unterlag in Florenz den "Guelfen", der Welfenpartei, was den Dante in die Verbannung trieb. Schließlich liegt Markelfingen 15 km neben Konstanz, wo doch in Jesi die Constanze auf dem Marktplatz den Frederico Secondo gebar. Im Dom zu Palermo ist ihr mächtiger Sarkophag zu besichtigen.             Baden-Württ.: Radolfzell (Mettnau, Mindelsee), Reichenau (Kloster), Insel Mainau, Singen (Hohentwiel), Aach (Aachquelle, größte Europas), Engen (Hohenheven), Schloss Langenstein, Löffingen (Wutachschlucht), Blumberg (Sauschwänzlebahn), Donaueschingen (Schloss, Donauquelle), Immendingen (Donauversickerung), Obere Donau, Kloster Beuron, Schloss Sigmaringen, Meersburg (älteste deutsche), Schloss Heiligenberg, Kloster Birnau, Pfahlbauten, Federsee, Tiefenhöhle Laichingen, Blautopf, Schloss Hohenzollern, Bad Wildbad (Staatsbad), Feldberg, Titisee, Freiburger Münster, Schloss Haigerloch, Lichtenstein, Schloss Tübingen und Kloster Bebenhausen, Bärenhöhle, Hohenneuffen, Kirchheim (Teck), Reußenstein (Riese hält Zimmermann), Hohenrechberg, Lorch, Lonetal (Hohenstein + Vogelherdhöhle (weltälteste Figur 40000 J), Ulmer Münster, Brenztopf, Charlottenhöhle, Schloss Zeil, Kloster Weingarten, Schloss Waldburg, Schloss Altshausen, Schluchsee, Wasserfall Triberg, Kloster Alpirsbach, Neckarursprung, Brigachquelle (Donau), Kloster Zwiefalten, Rot a. d. Rot, Schloss Ludwigsburg, Geislingen Steige (Burg Helfenstein), Heidenheim (Schloss Hellenstein), Heldenfinger Kliff (26 Millionen Jahre), Abtei Neresheim, Schloss Weikersheim, Schwäb. Hall (Comburg), Stuppacher Madonna, Abtei Schöntal, Creglingen (Herrgottskirche), Götzenburg, Schlösser Waldenburg u. Neuenstein, Schloss Heidelberg, Wertheim (Burg), Zisterzienserkloster Bronnbach, Schloss Guttenberg, Burg Hornberg, Schloss Mannheim, Schloss Schwetzingen, Schloss Bruchsal.              Saar: Saarschleife.                                                                                                           Bayern: Oberstdorf (Breitachklamm, Nebelhorn, Freibergsee), Riedbergpass, Oberjochpass, Hohen Schwangau, Neu Schwanstein, Schloss Linderhof, Kloster Ettal, Eibsee, Zugspitze, Partnachklamm, Höllentalklamm, Kloster Benediktbeuren, Wieskirche, Sylvensteinspeicher, Fall, Achenpass, Spitzingsee, Rotwand (Bruno), Wendelstein, Sudelfeld (Schifahren), Herrenchiemsee, Fraueninsel, Watzmann (Haus und Spitze), St. Bartholomä, Teehaus (über Scharitzkehl), Wallfahrtsort Alt Ötting, Burghausen (Burg), Kloster Andechs, Kloster St. Ottilien, KZ Dachau, Freisinger Dom, Schloss Schleißheim, Hellabrunn, Fürstenbruck, Fuggerschloss Babenhausen, Roggenburg-Stift, Dom Eichstätt, Neuburg a. d. Donau, bei Moosburg (Enghausen) weltältestes Kruzifix, Kloster Weltenburg, Dom Regensburg, Landshuter Burg, Dom Passau, Dreisesselberg, Lakenhäuser (Adelbert Stifter-Land, Witiko-Jagdschloss), Coburg (Veste), Waldsassen, Vierzehnheiligen, Kloster Banz, Bamberg (Dom); Hammelburg (Burgruine), Würzburg (Marienberg, Spiegelkabinett in der Residenz), Aschaffenburg (Schloss), Schloss Mespelbrunn, Ansbach (Schloss), Schloss Schillingfürst, Rothenburg.

Pfalz: Trifels, Speyer (Dom), Zweibrücken (Schloss), Worms (Dom), Trier (Porta  Nigra, Dom), Luxemburg, Echternach, Bad Kreuznach (Bad, Ebernburg), Mainz (Dom), Ingelheim (Pfalz), Kloster Erbach, Rheintal BI - KO), Burg Eltz, Manderscheid, Daun (Maare), Mayen (Schloss), Cochem (Reichsburg), Moseltal, Maria Laach (Kloster, Caldera-See).

Hessen: Schloss Auerbach, Lorsch, Dom Limburg, Friedberg, Königstein, Saalburg, Gelnhausen (Simplizissimus), Schloss Marburg, Dom Fulda, Schlitz, Edersee.

Nord Dtl.: Kölner Dom, Externsteine, HH-Hafen,

 

Deutschland-Ost: Wismar, Güstrow, Heiligendamm, Bad Doberan, Nienhagen, Warnemünde, Wustrow, Darß, Zingst, Barth, Stralsund, Insel Rügen rundum, Greifswald, Wolgast, Insel Usedom, Anklam, Schwerin, Waren, Neubrandenburg, Neustrelitz, Berlin, Köpenick, Potsdam, Magdeburg (Dom), Ludwigsfelde, Wernigerode, Blankenburg, Quedlinburg (Schatzkammer), Halberstadt, Aschersleben, Bernburg, Köthen, Dessau, Wittenberg, Coswig, Bitterfeld, Delitzsch, Torgau, Lübben (Spreewald), Cottbus, Senftenberg, Mühlhausen, Nordhausen, Eisenach, Wartburg, Gotha, Erfurt (Ein berühmter Kantor führte uns vor seinem Konzert durch den Dom.) Weimar, Naumburg, Gera (Verkehrszeichen Zwingpfeil), Weissenfels, Merseburg, Halle, Moritzburg, Zeitz, Leipzig, Meissen, Altenburg, Freiberg, Dresden (3 x Frauenkirche = Trümmer, Aufbau, Gottesdienst), Pirna, Königstein, Bad Schandau, Rathen (Bastei), Sebnitz (Kunstblumen), Bautzen, Görlitz, Zittau, Oybin, Arnstadt, Ilmenau, Meiningen, Steinbach, Schmalkalden, Plauen, Zwickau, Greiz, (Göltzschtalviadukt), Chemnitz, Freiberg, Aue, Bad Brambach = 81 Dest.                                                                                                                                                           

Schweiz: Schaffhausen (Rheinfall), Eglisau, Rheinau, Diessenhofen, Stein, Steckborn, Kreuzlingen, Gottlieben, Romanshorn, Arbon, Amriswil, Rorschach, Weinfelden, Appenzell, Heiden, Rheineck, Buchs, Vaduz (Liechtenstein), Säntis (Seealpsee), Frauenfeld, Bischofszell, St. Gallen (Ausstellung von Original Qumranpapyri – in Q. selbst befinden sich kaum noch Bestände), Kartause Ittingen, Wil, Wattwil, Unterwasser (Schiefahren, Tante Salü für den 4-jährigen Christian), Wildhaus (Schiefahren), Bad Ragaz (Taminatal, Pizol Schifahren), Flums (Schiefahren), Amden, Winterthur, Zürich, Rapperswil, Küssnacht, Bellinzona, Ascona, Locarno, Lugano, Chiasso, Maggiatal (Fusio), Chur, Lenzerheide (Schiefahren), Arosa (Schiefahren), Davos (Schiefahren), Flueleapass, Bergün (Albulapass), Ofenpass, Müstair (älteste altfränkische Fresken), Samnaun, Thusis (Via Mala), Zilis (Kirchendecke), Andeer, Chresta, Juf, Bernadinopass, (Hinterrhein), Splügen (Pass), Glarus, Klausenpass, Flims, Laax, Ilanz, Vals, Vrin, Disentis, Obersaxen, Sedrun, Oberalppass (Hütte Milez Schifahren), Andermatt, Gotthardpass, Furkapass, Gletsch (Frug in Orta/Italien ein Schweizer Ehepaar, wo liegt Gletsch? Und: Die historische Furka-Dampflok besitze ich en miniature.), Lukmanierpass, Schwyz, Brunnen (Axenstrasse alt), Altdorf, Einsiedeln, Luzern, Baar, Zug, Sarnen, Julierpass, St. Moritz, Pontresina, Soglio, Berninapass, Poschiavo, Bern, Thun, Spiez, Brienz, Adelboden, Kandersteg, Sustenpass, Grimselpass Meiningen (Aareschlucht) , Interlaken, Lauterbrunnental, Grindelwald (Schiefahren), Scheidegg, Jungfraujoch, Lyss, Neuchatel, Yverdon, Freiburg, Bulle, Genf, Martigny, Sion, Simplonpass, Visp, Zermatt, Saas Fee, Großer Bernhardpass, Lausanne, Montreux, Chillon, Baden, Basel, Delémont, Biel, Solothurn, Lenzburg, Habsburg (Stammburg) = 126 Dest.

 

Österreich: Bregenz (Pfänder), Lustenau, Rheinspiz, Dornbirn (Rappenlochschlucht), Egg, Mellau (Schiefahren), Diedamskopf (Schiefahren), Damüls (Schiefahren), Hochtannbergpass (Eisklotz macht Ölwanne leck = neuer Motor), Warth (Schiefahren), Rankweil, Laterns (Schiefahren), Furkajoch, Feldkirch, Großes Walsertal, Bludenz, Brand (Schiefahren), Flexenpass, Lech (Lechursprung, Schiefahren), Arlbergpass, Schruns (Schiefahren, Silbertal), Gargellen (Schiefahren), Gaschurn (Schiefahren), Silvrettapass (Wiesbadener und Saarbrücker Hütte, Stausee), Partenen (Stollenpassage), Galtür (Lawine, Kops), Ischgl, Landeck, Fiss (Schiefahren), Nauders, Reschenpass, St. Anton, Kleinwalsertal (Schiefahren), Steeg, Gramais, Reutte, Hahnsteinjoch (Kar), Imst, Kauns, Pitztal, Ötztal, Hochgurgl; Timmelsjoch, Kühtai, Axams, Ehrwald, Fernpass, Namlos, Stams, Telfs, Seefeld, Innsbruck (Hafelekar), Hall, Schwaz, Pertisau, Hinterriß (zugeparkt, Ahornboden, Enge), Rattenberg, Wörgl, Kufstein, Ellmau, Kössen, St. Johann, Kitzbühl, Pass Thurn, Mittersill, Gerlospass, Zillertal; Hintertux, Stubaital (Fahrt zum Schiegebiet gratis, wenn man 80 ist), Gschnitztal, Matrei, Navis, St. Jodoch, Kasern. – Mühlviertel, Haslach, Bad Leonfelden, Freistadt, Kefermarkt, Rosenhof, Rosenau, Zwettl, Ottenstein, Greifenstein, Altenburg, Horn, Retz (Unterwelt Weinkeller), Wien, Krems, Dürnstein, St. Pölten, Melk, Linz, Steyr, Schärding, Braunau, Salzburg, Mondsee, St. Gilgen, St. Wolfgang, Kaprun, Zell, Saalfeld, Heiligen Blut, Rauris, Bad Gastein, Bischofshofen, Lofer, Bad Ischgl, Bad Aussee, Hallstatt, Schladming, Liezen, Leoben, Mürzzuschlag (Peter Rosegger-Geburtshaus), Semmering (Fahrt mit historischer Bahn nach Neunkirchen, Mariazell, Abtei Lechen, Eisenstadt, Rust, Neusiedl, Podersdorf, Defereggental, Graz, Lienz, Spittal, Nassfeldpass, Villach, Faaker See, Landskron, Klagenfurt, Völkermarkt, Franz-Josefs-Höhe (Großglockner), Radstädter Tauernpass, Katschbergpass, Dienten am Hochkönig =  140 Dest.

 

Italien: Sizilien: Cefaloù, Palermo, Monreale, Monte Pelegrino (Hl. Rosalia - soeben , 1/19, lese ich ein Buch von E.T.A. Hoffmann, in dem die Rosalia als literarische Figur vorkommt.), Montelepre, Erice, Trapani, Marsala, Segesta, Gibellino, Selimente, Sciacca, Agrigent,        Süditalien: Gallipoli, San Maria di Leuca, Otranto, Galatina, Tarent, Metera, Lecce, Brindisi (Ende Via Appia), Ostuni, Marina Franca, Aberobello (Trulli), Castellana, Monopoli, Bari (Nikolaus), Castel del Monte, Andria, Trani, Cannae, Barletta, Lucera, Troia, Foggia, Manfredonia, Monte San Angelo, Vieste, Gorganico, L’Aquila (vor Erdbeben), Jesi,                                                            Mittelitalien: Sirolo, Loreto (Haus der Maria aus Nazareth vom Kreuzritter Angelo nach dort verbracht.), Ancona, Senigallia, Neapel, Vesuv, Sorrent, Amalfi, Positano, Benevent, Monte Cassino (Thomas von Aquin), Capua, Terracina (Ein Stück orginale Via Appia), Rom z. Z. des Konzils, später nochmals, Peterskirche, Civita Vecchio, Viterbo, Narni (Römerbrücke), Port San Stefano (beste Pizza), Ercola (4 km gesperrter Weg = 1 Stunde), Orbetello (bestes Eis), Grosseto, Folllonica (Sonnenbrand total), Piombino, Livorno, Volterra, Florenz, Siena, Arezzo, Cortona, Bolsena (kein Segelboot), Orvieto, Monte Pulciano, Chiusi, Todi (Trüffel), Spoleto, Foligno, Assisi (vor Erdbeben), Perúgia (opulent gespeist), Gúbbio, Citta di Castello, Urbino, Florenz, Pisa, Lucca, Pesaro, Rimini, San Marino,                                            Norditalien: Navarra (Ha! erstmals Gorgonzola begegnet!), Domodossola, Centevalli, Orta (Ortasee, große Hitze), Stresa, Cannobio, Splügenpass, Chiavenna, Colico, Cadenabbia, Como, Lecco, Bergamo, Brescia, Sondrio, Tirano (Teures Tanken für Rest-Lire + Säule schluckte Geld, gab kein Benzin. Ein km weiter in der Schweiz war das Benzin gegen Lire billig zu haben.) Livigno, Courmayeur, Großer Bernhard, Bormio, Schnalstal, Stilfser Joch, Umbrailpass, Sterzing, Brixen, Meran, Bozen, Ultental, Tirol, Trient, Aosta, Ivrea,  Imola, Bologna, Ferrara, Modena, Reggio, Parma (Polizist: Fremde dürfen gratis parken.), Bobbio (Römerbrücke), Canossa, Schio, Padua (Hl. Antonius), Vicenze, Verona, Mantua, Chioggia, Ravenna (San Vitale), Susa, Exilles, Turin (Sindone), Cuneo (Blitz schlägt in Laternenpfahl neben Zelt ein), Novara, Milano, Cremona, Piacenza, Genua, Savona (Pfiff der Bahn verursacht Herzattacke), Alassio, Rapallo, Porto fino, Cinque Terre (vor Beben), Portovenere, La Spezia, Lerici, Marina Carrara, Massa, San Remo, Malcesine, Garda, Sirmione, Salo, St. Leonhard, Bruneck, Sand i. Taufers (Burg), Toblach, Innichen, Sexten (Übernachtungen in Angelas Bleibe "Alte Post"), Triest, Mira Mare, Venedig, Jesolo, Pordenone, Cortina d'Ampezzo, Toblach, Aquileia (antiker Hafen), Treviso, Tramina, Sella-Umrundung, Seiser Alm (Verbotene Auffahrt zum höchst gelegenen Hotel, das aber geschlossen war, nur den Hotelier trafen wir an.), Pavia (dreckiges Hotel), Certosa di Pavia, Mals, Schlanders., Timmelsjoch. 

Slowenien: Muta, Maribor, Dravograd, Slovenj Gradec, Ljubljana, Piran (Supereisportion für Renate), Koper, Portoroz, Izola = 9 Dest.

Ungarn: Balaton, Budapest (Fischerbastei), Esztergom = 3 Dest.

Polen: Bogatynia (Reichenau), Jelenia Gora (Hirschberg), Legnica (Liegnitz), Jawora (Holzkirche), Watbrzich (Waldenburg), Kowary (Kupferberg), Schneekoppe, Lubau, Grylow, Lwowek, Breslau, Opole (Oppeln), Auschwitz, Andrychow, Wadowice (Papst Joh.-Paul II), Krakau, Wieliczka (Salzbergwerk), Zakopane, Nowy TGark = 19 Dest.                                                                                                                                                                                                                          Kroatien/Montenegro: Umag, Porec, Rowinji, Voduja, Pula, Rijeka (Fiume), Bakar, Krk, Krikvenica, Senji, Karlobag, Starigrad, Zadar (Wellenorgel), Sibenik, Trogir, Split (Diokletian), Top-Hotel Brela, Markakarska, Neum (Bosnien), Dubrownik (Ragusa), Herzegnovi, Risan (Ostdeutsche zeigten, wo man großartig Urlaub machen kann, Kotor, Karlovac = 23 Dest.

Slowakei: Devin (auf der beeindruckenden Grenzfestung Krach bekommen mit einer alten Kommunistin), Bratislava (Pressburg), Trnava (Tyrnau), Cadca, Trentschin, Zilina (Sillein), Oravsky hrad (Kafka), Teplice, Dol.Kubin, Liptov, Mikulas, Hohe Tatra ( Blick von Vorgebirge Richtung Südosten: Der Wald reicht bis an den Horizont, aber es steht kein Stamm: Opfer des Großsturmes, der auch in Deutschland Riesenschaden anrichtete. Tut mir leid, den Namen des Orkans weiß ich nicht mehr.), Kezmarok, Poprad (Deutschendorf), Leutenau, Burg Zips, Zipser Neudorf, Spisska Nova Ves, Kosice (Kaschau), Rosenau, Sobota, Zvolen (Altsohl), Bllanska Bystrica (Neusohl), Neutra = 24 Dest. 

Tschechei: Eger, Marienbad, Karlsbad, Aussig, Tetschen, Pilsen, Prag, Trebon, Budweis, Krumlow, Vyssi Brod (Hohenfurt), Svaty Tomas (Stifter), Horni Plana (Stifter), Moldau Stausee, Znaim (Polizei kassiert schwarz 50 EU), Brünn, Austerlitz, Mosty, Liberec, Trautenau, Gitschin (Wallenstein).

Türkei: Istanbul, Gelibolu, Eceabat, Canakkale (Helespontquerung), Ayvalik, Bergamo, Bursa, Izmik (Nicea), Antalya; Perge, Myra, Fethiye (Koffer fehlten). Kusadasi, Ephesos, Aydin, Hierapolis, Pamukkale (Koffer wieder da), Antiochien (Hatay, riesiges Mosaik-Museum), Seleuka, Adana, Tarsus, Schwarzer Berg (Hethiter), Göreme, Hattuscha (Hethiterhauptstadt), Ankara 

Israel: Jerusalem, Betlehem, Qumran (Es gab keine Papyrii, sie seien in alle Welt zerstreut. Dafür haben wir ein paar Jahre davor in St. Gallen in der Klosterbibliothek eine großartige Präsentation besichtigen können.), Masada, Nazareth, Tiberias, Kursi, Kafernaun, Tabgha, Kursi (am See Genezareth), Gamla, Golan, Cäsarea Philippi (Banjas, Jordanquellen), Berg Tabor. Safed. 

Ägypten: Kairo (Festung des Saladin, Museum), Gizeh (der! Sphinx, Pyramiden), Sakkara (Stufenpyr. des Djoser), Luxor (Theben), Nil, Tal der Könige, Karnak), Edfu, Nil, Assuan (Damm), Sharm-el-Scheik, Katharinenkloster (Sinai).                                                                                                              

                                                                                                                                                                                                                                        1

Vor dem Vergessen 2017

 

Dies soll ein begrenzter Abriss über Geschehnisse in meinem langen Leben sein. Keine ausufernde Biographie, kein Büchlein, geschweige ein Buch, ohne Kapitel. Als Begebenheits- und Erlebnissplitter aneinander gefügt. Vielleicht wird es ein Balken  Es soll berichtet werden unter Missachtung der Chronologie über Vorkommnisse, die mich durchs Leben begleitet haben, meist beeinträchtigend unangenehm, deren Auslöser ebenfalls mehrheitlich auf mich eindrangen, weniger selbst veranlasst und herbei gerufen. Auch Skurriles sei geschildert. Und Blamables. Kann ich, denn mein Leben auf Erden ist gleich zu Ende und ich durfte mich nicht an Enkeln erfreuen. Meine 9 Jahre ältere Halbschwester, die 2018 gestorben ist, verfolgte Zeitlebens ihre eigenen Lebensinteressen. Kümmerte sich aber vorbildlich. Gleichalte bekannte Zeitgenossen die noch auf Erden sind, heißen Biedenkopf und Geißler (Letzterer auch schon im Himmel.)

 

Ich war ein Mamakind, später trotzdem erstaunlich hart und unnachsichtig gegen meine Begehren, mit depperten Ausnahmen. Sie werden erzählt. In der Phase der Adoleszenz entwickelte ich mich zum routinierten Schwimmer und Springer vom 3-Meterturm mit Anlauf und eine Schulkameradin meinte gar, dass ich eine gute Figur abgäbe, um ihre Worte zu gebrauchen.  Es war nicht schön, im Laufe der Jahrzehnte erleben zu müssen, dass es mit dem Leib nicht so blieb und überhaupt litt ich früh unter Haarausfall. Dabei lockte das Haar blond auf dem Kopf.

 

Heute im April zum Beginn der Niederschrift ist es scheußlich kalt. Es schneit. Trotzdem werde ich mich jetzt gleich aufmachen zum Gang auf den heimeligen Friedhof zum Grab meiner Gattin. Eine starke Stunde hin und zurück. Ich werde meinen wärmenden Jahrzehnte alten Anorak mit den vielen sinnreichen Taschen am Körper und den Armen überziehen und nebenbei schauen, ob die Bieber wieder einen Baum am Bach angenagt haben (mehr als 20 wurden bislang gefällt.). Es wäre schön, wenn auch heute eine Schar eleganter Wildgänse im Acker neben dem Weg vor dem Waldesrand im sprossenden Winter-Weizen zupfenderweise weideten. Wenn sie auffliegen, ist die Luft erfüllt von weit zu hörendem Geschnatter. Und vielleicht streicht wieder wie gestern ein Milanenpaar über den Friedhof, angelegt auf einer Lichtung im Wald und am Hang, der den Aufwind liefert. Oder im Bach aus dem Mindelsee schwimmt ein Entenpärchen, bald mit Jungen. Der Sommer wird weitere Begegnungen vorführern: Ein hoppelnder Hase den Weg entlang, hoch oben ein paar kreisende Störche, hinter dem hohen Schilf versteckt ein auffliegender schlanker Reiher, direkt vor den Füßen ein nicht enden wollender Marsch eines Ameisenvolkes, auf dem Bach ein sich schlängelndes Wesen. Jemand berichtet von Welsen nahebei der Wegbrücke nach Möggingen und zum Wasserschlösschen in dem die Vogelwarte untergebracht ist. Unsichtbare Spechte hämmern in rasender Geschwindigkeit. Eines  nicht mehr, keine Feldlerche trillert mehr zum Einstimmen beim Grabbesuch und einem Rebhuhn oder Fasanen begegnet man auch nicht mehr, vielleicht ein Laut aus der Ferne. Auch der Bohlenweg durch das gewaltige Schilf-Ried ist verschwunden. Ein Rehrudel vor dem Wald? Nitschewo. Wenn sie in der Dämmerung sich aus dem Wald wagten, ist die Gefahr, dass es knallt, hochdosiert. Allein auf dem Weg zum Friedhof passiert man zwei Jägersitze am Waldrand. 

Der Mindelsee war vor dem 17. Jhdt. viel größer, er bedeckte das jetzige Ried bis weit nach Westen: Der Durchbruch des natürlichen  Walles vor dem Ried wurde vertieft und damit der Seespiegel gewaltig abgesenkt, wahrscheinlich nur, um zu Schilfrohr zu kommen. Der Mindelsee ist ein altes Naturschutzgebiet. Dass aber dieser Naturschutz langsam zur Maskerade erodiert, hat Prof. Berthold, der mit dem Rauschebart, in der FAS vom 14. Okt. 2018 in einem zweiseitigen Interview an diversen Stellen resigniert reklamiert.

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Mein Geruchsempfinden ist extrem empfindlich schon im Alter von etwa 3 oder vier Jahren. Meine arbeitenden Eltern gaben mich zu einem Nachbarn – wir wohnten noch nicht im eigenen Haus – in Obhut. Und in deren sehr großen Küche stank es einfach widerlich. Daher blieb ich auch bei unwirtlichem Wetter im verwinkelten Hinterhof, wo es kurzweiliges Verbleiben ermöglichte, die fehlende Mutter zu vergessen. Ich erinnere mich noch an eine Schuppenzarge, an deren oberem Querbalken eine Hängeschaukel befestigt war, auf der ich stundenlang ein Hin und Her genoss.

Auf der Vorderseite zum offenen mauergefassten Bach, heute unter dem Erdboden, daher auch heute noch die Bachstraße in Süßen an der Fils, dort, wo von der B10 die Straße nach Heidenheim abzweigt, war eine kleine Steintreppe zum Hauseingang, wo wir zur Miete wohnten. Von dort aus blickte man links über die Straße hinweg auf das L-förmige Eck-Geburtshaus von J.G. Fischer, ein nicht unbekannter Dichter, dessen Geburt letztes Jahr zum 200. Male gefeiert wurde. Eine Kostprobe:                                                              „Noch dunkel ist’s, und Morgen doch,                                                      in Saat und Ästen träumt es noch.                                                            die Lerche schlummert in der Flur,                                                          noch singt sie nicht, sie dichtet nur.“                                                        Auf dieses Haus komme ich gleich nochmals zurück, weil mich etwas noch heute empört. Auf der Treppe spielte ich mit irgendwelchen Figuren. Dabei widerfuhr mir noch nie Erlebtes, Erstaunliches und mich verfolgte dies ein Leben lang.

 

Es gesellte sich nämlich ein etwa dreijähriges Mädchen zu mir. Es hockte sich auf die oberste Stufe. Die Beinchen waren nackt, aber auch das Weiteroben, das offen einzusehen war. Nun hatte ich als Bub keinen Kontakt oder Zugang zu Kindern anderen Geschlechts und das, was ich sah, war etwas noch nie Gesehenes. Ich weiß es noch genau, dass es mir gefiel. – Nach einer Weile keifte plötzlich die alte Nachbarbäuerin über die Straße und schalt mich lautstark und zurechtweisend, so dass ich merkte, ich verstieß gegen etwas. Sie rief das Kind empört zu sich. Die Schelte gingen mir nach; ich fühlte mich völlig unschuldig, denn ich hatte nur meine Bubenaugen nicht zugemacht. Viel später, als ich älter war, dachte ich für mich, was hinderte dieses alte etwas schludrige Weib, ihrem Enkelkind ein Höschen anzuziehen? Mein Wohlgefallen verlor ich aber nie mehr. Interessant auch, dass ich als Kind das Keifen instinktiv richtig zuordnen konnte.     

 

Der Schulbeginn begann mit einer Kathastrophe. Schon in der Zeit davor gelang es allen möglichen Infektionsbakterien und -viren, meinen Körper zu besiedeln. Das sorgte später für vielfältige Immunität. Also, Lehrer Braun steckte mich mit Parathyphus an. Zum Ausbruch hatte ich eine fürchterliche Gelbsucht. Wie das ging, erörterte niemand. Jedenfalls verschwand ich im Geislinger Krankenhaus für sechs Wochen in einer schmalen Kammer, isoliert, nachdem ich mangels Diagnose vorher in einem 6-Bettzimmer bei erwachsenen Männern mit hohem Fieber im Bett lag. - Niemand, außer Klinikpersonal durfte sie betreten. Wenn meine Mutter mich besuchte, saß sie unter der Türzarge. Sie hockte dort tagtäglich. Der Weg von Zuhause zum Krankenhaus betrug 10 km, zurück nochmals. Und nun die Nachricht: Meine Mutter ging diesen Weg jeden Tag, ohne einmal zu unterbrechen. Ich musste erst älter werden, um dieses Tun richtig einschätzen zu können. - Der Krieg hatte gerade begonnen. Jeden Morgen wurden knusprige Doppelwecken serviert, dazu, man staune, Kaba! Noch waren die Wege in die Tropen nicht blockiert. So etwas gab es in meinem Elternhaus nicht. Als ich wieder gesund war, konnte ich nicht mehr gehen. Die Sehnen in den Füßen waren eingerostet. Nachdem ich wieder Gesellschaft hatte, litt ich nach der Entlassung unter Heimweh nach dem Krankenhaus.

In der Volksschule, Klasse nicht mehr erinnerlich, gab die Lehrerin als Hausaufgabe den Auftrag, das J.G.Fischerhaus zu zeichnen und zu malen. In der nächsten Heimatkundestunde zeigte es sich, dass die Anderen alle irgend ein Haus gemalt hatten. Ich war der Einzige, der extra vor das J.G.Fischer-Haus trat, um mich nochmals seines Aussehens im Detail zu vergewissern. Genügend bekannt war es mir ja von Jugend auf. Selbstverständlich malte ich nicht „irgendein“ Haus, sondern „das Haus“. Nun geschah es: Sowohl die Lehrerin als auch die Klasse fielen über mich her und bezichtigten mich, das Bild mit der Hilfe der Eltern zu Papier gebracht zu haben. Jeglicher Widerspruch war vergebens. Nie, gar nie, nahm ich aber beim Lernen die Hilfe meiner Eltern in Anspruch. Das war meine erste richtige Erfahrung mit der Ungerechtigkeit der Meute und auch gewisser Erwachsener.

 

Überhaupt die Volksschule. Z. B. 6. Klasse. In diesem Alter stand ich schon auf hübsche Mädchen. Ich saß in dieser Schulart immer in den hintersten Bänken. Jetzt auf der rechten Seite des Schulraumes zum Pult hin gesehen. Die mittlere Reihe belegten Mädchen. Nebenan, ein Stück vom Zwischenraum der Bankreihen von mir getrennt, also quasi eine Nebensitzerin, nennen wir sie Waldtraut. Weil sie so hübsch war, war ich jahrelang in sie vernarrt und kam ihr doch nie näher, mangels

 

                                                                                                                                                                                                                                             3

eigener Traute. Da flogen während des Unterrichts Papierknäuelchen herüber, hinüber. Vorne auf dem Pult saß ein feister Lehrer. Er tat sich schwer mit dem Schnaufen. Seine Frau war reichste Gastwirtin und Wurstverkäuferin im Ort. Er musste etwas gegen die Nazis gehabt haben, denn die Amis machten ihn nach Kriegsende zum Bürgermeister. Er bemerkte den Unfug und nahm mich Buben aufs Korn. Er erklärte der Schülerschar, dass ich etwas Kriminelles (natürlich sagte er Verbrecherisches) an mir hätte und im späteren Leben das Gefängnis von innen kennen lernen würde. Ab jetzt hasste ich ihn wie die Pest.

Immerhin reichte es bei mir charakterlich zum Mobben. Drei Schüler hatten ¾ des Schulweges die gleiche Route. Ich in Richtung Au, der Andere etwas weiter, das Opfer zum Armenhaus. So hatten wir es im Kopf. Das Opfer war moralisch integer, die Mobber rückblickend schändlich. Es ging nicht um Schläge oder so etwas, es war alles viel fieser. Das Opfer, nennen wir es Walter, war gewissermaßen Dressurobjekt. Zwei gegen einen. Das Objekt tat, was wir befahlen. Stehenbleiben, Kniebeugen und solche Sachen. Das Tragische war eigentlich, dass ‚es‘ nicht so schnell rennen konnte wie wir. Vor etlicher Zeit kam mir mein blamables Tun in den Kopf. Mich ließ und lässt die Scham nicht mehr los. Ich beschloss, Buße zu tun, indem ich nunmehr täglich für diesen Schulkameraden, der passabler war als ich, der sicherlich nicht mehr lebt (wenn ich mich irre, dann soll es eine Freude sein), bete, er möge sein himmlisches Leben in Fülle erfahren. 

 

Der trockene Naturkundelehrer, etwa 4. Klasse, machte in Flora. Damit wir blühende Pflanzen kennen lernen sollten, teilte er sie in Farben auf: Rote, gelbe, blaue, braune Blüten. Er fragte, wer rotblühende Pflanzen sammeln wolle. Fast die halbe Klasse streckte den Finger. Er bestimmte eine Gruppe daraus. Dann gelb, blau. Für braun blieb ich und ein weiterer Schüler übrig. Ich machte mich anderntags auf die Suche. Ich fand zwei oder drei. Das magere Ergebnis bildete die Grundlage für die Notenvergabe fürs anstehende Zeugnis. Ich erinnere mich an eine Fünf in Naturkunde, dabei hatte ich damals schon einen erstaunlich breiten Ein- und Überblick in die Naturerscheinungen bzw. über viele ihrer Facetten. Mein Vater, er kam auch von der Alb ra, vermittelte mir Vieles. Zeitlebens, zu meinem Schaden, hatte ich aber einen Widerwillen gegen die Bestimmung von Einzelflora.

 

Zwei letzte Erinnerungen zur Volksschule, die ich nach der siebenten Klasse dank meiner Mutter verließ. Sie hieß übrigens Angelika, die blöden Schwaben machten daraus ein "Engla", das 'a' mit fränkischem Anklang gesprochen. Der Krieg fraß sich bereits in die Lebensverhältnisse. Kriegsgefangene und Deportiertekolonnen aus dem Osten waren tägliches Bild auf dem Schulweg. Ich sah sehr wohl ihren Hunger und ihr Ausgebeutetsein. Diese Bilder beschäftigten mich auch und hatten das Gefühl von kindlicher Hilflosigkeit zur Folge. Eines Tages schaute ich zum Fenster hinaus, weil ich ein bösartiges Dröhnen am Himmel hörte. Da sah ich ihn, den Tiefflieger, beobachtete, wie sich etwas löste. Gleich darauf eine Explosion. Eine gewaltige Wolke von Rauch, Qualm und Staub quoll über den Horizont. Der Gasometer lag in Trümmern. Noch schlimmer war, dass ein Mensch ums Leben kam. Früh morgens stand er auf, ohne Vorstellung und Furcht davor, dass er den Tag nicht lebendig beendete. Und noch ein Tiefflieger später. Dieses Mal ein Exemplar mit modernstem Düsenantrieb. War sie eine Me? Auch jetzt löste sich etwas von den Flügeln. Wenige hundert Meter von mir weg schlug es im Acker auf. Keine Explosion, es handelte sich um einen leeren Treibstofftank.

 

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Die Verhältnisse im sanitären Bereich der Schule waren eklig. Es stank. Man weiß inzwischen, dass ich geruchsempfindlich bin. Ich verdrückte nach Möglichkeit die Notdurft oder nutzte die Verlassenheit des Schulhofes außerhalb der Pausen. Dies, obwohl die sanitären Gegebenheiten auch zu Hause ohne Wasserspülung und Kanalisation sowie Bad auch primitiv waren, übrigens in allen diesen Neubauten, die nichts kosten durften.

 

Aber einmal war ich King. Mussolini war der Grund. Ich las täglich die Zeitung „für den Kreis und Umgebung“. Mit dem Wort Umgebung konnte ich lange nichts anfangen. Ich las „Umgebbung“. Aber die Geschichte der Befreiung Mussolinis, den die italienischen Neuorientierten festgesetzt hatten, durch einen Coup der Waffen SS, faszinierte mich, zumal ich damals längst mit Karl May, Hadschi Halef Omar, Winnetou und Old Surehand vertraut war.

Das wurde vom linientreuen Geschichtslehrer euphorisch aufgegriffen: Wir mussten einen Aufsatz darüber schreiben. Da ich die Geschichte kannte, schrieb ich natürlich wie es denn war. Mein Aufsatz wurde vorgelesen und ich sah sehr wohl die Begeisterung im Text durchschimmern. Dann wurden die übrigen Schüler getadelt ob ihrer Unwissenheit und falschen Phantastereien. Natürlich hänselte mich die Klasse, wie damals beim J.G.-Fischerhaus.

 

Die von Friedrichshafen kommenden Zeppeline NT, die den Unter- und Überlinger See überqueren, sind durchaus respektabel anzusehen. Aber was ich als Bub vor dem Krieg von Westen her heranbrummen sah, überstieg jegliche kindliche Vorstellung. Das waren so gigantische Zigarrenröhren, dass es einem den Mund offen stehen ließ. Es ist zu verstehen, dass die Neuzeit eine Neubelebung der Idee des Grafen Zeppelin aus Konstanz versucht. Es bereitet Genugtuung, davon noch ein Original gesehen zu haben.

 

Rückblickend war mir die Volksschule samt Lehrern immer ein Graus. (Später, an höheren Schulen, war das nicht mehr so.) Natürlich heimste ich Hosenspanner und Tatzen ein. Beim Hosenspanner sind mir nur noch die brennenden Schmerzen in Erinnerung, bei der Tatze wiederum die mit ihr verbundene Ungerechtigkeit. Als die Lehrerin den Klassenraum verließ, gebot sie Schweigen, woran sich niemand hielt. Dann kam sie wieder herein und sah mich nicht an meinem Platz. Also war ich der Bösewicht, der für Unruhe sorgte. Aber das war nur prima vista, Oberfläche halt. Das wahre Geschehen verhielt sich eben anders.

 

Ich war als Kind sehr verspielt, litt nie unter Langeweile. Als wir ins eigene Haus zogen – 1933 – lag es am östlichen Ortsrand in der „Au“. Gegenüber ein Acker, dahinter ein Kanal und eine Kammgarnspinnerei, nebenan eine Streuobstwiese. Etwas weiter das Wehr in der Fils, wo der Kanal abgeleitet wurde, mit dessen Wasserkraft zwei Betriebe mit Energie versorgt werden, heute noch. Jedes Jahr wurde die Falle heruntergelassen, so dass der Kanal trocken fiel, natürlich nicht ganz und in den verbliebenen größeren Pfützen sammelten sich die Fische, die wir als Kinder unerlaubterweise herausklaubten. Ansonsten bildeten die unter der Falle wirbelnd und schäumend heraus quellenden Wasser ein abenteuerliches Szenario, im Sommer hochgeschätzt beim Baden.

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            5

Der gegenüberliegende Acker hatte als Abgrenzung zur schon geteerten Straße einen Rain, der als Kandel wirkte. Geteert war die Auenstraße deshalb, weil weiter im Osten  noch ein Industrieunternehmen ansässig war. Es produzierte Gummibänder, von denen hin und wieder Bündel die Fils herunter trieben. So hatten wir immer Gummi für Schleudern. Überhaupt die Fils. Sie ist tief eingeschnitten und nur an den Stauwehren im Gelände flach eingebettet. Einmal ging ich mit einem Fisch schandbar um. Wir Buben verbrachten halbe Tage mit Waten im niedrigen Wasser, das aber nach Regenfällen zu einem Ungeheuer anschwellen konnte, am flachufrigen Wehr den Flussrand überströmte und bis zur Streuobstwiese sich vor unserem Hause staute und den Keller unter Wasser setzte. Wir wateten, um mit Vorsicht flache Steine anzuheben und zu schauen, ob sich darunter eine Groppe verbarg. Das war vielfach so. Den gefundenen Fisch schmissen wir in der Regel weit flussauf- oder flussabwärts. Aber einmal hatten wir ein Feuerchen entzündet. Und jetzt kommt die Sauerei. Natürlich lag irgendwo ein altes Rohrstück herum. Ich schob ohne jegliches Gefühl den Fisch in das Rohr, lebendig natürlich und verstopfte die Enden mit Lehm. Dann wurde er gebraten.

 

Später bekam ich aber Gewissensbisse ob meines Verhaltens. Natürlich suchte ich Entlastendes, was ja auch möglich war. Denn: In dem Rohr war so wenig Wasser, dass der kleine Sauerstoffvorrat im Nu aufgebraucht war. Bis das Rohr sich erwärmte, war der Fisch längst tot. Der Fisch erlitt nur das Schicksal von Milliarden Artgenossen, die das Pech hatten und haben werden, so lange im Meer oder in Seen gefischt wurde und wird. Alle ersticken bekanntlich. – Es kann also nicht das Geschehen verdammt werden sondern vielmehr die kindliche Gefühllosigkeit. Immerhin bekam ich sie ein Leben lang nicht mehr aus dem Kopf‚ Strafe satt.

 

Wenn wir schon bei einem solchen Thema sind, dann noch ein Geständnis. Unsere erwähnte geteerte Straße führte über die Kanalbrücke mit Geländer. Kommt auf der strömungszugewandten Seite eine Katze, strich um meine Füße und schwupp landete sie im Wasser. Auf der anderen Brückenseite war rechts ein Stück fehlende Ufereinfassung zur angrenzenden Wiese, wahrscheinlich angelegt, damit Weidetiere zum Wasser gelangen konnten. Binnen Sekunden schnellte sich das Tier dort aus dem Wasser. Es wäre ertrunken, denn von da an bis zum Rechen der mittleren Turbine war links und rechts nur noch senkrechte Ufereinfassung. – Wir haben später in Markelfingen drei Katzen als geliebte Haustiere erlebt. Ich weiß genau, warum ich mich den Tieren gegenüber in der Pflicht wähnte.

 

6

Das erste, noch Jungtier, ein rabenschwarzer süßer Kater, lebte nicht lange, denn es fraß Rattengift bei einem Nachbarn. Die Tragik liegt darin, dass wir mit dem Tier zum Tierarzt gingen, dort aber wegen Urlaub nur zwei Studenten werkelten. Sie hatten von nichts eine Ahnung und tippten auf Tollwut. Wichtig war ihnen daher das Anziehen von Gummihandschuhen und Mundschutz. Eine Stunde später war der Blacky tot. Eine Vitamin-K-Spritze hätte ihn möglicherweise gerettet. Den Kadaver brachten wir persönlich zur Uni Freiburg, um das Tier obduzieren zu lassen, auf der Fahrt zur Büchermesse in Frankfurt, wo wir zum ersten Mal einen Stand mieteten. Die Stimmung war uns richtig versaut.

 

Aber wir bleiben noch bei Katzen. Der Kanal wurde zum Tötungsort von einem ganzen Wurf. Der Nachbar Caspar, offenbar ein Sadist, nahm mich kleinen Buben zum Kanal mit, ohne mir die Tierchen in seinem Korb zu zeigen und ohne seine Absichten anzudeuten. Warum sollte ich nicht mit dem „Käsper“ die paar hundert Meter mitgehen? Aber ich begriff sehr wohl, wie verabscheuungswürdig gewisse Leute, einschließlich meiner selbst, sein konnten und können.

 

Die Fils. Ich hatte Zugang zu einem Paddelboot, mit dem wir die Fils flussaufwärts befuhren bis der Fluss zu flach wurde, um weiter zu kommen. So hatten wir als Kinder Kontakt zu Wasservögeln vielerlei Art. Die Tiere am Bodensee waren mir von Jugend auf bekannt.

Die  Fils hatte noch zwischen Süßen und Gingen (Genga) ein weiteres, sogenanntes Oberes Wehr. An ihm wird der Kanal abgeleitet, der die Turbinen für die Gummifabrik antreibt. Dessen Wasser schoss bei der Wiedereinleitung in den Fluss von der Seite mit Schwall in die noch vom unteren Wehr aufgestaute Fils. Wenn man in den Flussbereich jenseits des Wiederzuflusses gelangen wollte, musste man mit nicht geringem Paddeltempo durch den kräftigen seitwärtigen Zufluss gleiten, denn die Strömung schob einen sonst ins Gebüsch auf der gegenüber liegenden Uferseite. Da bekam ich dann schon Übung bei der Handhabung des Paddels und auch im Gleichgewicht Halten. Gleich vor dem Oberen Wehr gab es seitlich noch eine Falle. Als Leckerbissen des Zeitvertreibs fluteten wir, ein Nachbarjunge und ich, mit Hilfe dieser Falle kilometerweit Bewässerungsgräben, die bis vor unser Haus reichten. Mit Macht schoss der „Schusseler“, natürlich sprachen wir das Wort gedehnt aus, Richtung Süßener Ortsrand, der Aue, durch die Streuobstwiesen. Jüngere Bäume waren an Pfählen befestigt zur Stütze. Viele davon waren längst unten morsch und mit einem Fußtritt lagen sie im Gras auf dem BodenSolche Pfähle lotsten wir nun mit einem Stock die Gräben entlang, durch manche enge Dohle und Zwischenfalle hindurch. Schlußendlich wanderten sie in den Herd. – Einmal ging die Sache insofern schief, als wir auch Wiesen nässten, auf denen Heu ausgebreitet war. Als wir bemerkten, dass die Bauern zornig wurden, verzogen wir uns in unverdächtiges Gelände und stritten ab, die Flutungsfalle geöffnet zu haben. Eine Wiederholung ließen wir aber einsichtigerweise bleiben.

Der Uferbereich der Fils war noch für eine andere Begebenheit Schauplatz. Nachdem die Wehrmacht im Zuge des Russlandfeldzuges die Balten "befreit" hatten, kamen 12jährige Jugendliche von dort zu uns. Uns, das ist die Gegend, das war aber auch eine Bubengruppe. Ein hübsches Mädchen, in seiner Lockerheit uns völlig überlegen, integrierte sich in unsere Gruppe beim Streunen. Es passierte, was kommen musste: Die Gruppe bedrängte sie, es war ja warm und Sommer, sich uns nackt zu zeigen. Sie machte dazu keine Umstände. Wow! Uns fielen die Augen aus dem Kopf. Und ich? Ich machte mal wieder die Augen nicht zu.

 

Zurück zum erwähnten Ackerrain vor dem Garten. Er gab einen vieljährigen herrlichen Beschäftigungs- und Gestaltungsgrund ab zum Ergötzen der täglich vorbei pilgernden Belegschaft der Gummifabrik. Jeden Morgen wurde ich bis zu meinem 18. Lebensjahr vor 6 Uhr aufgeweckt von einer schwatzenden Karawane. Ich zeigte und entwickelte viel Geschick beim Modellieren von Kanälchen und Wassertreppchen, von Inseln und Stauwehren. Und immer wenn es regnete, stand ich unter dem offenen Schirm an meinen Baustellen. Dieses Geschick hielt ein Leben lang an. Meine Eisenbahnanlage ist ein wunderbares Schmuckstück, das sogar der baden-württembergische Landtagspräsident bewunderte. Als er mich vor etlicher Zeit besuchte, vermochte ich ihn nur anzustarren und zu sagen „Sie kenne ich irgend woher.“ Natürlich aus dem Fernsehen. Sein Begleiter beseitigte meine Unwissenheit (Bild). In der Karwoche 19 erhielt ich Grüße von ihm.                                                                        Apropos Bauen. Vor dem Krieg wurde rundum in der Aue rege gebaut. Ich schaute den Handwerkern stundenlang zu. Die Grube wurde noch mit Schaufel und Pickel ausgehoben, die Backsteine und Ziegel auf dem Rücken vor Ort gebracht. Der Zement wurde aus Papiersäcken dem Sand zugegeben. Dann standen zwei Maurer sich gegenüber und schaufelten im Takt Sand und Zement durcheinander, hin und wieder zurück, bevor das Wasser in einem Zuber zugegossen wurde.

 

Die verfügbare Freizeit als Schüler nutzte ich reichlich zum Lesen. Nur konnten mir meine Eltern keine Bücher kaufen, weshalb ich bei allen einigermaßen gebildeten Nachbarn Lesestoff erbettelte. So begegnete ich relativ früh gehobener Erwachsenenliteratur. Und  die Bibliothek der Katholischen Kirche drüben in Klein-Süßen war für mich eine unschätzbare Fundgrube. Das Lesen eines Karl-May-Bandes begann morgens um 7  Uhr im Bett und abends griff ich zum nächsten Band.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       7

Mir erschloss sich so eine grenzenlose virtuelle Wirklichkeit. – Das Spielen „auf der Gass“ kam erstaunlicherweise nicht gar zu kurz. Wir Kinder hatten kleine Kreisel in Kegelform, unten mit einem Nagelkopf versehen. Er wurde mit einer selbst gemachten Peitsche im Rotieren gehalten und in Fünf- oder Zehnmetersätzen auf der geteerten Straße vor den Füßen voran getrieben. Der Start verlangte Geschicklichkeit. Man musste den Kreisel von Hand in eine solch rasche Umdrehung bringen, dass er sich aufrecht drehte und vor dem ersten Peitschenschlag nicht umfiel. – Auch gab es Eisenreifen, die an einem Eisenstock mit Haken unten beim Nebenherrennen geführt wurden, Radelrutschen, noch ohne Kugellager, Pfeil und Bogen, Schleudern, Knallpistolen, Säbel, Schwerter und eine unbändige Phantasie. Indianerles, Soldäterles und Geländespiele, die wir beim Jungvolk kennen lernten, gingen über in weitläufiges Geländestreunen. Dabei war jeder Kirschbaum recht. Ein Bauer, der uns beim Kirschen in den Mund stopfen überraschte, erfrug unsere Namen. Man staune: Ich war der Sebastian Bach! Der blöde Bauer fraß die Flunkerei. -

Angeregt durch das Beobachten des Spielens kleiner Buben im Heute, überlegte ich, ob auch ich eine solche Phase mit endlosem Geschrei beim Spielen erlebte. Ja, da baut sich Erinnerung auf zu einer Szene vor etwa 82 Jahren. Oberhalb der Fils war beim Steg ein Sandplatz, daneben ein braches "Turnerheim". Auf diesem wilden Platz zimmerten wir Buben ein Gebilde, das als Floß gelten sollte. Das meiste davon war kindliche Phantasie. Von diesem wackeligen Gefährt sprangen wir nun stundenland ins Wasser, das aus bemoostem Sand bestand, schwammen und paddelten und schrien vor allem. Es wurde mit nicht vorhandenen Kanonen auf sich nahende Feinde geschossen und heran Schwimmende kaltblütig unters Wasser gedrückt und ertränkt. Seit dem weiß ich, was Imagination vermag, wenn man sie nur nachhaltig pflegte.

Die Freizeit war aber auch im Sommer belegt durch Ährenlesen, im Wald Bucheckern auflesen, Waldbeeren pflücken, tagelang. Das linksfilsige Groß-Süßen, früher Ulmer Besitz und daher evangelisch, war ein Bauerndorf. Die Bauern hatten aber keinen Traktor. Sie zogen gemächlich mit ihren Heuwagen an unserem Hause vorbei, Gespanne mit Kühen. Rösser waren selten. Klein-Süßen jenseits der einzigen Brücke war katholisch, weil früher Eigentum des Grafen von Degenfeld. Zwei Welten. Aber ich überschritt die Grenzen, schon wegen der Bibliothek und – ha! – weil das Heim der HJ sich rechtsfilsisch befand.

Mir stank die Beschlagnahmung meiner Freizeit, das Gehabe der Süßener Nazis. Der Obernazi war der Sohn der Metallgießerei, die den Adler für das Naziaufmarschgelände in Nürnberg gegossen hatte und – zu meiner Überraschung, - vor noch nicht allzu langer Zeit eine Geländelageplatte auf einem Hügel von Markelfingen, wo ich ja seit 1963 wohne. Ich habe es zu mehreren „blauen Briefen“ gebracht, Drohbriefe halt.    

Weihnacht 66. Es folgt Grindelwald.
Weihnacht 62. Dann 63, 64 Unterwasser.

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Weil wir bei den Nazis angelangt sind. Es gab in Groß-Süßen einen Juden Lang, Viehhändler. Weil ich die einzige Filsbrücke erwähnte, erinnere ich mich, wie ich als vielleicht Elfjähriger einer Tochter dieser Familie begegnete, etwa 20jährig. Hübsch und gezeichnet, genauer, markiert, durch einen „Judenstern“. Ich erinnere mich, dass diese junge Frau höchst stolz daher kam, was mir imponierte, denn ich wusste schon Einiges von der Judenverfolgung. Ich freue mich aber darüber, dass ich gegenüber der Markierung einen kindlichen Abscheu hegte und ich grüßte sie.

 

Gefangene und Verfolgte entboten mir aber Respekt und Zuneigung und manchmal überschwengliche Freude. Da gibt es Bemerkenswertes zu erzählen. So begegnete ich jeden Morgen einer Gruppe ukrainischer junger Frauen, die in einer Kammgarnspinnerei arbeiteten, begleitet von einem kriegsuntauglichen Soldaten mit geschultertem Gewehr. Ich organisierte ein Deutsch-Ukrainisches Wörterbuch und lernte einige Wortfetzen, ‚Schönen guten Morgen'  z. B. oder Wie geht es? So halt. -  Bei der nächsten morgendlichen Begegnung rief ich im Vorbeigehen meine ukrainischen Kenntnisse zur Gruppe hinüber, die vor lauter Überraschung schlagartig stehen blieb und mich mit fröhlichem Gelächter anstarrten. Das fröhliche Begegnen zog sich hin und mit einigen Frauen schloss ich Freundschaft über das Kriegsende hinaus. Das hat mit der Kammgarnspinnerei zu tun, von der noch zu berichten sein wird.

 

Abgesehen davon, dass wir als Familie und später Solo-Ehepaar über viele Jahre hinweg das schöne Frankreich systematisch bereisten (siehe Reiseernte), ich dann auch unter vielen Mühen etliche Jahre Französisch-Unterricht hatte, begegnete ich Franzosen auf mehreren Ebenen. Meine Frau Renate im Elsaß, weil sie als Kind dorthin vor dem Bombenhagel evakuiert wurde. Der Krieg gegen Frankreich war in seinen menschlichen Folgen auch als Volksschüler und viel später beim Zuzug nach Markelfingen zu erleben. Ein H.-P. lud uns als Geburtstagsgeschenk zu einer dreitägigen Reise duch das Elsaß ein und meine Renate besuchte bei dieser Gelegenheit ihren damaligen Wirtsbruder Peter. Der Jubel war groß und ich meine, mich erinnern zu können, dass ein Gegenbesuch zustande kam.

 

Der zweite Kontakt verlief bei einem Großbauer, bei dem ich während der Getreideernte aushalf, der einen Gefangenen zugeteilt bekam. Dieser wurde immer satt, saß mit dem Bauer und seinem weiblichen Gesinde stets mit am Tisch und wurde gehalten wie ein Sohn. Im Vergleich zu anderen zog er so das große Los.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     9

Dieser Mensch hatte eine Art zu leben und sich zu geben an sich, dass ich nie verstand, weshalb Deutsche und Franzosen sich so hartnäckig die Köpfe gegenseitig einschlugen. Ich verfügte noch über keinen tieferen geschichtlichen Überblick, aber über den Ersten Weltkrieg hatte ich schon viel gelesen. Namen wie Verdun waren mir durchaus geläufig. Der zweite Gefangene litt schon unter den Verhältnissen, denn er war im Süßener Kriegsgefangenenlager untergebracht, wo auch viele Russen elendig vegetierten. Trotzdem: Die Behandlung der beiden Ethnien konnte unterschiedlicher nicht sein. Dort Schinden, hier freie Beweglichkeit für diesen Franzosen im Ort. Vom Lager zum Arbeitsplatz bewegte er sich allein und frei. Am Arbeitsplatz war er sehr geschätzt, denn er war Schreiner. Das war auch der Grund, weshalb ich seine Nähe suchte, zumal er etwas Väterliches ausstrahlte. Ich konnte mich in dem durchaus großen Textilbetrieb frei umhertreiben. Es gab dafür einen Grund, der noch dargestellt wird. Ebenso in einem riesigen Park- und Feldgelände.

Es wimmelte dort von Weinbergschnecken, die ich systematisch sammelte. Hunderte davon brachte ich dem Schreiner, denn ich wusste, dass Franzosen gerne Weinbergschnecken aßen. Über deren Zubereitung hatte ich keine Ahnung und ehrlich gesagt, ich hätte mich vor einem Verzehr geekelt. Mein Schreiner jedoch freute sich mächtig über meine Mitbringsel. Die Schnecken waren für ihn und seine Kameraden im Lager eine wertvolle Zugabe gegen den Hunger. So wurden denn Weinbergschnecken für mich per definitione zum Nahrungsmittel.

Und weil es so war und ist, ärgere ich mich mächtig über ungebildete und gebildete Leute, die ihre Gartenschnecken auf die Straße werfen, auf dass sie zerquetscht werden von Autoreifen und sie so entsorgt sind. Selbst als ich erklärte, dass die Schnecken höchst nützliche Tiere sind, weil sie die Eier der hässlichen Nacktschnecken fressen, begegnete ich Unverständnis und Unglauben. Unter einem großen Wacholder auf der Wiese vor meiner Wohnung hausten hunderte und aberhunderte Nacktschnecken. Seit ich bei Regen Weinbergschnecken aufhob und sie zu den Nacktschnecken warf, hat sich ihre Zahl deutlich reduziert, so dass man abends wieder über die Wiese gehen konnte ohne fortwährend auf Nacktschnecken zu treten.

 

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Die nächsten Franzosen, denen ich begegnete, waren angesehene und völlig integrierte Mitbürger Markelfingens. Da Radolfzell in der französischen Zone lag, eine nun verlassene SS-Kaserne besaß, wurde Radolfzell französische Garnisonsstadt. Völlig natürlich, dass sie Gefallen am See und hübschen deutschen Frauen fanden, heirateten und Kinder zeugten, deren Vaternamen und eigenem inzwischen manchen Grabstein im Waldfriedhof schmücken. Etliche dieser Namen wurden längst in deutscher Sprache ausgesprochen. Was die Franzosen zeitlebens kennzeichnete, war ihr regelmäßiges Boulespiel auf dem hiesigen Campingplatz. Da herrschte dann eine prächtig entspannte Atmosphäre untereinander, die mir imponierte und auch gefiel.

 

In die prächtige Villa des Kammgarnspinnerunternehmers (So wie die Eßlinger Wolle, NoMotta Schachenmayr Salach, Finkh in Süßen, existieren alle längst nicht mehr. Ob ich ihre Namen richtig wiedergegeben habe, weiß ich nicht.) wurde ein Direktor von Mahle aus Bad Cannstatt evakuiert. Er war kriegswichtig und entging so dem Soldatsein. Er fuhr jeden Werktag die 50 km nach Stuttgart mit dem Auto. Es hatte auf seinem Rücken einen riesigen Kessel, der täglich mit Holzwürfeln bestückt wurde und Gas generierte. Das Holzgas trieb den Motor an. Bis sich das Holzgas nach dem Anzünden im Generator zu entwickeln begann, verging etliche Zeit, was sich dann im Winter sehr mühselig und kalt darbot. Seine Gattin samt Schwägerinnen erschienen für mich aus einer nie gekannten Welt, mit Hochfrisuren, gewählter Diktion und Aussprache, selbst mir tölpelhaftem Buben gegenüber.

Die zwei Kinder wurden im dritten Kriegsjahr meine Spielgefährten, nicht zuletzt deshalb, weil sie nie gesehene mobile Spielgeräte besaßen, z. B. einen Kettcar von einer im Rückblick erstaunlichen Konstruktionsreife und Modernität.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    11

Der Spielgefährte bekam zum Geburtstag einen Bausatz der Gorch Fock, die meine Familie viele Jahre später auf der Sail Amsterdam realiter besichtigte. Wir mussten damals lange warten, bis sie durch den Kanal aus der Nordsee im Hafen vertäut wurde. Die Verspätung wurde verursacht durch einen gewaltigen Weststurm, gegen den die Gorch Fock ansegeln und aufkreuzen musste. Der Bootsmann erzählte uns, dass er das Schiff noch nie in solcher Krängung erlebt habe. Die Spitzen der unteren Rahen seien in Böen immer wieder ins Wasser eingetaucht.

Nun, in tagelanger Bastelarbeit bauten wir das Modell, takelten es auf. Wirklich, das Segelschiff war in der Badewanne prächtig anzusehen. Wir beließen das Schiff in der Wanne. Am anderen Morgen entdeckte sein Eigentümer es am angegebenen Ort – leider nunmehr völlig verdorben. Der Eigner schlug daraufhin, sobald er meiner gewärtig wurde, in sinnloser Wut auf mich ein. Angeblich sei ich schuld an dem Maleur und hätte die Folgen überblicken müssen. Er hatte ja eigentlich recht, aber das Modell gehörte mir nicht und die Badewanne befand sich nicht in meinem Zuhause. Das Vorkommnis beeinträchtigte die Freundschaft aber fürderhin nicht weiter.

 

Diese Gemeinschaft bot Bewegungserlaubnis im weitläufigen, riesigen Park. Für den „Ruderroller“ ideale Wege. Und was geschah? Die Unternehmergattin entdeckte meine Brauchbarkeit und Willigkeit als Hausbursche. Dieser Funktion kam ich nach, bis nach Kriegsende wieder die Schule den Rhythmus des Lebens bestimmte.

 

Aber das Hausburschendasein prägte mich ein Leben lang. Mir wuchs eine gehobene Lebensart zu und meine Manieren passten sich Gesehenem an. Denn: Nach einiger Zeit war ich – bis aufs Schlafen zu Hause – völlig in diese vornehme Unternehmerfamilie integriert. Da geschahen einige erzählenswerte Dinge.

 

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Als etwas Besonderes bot sich der Mittagstisch dar. Es herrschte kein Mangel, denn als Produzent von Kammgarn konnte man unbeschränkt alles eintauschen. Aber die eigentliche Ressource war die Selbstversorgung bei Weizen, Beeren, Kartoffeln usw. Selbst Ziegen gab es, für die ich das nötige Grasfutter bereitzustellen hatte. So erlernte ich das Grasmähen mit der Sense. Wenn ich Hunger hatte außer der Tour, bekam ich stets Grießbrei auf Ziegenmilchbasis. Seit ich laufend mehrere hundert Meter Hecken mit der Handschere in Schach zu halten hatte, hasse ich Heckenschneiden. Moderne elektrische Schneidemaschinen tun dem keinen Abbruch.

Doch Ziegen! Im Markelfinger Ried des Mindelsees weidet seit Jahren eine Herde von ca. 70 Tieren zwecks Landschaftpflege! Sie zu beobachten, macht mächtig Spaß. Heute, am 17.8.17 unterhielt ich mich mit dem Eigentümer der Tiere wegen eines ganz anderen Anlasses. Ich sah ihn bislang noch nie.

 

Am Tisch saßen selten weniger als zwölf Personen, oft Kunden, aber auch ein alter evakuierter Vetter aus Stuttgart, ein sehr kluger Mensch, Schuhmachermeister und passionierter Jäger wie man so sagt. Wir werkelten zusammen im üppigen Garten und die Unterhaltung nahm kein Ende. Ich entwickelte zu diesem Mann eine gewisse Zuneigung. Später, - vorgegriffen -  als ich in Stuttgart zur Schule ging, besuchte ich ihn in der Nähe des Rotebühl-Platzes in seiner wiedereröffneten Werkstätte, für mich nichts Besonderes, denn einer meiner Onkel war auch Schuhmacher in Geislingen an der Steige. Zu meiner Verblüffung gerierte sich der Besuchte aber sehr zurückhaltend und seltsam fremdelnd. Schämte er sich seiner einfachen Umgebung?

Es saß neben mir links um die Tischecke herum ein uraltes verschrumpeltes Fräulein. Ob sie damals so alt war wie ich heute, kann ich nicht einschätzen. Diese alte Dame hatte sich eines Tages zu viel auf den Teller gehäuft und konnte die Portion nicht bewältigen. Ohne Vorbereitung, spontan und unmittelbar, nahm sie ihren Teller in ihre zwei Hände und schob das Essen auf den meinigen. Nicht nur beim Geruch war ich heikel, sondern auch beim Essen, und im Gesicht. Meine Eltern nahmen nämlich, wenn ich eine Rotznase hatte, kurzerhand ihr Tuch und putzten mir die Nase. So geschah es auch beim Mund abputzen. Diese Tücher rochen! Und das Zuwider war bei mir groß!

Ich machte eine Geste der Abwehr, was die respektable Hausfrau bemerkte. Sie war mir schnell zur Beimutter geworden. Die Hausmagd (so!), die mit am Tisch saß, wurde beauftragt, den nun übervollen Teller in die Durchreiche zur Küche zu stellen und mir ein neues Gedeck aufzulegen.

Solchem stand natürlich Positives gegenüber, weil meine Eltern dadurch, dass sie meine Essenmarken für sich nutzen konnten, nie Hunger litten.

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Die sehr gebildete Hausfrau hatte auch für Andere ein fürsorgliches Wesen an sich. Z.B. gegenüber den bekannten ukrainischen Frauen, die an der Fabrik ein passables Unterkommen bekamen und sommers mit herangezogen wurden, im Garten zu arbeiten – schließlich bekamen sie immer satt zu essen und wenn sie zur Villa beordert wurden, saßen wir in der Mittagspause gemütlich zusammen, wurden herrliche Marmeladenbrote mit Butter (so!) und Honig serviert. Immer war die Stimmung ausgelassen.

 

Als Fähnrich sollte mein Thomas einmal ein Huhn schlachten, das war Befehl. Aber mein Thomas verweigerte dies, was mir heute noch imponiert. Ich als 13-Jähriger jedoch griff schändlicherweise zum Beil und hackte einem Huhn den Kopf ab, den die Hausmagd zuschlagegerecht auf einem Holzblock hielt. Warum ist man nur als Kind so brutal gewesen?

 

Vor seiner Hütte lag der Wolfshund Tiso an der Kette. Ich ließ ihn viel frei, auch aus der Parkeinfassung. So konnte er streunen. Damals sah man das lockerer. Ich bürstete ihn oft. Aber wenn mich der Teufel ritt, nahm ich einen Rechen und reizte ihn, bis er die Zähne fletschte. Eigenartigerweise konnte ich ihn hernach wieder streicheln. Wir wurden schlicht Kumpel.

An einem heißen Tag ging ich in der Badehose zum Wehr der Fils. Dort stiegen wir in den Kanal und ließen uns hinuntertreiben. Das Wasser war bauchnabeltief und strömte rasch. Tiso versuchte aber ohne Unterlass, mir seine Pfoten auf die Schulter zu legen, womit er mich natürlich unter Wasser drückte. Alles Verscheuchen nützte nichts. Vor der Brücke kletterten wir aus dem Wasser. Aber jetzt kniff der Hund knurrend meine Knöchel. Konnte es sein, dass er sich Sorgen um mich gemacht hatte?

 

Eine Tochter der Fabrikantenfamilie weilte unter der Woche in Ulm an der Donau, 50 km von Süßen entfernt. In der Fabrikgarage stand ein großer Mercedes, schwarz, Sechssitzer, mit frei montierten Scheinwerfern. Ein prächtiges Stück. Immer sonntags am Abend, brachte ihr Vater sie nach Ulm. Von der Villa zur Garage trug ich ihr Gepäck und hielt den Schlag zum Einsteigen auf. Es war geradezu üblich, dass ich auf einen der Hintersitze gewunken wurde. Es gab nichts Schöneres, als in diesem Renommierauto chauffiert zu werden. Immerhin hatte der Fahrer bei der Rückfahrt Gesellschaft.

 

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Jenseits der Fils, nordöstlich gegen die Albfront hin mit der Schlossruine Scharfenberg, gab es einen Geländebuckel. Im Winter mit Schnee fuhren die Kinder dort mit dem Schlitten bergab, aber auch etliche Buben mit Skiern. Das wollte ich auch dürfen! Aber wie zu Schie kommen? Das war der Anfang einer lebenslangen Leidenschaft, wobei das, was Leiden schafft, durchaus vorkam. Ich erfuhr, dass es in Donzdorf, gelegen unter dem langgezogenen Messelberg, Segelfluggelände, das neuerdings durch seinen Fasching durch Übertragungen vom SWR bekannt wurde, einen Schreiner gab, der solche Gleitgegenstände herstellte. Nichts wie hin! Ich bestellte ein Paar, ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie sie finanziert werden sollten. Das wurde aber nie auf die Probe gestellt, man sicherte mir zu, dass in 4 Wochen das Hergestellte abholbar bereit stünde. Nach einem Monat: Nichts stand bereit. Ich glaube ein halbes Dutzend Vertröstungen verstrichen erfolglos. Nun aber weihnachtete es. Mein Fabrikant frug mich, was ich mir zu Weihnachten denn wünsche. Sie wissen, was ich mir wünschte und an Weihnachten nahm ich die Kostbarkeit in Empfang. Es sei schon hier gesagt: Es dauerte bis 1967, bis wir endlich ordentlich Schifahren konnten. Bis dahin – eine immer währende Leidensgeschichte, Gequäle, ohne dass aber der Spaß zu Tode gekommen wäre. Natürlich war das erste Gleitgefährt noch eine primitive Riemengeschichte. Dass es einmal hochgezüchtete Schischuhe geben würde! In diesem Winter übte ich das Bergabfahren mit Fleiß. Man trug die Gleitwerkzeuge auf den Schultern auf den Hügel. Fuhr los. Stürzte oft und immer wieder. Aber das Schönste an der Geschichte war, dass man immer nur geradeaus zu fahren hatte, bis das Gleiten aufhörte. Kurven? Ausstemmen? Schwünge? Gar Wedeln? Gab es denn so etwas? Sonderbar, über den folgenden Winter habe ich keine Erinnerung. Doch halt! Zwischen Kriegsende und Schule Weiterbesuchen verbrachte ich die Tage als Handlanger in der benachbarten Kammgarnspinnerei. In den Fertigungssälen standen riesig lange Spinnmaschinen aufgereiht. Ich transportierte die Rollen mit Grobgarn zu den Spinnerinnen, fein säuberlich die Qualitäten unterscheidend. Aber genau da haperte es. Immer wieder fuchtelten die Frauen mit den Armen, wenn ich wieder etwas durcheinander gebracht hatte. Es war alles halb so schlimm, weil sie nichts unbesehen und ungeprüft auf die Maschine aufsteckten.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        15

Da war dann ein Meister, gedrungen, ewig missmutig. Wie er es fertig brachte, meine bildhübsche Nachbarstochter zu ehelichen, ist mir ein Rätsel geblieben. Die Fabrikantin, wie erwähnt eine Art Beimutter für mich 15jährigen, gab mir den klugen Rat, sich immer mit denjenigen, mit denen man schlecht zurechtkommt, sich besonders gut zu stellen, was ich beim Meister gleich versuchte. Aber nun: Im Winter frug mich der Meister, ob ich mit ihm zum Wintersportgebiet in Degenfeld nördlich von Weißenstein, südlich des Rechberges, fahren möchte, um Schi zu fahren. An einem Sonntag fuhr in Stuttgart ein langer Sonderzug los und bog im Süßener Bahnhof ins Lautertal, dort wo auch Donzdorf liegt, ein. Vorne zischte eine alte Dampflokomotive. Am Endpunkt dieser Seitenbahn angekommen, sie ist längst stillgelegt, strömten Massen von Menschen aus den Waggons. Wie man dann weiter reisen konnte, weiß ich nicht mehr. Ich fuhr an diesem Tag Schi in der üblichen Art, mehr war nicht drin. Nie erwartet, aber mein Meister kümmerte sich um mich wie ein Vater. Wir gingen in die Gaststätte zum Vespern. Der Meister lebt längst nicht mehr und ich bitte hiermit Gott, ihm sein himmlisches Leben in Fülle zu schenken!

 

Dann verschwand Schifahren aus meinem Leben bis, man staune, ich mit meiner vor zwei Jahren verstorbenen Frau Renate nach Radolfzell kam. Das ist eine andere Geschichte aber eine Fortsetzung des Schifahrens. Flugs kaufte ich meiner Frau und mir zwei neue Paar und wir machten die ersten Fahrversuche an Güttinger Hängen. Beide bewältigten wir nur den Stil, den ich vorgestellt habe. Aber der Ehrgeiz erwachte! Das hieß Schinderei ohne Ende. Das ist so interessant, dass ich fortfahren will und zwar so lange, bis ich im 80ten Lebensjahr angelangt bin und meine Frau 75 war. Damals also hatten wir von Tuten und Blasen keine Ahnung. Aber das Ausstemmen gelang. Und jetzt kommt, aber 3 Jahre später, das Sudelfeld bei Bayrisch Zell ins Spiel. Sudelfeld = Horror, auch noch ein weiteres Mal. Es soll noch nicht geschildert werden, warum es uns 1960 nach München verschlug. Wir bleiben beim Sudelfeld. Einen schönen freesen VW brachten wir von Radolfzell mit. Seinen Kauf in F erwähne ich a. a. O.

 

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Es war das erste Mal, dass wir mit einem Sessellift hoch schaukelten. Der Ausstieg gelang. Noch ein paar Gleitschritte zum Pistenanfang. Der Schnee da oben war hart, vereist.  Die Piste war am Anfang ganz flach geneigt. Warum die Renate zuerst losfuhr, weiß ich nicht mehr. Es kann auch „Hannelore geh du voran“ geheißen haben. Sie realisierte sicherlich nicht die Vereisung und ich auch nicht. Jedenfalls gewann sie binnen Sekunden Tempo, mit Bremsen war nichts zu machen. 50 m weiter stürzte sie. Natürlich rappelte sie sich nicht sofort auf, blieb erst mal liegen. Neben mir stand ein bayrischer Hiesl. Der bemerkte zu mir „Du Hirrrsch, wann hilfst endlich Deiner Frau!“ Woran er merkte, dass wir verheiratet waren, weiß ich nicht. Was blieb mir anderes übrig, als auch los zu fahren. Alles wiederholte sich, mit einem riesigen Unterschied.

Der Unterschied bestand darin, dass in mein linkes Knie ein gewaltiges Stechen drang bzw. es war ja schon gleich von Anfang an drin. Ich will es gleich verraten: es war keine Zerrung, sondern ein Bänderriss. Wissen Sie, was das bedeutete? Sechs Wochen Gips! Das lief dann so: Erstaunlicherweise schafften wir es beide in der Folge die Piste hinunter. Das Einsteigen ins Auto  (Renate chauffierte) ging auch noch einigermaßen. Während der Heimfahrt nach München in die Schaffhauser Straße in Fürstenried (Während der zwei Jahre München – man weiß, wo Schaffhausen liegt? – war für mich dieser Straßenname immer ein heimliches Omen, dass wir wieder zum geliebten Bodensee zurückfinden würden.) hatte die Ruhestellung des Knies die unangenehme Folge, dass das Gelenk nicht mehr bewegt werden konnte.

Dann die Nacht! Im Arzneischrank befand sich noch kein schmerzstillendes Opiat. Unser lieber Nachbar, Herr Leitl, seine Frau war eine Arbeitskollegin, brachte mich anderntags, es war ja Sonntag, ins Krankenhaus rechts der Isar. Dass er mich nicht trug, war alles. Zur lieben Frau Leitl hier die fällige Anmerkung, dass ich, als ich noch die SZ las, letztes Jahr auf eine Anzeige stieß, die schwarz umrandet war. Eine Woche, dann durfte ich heim. Man beachte, dass es damals noch keine Fallpauschale gab. Kommentar ist überflüssig.

Nun fuhr mich meine liebe Frau täglich morgens und abends zur Arbeit und nach Hause, zwei mal 9 km im Berufsverkehr, und zwar mit Bravour, was auch die alleinige Rückfahrt umfasste!                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           17

Im nächsten Winter die „Damenabfahrt“ des Wallberges über dem Tegernsee. Wieder ein einziges Plagen aber keine Stürze. Der Name der Abfahrt ist so fies, dass ich mich an der Talstation darüber beschwerte. Die Reaktion war natürlich maliziös, will sagen, Dummheit und Unwissen und Nichtskönnen gehören bestraft.

 

Ich legte schon dar, dass die Quälerei eine langfristige war. Zunächst setzte sie sich fort beim Schifahren in der Schweiz. Kennen Sie Bad Ragaz im Rheintal? Dort liegt der Pizol. Gegenüber nach Osten das Heidiland. Man erreicht ihn von Wangs nahe Sargans mit mehrstufigen Seilbahnen. Die Abfahrt hat eine ungeheure Länge. Der immerwährende Blick ins Rheintal hinunter ohne Unterbruch ist gewaltig und überwältigend. Hier muss man gleich zur Sache kommen: Es gab 1962 noch keine Pistenpflege! Die Piste war vom Mond heruntergeholt. Die Ski-Asse, und nur solche befuhren den Berg, hatten einen eigenen Stil. Ihre Schwünge modellierten den Schnee nach ihrem Gusto, was passabel für sie bedeutete. Aber für uns halt nicht angepasst und unserem Anfängerstil abhold. Mit Ausstemmen kamen wir nicht weit. Also Rutsch - Einbuchtung rauf und wieder runter. Endlos! Aber unser Gleichgewicht profitierte! Stürze? Nur noch selten. Bei meinem Abteilungsleiter der Betriebsabrechnung, alsbald ein lieber Freund, war natürlich der Pizol, da er ein guter Schifahrer war, Gesprächsthema. Ich konnte noch so nachdrücklich klarmachen, dass wir hundsmiserabel Schi fuhren – er glaubte mir nicht. Bis – ja, bis wir zusammen das Schrunser Hochjoch beehrten. Endlich, erst jetzt glaubte, genauer, sah er - veni,vidi.

 

Bleiben wir noch kurz bei Bad Ragaz, wegen der Traminaschlucht. Sie verläuft bei der Stadt südwestlich ca. 12 km ins Gebirge hinein. Dort spielte sich das historische Badeleben ab. Bevor die Schlucht eng wird, passiert man linkerhand uralte Badegebäude. In der Enge selbst dampft es aus heißen Quellen. Ganz früher wurden die Gesundheit Suchenden an Tragegestellen zu den Quellen hinuntergefiert. Weiterwärts kommt man zu einem Stausee und schließlich ins wildromantische Talende. Meine Buben, der Christian war beim Militär – Fahrer des Kommandeurs des Standortes Immendingen – übernachteten dort hinten im Freien.

                 

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Als unser Thomas ein Jahr alt war, der Christian vier, hatten wir genug vom Nichtkönnen. Wir belegten einen Schikurs in Grindelwald. Im Sommer 2 Jahre zuvor verbrachten wir dort eine Woche, bevor wir weiter in den Süden reisten bis zum Vesuv und nach Amalfi. In dieser Winterwoche lernten wir Schifahren so, dass wir ohne Angst vor der Abfahrt überall hinauffahren konnten und flott herunter kamen. Wir logierten mit den Kindern bei einer alten, lieben und frommen Frau in einem Zimmer, das wir die Woche über mit einem Holzofen warm halten mussten. Die Vermieterin hütete die Kinder. Sie dankte Gott, dass sie zusätzlich zur Zimmermiete noch Betreuungsfränkli bekam. Sie war wirklich arm. Das Schigebiet am Männlichen ist eine Delikatesse. Rechts der Eiger, noch weiter rechts Mönch und Jungfrau. Mit der Zahnradbahn rauf zur Kleinen Scheidegg, rüber mit Sesseln zum Männlichen, abends hinter dem Schilehrer nach Grund, mit dem Halt, um damals zur Kleinen Scheidegg zu gelangen und dann – gleich - zum Jungfraujoch..

 

Grund. Das schreit nach einem Exkurs zu einem Geschehen ca. 50 Jahre später. Renate 75, der Autor 80. Der Einschub hat nichts mit Schifahren zu tun, vielmehr gibt es mal wieder Dinge zu erzählen, über die Schweizer, die man fast nicht glauben will.

 

Also, Urlaub am Thuner See mit der festen Absicht, das Jungfraujoch zu besuchen. Die AOK, der wir angehörten, weil sie in den Jahrzehnten meiner Selbständigkeit die einzige Versicherung war, die Tarife anbot, die sich am Einkommen orientierten, garantierten 50 % Rabatt auf den Fahrpreis, der schon 1967 120 Franken betrug. In Interlaken angekommen, studierte ich am Bahnhof die Tarife und beschloss, um den Fahrpreis niedrig zu halten, mit dem Auto bis Grund zu fahren und erst dort eine Fahrkarte zur Jungfrau zu lösen. In Grund mussten wir erst mal die AOK-Karte vorzeigen. Ich erzählte dem jungen Kassenwart, warum wir nicht mit dem Zug nach Grund fuhren. Da lachte er und erklärte, dass die Fahrkarte hier und dort gleich viel kosten würde. Dann griff er nach seiner Börse, holte ein schönes Silber-5-Frankenstück heraus und schob es mir zu. „Für die Finanzierung der Fahrt von Interlaken hier her.“ Das, mein Herr, ist aber eine noble Geste. Wer, Sie selbst oder die Bahn kredenzt das gute Stück? „Das ist mein privater Geldbeutel.“ – Wir waren perplex. So geht das nicht, mein Herr, solches kann man nicht annehmen. Wir überreichten unsere Hochachtung.​                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       19

Bevor wir in den Eiger einfuhren, blickten wir mit Wehmut zum Männlichen hinüber und dachten, wie jung wir doch damals im Winter 1967 waren. Dann wurde es draußen dunkel. Den Blick ins weite Land durch das berühmte Guckloch in der Eigernordwand auf halber Höhe genossen wir wie es sich gehört. Am Joch angekommen, überwältigte uns erst mal die Kälte. Am Eingang photografierte ich meine Renate. Im Augenlick des Blitzes war sie gedanklich wo anders. Das ist ersichtlich aus einer Vergrößerung. Das Photo kann man angucken auf der nächsten Seite der Site. Sie war 75 und eben begann ihre Demenz. - Das Joch war beherrscht von unzähligen Asiaten, die ich nur bedingt nach Nation auseinander zu halten vermochte. Begierig waren wir, endlich den Anfang des weltbekannten Aletschgletschers zu sehen. Verschneite Berggipfel zuhauf waren uns nicht unbekannt, aber die Phantasie ließ einen bis ins Rhonetal im Wallis den Gletscher hinabgleiten. Auf der Nordseite begegneten wir dem Mönch in nächster Nähe.

Zur Rückfahrt bleibt in Erinnerung, dass der Waggon gerammelt voll war. Es gab für uns nur noch einen Stehplatz. Da bot ein junger Schweizer meiner Gattin seinen Sitzplatz an. Voll Dankbarkeit nahm sie ihn an. Ich nahm die allerhinterste Querbank in Augenschein. Dort saßen Schweizer demonstrativ locker nebeneinander und dachten nicht daran, auch nur ein klein wenig zusammenzurücken. Also beschloss ich nachzuhelfen und mit Verzögerung tat sich eine Lücke zum Dazusitzen auf. Gleich blieb mein Blick auf der Zweierbank rechterhand haften. Was bemerkten meine Augen? Da saß ein alter Schweizer seelenruhig solo. Damit er nicht umfiel, stützte er sich mit dem rechten Arm vorsichtshalber ab und versperrte so einen freien Sitzplatz. Das hielt er durch bis Grund. Kein Gedanke daran, seinem jungen Landsmann, der ja stand, einen Platz zu bieten, seinen Arm endlich zu sich zu nehmen. Bei der Ausfahrt aus dem Eiger, als es wieder hell ward, bot ich dem Jungschweizer drängend an zu tauschen. Aber er wollte nicht. Womöglich wollte er seinen Landsleuten zeigen, dass es auch umgängliche Schweizer gibt. Selbstverständlich bekam das Umfeld die Chose mit.

 

In Grindelwald gibt es noch eine Nordpiste, den First. Links sitzt die Große Scheidegg. Kurz vor dem Zweijahressterbetag meiner Frau brachte "Arte" einen dramatischen Film mit dem Thema Schiefahren. Die Dramatik steigerte sich mit der Darstellung einer Staublawine, die in den französichen Alpen ein Tal übersprang bis hinauf zur Hotelterasse. Wir haben in einem Herbst das Gebiet intensiv bereist. Staublawinen springen mit irrsinniger Geschwindigkeit, köpfen ganze Wälder. Der zweite dramatische Höhepunkt führt mich hier in die Erinnerung. Die Familie wird von einer Gondel auf einsamer Höhe ausgespuckt. Alles war verhüllt von dichtem Nebel und die Gefährlichkeit der Abfahrt kroch einem unter die Haut. Auf diese Firstabfahrt ließen wir uns ein. Und wir erlebten das weiße Nichts. Die Orientierung war gerade noch gewährleistet, weil die Pistenstangen dicht gesetzt waren und die nächste jeweils wenigstens erahnt werden konnte. Aber der Schwindel im Kopf!  Das schwindende Gleichgewichtsgefühl! Das war ein solitäres Erlebnis, nie aus der Erinnerung gefallen.

 

- Zurück zu etlichen weiteren Schi-Erlebnissen.                                                                                         

 

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Vor Grindelwald war Unterwasser und Wildhaus, hinter dem Säntis unser Revier. Den Christian, Thomas war noch nicht geboren, gaben wir ab bei Tante „Salü“. Sie betrieb einen privaten Kindergarten. Der Christian traf dort auf ein behindertes Kind, mit dem er prächtig zurechtkam. Er sperrte sich nie gegen den Nachmittagsaufenthalt.

Die Nordpisten von Unterwasser und Wildhaus nebenan boten den direkten Blick auf die Südseite des gewaltigen Säntismassivs, jenem Berg, der von Friedrichshafen über die See-Ferne zu sehen ist aber auch von Markelfingen aus. Diese Pistennordseiten führen herab von Churfirsten, einer davon war der Chäserugg. Ich machte mich nie kundig darüber, ob der Name Churfirst sich auf die Stadt Chur und First bezieht oder ob die Institution der Kurfürsten des Heiligen Römischen Reiches in Fels verewigt werden soll.

Von Wildhaus weiß ich über ein Malheur zu berichten. Es fällt auf, sie begegneten fast nur mir, meine Renate blieb in aller Regel verschont, bis auf Fiss, ganz abgesehen davon, dass sie viel seltener stürzte als ich. Also, in Wildhaus löste sich mein linker Schi vom Fuß und sofort raste er in ein nahe gelegenes Gebüsch, das hangniederwärts wuchs.

Ich meinte, das Ende des Flüchtlings etwa hundert Meter hangabwärts zu sehen. Es blieb ja nichts Anderes übrig, als auch den anderen Schi zu lösen. Aber kaum verließ ich die Piste und drang in das Holz ein, reichte mir der Schnee bis zur Hüfte. Klar, der Wind hat einiges davon hingeweht. Der Schnee war zum Glück locker und ich bekam den Schi zu fassen. Aber nun stand ich bergaufwärts vor einem fast nicht zu lösenden Muss. Der Schi brachte als Stock gar nichts. Sehr schnell begann das Keuchen, sehr rasch verließen mich die Kräfte. Nur Pausen halfen. Natürlich kam ich oben völlig entkräftet an. Der Nachmittag war verdorben

 

Wir streuten aus nach Davos und Arosa und Galtür. In Davos ist die Parsennabfahrt von der Weißfluh nach Davos und die lange Tour nach Klosters hinunter berühmt. Sie erinnern sich auch an Galtür, der Platz mit den vielen Lawinentoten. Der Anblick der gewaltigen später gebauten Schutzmauer bedrückte uns. Sie brachte die Verschütteten nicht wieder ins Leben zurück. Ischgl inspizierten wir, weil unser Thomas einen Narren an diesem Ort der Bergevents gefressen hatte. Die Anfahrt nach Davos und Arosa ist für einen Tagesausflug einfach zu weit, um dies öfters zu wiederholen. 

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         21

Später, als wir von München an den See zurück kehrten, die Kinder geboren waren, orientierten wir uns nach Vorarlberg, zunächst nach Partenen vor dem Silvrettapass. Silvretta heißt ‚kleines Wäldchen‘. Schigebiet war Gaschurn. Die Winterferien umfassten jeweils eine Woche über Neu-Jahr und noch mal eine während des Faschings. Gleich zu Anfang gingen Bekannte mit, die noch schlechter mit dem Schisport umgehen konnten als wir. Es gab aber eine totale Überraschung. Wir vertrauten ihnen die Kinder an für den Partener Übungshang. Am Abend erhielten wir Bericht, dass die beiden schon sehr gut am Hang zurecht kamen, so dass wir sie gleich am nächsten Tag nach Gaschurn mit auf den Berg nahmen. Damals war das Gebiet noch nicht voll erschlossen. Der Schlepplift im Novatal, der zu einem Katastrophenort werden sollte, fehlte noch. Die beiden Söhne machten uns beim Schifahren sehr schnell etwas vor. An der Kasse musste man noch Punkte kaufen. Gleich soll hier von einem maßvollen Betrug erzählt werden. Ein reicher Unternehmer aus Radolfzell erzählte uns, was dessen Kinder trieben: Das erste Kind sagte dem Kontrolleur, dass fürs Bezahlen und Punkte Vorzeigen die Eltern „weiter hinten“ übernommen hätten. Sie zeigten dabei mit dem rechten Daumen über die Schulter. Diese Eltern gaben sich aber nie zu erkennen. Das gefiel mir zur Nachahmung, sah aber darauf, dass die Sache in maßvollem Rahmen gehandhabt wurde. Ich dachte damals, dass kein Schaden entstünde, wenn einer meiner Buben (es war immer nur einer) die Fahrt bergaufwärts gratis bewerkstelligte? Jedoch, hasenrein war das natürlich nicht. Aber die Schlepphilfe blieb uns viele Jahre sympathisch und wir waren treu, auch dann noch, als man sich eine Halbtageskarte erwerben musste. Da allerdings war ich stets der Meinung, dass die Schifahrer übervorteilt wurden, zumal jedes Jahr die Preise angehoben wurden. Das ist überhaupt eine Masche des ganzen Landes, denn die Preise gingen immer nur nach oben. Selbst wenn ich katholisch wäre, würde ich die Bubenstreiche nicht beichten.

Wir machen erst einen Absatz, wenn die Sache mit dem Novalift erzählt ist. In den etwa zehn Jahren, die wir im Winter ins Montafon reisten, ist das weiter hinten im Süden liegende Schwarzköpfle erschlossen worden. Um dahin zu kommen, musste man erst ins Novatal runter und der erwähnte Schlepplift diente dem Zurückkommen. Die Katastrophe ereignete sich am Tag

 

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vor unserer Ankunft. Ein Schifahrer fuhr oberhalb des Liftes in den Hang ein, obwohl er wegen Lawinengefahr gesperrt worden war. Schon nach wenigen Schwüngen ging die Lawine ab und verschütte die Schlange am Novalift. Es gab insgesamt zwölf Tote, von einem zum anderen Augenblick. Den ganzen Urlaub über mussten wir den Ort der Tragödie passieren. Unser Hauswirt war bei der Bergrettung und erzählte uns das Geschehen und den Schrecken. Der Rettungseinsatz, das Ausgraben der Toten, hat ihn sehr mitgenommen und sein Zorn war unmäßig. - Bevor wir das Montafon ablegen, noch kurz eine Bemerkung zu Gargellen. Das Gebiet von der Madrisa konnte man verlassen über die Abfahrt direkt am Sessellift entlang oder auf einem zauberhaften, leicht abenteuerlichen Umweg durch mächtige Felsbrocken hindurch. Die erste Möglichkeit ist steil. Diesmal war eine Freundin dabei. Diese Abfahrt war, Verzeihung, arschglatt. Und als meine Renate losfuhr, ging sie rasch zu Boden und rutschte das ganze Stück auf Po und Rücken hinab. Ihre Freundin lachte sich krumm und bucklig. Aber diese musste ja auch runter. Es erging ihr nicht anders. Komisch, was mich anbetrifft, weiß ich nicht mehr, wie ich das Hinunterkommen bewältigte. Wahrscheinlich widerfuhr mir das gleiche Schicksal.

 

Nun zu Brand. Wir sind in einer späteren Zeit, eigentlich schon ‚älter‘. Wir hatten in Brand immer unsere Freude, wenn auch der Zugang zum Schigebiet nur mit Sesselliften zuwege ging. Wir haben das immer missbilligt, weil die Methode einfach schon länger aus der Zeit gefallen war. Man muss wissen, dass der Rundumblick mit Piz Buin und Chesaplana oben überwältigend ist, die Südabfahrt lieblich und romantisch – bis auf eine ungute Engführung kurz vor dem Ende.

Mir wurden 3 Wochen zuvor vier (!) Stents verpasst. Ich habe noch heute mit 87 dieselben in den Kranzgefäßen. Die erwähnte Engstelle ließ mich wegen Vereisung drei mal stürzen. Das schaffte mich. Zum Glück war unser Quartier direkt am Abfahrtsende. Ich schleppte mich zum Haus, setzte mich im Schuhkeller und dann war mit mir Schluss. Meine Renate zog mir die Schuhe aus, schleppte mich ins Bett. Da lag ich nun, reglos lange Zeit und die Renate drehte durch vor Aufregung. Auch sie war weg, geistig. Sie verlor jede Orientierung. – Damit es mit dem damaligen Tag noch ein gutes Ende nahm:

 

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Etliche Stunden später speisten wir fürstlich und sorgten für eine glückliche Weinlaune.

 

Und eine Lungenentzündung in Fiss, weil wir bei Sturm und minus 15 Grad wieder am Hang herum kurvten. In Fiss waren gerade FIS-Rennen und wir trafen den Sohn unserer Wirtin von Mellau, der dafür sorgte, dass deren Haus mit Trophäen überfüllt war.

Schön war es in Fiss trotzdem. Wir tummelten uns, trotz beginnenden Fiebers, in den Loipen auf der Terrasse weit oberhalb des Inntales. Mittlerweile schien die Sonne und es gab Plusgrade. Aber wir mussten nach vier oder fünf Tagen heim zum Arzt. Unten am Inn hatten wir das Auto geparkt. In der Zwischenzeit hatte der Schneefall dafür gesorgt, dass wir aus dem Parkgarten nicht mehr herauskamen. Aber es gab willige Helfer.

 

Nunmehr, nach dem Montafon, kamen die glücklichen Winterferien von Milez, westlich von Sedrun am Oberalppass. Jenseits liegt Andermatt. Milez ist eine Hüttenansammlung in 2000 m Höhe. Die Station der Bahn Chur – Andermatt, die am beeindruckenden Kloster Disentis vorbei führt, und die Talstation des Liftes nach oben heißt Dieni. Man spricht dort romansch. Dazu gibt es zwei Bonbons zu erzählen, nicht viel, wenn man zehn Jahre lang jeweils zweimal zum Schifahren eintraf. Im Exposé „Todestraumata“, letzte Seite meiner Site, kann man die hübsche Renate und das Schi-Ass Thomäsle angucken, sitzend am Tisch der Hütte, die manchmal von Stürmen umtost wurde, dass man ihr Weggefegtwerden fürchtete. (Angeblich schmiss 1990 ein solcher Sturm den nahebei vorbeigleitenden Glacier-Express - von Zermatt nach St. Moritz fahrend -  glatt um!) - Die Hüttengruppe, die ihre  Verpflegung jeweils mühselig im Rucksack bis zur Station nach oben tragen, dann in einem Sessel des Liftes deponieren musste, befuhr ein einziges Mal die Passstraße abwärts, als der Schnee in mäßiger Höhe lag. Man fuhr ungebahnt gen Tschamut, dem Gerstensuppenhalt. Das war ein sanftes Gleiten!  Rechts der Straße entspringt einer der Rheinarme aus einem kleinen Gebirgssee, in dem 2016 der Rheinbezwinger schwimmend bis zur Nordsee startete. – In einem Jahr ereignete sich auch das Bahnjubiläum. Blasmusik und Bewirtung auf der Piste satt. Dann der nie wieder und auch nicht zuvor erlebte Leckerbissen. Die Pistenpfleger verbreiterten die Abfahrt am Vortag bis zu den äußersten Rändern, der Schnee, Verzeihung – arschglatt. In der Nacht fielen etwa 12 Zentimeter Pulverschnee. Ich stieg gleich nach dem Frühstück auf die Bretter und fuhr  ins Tal, allein, auf noch unberührter Piste wie auf Daunen. Der lockere Pulverschnee stob hinter mir her. Es gab kaum ein Gleitgeräusch und die schweigende Stille ringsum war als unwirklich zu erleben.   

 

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Nach dem zehnten Jahr auf der Hütte orientierten wir uns in den Bregenzer Wald nach Mellau, gewissermaßen als Endstation. Mellau verfügt über eine geschlossene Kabinenbahn zur Rossstelle hinauf, das Plateau, wo die Schlepp- und Sessellifte installiert waren. Das Gebiet ist als familiär einzustufen. Wir bezogen für etliche Winter Quartier in einem höchst gelegenen neuen Haus. Es bot den Vorteil, dass man abends nach der 7 km langen Abfahrt ins Tal direkt vor die Haustüre gleiten konnte. Nach etlichen Jahren lockte uns das Komfort-Hotel Kreuz. Das wuchs uns so ans Herz, dass wir nach einer Reise durch Schlesien in einem Zuge von der tschechischen Grenze durch Bayern nach Mellau fuhren. Wir hatten das so entschieden, weil wir am folgenden Tag dort unsere Goldene Hochzeit verbringen wollten. Das Schwimmbad hatten wir den Nachmittag ganz für uns. Eine Überraschung bekamen wir kredenzt, indem wir die große Hochzeitssuite genießen durften. Das war das Hotelgeschenk.

 

Mellau bot Abwechslung. Der Didamskopf war nur wenige km entfernt, nach Damüls rauf waren wir von früheren Tagesausflügen gewohnt. Beim ersten in den 60er-Jahren musste man die Straße noch auf abenteuerliche Weise bewältigen. Und die Pisten in Warth trafen wir immer mit reichlich Schnee an.

 

In Mellau beendeten wir das alpine Fahren in meinem 78. Lebensjahr.  Ein Absperrnetz eines schwäbischen Skivereins erwies sich für mich als Fanggerät. Ich kam zu Fall, färbte den Schnee rot wegen einer Verletzung an der Hand und an der Pistentalstation stellte ich fest, dass der linke Schischuh einen Riss bekommen hatte. Damals verarztete mich spontan ein junges bayerisches Paar. Obwohl meine Renate noch ziemlich gut zugange war, kamen wir überein, dass wir uns vom alpinen Vergnügen verabschiedeten. Als Alternative konzentrierten wir uns nun ganz aufs Loipengleiten. Die Ostloipe in Mellau schlängelt sich unter dem Canisfluh-Massiv topfeben Aach aufwärts. Malerisches Zubehör, Wäldchen, Weidehütten, sogar eine kleine Kapelle aus Brettern, verbreiteten gemütliches und ja gelenktes Dahinrutschen.

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Zum Thema Ende von Wintersport überhaupt gehört noch eine Herbstwanderung. Die Bahnen waren kostenlos zu benützen und weil die Damülser und die Mellauer sich entschlossen, deren beide Schigebiete miteinander zu verbinden, zu diesem Behufe einen etwa 120 m langen Tunnel bauten, wollte ich diesen Tunnel unbedingt kennen lernen. Dieses Unterfangen brachte etwas mit sich, das ich so noch nie erlebte, nämlich eine totale körperliche Erschöpfung, um es vorweg zu nehmen. Zum Tunnel musste man hinaufwandern. Als ich sah, was dieses Vorhaben abverlangte, schickte ich meine Renate auf der Höhe des früher praktizierten Schleppliftausstiegs klugerweise  zurück zum Berggasthof. Ich stieg weiter hoch bis zum Tunnel, ging hindurch, fuhr von da in Gedanken ab zum altbekannten Feld. Den Rückweg begann ich schon etwas ungelenk und beim halben Abstieg taumelte und stolperte ich bereits. Noch weiter unten setzte ich mich an den Wegesrand und – konnte mich nicht mehr erheben. Meine Oberschenkelmuskeln versagten den Dienst. Nach längerem Ausruhen, die Unruhe plagte mich wegen der Wartenden, holte ich den letzten Rest meiner Kräfte aus mir heraus. Meine Liebe lag in der Herbstsonne im Liegestuhl vor dem Berggasthaus. Beim Wegfahren mit dem 300SL Kabrio, Thomas' Wagen, legte ich statt des Rückwärtsganges den ersten ein. Prompt drückte ich einen hölzernen Gatterzaun um. Ich meldete den Schaden an der Kasse, kam dabei mit der Kassiererin in ein längeres Gespräch, erzählte, dass wir viele Jahre hier Schiegefahren seien und hörte fortan nichts mehr davon.

 

Noch ein letztes Wintererlebnis im Tannheimer Tal.  Mein liebes Weib war in dem großen Hotel für eine ganze Stunde verschwunden, trotz Suchens. Ich musste sie für kurze Zeit alleine lassen. Aber bei jedem Schritt weg vom Aufenthaltsraum verlor sie die Orientierung und irrte herum.

 

Eine letzte Reise ins Gebirge überhaupt  nach Bad Gastein genoss sie sehr. Ihr Sinn für Ästhetik verkümmerte zu keiner Zeit. Der Wasserfall mitten im Stadtgebiet faszinierte sie. Bei der Fahrt nach dort kamen wir am Sudelfeld vorbei und ausgerechnet da streikte der rechte Fensterheber. Es war kühl und wir mussten die Sache in Oberaudorf reparieren lassen.  Das wurde jetzt erzählt, weil das Sudelfeld uns ja vor mehr als fünf Jahrzehnten schon Schrecken bereitete.

 

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Nun bin ich wieder vierzehn. Meine liebe Mutter meinte, dass ich eine weiter führende Schule besuchen solle. Sie dachte an die Höhere Handelsschule in Göppingen. Also ging sie mit mir dort hin zum Direktor. Es ging um meine Aufnahme in die Vorklasse der Höheren Handelsschule. Dieser erste Anlauf bereitete keine Schwierigkeiten. Die Schule sah allerdings eine Einlassbarriere vor. Das Niveau des Aspiranten sollte abgetastet werden mit einem Aufsatz, sprich konkret mit dem Verfassen eines Feldpostbriefes.

Das bereitete mir keine Schwierigkeiten, denn ich habe damals mehrere solcher Briefe an meinen Onkel im Feld geschrieben. So auch jetzt. Ich erzählte halt vom Leben eines Buben in diesen Zeiten zu Hause. Nazifloskeln, mit denen man in der Zeitung penetrant traktiert wurde, obwohl es sich deutlich abzeichnete, dass der Krieg verloren war, vermied ich. Meine Mutter bekam Nachricht, dass ich in die erwähnte Vorklasse aufgenommen werde. Beim Termin der Einschreibung erschien der Direktor nochmals und sagte nebenbei, dass mein Brief als der beste eingestuft worden sei.

 

Nun trat ich in eine andere Schulwelt ein. Die Lehrer siezten uns. Die Mitschüler, täglich anreisend aus allen Winkeln des Kreisgebietes, teils zustoßend von der Oberschule, legten ein Gehabe an den Tag, das sich deutlich von dem Niveau der Volksschule unterschied. Ich fühlte mich wohl. Eine Klassenkameradin reiste aus Böhmenkirch auf der Alb an. Sie musste sich schrecklich früh auf den Weg machen. Erst mal nach Weißenstein, dann mit dem Dampfzügle nach Süßen, um in den Personenzug Ulm-Stuttgart umzusteigen. In den letzten Kriegsmonaten setzte uns die Schule für Grabungsarbeiten ein. Vor der Schule verlief ein mittelalterlicher unterirdischer Gang mit Zugang zum Gebäude. Ich vermute, man wollte so das Verlassen des Luftschutzkellers sicher stellen. Am letzten Schultag ging gar nichts mehr. Kein Zug mehr. Wir Schüler mussten zu Fuß nach Hause laufen. Wegen der Tiefflieger benutzten wir jedes Gehölz als Deckung.

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Dann kamen die Amis. Zum ersten Mal bekam ich einen Schwarzen zu Gesicht. Auf dem Bahnhof wurden Waggons geplündert. Die Beute bestand aus unendlichen Mengen Pomade. Sicherlich ein kriegswichtiges Produkt. Ansonsten ging es moderat zu im Vergleich zu anderen Gegenden Deutschlands. Aber alsbald mussten wir binnen einer Stunde unser Haus verlassen. Mitnehmen durften wir nichts. Einfältigerweise verschlossen meine Eltern alle Schränke und Schubladen.  Nach etlichen Wochen konnten wir wieder zurück. Im Haus stank es fürchterlich. Alles war versifft, die Schlösser aufgebrochen. Rückblickend meine ich, dass das Haus als Puff benutzt wurde. Wir bekamen mit, dass die Displaced Persons (DP) der Gummifabrik einzogen. Im Wohnzimmer entdeckten wir an der Decke Spuren eines offenen Feuers. – Als die Frauen abgezogen waren, hatte ich noch keine Kenntnis davon, dass sie, wenn sie Russland übergeben wurden, von Stalin durchweg nach Sibirien (GULAG) deponiert wurden und da meist zugrunde gingen.

 

Drei Wochen später bekam meine Schwester über und über rote Hautflecken. Der Grund war uns ein Rätsel, bis wir bemerkten, dass das ganze Haus verwanzt war. Sie nisteten in den Matratzen klüngelweise. An mich gingen sie komischerweise nicht. Oh Wunder, der Kammerjäger konnte zur Hand gehen.

Im Anschluss noch ein kurzer Einschub. Nach dem Abzug der Amis fanden wir auf dem Acker gegenüber haufenweise kleine runde Röllchen, ca. 1 cm lang, In der Dicke eines dünneren Zweiges, beidseitig waren feine Röhrchenenden zu sehen. Wir deuteten es als Pulver aus Kartuschen. Wenn man eines davon anzündete, gab es keine Explosion, sondern Zischen und Verpuffen. Natürlich experimentierten wir, füllten einen Tonblumentopf und bedeckten ihn mit einem flachen Stein. Dieses Mal gab es eine Stichflamme und der Topf zersprang. Immer größer wurde die Experimentiermenge, denn es gab dieses Pulver in Mengen, mit denen wir manchen Eimer füllten. 

Eine kleine Narbe über meinem linken Knöchel erinnert daran, dass wir Buben auch Patronen fanden. Da schlugen wir dann mit dem Hammer drauf, worauf die Explosion auf dem Fuße folgte. Prompt bohrte sich ein Splitter in den Fuß. Und? Das Bluten dauerte nicht ewig, aber der Eiter unter der Haut ließ nicht lange auf sich warten. Also Schnitt von der Hand des Arztes, ohne örtliche Betäubung. Ich schlotterte vor Angst.

 

Nun kam die Zeit, da die Schule wieder zu besuchen war. Jetzt die Höhere. Zu Beginn bekamen wir noch die legendäre Schulspeisung. Zweimal Bemerkenswertes ist zu berichten. Einmal fanden sich etwa sieben Mädchen und Jungens zu einer Clique zusammen, die auch an den Wochenenden sich zu gemeinsamen Unternehmungen, hauptsächlich Wandern, zusammen fanden. Mit dazu gehörte noch ein apartes Mädchen aus einer anderen Schule, die Freundin eines der drei Helmute. Einer davon besuchte nach der Mittleren Reife die Wirtschaftsoberschule in Stuttgart. Ich absolvierte erst mal eine Kaufmännische Lehre und folgte ihm dann nach zwei Jahren nach. Unser Kontakt reichte dann bis ins frühe Radolfzell.

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Die Gruppe war mal meine Rettung, denn in einer irrationalen Anwandlung zündete ich beim Wandern eine Grasfläche an, dürr, ansteigend zum Wald, kräftiger Wind. Kaum fing das erste Büschel Feuer, ging mir auf, dass das nicht mehr zu beherrschen war. Ich rief verzweifelt meine Begleiter zu Hilfe und mit vereinter Anstrengung ließ sich die Katastrophe verhindern. Heute noch atme ich tief durch. Man muss hier erzählen, dass ich wie beim Wort ‚Umgebbung‘ lange Zeit den Sinn des Wortes 'Lauffeuer' nicht kannte. Ich sprach es französisch aus, Lafför. Damals bekam ich die Bedeutung vorgeführt.

Zum anderen geht es mal wieder um einen Aufsatz. Also Fach Deutsch. Der Lehrer war invalide, also „unwert“, durch eine Verwundung aus dem Ersten Weltkrieg. Er trug einen Spitzbart, welche Art mir bis dahin unbekannt war. Der Titel des Aufsatzes hieß „Heimat“. Als er in der nächsten Deutsch-Stunde mit einem Bündel unter dem Arm ins Klassenzimmer kam, trat er mit wichtigem Gesicht zum Pult. Er las einen Aufsatz vor. Die Klasse applaudierte. Es war meiner. Dann kam mit seinem Verdikt der Schock. Das Elaborat hatte die Note „Fünf“ verpasst bekommen. Warum?  „Thema verfehlt!“ Dass es einen solchen Bewertungsgrund gab, wusste ich bis dahin noch nicht. – Nun aber ist der Drang in mir, etwas dagegen zu setzen, so groß, dass ich mich nicht zurück halten kann. Jahre später, im fünften Semester meines Studiums, belegte ich im Rahmen des Studium Generale „Deutsch“. Etwa 120 Kommilitonen folgten der Vorlesung. An Semesterende war wieder mal ein Aufsatz abzugeben. Thema „Heimat“.  Bei der Rückgabe las der Professor meinen Aufsatz als den gelungensten vor. Na also! Nun wusste ich oder nahm es an, dass ich leidlich zu schreiben vermag. Aber gemach, die saftigsten Bauchlandungen hatte ich noch vor mir.

Immerhin roch ich in meine Zukunft. Ich spielte Herausgeber der Klassenzeitschrift "Klassenspiegel". Sie wurde von mir auf der Schreibmaschine getippt und war Durchlaufexemplar.

 

Bei Beendigung der Höheren Handelsschule mit dem Status der Mittleren Reife frugen mich die zwei anderen ‚Helms‘, ob ich mich an einem Trip nach Berchtesgaden beteiligen wolle. Nachdem meine Mutter sich zu meiner Überraschung bereit erklärte, einen Obolus in Reichsmark zur Verfügung zu stellen, sagte ich zu, zu einer Reise, die mir als unvergesslich in Erinnerung blieb. Und es war der Sommer, in dem im Flachland sechs Wochen lang die Sonne schien, aber im Gebirge jeden Tag abends sich ein Gewitter zusammenbraute.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     29

Die Reise ging mit dem Zug nach Osten. Ziel war Berchtesgaden. Nun war ich damals noch nicht über Ulm an der Donau hinausgekommen. Also begann meine Aufmerksamkeit beim Grenzübertritt. Später, z. B. in Augsburg, registrierte ich mit Verwunderung, dass Zusteigende nicht etwa bayrisch, sonder schwäbisch schwätzten. Was wusste ich denn schon! Sitzplatz gab es keinen. Wir saßen auf dem Rucksack im Gang vor den Abteilen. In München brauchten wir nicht umzusteigen. Man merkt, dass wir im D-Zug waren. Auch etwas Neues für mich. Der Gang hatte bekanntlich große Fenster, vor dem man Platz einnahm. Das hatte einen Vorteil. Denn als nach München das Gebirge sich aus dem Süden immer näher schob,  hatte ich, man staune, keine Schwierigkeit, es als die noch nie gesehenen Alpen auszumachen.

 

In Prien unterbrachen wir die Reise, weil wir Herrenchiemsee besichtigen wollten. Diese Destination stammte nicht von mir, denn vom Chiemsee und seinem berühmten Schloss hatte ich bis dahin keine Ahnung, meine ich mich erinnern zu können. Es ging nun darum, übers Wasser auf die Insel zu kommen. Diese Quasitautologie ist beabsichtigt, denn noch nie war ein solches Tun eine Aufgabe. Also, wir brauchten ein Boot. Ein Ruderboot war am Ufer schnell zu finden. Sie waren nicht besonders gesichert. Und die Paddel nahm man nicht nach Hause mit. So ruderten wir denn hinüber, drangen in das dichte Schilf ein bis der Bug auf Grund lief. Wir merkten uns den Ort für die Rückfahrt. Im Schloss Ludwigs II selbst blieb mir der Mund offen stehen. Aber von einem Spiegelsaal in Versailles hatte ich schon gelesen. 15 Jahre später erst kam ich wieder. In einer Tragetasche das Christianbaby zwischen seinen Eltern. Diese lernten bei dieser Gelegenheit auch noch die Fraueninsel kennen.

Unser Bubenbesuch fand statt ein Jahr, bevor eine frühe Fassung des GG auf Herrenchiemsee entworfen wurde.

In Freilassing Umsteigen in den regionalen Zug nach Berchtesgaden. Das wird erwähnt, um bemerken zu können, ich hatte keinen Anlass damals, einen Blick in die Zukunft werfen zu wollen. Freilassing fuhr ich in meinem Leben mehr als zwanzig mal an. Natürlich auch Bad Reichenhall, aber nur einstellig Berchtesgaden.

 

30

Wenn ich vor 1988 abends um 18 Uhr dort Feierabend machte, beendete ich meine Tour meist über den Lofer und Arlberg, um wieder nach Hause zu kommen. Damals gab es noch keine Autobahn Lindau – München.

 

Ich hatte bereits eine Vorstellung von der Lage und dem Umfeld der Stadt, weil ich Ganghofers „Der Mann im Salz“ gelesen hatte. Aber die Altstadt überwältigte uns in ihrer dekorativen Schönheit.

Wenn man von Norden her nach Berchtesgaden kommt, so sieht man links den Hohen Göll, geradeaus liegt der Königssee mit dahinter gelagertem Steinernen Meer und halbrechts die Watzmannfamilie. Rechts liegt die Ramsau mit der berühmten viel fotographierten Kirche am Fluss, der Salzach. Unsere erste Sorge war die Quartiersuche. Wir hätten gerne bei einem Bauern übernachtet, im Heu, also in der Scheune. Die fanden wir alsbald, am Hang, dem Hohen Göll zu. Man muss sich erinnern, dass wir in dem weiten Tal jedweden Punkt nur per Pedes erreichen konnten, denn Taxifahren war unerschwinglich. Für jedes Vorhaben benötigten wir viel Zeit, die wir aber hatten. Das Abendessen in einer zünftigen Bayernwirtschaft in der Altstadt musste also stets erlaufen werden. Zum Glück gewannen wir bei der jungen Kellnerin einen Stein im Brett, wie man so sagt. Kein Wunder, wir Kerle legten ein aufgeräumtes Gemüt an den Tag. Praktisch machte sich das bemerkbar dadurch, dass wir manche Mahlzeit bekamen ohne dass von unseren Lebensmittelkarten Punkte abgeschnippelt wurden.

 

Als wir Hitlers Teehaus „Kehlstein“ angingen, taten wir das über die Alm Scharitzkehl unter dem Hohen Göll. Von dort aus bot uns das Gelände gleich zu Anfang die Stirn. Anstatt eines Wanderweges fanden wir grobe hölzerne Leitern vor, die schwankend und wankend die Geländeeinschnitte überbrückten. Ich profitierte sehr von meinem intensiven Dreimeter Brettspringen im Schwimmbad. So hielt sich der Schwindel in Grenzen. Da die Amis in Berchtesgaden wegen des Hohensalzbergs, Hitlers Bastion, eine Großgarnison etablierten (wie auch in GAP) war natürlich auch der Kehlstein Verbotene Zone. Wir mussten unser Mahl mit dem Esbit-Brenner außerhalb der Absperrung auf dem Fels herrichten.                                  

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        31

Bekanntlich war der Kehlstein mit einer steilen Straße voller Kehren erschlossen. Ich habe gelesen, dass heutigentags das Hinauffahren nur mit dem Shuttle erlaubt ist. Damals aber befuhren die Amis die Straße mit ihren protzigen Schlitten. Wir liefen sie hinab. Die Amerikaner schmissen ihre Longsize-Zigaretten schon nach wenigen Zügen aus dem Fenster und wir sammelten ihre Kippen, so viel, dass wir in den drei Reisewochen genügend Tabak für Selbstgedrehte hatten. Ich rauchte bis zu meinem 31. Lebensjahr, blieb aber später ein Leben lang Raucher, denn als ich Jahrzehnte später eine wiedergefundene Pfeife stopfte, und den ersten Lungenzug machte, erwartete ich einen Hustenanfall. Er blieb aus. Ich ließ fortan die Finger vom Tabak.

 

Als nächsten Trip sahen wir uns den Königssee an, nur vorne an der Lände. Wir wussten aber, dass da hinten das malerische Bartholomä unser Kommen erwartete, samt zerklüfteter Watzmann-Ostwand. Wir hatten in Prien die Ruderboot-Kaperung als sehr praktisch kennen gelernt und dachten an eine unverzügliche Wiederholung. Tatsächlich ergatterten wir ein sehr handliches Ruderboot und nahmen Kurs gen Süden in das wilde Gebirge hinein. Alle drei waren wir überwältigt von der gewaltigen Kulisse. Wir legten an, kehrten kurz ein und machten uns an die lange Rückfahrt. Auch sie war sehr kurzweilig, wenn auch schließlich sehr mühselig. Denn es geschah etwas Unvorhergesehenes. Auf halber Strecke kam uns ein globiges Ruderboot entgegen, besetzt mit einem halben Dutzend Soldiers. Die wollten von uns etwas, denn sie riefen schon von Weitem „You damn‘d boys!“ Sie schnitten uns den Kurs ab und zwangen uns zum Bootswechsel. Das Rudern mit dem großen Boot strengte uns über die Maßen an und das Vergnügen schmolz zusammen. Aber wir kamen rechtzeitig vor der Dämmerung wieder bei der Lände an.

 

„Der Mann im Salz“ begründete meine besondere Neugierde, den Geschehensort dieses Romans zu besichtigen. Ich erinnere mich nur an zwei Gegebenheiten. Da unten fuhr man im Boot über einen respektablen Salzsee. Und um zu ihm zu gelangen, galt es, leicht und rasch nach unten zu gelangen und zwar nach alt herkömmlicher Art. Es gab einen Rutschbalken, den man mit einem Rutschleder unterm Hintern hinunter sauste. –  Ein weiteres Salzbergwerk nahm ich noch in Augenschein bei Heilbronn und dann noch das gewaltige unterirdische Hallen-Monument in Polen, Wieliczka, an dem man nahe vorbei kommt, wenn man von Krakau nach Zakopane reist.

 

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Nun hatten wir noch ein Zwei-Tage-Unterfangen vor, nämlich den Watzmann, Deutschlands zweithöchsten Berg, nicht zu erklimmen, sondern halt zu ersteigen. Schließlich ist er ja ganz schön hoch.

Davor lag das Durchqueren des ganzen Talkessels von Ost nach West. Allein das verschlang Stunden, bevor der Anstieg zum Watzmannhaus überhaupt erst begann. Daher brachen wir in der Morgendämmerung auf. Das Watzmannhaus liegt etwa auf halber Höhe. Im Frühjahr 2017 begegnete ich in der ZEIT einem Photo von ihm als Destinationsvorschlag. Also noch jetzt bekam ich ein Gefühl des Stolzes. – Das Haus war völlig überfüllt, man staune! Wir schliefen auf blankem Bretterboden direkt unter dem Dach. Damals kannte man noch keine Isomatten und eine Decke zum Draufliegen gab es auch nicht mehr. Sicherlich froren wir auch. Bis heute verliere ich nicht die Erinnerung an die Knochen- und Gliederschmerzen, die man in der Nacht bekam. Am nächsten Morgen ging es wiederum früh weiter nach Oben. Hernach war der Abstieg ins tiefe Tal hinunter fällig. Eindrücke vom Gipfel bringe ich nicht mehr zusammen, statt dessen – unvergesslich – den Fund eines Absatzes von einem Frauenschuh. Der Absatz offenbarte, dass die Trägerin keine Wanderschuhe für nötig befunden hatte.

 

Nach einem Ruhetag ging es an die Abreise. Wir bedankten uns beim Bauern nicht zuletzt auch dadurch, dass wir in der Dämmerung ein paar Kartoffelstauden nicht etwa auf seinem Acker zogen, sondern etwas weiter weg fündig wurden..

 

Ich muss hier verdeutlichen, dass ich zur Route der Reise überhaupt nichts beigetragen hatte. Das baldowerten die zwei Helms. Wie man sieht, durchaus gekonnt. Wir machten noch Station in Unterwössen im Marquartsteiner Tal. Kaum war ich zu Hause, bekam ich mit, wie ein Kunde auf der Post ein Päckchen nach Unterwössen aufgab. Auf dem Programm stand das Ersteigen des Hoch Gern. Beim Abstieg beging ich mal wieder einen aberwitzigen Exkurs. Ich schlug den beiden vor, einen offensichtlich abkürzenden Weg querfeldein zu nehmen. Sie lehnten ab. Ich jedoch zweigte ab. Aber ich geriet sehr schnell in schwieriges Gelände, wodurch durchaus ein Absturz möglich wurde. Woher sollte ich auch nur geringe Kletterkünste gewonnen haben? Zum Glück kam doch die Einsicht, dass ich wieder zu den Beiden stoßen musste, was nunmehr schwierig genug war. Natürlich wurde ich mit Häme erwartet, zurecht.

 

Nunmehr begann der Ernst des Lebens: Ich hatte meine zweijährige Kaufmännische Lehre anzutreten. Lehrherr war natürlich die Kammgarnspinnerei. Mein Weg zur Lehrstätte war so überaus kurz, halt über den Kanal. Die äußeren und inneren Örtlichkeiten waren mir bekannt. Ausbilder war ein älterer Personalchef wirklich alter Schule. Mir gefiel die Lehrzeit überhaupt nicht. Aber es stehen doch vier Erzählungen an.

 

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Zuerst die erfreuliche. Die Reichsmarkzeit war durch die Währungsreform, die die Deutsche Mark, die DM, brachte, Vergangenheit geworden. Der Export gedieh zunehmend und für einen Anteil der Devisen konnte der Betrieb begehrte Nahrungsmittel für die Belegschaft importieren. Endlich verschwand der Mangel und der Hunger.

Dann das Skurrile: Ich bekam die Portokasse übertragen. Beim monatlichen Abschluss warf ich ein kleines Defizit aus. Das war noch gar nie dagewesen und ich hatte mich zu rechtfertigen. Aus zwei Gründen ging aber der Schuss nach hinten los. Erstens konnte ich darauf hinweisen, dass buchstäblich jedermann im Büro Zugang zu den Briefmarken hatte, zweitens stellte sich so heraus, dass der Vorgänger den Portokassenbestand manipulierte und drittens war der kontrollierende Personalchef blamiert.

 

Oben über dem, Büro unter dem Dachstuhl befand sich das Altaktenarchiv. Dort wimmelte es von Mäusen, was man am Kot sah. Sie ernährten sich von Papier. Die Treppe dort hin ging vom Klo-Vorraum aus. In ihm entdeckte ich eines Tages ein Exemplar der Mausspezie. Nach etlichen Versuchen sie zu fangen, war sie plötzlich verschwunden. Nachdem ich mit dem Händewaschen fertig war, verspürte ich in der rechen Hüftgegend Bewegung, Krabbeln. Ich drückte unbarmherzig mit den Fingern zu - schließlich fuhren wir Buben auf dem Acker mit dem Zeigerfinger routiniert die Mausgänge dicht unter der Erdoberfläche entlang, bis das Nest mit den Jungen erreicht war. Einmal biss mich eine tapfere Mutter in die Fingerkuppe. So siegte sie denn.

 

Ich war mittlerweile 18 geworden. Nunmehr heimste ich buchstäblich die zweite Backpfeife meines Lebens ein. Aber so spät noch? Das kam so:  An einem Samstag kam der andere Lehrling bei mir vorbei und richtete aus, dass der Verkaufsleiter mich zu sich beorderte, um einen Brief zu tippen. Ich ließ zurückmelden, dass ich keine Zeit dafür hätte und man könne mich gerne haben. So! Dann kam der Lehrlingsbote noch einmal und drängte mich ultimativ. Also erbarmte ich mich. Als ich dem Verkaufsleiter gegenüber trat, verpasste er mir wortlos das Wangenstreicheln. Nun explodierte ich. Ich schrie den Mann lauthals an. Was ich schrie, weiß ich nicht mehr. Und nun geschah Unerwartetes. Der Verkaufsleiter entschuldigte sich und ich lenkte ein. Viel später lud er mich mit meiner damaligen Freundin zum Abendessen bei sich zu Hause ein.

In der Zwischenzeit wurden wir eine Art Freunde. Was blieb, war die Erkenntnis, dass das Lautwerden ohne Rücksicht auf die Folgen eine Waffe war.

Und als letztes. Als der rustikale Schwiegersohn des Fabrikanten, Prokurist für den Einkauf, erfuhr, dass ich mich in Stuttgart bei der Wirtschaftsoberschule angemeldet hatte, stänkerte er. Aber nur so lange, bis ich ihn anhielt und ihn frug, ob er denn etwas dagegen habe, dass ich noch das Abitur erlangen wolle. Nein, beteuerte er, natürlich nicht. Auch an dieser Front herrschte nun Ruhe. -

 

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Es galt, nun noch die Lehrabschlussprüfung abzulegen, mündlich, denn mein Zeugnis zur Mittleren Reife ersetzte die schriftliche. Dazu sollte ich vor der IHK in Stuttgart erscheinen, denn ich besuchte mittlerweile dort die Wirtschaftsoberschule. Heute heißen sie Wirtschaftsgymnasium und es gibt sie allerorten. Damals gab es in Württemberg nur eine. Über diese Prüfung ärgere ich mich noch heute. In Buchführung bekam ich an der Handelsschule eine Zwei, im Kaufmannsgehilfenbrief eine Vier. Meine Kenntnisse schrumpften durch Vergessen, weil ich ja zwei Jahre lang dem Stoff dieses Faches nicht mehr begegnete. Vom Besuch der Kaufmännischen Berufsschule war ich befreit.

Wiederum gelang es mir drei Jahre später, im Abiturzeugnis diese Scharte auszuwetzen.

 

Bevor die Wirtschaftsoberschule angegangen ward, ist ein Freund, sagen wir, es ist der Bertram, vorzustellen. Er ist ein Schulkamerad aus der Höheren Handelsschule, aus tiefreligiöser katholischer Familie stammend. Er war gewissermaßen ein Sonntagsfreund, denn wir verbrachten die zwei Jahre der Lehre den Sonntag vielfach gemeinsam. Das Besondere an diesem Freund war, dass uns der Gesprächsstoff nie ausging. Es wurde immer nach unseren Möglichkeiten tief geschürft, ich bekam auch manchen Berührungspunkt mit der katholischen Welt, weniger mit deren Glaubensinhalten, als vielmehr mit der Glaubenstiefe. Der Bertram hatte noch drei Schwestern, die älteste war hin und wieder angriffig mir gegenüber, aber nicht mit Ablehnung unterlegt. Vor etlicher Zeit versuchte ich ihn zu ergoogeln. Aber leider kamen auf dem Bildschirm nur kirchliche Messetermine. - Seine Mutter war immer kränklich, aber am Tage meiner Hochzeit zehn Jahre später lebte sie noch und ich holte sie spontan zu meiner großen Feier. Das war mir eine außerordentliche Genugtuung. Möglicherweise mochte sie mich auch und sie sagte nicht nein.

 

Noch etwas Spinniges, das erst dann interessant wird, wenn man sich in es vertieft und ausleuchtet. Damals war unter den jungen Leuten der Siegelring en vogue. Auch ich musste einen Siegelring als Statussymbol besitzen, unbedingt. Unter Silber ging es nicht und das Finanzielle war durchaus ein Kraftakt. Überhaupt überfiel mich hin und wieder eine Obsession des Besitzen-Müssens. Davon wird gleich nochmals zu erzählen sein. Aber jetzt im Rückblick, nachdem ich die Kaufwut eines späteren Freundes als lächerlich eingestuft hatte, muss ich meine Einschätzung eigentlich relativieren wenn nicht gar revidieren.

Nun aber zum Schulbesuch in Stuttgart für die nächsten drei Jahre. Das war zumindest im Anfang ein gewaltiger Einschnitt im Lebensablauf. Zuerst die Umstände. Ich musste sehr früh aufstehen. Immer richtete mir meine Mutter Frühstück und Reisevesper zurecht. Der Schulweg betrug hin und zurück genau 100 km – werktäglich. Er wurde zurück gelegt mit dem Personenzug, was bedeutete, dass er an jeder Station hielt, mehr als ein Dutzend mal. Die größeren Halte waren Göppingen, Plochingen (Im Karl-May-Band "Im Reiche des Silbernen Löwen" stammt eine Figur aus dem Städtchen.) und Eßlingen. Überall stiegen Klassenkameraden zu, denn das Einzugsgebiet war ja riesig.

 

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Sobald eine Gruppe Schüler beisammen waren, ging es kurzweilig zu. Karten spielen war die Hauptbeschäftigung. Eine große Auswirkung hatte, dass ich der Ärmste war. Die anderen kamen ja durchgängig aus gut situierten Familien. Beamte, Fabrikanten, Rechtsanwälte, Ärzte etwa. Das machte sich schmerzlich bemerkbar beim Rauchen. Immer wieder bot man mir eine Zigarette an. Ich musste mich hin und wieder revanchieren. Es gab jedes Mal einen harten Kampf mit meiner Mutter, bis sie einen kleinen Betrag herausrückte. Ich wurde öfters von diesem oder dem anderen Mitschüler eingeladen zum Kaffe und so. Das bot keine Schwierigkeiten, waren doch meine Manieren manierlich, wie man von mir schon erklärt bekam. Mir wurde der ähnliche soziale Hintergrund wie selbstverständlich zugeordnet. Aber ich konnte mich quasi nicht in gleicher Weise präsentieren.

Der Schulweg war am Hauptbahnhof, der jetzt Furore macht, noch nicht zu Ende. Die Wirtschaftsoberschule residierte oben am Feuersee, eine halbe Stunde Fußweg nach dort. Man sieht, um die vier DM Straßenbahngeld monatlich einzusparen, legte ich am Zeppelinbau los, am Königsbau und Neuem Schloss vorbei. Ich passierte den Rotebühl-Platz und noch weiter. Zurück das Gleiche nach Schulschluss. Ich war da drei Jahre ohne Begleitung. Morgens kam ich fünf Minuten zu spät.

 

Einmal lief ich dem Direktor in die Arme. Er war ein Choleriker und machte mich ohne Umstände zur Sau. Strafen wurden angedroht. Ich trug natürlich den Grund meines Zuspätkommens vor. Verbal ging er nicht darauf ein, aber Weiterungen unterblieben.

Vor dem Bericht über den Einschulungstag noch ein weiteres Siegelringtun. An der Königsstraße lief ich zwei mal täglich an einem Schaufenster eines eleganten Schuhgeschäftes vorbei. Dort standen lange ein Paar Schuhe, lange deshalb, weil sich kein anderer Idiot sich ihrer erbarmte. Fünfzig DM kosteten die Dinger. Was war der Grund meiner Begierde? Die Schuhe waren aus, man staune, blauem Wildleder! Ein Ferienjob verschaffte mir den Kaufpreis.

 

Der erste Schultag, die großen Ferien waren vorüber, legte den Grund zu einer bis heute währenden Freundschaft. Auf dem Schulhof in der Knospstraße standen morgens die Schülerinnen und Schüler der seit etlichen Minuten gewordenen „Siebener“, meines Erinnerns vier Parallelklassen. Ich wusste, dass ich zur A-Klasse gehören würde. Später kam ich auch in eine B-Klasse. Die Mitschüler der A-Klasse blieben mir aber als die sympathischten in Erinnerung. Diese Schüler und Schülerinnen standen in Klumpen zusammen und unterhielten sich rege und bewegten sich durcheinander. Es war offensichtlich, sie kannten einander. Sie waren frühere „Sechser“. Ich konnte ihnen nicht ansehen, welcher Klasse sie zugehörten. War ich der einzige, der neu dazustieß? Natürlich hielt ich mich abseits. Wahrscheinlich machte ich einen etwas hilflosen Eindruck.

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Aus dem Riesenhaufen kam ein Junge, auf dem Kopf lockige Haare (meine lichteten sich bereits, aber man sah es noch nicht). Ich sage ‚Junge‘, denn ich war ja zwei Jahre älter, nämlich 19. Es sei aber darauf hingewiesen, zeitlebens konnte ich diese zwei Jahre verstecken, weil ich halt jünger aussah, als ich bin. Nunmehr taxieren mich die Leute vier oder gar fünf Jahre jünger.) Man muss wissen, dass der Großraum Stuttgart einen durchaus eigenen, gefälligeren Dialekt spricht, zum Unterland hin noch deutlicher. Je mehr es Ulm oder der Alb zugeht, desto rauher der Dialekt. Unvergesslich bleibt mir das „Werle waur“ meiner Großmutter väterlicherseits, von der Ulmer Alb. Diese zwei Worte konnte ich erst später mit fortgeschrittener Sprachbildung deuten, nämlich ‚wirklich wahr‘.

 

Also, dieser Typ war der einzige, der sich für mich interessierte, was zur Voraussetzung hatte, dass er seine Augen wandern ließ. Natürlich stellte er sich nicht höflich vor, vielmehr wollte er wissen, woher ich komme, welcher Klasse ich zugewiesen war, warum ich erst jetzt auftauche und nicht schon wie die vielen ein Jahr zuvor. Ich meine, dass ich bereitwillig Auskunft gab. Ob jetzt oder später bekam ich mit, dass er Backnanger war. Auch dort ein abweichender Hauch von Dialekt. Zeitlebens nehme ich die Dialektvarianten intensiv wahr, weshalb ich gegen die nordischen Schnellschwätzer höchst empfindlich bin. Und bei den Schweitzern gar! Aber das nordische Platt mag ich.

Also, für den Start einer bis heute haltenden Freundschaft, war diese Zuwendung schon genügend deutlich, dass meine Sensoren und Zugangstüren weit geöffnet blieben. Aber die Vertiefung der Freundschaft hatte wohl zwei Gründe. Diesem Hugo – so sei er genannt, ich versprach ihm, dass ich seinen Namen nicht preisgäbe – eignete eine durchaus leicht ambivalente Eigenschaft. Sagen wir mal, ihm konnte eine sich temporär zeigende Brutalität anhaften. Ich muss vorsichtig sein, denn er wird das ja möglicherweise lesen. Wenn man ihn reizte, dann boxte er, in einem rasenden Trommelfeuer von Tempo. Und auch verbal konnte er zulangen. Ich dagegen hatte bis dahin nur Jiu-Jitsu getrieben, was bekanntlich jeglicher Agressivität entbehrte.

 

Er war längere Zeit mein Nebensitzer. Er sprach gut Französisch, ich konnte nur radebrechen, gab es doch auf der Höheren Handelsschule keinen derartigen Sprachunterricht. Was ich konnte, erwarb ich mir an der Volkshochschule. Aber er hielt mich auf einer Vier im Zeugnis, sogar beim Abitur. Deutlicher: Er bewahrte mich vor einer Fünf, was bekanntlich für die Versetzung relevant war.

Und dann war er ein großer Schwimmer vor dem Herrn. Noch im Alter errang er den Württembergischen Altherren-Titel. Ich dagegen, ich war stilistisch und in den Schwimmstilen nicht gar ganz abgefallen, im Schwimmverein wurde ich zwar trainiert, aber mir fehlte die Kraft in den Oberarmen. Die wuchs mir erst vor dem Studium zu, durch einen Interimsjob. – Irgendwann in der achten oder neunten Klasse fand ein Schwimmfest statt, an der alle Schulen des Großraums Stuttgart teilnahmen. Die WO war Schulsieger, dank des Tempos, das mein Hugo vorlegte.

 

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Zwei oder einmal in der Woche besuchten wir nachmittags das Heslacher Hallenbad. Es hatte eine 50 m-Bahn und 3-m-Sprungbrett. Wir konnten dabei den Weg dorthin abkürzen, weil man nur durch einen Tunnel gehen musste und schon waren wir da. Damals tauchten wir glatte 50 m, allerdings mit Sprung vom Beckenrand. Eines Tages, ich weiß nicht mehr aus welchem Anlass, gelobten wir uns feierlich mit Handschlag, darauf zu verzichten, der Welt vor dem hundertsten

Lebensjahr adieu zu sagen. Nun haben wir das Versprechen zu einem großen Anteil an Jahren eingehalten. Dabei, um es vorweg zu nehmen, der Hugo ist zwei mal von der gewissen ominösen Schippe gesprungen. Einmal fuhr ein Amimilitärfahrzeug auf der Autobahn über die Mittelplanke und prallte frontal auf. Es gab schlimme Brüche und Verletzungen. So war er gezwungen, seinen Körper unablässig zu trainieren und die Versehrungen zu heilen. Schließlich befielen ihn zwei Tumoren im Darm, es ist schon lange her. Chemo lehnte er ab. Er vertraute der außerordentlichen Kunst und Sorgfalt wiederum sorgfältig gewählter Chirurgen. Bravo ist da nur zu sagen.

 

Und eines Tages verunglückte ich auf der Alb abends auf der Heimfahrt unendlich dramatisch, mit der Folge von einer schmerzenden Druckstelle an der Schulter vom Gurt. Die Albsträßchen waren damals in den frühen 8oer-Jahren teilweise noch in einem verheerenden Ausbauzustand. Schmal und geteert unter Einsatz von Rollsplitt. Auf einem kurvigen Kurs fuhr ich wie üblich mit viel Gas, mehr als 100 km/h. Dann blendete mich von ferne ein Entgegenkommender, der erst mal einen weiten Rechtsbogen zu fahren hatte, bevor er, näher gekommen, sicherlich abgeblendet hätte. Ich jedoch geriet mit dem rechten Hinterrad in der ja nun beginnenden Linkskurve auf den Randsplitt. Das Heck rutschte weg. Die Motorhaube rammte im rechten Winkel den linken steilen Randhang. Das Heck hob sich und der Wagen landete auf dem Dach oben im Ackerboden. Kopfüber rutschte das Auto in entgegen gesetzter Richtung. Die Ackererde schob sich in den Innenraum durchs gebrochene Frontfenster. Dann erreichte der Karren wieder den Straßenhang, fiel auf seine Räder und wurde vom Straßengraben noch viele Meter geführt. Dabei flog alles weg, was denn konnte: rechte Räder, Stoßdämpfer. Die Polizei zählte anderntags die gefällten Randstäbe, die schon für den kommenden Schneefall gesteckt waren. Natürlich hatte ich einen Schock. Der Abschleppdienst war ohne mein Dazutun auch schon da. Ich wartete im Balinger Bahnhof auf die Polizei. Natürlich musste ich blasen. Mein kurz zuvor gekaufter Konjak wurde konfisziert. Promillle hatte ich ja keine. Mein Gurt hat mir das Leben gerettet. Das Geschehen beobachtete ich mit Staunen, Angst hatte ich nicht. Übrigens: Schon damals stand ich mit dem Heiligen Antonius auf gutem Fuße.

 

WO: Ein erstes übles Erlebnis in der Schule ereilte mich allsogleich. Mathestunde. Es ist wahr, es gibt schon Armleuchter als Pädagogen, zum Glück aber auch tolle Lehrer, in Deutsch und Geschichte wurden mir von ihnen regelrecht die Tore geöffnet in eine Welt, in der ich mich noch heute bewege.

 

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Die Klasse hatte im Schuljahr zuvor den Satz des Pythagoras durchgenommen. Nun, in der ersten Stunde wollte der Lehrer prüfen, was hängen geblieben war. Also: „Soll rauskommen …. --- Lang“. Er hatte den Namen in seiner Schülerliste gelesen und war ihm natürlich im Unterbewusstsein neu.

Also stand ich vor der Klasse und hatte einen tollen Einstand, dergestalt, dass ich dem Prof sagte, dass ich nicht wüsste, wer der olle Grieche sei. Und dass er überhaupt einen Satz gesagt haben soll, war mir eingängig, warum sollte er denn geschwiegen haben? Aber sein möglicher Inhalt war mir unbekannt, denn auf der Höheren Handelsschule wurde davon nichts gelehrt. – Nun versuchte ich darüber aufzuklären, dass ich frisch von einer anderen, anders gearteten entfernten Schule käme und was Sache sei.

Der Typ hörte gar nicht zu. ‚Setzen fünf‘. Und wiederum erscheint die Zahl wie damals bei meinem Aufsatz mit dem verfehlten Thema im Zeugnis. Nun aber arbeitete ich verbissen auf eine Zwei hin und erreichte sie schließlich. Die bestehenden Wissenslücken schloss ich in Eigensuche. Das hatte den Vorteil, dass ich mir in Mathe einen erfolgreichen Lernstil zulegte, nicht aufgab, bevor ich es begriff. Es reichte dann später zu kameradschaftlichem Hilfsunterricht für manchen, der sich schwer tat. Aber hier anderen Ortes wird erzählt, dass der Nebensitzer-Peter, ein Templer, mir eines Tages bei einer Arbeit eine Formel zuschob, um die ich bat weil nicht behalten. Diese Schummelei war aber nichts anderes als die gerechte und ausgleichende Retourkutsche für die Ungerechtigkeit beim Einstand. Allerdings brachte ich den Peter dazu, eine Sünde zu begehen.

 

In dieser Zeit ging es natürlich auch um die Liebe. Bevor ich auf mich komme, muss ich, weil ich aus Gemütsgründen involviert war, von Hugo‘s Melle erzählen. Das war, nur im Rückblick harmlos zwar, eine Geschichte zum Heulen. Die Melle war hübsch, ein Kumpel und von einer Wesensart, von der ich Vieles an und bei meinem geliebten Weibe wiederfand. Allein dieser Vergleich ist eine Verbeugung. – Ich bekam die Anfänge dieser Beziehung nicht unmittelbar mit, vielleicht geriet auch Einiges in Vergessenheit. Aber irgendwann begann das große Kriseln, warum, so ganz blickte ich nicht dahinter. Sollte dieser irritierende Hugo irgendwann, so lange er und ich noch leben, noch etwas Beisteuerndes heraus rücken, brauchbar für ein Memorabilium, soll es nachgetragen werden. Die Melle begann sich aus purer Verzweiflung an mich zu klammern mit der Bitte, doch alles zu tun, um eine Heilung hin zu bekommen. Warum sie annahm, dass ich dazu in der Lage wäre, weiß ich nicht. Es war ein Irrweg. Dieser Hugo war in Sachen Liebe für mich eh undurchschaubar, er gab eigentlich auch nichts preis. Die Melle litt furchtbar. An einem Sonntag überraschte sie mich mit einem Besuch um zu erfahren, ob ich einen Strohhalm gefunden hätte. Ich hatte leere Hände und fürchtete, dass sie in Tränen ausbrach. An dieser Stelle ist bei mir ein Filmriss, was das Erinnern und weiteres Geschehen anbetrifft.

 

In den drei Jahren WO geschah ja Manches. Z. B. im Zug. Zuerst Blamables. Im Winter verzögerte sich die Abfahrt Richtung Ulm. Ich öffnete das Fenster zum Bahnsteig im Hbf. und schaute. Das dauerte. Da meldete sich ein weiterer Fahrgast aus der Nebensitzreihe, ich möge doch das Fenster schließen, weil ihn friere. Das tat ich, aber ich sagte zu ihm, er hätte sich halt von zu Hause einen Ofen mitbringen sollen. Der Mann sagte nichts. Nach einer kurzen Weile dämmerte mir, dass ich mich selten ungezogen und auch dämlich benommen hatte. Zur Freude des Mannes und auch zu meiner heutigen raffte ich mich auf, mich zu entschuldigen. Weiter: Zwei mal pro Woche fuhr ein aufgeräumter Mann mit uns nach S, jawohl, mit unserer Clique, denn er fand uns immer. Er war bepackt mit einer großen Tüte, aus der er verteilte: Bananen, Kekse, Schokolade und so fort. Er setzte sich nie gegenüber einem Mädchen. Wenn er ein Knie von uns Jungens zwischen seine Haxen bekam, klemmte er zu. Wir brauchten nicht groß zu deuten, wir waren richtig gutmütig. Der Mensch war ja auch gar nicht so übel. Aber ich wurde sensibilisiert. Von dieser Welt hatte ich keine Ahnung. Heute bekommt man es in der Schule unter dem Stichwort „Sexuelle Orientierungsvariabilität“ sogar gelehrt. –

Als ein mittelalter sehr sympathischer Mann Kontakt zu mir suchte, machte ich aus Neugierde ein Stück weit mit und ließ mich zum Mittagessen einladen. Der Mann war sehr korrekt, nicht einmal andeutungsweise gab es mehrdeutige Signale. Trotzdem reichte es mir und ich verweigerte weitere Kontakte.

 

Ich kann die drei Jahre zeitlich nicht mehr genau aufdröseln. Irgendwann tauchte völlig überraschend einer der drei Helms bei mir auf, mit einem Motorradfurzer. Er war derjenige Helm, der beim Berchtesgadener Trip dabei war, in der Handelsschule eine Zeitlang mein Nebensitzer. Er war ein derber Typ, in der Sprache ungemein direkt. In fortgeschrittener Zeit, vielleicht in den 90er Jahren, bekam ich von ihm einen Anruf. Er lebte in Bad Harzburg, war in Radolfzell bei einer Strickerei zu Besuch. Nach der Handelsschule gründete er eine temporär existierende Strickerei. Daher die immer noch gegebene Affinität zur Branche. Er wollte mich mit seiner Frau besuchen. Ich freute mich auf ihn, denn er war ein patenter Kerl. Eigentlich war er der Anlass, warum ich ein langes Leben am Bodensee verbringen konnte. Aber bei diesem Besuch entgleiste er halt wieder in altbekannter Manier. Er beleidigte beim Abendessen seine Frau mit einer Wortkategorie, die ihren Platz hinten hat. Das war seiner Frau, mir und meiner Renate höchst peinlich. Allein, dem Begriff begegnete ich davor öfters auch in besseren Kreisen.

 

Also, der derbe Helm forderte mich auf, auf dem Rücksitz eine weite Reise anzutreten, nämlich nach Lindau am Bodensee. Spontan setzte ich mich auf den Rücksitz und wir fuhren über Ulm, Biberach und Ravensburg auf damals noch einfacheren Bundesstraßen. Helme, nunmehr Gegenstand, gab es noch nicht. Unterwegs machten wir in Oberschwaben Rast. Später fuhr ich an diesem Ort am Waldesrand noch ungezählte Male vorbei. Jedes Mal kamen die Erinnerungen wieder hoch, von denen hier teilweise zu lesen ist. Ich blieb in Lindau an die drei Wochen in seinem Elternhaus. Seine Mutter war eine sehr feine Frau. Sie charakterisierte meine Nase als griechisch. Das war ein Kompliment, das ich deshalb behielt, weil ich nur sehr wenige in dieser Art überhaupt bekam.

 

Aber nun zum Bodensee! Ich fand ihn mit seiner Bergkulisse – Pfänder, Säntis, Rheintalberge – gigantisch beeindruckend. Der Helm(ut) führte mich in sein Umfeld ein. Da war ein Jupp, ich muss nicht erzählen aus welcher Gegend Deutschlands er stammte, doppelt so alt wie der Helm und ich. Er hatte eine tuberkulosekranke Frau, die im Sanatorium im Hinterland lebte, leben musste. Er besuchte sie regelmäßig, aber natürlich konnte eine Ehe so nicht gelebt werden. Das Drama zog sich lange hin. Später heiratete er nochmals, hatte zwei Kinder, einen etwas missratenen Sohn und eine Tochter, die Jura studierte und Rechtsanwältin wurde. Es hat einen Grund, weshalb diese Details erzählt werden. In den Anfängen meiner Selbständigkeit – sie dauerte von 1968 bis heute, mein jetziger Arbeitgeber ist die Rentenanstalt – saßen wir mit dem lieben Freund und seiner Frau auf unserer Terrasse und waren im Begriff, eine Sonntagsfahrt zu unternehmen. Der liebe Freund, Sepper gerufen, war derjenige, der nicht glauben mochte, dass wir nicht richtig Skilaufen konnten und am Schrunser Hochjoch dann eines Besseren belehrt wurde. 

 

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Er starb leider mit 61 Jahren, welch ein Jammer, an einem Herzinfarkt. An Weihnachten rief er mich an, dass er mit einem Altfreund auf ein Wochenendhaus in Wildhaus bei den Churfirsten fahren wolle. Er war schon angeschlagen und geriet auf dem steilen engen Sträßchen in den Straßengraben. Das Freischaufeln seines Autos belasteten ihn so sehr, dass in der Nacht das Lebensende kam. Die Tragik: Davon erfuhr ich erst hinterher, ich war nicht einmal auf seiner Beerdigung, denn es war die Zeit, da wir in Milez Skilaufen waren. Mein Sohn Christian erreichte mich nicht. Heimgekommen, lag in der Post ein schwarzumrandeter Brief.

Also, damals besuchte mich dieser Jupp völlig überraschend, er brachte einen Kuchen mit. Jetzt saß ich in der Klemme. Sollte ich das Vorhaben mit meinem Freund, mit dem ich das Sonntagsunternehmen abgesprochen hatte, abblasen? Ich traf das Urteil, dass das nicht möglich war und bat den Jupp, mir zu verzeihen. Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Bis heute weiß ich nicht, ob ich richtig handelte.

 

Der Jupp betrieb ein Milchgeschäft, nicht als Ladengeschäft, sondern er versorgte die Bevölkerung eines ganzen Lindauer Ortsteiles früh morgens mit Milch und Brötchen.Täglich. Die Leute stellten das Milchbehältnis vor die Türe und noch vor sechs Uhr in der Früh waren sie gefüllt, geschöpft aus großen Milchkannen. Das Bezahlen geschah einmal monatlich. Später betrieb er einen richtigen Lebensmittelladen, sehr beachtlich. Das bekamen wir mit, weil wir nicht immer durch die Schweiz nach Vorarlberg fuhren, sondern gelegentlich um den See herum über Lindau. Dann machten wir kurz Halt und begrüßten den Jupp. - Vorher. 

Noch längst nachdem der Helm nicht mehr in Lindau weilte, zog mich der Bodensee immer wieder an. Meine Bleibe war dann beim Jupp. Ich tauchte auf allein und mit Freundin. Aber als ich auf dem Tanzschiff mit meiner Renate Verlobung feierte, wohnten wir bei der Nachbarin Frau Sonntag. Mit einem netten jungen Ehepaar, das wir damals kennen lernten, besuchten wir auch Zürich, ich zum dritten Male. Beim ersten Mal, passierte eine verrückte Geschichte, die zu erzählen ist, wenn sie chronologisch dran ist.

 

Die späteren Lindaubesuche waren eingebettet in Geschehnisse, die meine WO-Zeit umrankten. Es ist Zeit, den weiblichen Mitschülerinnen eins auszuwischen. Ich bekam in all dieser Zeit keinen Zutritt zu dem anderen Geschlecht. Allerdings bemühte ich mich auch nicht, weil diese Weiber in einem Zu ihrer demonstrativen Hochnäsigkeit frönten. Ich kann mich aber auch nicht an eine Hübsche erinnern. Es gab keine außer der Melle.

Auf einer Klassenfahrt legte ich auf der Rückfahrt im Bus meinen Arm um eine kümmernde Mitschülerin. Sie und eine zweite waren hilfreich, unermüdlich, bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Sie waren Bahai. Prompt nutzte sie die Situation und lud mich ein zu einem Sonntagsausflug ihrer Gemeinschaft. Ich sagte zu, immerhin wusste ich kaum etwas über ihre Religion. Ich kam zur Ansicht, dass sie etwas Eklektisches und einen Hauch von Esoterik hatte. Weitere Treffen strebte ich nicht an.

                               

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Also, anderweitige Orientierung. Da hatte nun ein Schwimmkumpel vom Schwimmverein verwandtschaftliche Beziehungen nach Lindau. Es traf sich, dass wir zur gleichen Zeit dort weilten und ich erinnere mich, dass wir im Lindauer Schwimmbad mit dortigen Mädchen schäkerten, vor allem im Wasser. Daraus entstand eine Schreibfreundschaft, jahrelang. Wir schrieben uns regelmäßig unendlich lange Briefe. Sie hieß Friederike und hatte einen Freund. Sie war sehr gescheit. Einiges später, ich war schon im zweiten Semester in Tübingen, lud mich die Friederike zum Kaffee ein. Wiederum vornehme Mutter. Und jetzt wird es skurril. Serviert wurde Kuchen und – Sahne. Sahne!

Man glaubt es nicht, trotz Fabrikant, ich kannte Sahne nicht. Als mir die Friederike zum Kuchenstück Sahne reichen wollte, verwehrte ich es. Warum? Nochmals, ich kannte Sahne bis dahin nicht und mein Nein betraf nicht den unbekannten Geschmack. Ich meine mich zu erinnern, dass ich beim Umgang mit der Sahne unsicher war. Ich hätte ja eigentlich nur etwas warten müssen um zu schauen, was denn die Friederike mit der Sahne so macht. Also war sie erstaunt und ich log, dass mir Sahne nicht schmecke.

Weil ich einmal im Anschluss an einen Lindaubesuch mit dem von einer Dampflok gezogenen Zug Lindau – München weiter an den Chiemsee fuhr, besteht Anlass, dass noch eine andere Freundschaft, jawohl Freundschaft, mit einem Mädchen zur Sprache kommt. Die Elfriede liebte ich keineswegs obwohl sie gut aussah, vielmehr möchte ich auch rückblickend zu einer gewissen Bereicherung meines jungen Lebens stehen, dadurch, dass ich einfach eine Freundschaft genoss. Ich küsste sie nicht, ich berührte sie nicht, ich sprach, erzählte. Warum ich an den Chiemsee fuhr? Nun da war soeben diese Elfriede. Ich wusste nicht, wo sie wohnte, ich konnte nur erahnen, an welchem Badestrand sie sich aufhielt. Ihre Eltern stammten aus dem Chiemseeer Land. Ich nahm ein Bauernhofzimmer am Ostrand des Sees, etwa 400 m vom Ufer entfernt. Wenn ich dann abends – es waren ja nur wenige Tage – dort hin lief, überfielen mich Schwärme von Schnaken. So etwas erlebte ich nie wieder. Ich schlug mit meiner nassen Badehose bei jedem Schlag auf die nackten Beine sicherlich 50 dieser Viecher tot.

Als ich am Strand lässig zur Elfriede hinschlenderte, sie bemerkte mich erst im letzten Augenblick, war sie starr vor Erstaunen. Sie wollte nicht glauben, dass ich einfach so wissen wollte, wie es ihr denn erging dort im Bayrischen. – Aber so harmlos waren die Dinge nicht. Als ich schon verheiratet war, bemerkte ich, dass sie mich liebte, damals noch Jahre später, obwohl auch verheiratet. Meine liebe Renate, die mich begleitete, bemerkte zum Glück nichts. Wie ich unverhofft so auftauchte, kämpfte die Elfriede mit einer Ohnmacht. Der Schweiß brach ihr aus. Ich sah Alles. Ich wusste doch von nichts. Sollte sie nicht mehr leben, so wie mein geliebtes Weib, so möge Gott ihr ihr himmlisches Leben in Fülle gewähren.

 

Eine letzte "Unliebe-Episode", bei der ich das Herz eines Mädchens brach. Zwei Helms brachten zu einer Sonntagswanderung zwei Mädchen aus Geislingen mit. Der Ausflug ließ bei einer davon Zuwendung für mich entstehen. Sie war grundanständig. Sie wusste nicht einmal, wie Kinder gezeugt werden. Bei einem Abendspaziergang an den Geislinger Berghängen klärte ich sie auf. Ich schätzte sie sehr, tue das noch heute. Als ich mich nach Stuttgart orientierte, deutete ich den Abbruch der wöchentlich zwei Besuche an. Sie weinte bitterlich. Die Strafe folgte auf dem Fuße. Ich besuchte sie per Fahrrad. Da wurde ich zur Polizei beordert, weil ich einen Mann umgefahren und verletzt hätte, bei Fahren ohne Licht. Bei einer Gegenüberstellung wurde ich als Täter identifiziert. Beschuldiger und Polizist duzten sich. Was mich rettete? Mein Fahrrad war nagelneu mit perfekt funktionierender Beleuchtung. Nun weiß ich den Namen dieses Mädchens nicht mehr. Hier und jetzt entschuldige ich mich für den ihr bereiteten Kummer. Wenn sie im Himmel ist, möge Gott auch ihr ihr himmlisches Leben in Fülle schenken.

 

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Zu erwähnen ist noch ein anderer Nebensitzer in der WO, ein Wilhelm, ein äußerst strebsamer Schüler. Ich begegnete ihm auf dem allerletzten Klassentreffen in S – der Haufen war sehr zusammengeschrumpft und die Mitschüler waren erstaunlich vergreist. Der Hugo saß auch mit am Tisch, er reiste aus Mannheim an. Noch immer schaffte er es, den Laden aufzumischen. Dieses Mal nahm ich mein liebes Weiblein mit, die Anzeichen der Demenz blieben noch verborgen. Neben ihr saß der Wilhelm, der in Göttingen zu Hause war und – daher der Einschub – ihm die Würde eines Professorenemeritus zu eigen war. Erstaunlich, was aus den jungen Kerls so alles geworden war!

 

Nun kann man ja auch mal thematisch zur Liebe einschwenken. Im Schwimmbad bekamen wir, ich und ein Kumpel, der von Lindau, Blicke zweier Damen zugeworfen. Mit der schönsten bandelte ich an. Und es wurde etwas Ernstes daraus, im dritten Jahr war ich verlobt. Etwas später entdeckte sie ihren Hang, Model zu spielen, was mir stank. Ich will gestehen, dass ich reichlich unter Liebeskummer litt. Aber drei Monate vor der nächsten Begegnung, der immerhin insgesamt 62 Jahre Beisammensein folgte, bis zum sanften Sterben meiner geliebten Renate Maria, verplapperte sich die sogenannte Verlobte und ich wusste Bescheid. Ein Knall und ich war ein glücklicher, freier Mensch. Ich vermochte mich geradezu zu recken und strecken, die Welt war schön und ich war ja auch in Mannheim gelandet. Was da passierte, das wird späterhin im Text verortet. Ich war bereit, dem allergrößten, bereicherndsten Geschenk meines Lebens zu begegnen.

 

Das Abitur, das ich dann ablegte, fiel passabel aus. Allerdings war es ein Spezialabitur eingeschränkter Art, denn ich konnte beim angepeilten Studium an der Hochschule z B. nicht Chemie studieren, sondern musste im Thema bleiben, nämlich Volkswirtschaft oder Betriebwirtschaft. Was anderes wollte ich eh nicht angehen. Zunächst wollte ich überhaupt noch den Vorteil der Nähe wahrnehmen und so peilte ich die Immatrikulation an der Universität Tübingen an. Das glückte auch, allerdings konnte ich dort nur zwei Semester Volkswirtschaftslehre belegen, ab dem dritten Semester musste ich die Hochschule wechseln. – Der dritte Helm von der Handelsschule begann jetzt auch mit dem Studium in Tübingen. Aber während ich in Tü-Lustenau logierte, bei einem Bäcker, in einem Zimmer ohne fließend Wasser, fuhr der Helm jeden Tag mit dem Zug von Geislingen an der Steige nach Tübingen – kostenlos, weil sein Vater Lokomotivführer war. Er bediente die Strecke Geislingen – Wiesensteig (Albaufstieg der Autobahn A 8, Filsursprung) auf einer Dampflok, also das Nebenbähnle im Geißental (Goisadäle).

 

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Ich benötigte jetzt aber Geld, denn meine Mutter schoss das ganze Studium hindurch nur 60 DM hinzu. Allein das Zimmer kostete 35 DM.

Daher legte ich interimsweise einen Halbjahresjob ein. Ich sah mich in meiner Heimat nach einem solchen um und fand ihn beim zweiten angefragten Betrieb, einer Papierfabrik. Der Helm bekam dort auch noch Arbeit. Wir arbeiteten im Schichtdienst. Der Stundenlohn betrug DM 1,29. Zuerst fragte ich bei der Kammgarnspinnerei Schachenmayr (Nomotta) an, weil dort auch mein Vater gearbeitet hatte. Ich bekam einen Korb. Der Betriebsleiter nahm aber die Gelegenheit wahr zu einem Kompliment an meinen Vater. Er sagte, dass er sein zuverlässigster Mitarbeiter gewesen sei. Als ich das meinem Vater ausrichtete, konnte ich bemerken, dass es ihm große Genugtuung bereitete. Deshalb hier auch der Einschub.

 

Das Arbeitserleben in der Papierfabrik war einzigartig.

 

Wir waren ein Team von vier Mann plus Holländerführer dazu noch ein Quacksalber, der die Zusatzchemikalien zusammenrührte. Der Vormann des Teams hieß ebenfalls Lang. Er war etwa 40 Jahre alt, über die Maßen eloquent, also redegewandt, ohne höhere Schulbildung. Aber der argumentierte auf Augenhöhe mit uns Abiturienten. Und beim Temperament zeigte er uns, wo der Barthel den Most holte. Wir arbeiteten, was das Produktionsprozedere anbetraf, am Anfang der Schnur. Da waren etliche Kollergänge – Rundläufer mit aufrecht montierten und sich drehenden, rollenden Mühlsteinen. Die zermalmten erst mal die Rohmasse: Zellstoff, Stroh, Altpapier, Holzfasern. Das geschah feucht, wenn nicht gar nass. Wenn diese Dinger eine Stunde gelaufen waren, wurde die Masse in ca. 25 fahrbare Holzkisten geschaufelt. Wir brauchten etwa 20 Minuten, um die Kisten aufzufüllen und kippbreit vor dem Holländer aufzureihen. Der Holländer war ein länglicher Trog mit Mitteteilung, so, dass zwei Tröge parallel lagen und vorne und hinten eine Kehre hatten. Mahlwerke links und rechts quer zu den Trögen zerfaserten den hinein gekippten Rohfaserstroff zu einem glitschigen Faserbrei, der in viel Wasser schwamm. Etwa stündlich „zog“ der Holländerführer die Bottiche und die Brühe lief hinunter zur Papiermaschine auf ein Siebband, das ein Höllentempo vorlegte. Die Papiermaschine hatte ca. 50 m Länge, vielleicht übertreibe ich auch. Sobald der Holländer genügend mit Wasser gefüllt war, hatten wir die Kisteninhalte  ausleerenderweise wiederum hinein zu kippen. Die Holzwandung der Kisten war dick, der Inhalt nass und schwer. In den ersten paar Wochen spürte ich weder Handgelenk, noch Unter- und Oberarm noch Schulter. Aber nach einem Monat wären wir bei einer Schlägerei Sieger auf dem Platz geblieben.

Wenn die Kisten gefüllt waren, hatten wir Pause und wir verschwanden in einem Kabuff und rauchten und quatschten. Aber in der Pausenzeit war nebenan die Halle fast menschenleer und wir kamen in den Ruch der Faulheit, Die anderen Mannschaften arbeiteten stetig und träge dahin. Wir verwahrten uns gegen den Faulheitsvorwurf vom stellvertretenden Abteilungsleiter und zeigten unsere Zweifel an seinem Denkvermögen offen. Es war ja unsere Sache, wie wir die         

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die Kisten füllten und leerten. Danach fanden wir Gelegenheit, beim Säubern des Bodens mit einem Wasserschlauch den Schlauch aus den Händen zu verlieren, so dass er wild herumschlängelte und seinen Strahl unberechenbar herumirren ließ. Das geschah ziemlich oft, wenn dieser blöde Stellvertreter vorbeikam. Der wählte schließlich einen kleinen Umweg.

Der Holländerführer war ein honoriger Mann, unser Schichtführer. Der Betriebsleiter, ein bulliger Typ, fuhr manchmal unseren Schichtführer an. Einmal stand ich in Hörweite und ich mischte mich ein, weil mir das Gesagte und die Art nicht gefiel. Wenn der Betriebsleiter eine Dogge gewesen wäre, hätte er mich angefallen. Ich erinnerte mich aber an eine Waffe, die schon einmal Wirkung zeigte. So wurde ich im Gegenzuge hemmungslos laut. Ich schrie ihn nieder. – Und jetzt der Witz: Dieser Mann hatte eine hübsche Enkelin. Sie heiratete später meinen Neffen. Ich wurde nicht gefeuert. Unser Schichtchef wurde fortan in Ruhe gelassen.

Während des Sommers gab es eine betriebliche Ausfahrt nach Friedrichshall. Auf der Rücklfahrt begab es sich, dass die attraktive Tochter des Direktors neben mir Platz nahm. Das gab Gelegenheit zu einer Andeutung von Flirt. Jedenfalls presste ich einen meiner Arme nicht krampfhaft an mich. 

Zu berichten ist noch über einen Unfall, der glücklich verlief. Wir transportierten ein Dutzend riesige Korbflaschen, gefüllt mit Salzsäure, mit dem Aufzug in ein anderes Geschoss. Zum Glück nur eines höher, denn nach dem Schließen der Türe des Lastenaufzugs kippte beim Anfahren eine Korbflasche und die Salzsäure lief heraus. Im Nu war alles in weißem Nebel gehüllt. Ich hatte Übung im Atemanhalten. Dann stand der Aufzug auch schon wieder und wir konnten die Türen öffnen und heraus rennen. 

 

Nun kam der Herbst. Semesterbeginn. Ein neuer Lebensabschnitt stand an. In Sachen Studium passierte während der ganzen zwei Semester nichts Erzählenswertes. Die Vorlesungen fand ich totlangweilig, weil ich das Meiste schon kannte. Lediglich die Statistik machte mir Schwierigkeiten wegen des Bezuges auf Mathematik. Formeln!  Aber zum ersten Mal hatte ich mich selbst zu versorgen. Der Retter war die Mensa. Während der zwei Semesterferien arbeitete ich bei der Göppinger Städtischen Wohnungsbaugesellschaft. Ich kümmerte mich um die Buchhaltung. Der Revisor war dann mein Handelsschullehrer Feigel. Einmal machten wir einen schönen Ausflug zum Uracher Wasserfall. Auch dort beim Ferienjob  hinterließ ich meine mittlerweile eigentlich fragwürdig gewordene Visitenkarte. In einem lauten - wie anders - Wutanfall schmiss ich einen Türschlüssel zum offenen Fenser hinaus in den Hof. Der Chef war daraufhin besonders zuvorkommend. Diese Tätigkeit führte zu Folgen. Meine Diplomarbeit behandelte die Bilanz eines Wohnungsunternehmens. Sie erlangte die Note 'sehr gut'.

 

In der Tübinger Mensa begegnete ich einem Amerikaner aus Illinois und einem Taiwanesen. Letzterer besuchte mich etliche Male, im zweiten Semester war er aber nicht mehr in Tü eingeschrieben. Der Erstere, nun, das ist eine jahrzehntelange Geschichte geworden und endete mit einem Aplomb ins Nirwana. Der Grund? Der schimmert schon relativ früh in der Schilderung durch. Den Grund bedauere ich zutiefst.

Dieser Amerikaner hatte deutsche Eltern, umgängliche Leute, die in ihrer Jugend aus dem Hohenlohischen in die USA ausgewandert aber der deutschen Sprache fast entwachsen waren. Der Amerikaner meinte, ich solle ihn Chap nennen. So tat ich. Er erzählte mir, dass er seine Dollars in Zürich über den Franken in die DM wechseln würde, weil er so viel mehr herausholte. Demnächst stünde wieder eine solche Tour an. Ob ich mitkommen wolle? Natürlich wollte ich das. Aber per Anhalter! Beim zweiten Mal hatten wir ein Auto, das ich von meinem früheren Geschichtslehrer bei der WO S in Geislingen auslieh. Auf der zweiten Fahrt nach Zch passierte nichts Ungewöhnliches, sehr wohl aber bei der ersten. Anhalter, da mussten wir erst mal aus der Stadt hinauslaufen Richtung Rottweil, auf der Bundesstraße. Aber es hielt sehr früh ein Autofahrer an. Noch vor Balingen kamen wir an einem Lkw vorbei, der in Vollbrand loderte. Ich bat um einen kurzen Stopp und ich photografierte das Ereignis. Ich hatte dabei den Hintergedanken, das Photo an die Zeitung zu verkaufen, was klappte und meinem Geldbeutel gut tat.

Wie oft wir die Mitnehmer wechselten, weiß ich nicht mehr aber ich kam durch eine Gegend Richtung Schweizer Grenze, die ich heute in allen möglichen Facetten und Winkeln kenne. Ich brauchte vor allem etliche Zeit, bis ich das Prozedere des Grenzübertrittes überblickte. Ich bekam ja auch mit, dass wir Deutschland verließen. Die noch nie gesehenen Grenzschilder zeigten das an und was ein Douane ist, weiß ich mittlerweile zur Genüge. Aber schon nach kurzer Fahrt landeten wir wieder in Deutschland (Büsingen) um gleich wieder in der Schweiz zu sein. Den Rhein deutete ich auch richtig. Merkwürdig, ich kam nicht auf den Gedanken, eine Karte zu studieren! Echt. Das erste Zusammentreffen mit Schweizern geriet spektaktulär positiv. Aber das Schwyzerdütsch war schon eine eigenartige Sache.

 

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Der Chap holte sich seine DM im Wechseln über den Franken und es dämmerte. Der Tag war ja auch lang. Wo übernachten? Wir kamen am „Hotel du Theatre“ vorbei. Vor gar nicht so langer Zeit sah ich das Hotel mit Bild in einem Reisebericht in der Zeitung erwähnt. Wir gingen zum Portier, der gerade seinen Nachtdienst antrat. Und fragte nicht groß weiter über unser Begehr. Wir leisteten einfach dem Portier Gesellschaft. Es war ihm recht. Und es ging Mitternacht zu. Irgend wann etwas vorher kam dem Portier der Gedanke, dass wir hungrig sein könnten. Also schleppte er uns in die Küche und richtete einen Imbiss für uns her. Anschließend hieß er uns, zwei Matratzen aus einer Kammer zu ergreifen und sie mit dem Aufzug in die Bar zu schleppen. Dort legten wir sie auf den Boden und der Portier wünschte uns einen guten Schlaf. Wir mussten uns sehr früh, vor Schichtwechsel erheben, wurden aber noch mit Kaffee und einem Unterwegs versorgt und wir konnten uns auf die Heimreise machen. Wir bedankten uns vielmals. Das war die zweite schweizer Episode, noch zwei weitere stehen an.

 

Auf dieser Heimreise geschah etwas, was ganz weitläufig einen Faden hinterher zog zum erwähnten Aplomb. Man kann es nicht fassen!

Wir wurden mitgenommen gleich am Züricher Stadtrand von einem üppigen Wagen amerikanischer Provenienz, ich glaube es war ein Buick (ich weiß nicht, ob richtig geschrieben). Der Fahrer war auf dem Weg nach Stuttgart. Der Chap saß vorne auf dem Nebensitz, ich hinten. Der Mann am Volant war elegant gekleidet, mit langärmeligem Jackett. Irgendwann rutschte ein Jackettärmel zurück und gab eine spindeldürre Handspeiche frei. Der Mann bemerkte wohl im Rückspiegel meinen Blick und zog den Ärmel noch weiter zurück bis zu einer Stelle, da das Kleidungsstück eine eintätowierte Nummer frei gab. Er gab sich als Jude zu erkennen, der aus einem Konzentrationslager bei Kriegsende von alliierten Truppen befreit wurde. Darauf unterhielten sich der Chap und der Jude noch angeregter als zuvor. Dem Fahrer stellte sich der Chap als Amerikaner vor und er genoss daher besonderes Zuvorkommen und Interesse. Wenn der wüsste, was ich wenig später mitbekam und worunter ich eigentlich viele Jahre litt, immer in der Hoffnung, dass „es“ sich begab und legte.

 

Es stellte sich heraus, dass ihn in USA ein jüdischer Fleischer ausbeutete, als er jobbte. Es mag wahr, konnte aber auch wegen des deutschen Bezugs nazistischen Einflüssen geschuldet sein. So machte der Chap denn beiläufig antisemitische Bemerkungen. Ich forderte ihn auf, das gefälligst bleiben zu lassen. Er ließ es auch, bis das Thema Jahrzehnte später wieder hochkam, nunmehr so, dass die Freundschaft endete. Es soll nach und nach erzählt werden.

Der Chap war ein tadelloser Kumpel, man musste ihn mögen. Aber im zweiten Semester nahm ich ihn mit übers Wochenende in mein Elternhaus. Über Süßen ist eine sehr schöne Burgruine Staufeneck mit schönen Lokalitäten. Wir Schüler damals wanderten oft hinauf. Und es sei vorweg genommen: Dort feierte ich unsere Hochzeit. 

 

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Also dort hinauf nahm ich abends den Chap mit. Ich weiß nichts mehr über das Transportmittel. Aber wir kehrten nach gut deutscher Art ein. Nun sollte es so sein, dass in unserem Raum fünf Soldiers, Amis, Platz nahmen. Und die Soldiers waren guter Stimmung, weil ihnen die Gemütlichkeit offensichtlich zusagte. Der Chap regte sich auf. Er erzählte mir, dass in Amerika solche Leute sich nicht so präsentieren könnten. Nun war ich wiederum hoch und unangenehm überrascht. Weil, ja weil, die Soldiers halt von schwarzer Hautfarbe waren. Also outete sich der versteckte Antisemit auch noch als Rassist. Dieses letzte Verhalten wiederholte sich mangels Anlass und Gelegenheit nie mehr, auch nicht im Meinungsaustausch. Denn ich putzte dem Chap damals die Nase.

 

Bleiben wir noch bei dem „Kerl“, denn das bedeutet ja Chap, bis zum Aplomb. Eines Tages kam ich in Mannheim vom Abendbesuch bei meiner Renate zurück in meine Studentenbleibe bei Herrmanns. Es war ein Doppelzimmer, der Helm (mit Lokvater) war ausgezogen und verblieb in München und nun war ich vorübergehend alleine. Bei den Herrmanns waren wir schlicht zuhause, integriert. Jemand lag in meinem Bett, es war der Chap. Meine Wirtin ließ ihn erst nicht herein in die Wohnung, aber als er nicht wieder weg ging, erbarmte sie sich seiner und glaubte seinem Bericht. Das war nach Tü die erste Wiederbegegnung.

Dann lebten er und ich eine längere Zeit in Frankfurt zur gleichen Zeit. Er hatte ein Zimmer in der Nähe bei der Mörfelder Landstraße in Sachsenhauen. Damals sollte er Soldat werden, die Behörden waren hinter im her. Daraufhin schlief er kaum noch, geriet absichtlich gesundheitlich in Schieflage und war bei wiederholten Musterungen einfach nicht mehr zu gebrauchen. Als er das hinter sich gebracht hatte, blühte er wieder auf und studierte in Marburg. So kam ich zum ersten Mal nach dort. Später sollte ich in Jahresabständen eine zweistellige Anzahl von Besuchen machen, halt wie in Freilassing und Bad Reichenhall. In der Regel startete ich meine Reisetour in MR um 9 Uhr morgens weiter nach Norden, nachdem ich ab fünf Uhr von Radolfzell nach dort mit Vollgas unterwegs war. Zuletzt bewunderten wir den Marktplatz und das Schloss, wir, meine liebe Frau und ich auf einer Reise die ganze Lahn entlang bis zum Ursprung. Da waren wir beide aber schon alt.

Der Chap verdiente dann einige Zeit lang in HH bei der Deutschen Erdölgesellschaft, DEA, Geld dazu und als ich eine Hamburger Niederlassung meines Frankfurter Arbeitgebers beim Hugo besuchte, schleppte mich der Chap nach St. Pauli. Ich bekam zum ersten und letzten Male einen Schlammringkampf in einem Etablissement zu sehen und schließlich auch noch einen amerikanischen Flugzeugträger, der dem Hamburger Hafen einen Besuch abstattete.

 

Noch später besuchten wir von Radolfzell aus den mittlerweile verheirateten Chap in Weil, weil er in Basel promovierte. Da gingen wir – ob in Basel oder Weil, weiß ich nicht mehr – in ein Reptilien-Café. Das meint, dass unter den Tischglasabdeckungen grausliche Viecher hausten. Plötzlich stieß meine Renate einen gräßlichen Schrei aus, die Leute erstarrten. Sie bekam mit den Beinen Kontakt mit den Kabeln, die zu den Tischen führten, um für Wärme zu sorgen. Das Kabel an ihren nackten Beinen fühlte sich schlangenmäßig kühl an. Sie schrie erst, dann blickte sie.

 

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Längst war ich selbständiger Verleger, da schlug der Chap mit seiner, ja, lieben und fürsorglichen Frau vor, einen gemeinsamen dreiwöchigen Urlaub am Limfjord zu verbringen. Das war sehr schön, stattliches Wochendhäuschen hoch über dem Fjord mit Ruderboot. Ich kann mich noch an Agger an der Nordsee erinnern, wo wir Dutzende von Quallen sammelten und die schlabbrigen Dinger auf den Sand kippten. Beim Schwimmen war es angesagt, sich vor Berührungen zu hüten. Auch taten wir wohl Verbotenes: Unten im Wasser lagen Rohre herum, in denen sich Aale verkrochen. Die fischten wir zwar nicht, aber wir kippten die Röhren aus. Zeitvertreib halt. Am Strand gab es Miesmuscheln in Hülle und Fülle. Wir waren zu fremd, um sie zu einem Mahl herzurichten. Viel später lernte ich in einem bekannten Edellokal in Moos am Untersee bei Radolfzell die leckeren Dinger kennen – übrigens viel besser als am Strand in der Normandie, dort, wo die Alliierten landeten. Das finde ich bemerkenswert. Schließlich begingen wir wohl eine Totsünde. Das Ruderboot wollten wir zum Segeln bringen, weil wir hinter einem Holzstapel eine dänische Flagge entdeckten. Sie taugte als Segel. Es geschah dem Tuch nichts, aber die Dänen merkten, dass die Fahne nicht mehr so deponiert war wie zuvor. Nun, wir haben ihnen für sie sündhaft teuren Kognak serviert, sie sollen sich bescheiden und den Nationalismus nicht gar zu intensiv pflegen.

 

In meinen Reisejahren übernachtete ich dann regelmäßig einmal im Jahr bei ihnen in der Nähe von Hanau.

Ich habe Chaps Frau schon zuvor als fürsorglich gelobt. Und ich sparte Hotelkosten, sic. Der Chap machte sich schließlich auch selbständig, sehr originell. Er eröffnete in Berchtesgaden eine Galerie, verkaufte an die Amis unzählige Gebirgsbilderschinken, die ihm bayrische Maler fabrizierten. Renate und ich waren dort hingereist, um bei der Konfirmationsfeier des Sohnes dabei zu sein.

Dann geschah in Markelfingen das, was in seiner Konsequenz schließlich zum Ende der Freundschaft führte. Aber nicht ich war es, der sie aufkündigte, sondern der Chap begriff, dass sie nicht mehr weiter geführt werden konnte. Das kam so:

 

An anderer Stelle ist zu lesen, dass meine Renate eine begnadete Sängerin mit weichem und führendem Sopran war. Also war sie jahrzehntelang Mitglied im Liederkranz. Dieser Verein feierte jedes Jahr im August ein Sommerfest hoch auf der Anhöhe, mit Blick auf den Markelfinger See-Winkel. Ab der Dämmerung wurde ein Riesenscheiterhaufen abgebrannt, Bier und Wein flossen in Strömen und der Magen bekam auch etwas Festes, Würste, Schnitzel. Zufällig war der Chap bei uns zu Gast – warum ohne Frau, weiß ich nicht mehr. Und er trank, denn es gefiel ihm an diesem Abend außerordentlich.

In diesem Verein sang auch ein angesehener Handwerksmeister. Und er fragte später meine Renate, was wir denn für einen Freund hätten. Der hätte an diesem Abend in seinem Suff gesagt, dass den Juden die Haut abgezogen gehöre, um daraus Lampenschirme herstellen zu können.

Das war für uns der absolute Hammer. Jahr um Jahr bekamen wir von Chaps Frau regelmäßig Weihnachtsgrüße und –wünsche. Wir erwiderten sie nicht. Aber nach vielen Jahren, wir hatten die Siebzig schon überschritten, bekamen wir überraschend, unangemeldet Besuch von Künzelsau, wo der Chap mittlerweise ein Haus gekauft hatte. Der Chap war sichtlich gealtert, seine Frau kaum.

 

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Dieser Besuch fiel kurz aus, denn alsbald sprach ich ihn auf das Vorkommnis am damaligen Sängerfest an. Ersichtlich hatte er keine Erinnerung an das, was er anrichtete. Aber die Situation war ja so, dass wir das Geschehen uns nicht aus den Fingern saugen konnten, vielmehr es eine Sache war, die so passierte, realiter eben.

 

Wollen wir nunmehr auf den Wechsel zur Handelshochschule in Mannheim, später schon Universität, kommen. – Der Helm und ich kamen in MA an an einem nasskalten, nebligen November. Die Handelshochschule residierte in einem alten Schulgebäude am linken Neckarufer. Unsere Wirte, Frau Herrmann und Herr, wohnten in einem großen Mietshaus in der Neckarstadt, Feuerwache linkswärts. Der Fußweg zur Hochschule war nicht gerade kurz. Die Hochschule konnte ich im riesigen wieder aufgebauten Schloss erst genießen in den letzten beiden Semestern.

Wir gehörten wie bemerkt rasch zur Wirtsfamilie. Der Mannheimer Dialekt und ja nicht nur dort, sondern auch in HD und der Pfalz drüben hörte sich für mich grausig-gemütlich an. Der Singsang! Dieses „Ach Gott“ in jedem Satz. Aber das Urschwäbische ist ja auch kein Ohrenschmaus. Für die Schwaben soll MA ein Anziehungsort gewesen sein. Der Schwabenvater hielte, wurde uns bedeutet, seinen Sohn schon sehr jung aus dem Fenster und würde die Richtung anzeigen, wo MA liegt. Wenn wir auch in der Türkei einem Inhaber einer Teppichknüpferei begegneten, der 20 Jahre in MA gelebt hatte, die Stadt aus der Erinnerung heraus geradezu überschwenglich lobte, so wuchs mir diese Stadt nie ans Herz.

Die Herrmanns hatten eine Tochter, sie hieß Emmy. Wir waren wie Geschwister. 2016 bekam ich einen Anruf: „Hier ist die Ämi aus Mannheim“. Ob ich der Herr Lang sei, der in Mannem studiert habe. Die Frauenstimme siezte mich. Ich kannte keine Ämi, bis nach ein paar Sätzen bei mir der Groschen fiel. Marundjosef, ach Gott, ach Gott, Emmy, kannst Du Dich nicht mit Emmy melden? Warum willst Du die Ämi sein?

 

Meine Stimmung war trübe, ich hatte Heimweh. Das hielt über Weihnachten hinaus an. Aber dann kam das Thema Fasching auf. Was mir davon schwärmerisch erzählt wurde, machte mich neugierig.

Nun weiß man, dass nicht nur die Mainzer Fasching feiern konnten, die Mannheimer ziehen auch Einiges ab. Gleich in diesem Jahr 1954 war der gemeinsame Faschingsumzug MA-LU in der Breeten Stros zu besichtigen. Ich war bis dahin chemisch rein von der Fasnacht. Aber jetzt die Bälle im Rosengarten! Umwerfend für einen schwäbischen Hinterwäldler.

Zum ersten Ball wurde ich regelrecht gedrängt. Schon da zeigte sich, dass MA auf eine Art ein Dorf war. Die Emmy berichtete, dass sich Mädchen über den Helm und mich ausgetauscht hätten. Diese Festivität verlief für mich sofort eigenartig. Ich geriet allsogleich an eine gekonnt aufgemachte junge Dame. Wir blieben von 20 bis 24 Uhr immer beisammen und tanzten in einem fort. Ich lud sie sogar zu einer Cola ein. Aber Punkt Mitternacht sagte sie mir, dass jetzt ihr Freund gekommen sei und sie mich leider verlassen müsse. Natürlich reagierte ich etwas enttäuscht aber als ich ihren Freund von Weitem sah, unglaublich einschlägig in Pracht herausgeputzt, da begriff ich, dass der Bursche Geld besaß und keine schlechte Partie war. Ich bekam das Mädchen nicht mehr zu Gesicht.

Am folgenden Samstag wieder ein Ball. Und dieser war unendlich folgenschwer.

 

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Er bot sich anders dar. Nicht so quirlig, braver. Man saß am Tisch. Ich sah auch keine spontan aufgabelbare Tanzpartnerin. Also stand ich auf, ging an den Seitwärtsrand der Tanzfläche und lehnte mich an einen Pfeiler oder eine Deckensäule. Und musterte mit Muße die Paare, genauer, die weiblichen Zielsubjekte. Nun, da war eine junge Dame zu entdecken, die tanzte mit Verve und rhythmischer Empathie. Sie fiel halt auf, sonst wären meinen Augen weiter gewandert. Ich guckte sie eine Weile ziemlich direkt und abschätzend an. Sie schaute mir im Vorübertanzen ebenso direkt in die Augen oder auch bloß ins Gesicht. Ich weiß es noch genau, keine Gesichtsregung bei ihr und auch ich zeigte Langeweile. Als sie mir weiter weg das Profil zeigte, wandte sie den Kopf en Face zu mir und forschte neugierig, ob ihr meine Blickrichtung immer noch folgte. Dann geriet sie eine Zeitlang aus meinem Blickfeld, kam in der Tour wieder in meine Nähe und sie lachte. Ein Leben lang konnte sie das Lachen in einer solchen Situation nicht unterdrücken. Ihre wohltönenden Lachsalven waren in ihrem großen Freundeskreis (oft Sänger) Gespräch. Nur ein einziges fieses Weib, das ich noch gar nie lachen hörte, heute noch bösartig, bezeichnete ihr Lachen als Wiehern. Sie ist Sauerländerin.

 

Was wäre gewesen, wenn ich sie abgeklatscht hätte, also ihrem Tänzer entwunden, mit der beiläufigen Bemerkung, dass nun die Zeit gekommen sei und begonnen habe, ihr und mein Leben für die nächsten  zweiundsechzig Jahre zu verquicken – bis zu ihrem Sterben?

 

Dass dies so geschehen möge, unternahm ich unverzüglich beim nächsten Tanz den ersten Schritt. Ich bat sie zum Tanzen. Es war – Fügung? - ein Walzer. Das war nun meine Spezialität. Bei dieser Tanzart hielt ich die Partnerinnen weit von mir, die Füße berührten sich beinahe und langsam aber stetig steigerte ich, dabei raumgreifend, die Geschwindigkeit der Drehung, so sehr, dass ich merkte, den Damen wurde es leicht schwindlig. Mir längst nicht mehr. Aber ich punktete und imponierte. Gegen Ende des Tanzes frug ich, ob man sich am nächsten Tag wiedersehen könnte. Die Zusage kam ohne Zögern. Den Abend blieben wir dann beieinander. Im benachbarten Essay „Todestraumata“ kann man sie als frisch gebackene Mutter angucken. Dieses Grundlegen meines Lebensglückes postete ich ungeplant, also zufällig, heute am 27. Mai 17 am 70er-Geburtstag des H.-P.  Ein Riesenbohei in einer Matinee auf der Mainau, abgezogen vom südbadischen Bezirk einer Partei. Der baden-württembergische Innenminister Strobl laudierte ebenso wie der CSU-Müller, der Entwicklungsminister. Per Zufall platzierte sich der Erwin Teufel, langjähriger Ministerpräsident Baden-Würtrtembergs, links neben mich und bot reflexartig seine Hand. Er stellte sich nicht vor, er nahm einfach an, dass ihn jeder Schwabe kannte. Rechts neben mir nahm seine Frau, sehr sympathische Ausstrahlung, Platz. Eine weitere laudierende Rede hielt abends der ewige Schäuble in seinem Rollstuhl. Ich freue mich, dass sich der H.-P. und meine Renate sehr mochten. Das ist wahr.

 

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Fast wäre das Treffen anderntags an der Feuerwache bei der „Brück“ schief gegangen. Weil: Ich war vor diesem Treffen kopflos. Ich ging mit genügender Zeitspanne aus dem Haus, aber schon ziemlich gelaufen, bemerkte ich, dass ich meinen Geldbeutel vergaß. Dann von neuem losgelaufen, wieder retour, weil noch anderes fehlte. Meine Wirtin verwunderte sich und zeigte sich nun besorgt, dass ich zu spät käme. Und ich kam zehn Minuten zu spät.

Sie wartete und war sauer. Gekleidet war sie in einen flauschigen Teddy, der verhinderte, dass sie fror. Der Kragen war hochgeschlagen und hüllte und umrahmte ihr frisch zu entdeckendes Gesicht. Mein Wohlgefallen bestand unvermindert. Ich habe ihr die Verspätung wahrheitsgemäß begründet aber so erzählt, dass sie erkannte, meine Kopflosigkeit war ihr geschuldet. Ich nehme an, dass sie sich geschmeichelt fühlte und weiß nur noch, dass der Tag dann harmonisch verlief. In der folgenden Zeit schmolz die Dramatik, flammte aber hin und wieder frisch auf, weil sie ungewohnt temperamentvoll war. Das konnte sich zum heftigen Streit steigern. Dann aber gelang es mir ohne Verdienst, alle Streitereien fortan wieder in Normalzustände verflachen zu können durch eine einmalige Konfrontation, wo alles auf Spitz und Knopf stand. Das war mir eine Lehre.

 

Es sei ein Semester übersprungen. Im fünften Semester wohnte ich am Anfang der Lange Rötterstrasse beim Personalleiter eines großen Mannheimer Unternehmens. Dort war ich sehr gut untergebracht. Mit der Renate begann ein Spiel des Trotzes. Ich besuchte sie fünf Tage nicht. Daraufhin läutete es an der Wohnungstür, die Vermieter waren nicht anwesend. Die Renate kam. Wir fielen uns in die Arme. Wie gesagt, nie mehr ließ ich es zu einer solchen Zuspitzung kommen. Auch wenn es großen Streit gab, spätestens wenn die Sonne unterging war er begraben. Es ist eindeutig, dass dieTiefe der Zuneigung und die Sorge um Versöhnung korrelierten. Und die Reife des Lebens gibt die Vorlage für die Richtung jeglichen Zusammenlebens. Trennung und gar Scheidung in der Ehe sind Zeichen der Unreife.

 

Allzu lange konnten wir nicht zusammen bleiben, denn ich hatte dem Helm versprochen, das vierte Semester mit ihm an der LMU (Uni) in München zu absolvieren. (Den Künstler, der das Logo der LMU gestaltete, sollte ich später im Leben kennen lernen  Wir freundeten uns an.) Das war ein Sommersemester. Wir kamen bei einem verarmten alten Architektenehepaar in deren etwas verlottertem Haus unter. Zimmer unter dem Dach. Im Winter hätten wir dort nicht bleiben wollen. Der Architekt hatte ganz eindeutig als Selbständiger es versäumt, für sein Alter vorzusorgen. Ein einziges Mal gab es Krach, weil uns eine Schulkameradin aus der WO S, die Irma, abends besuchte. Natürlich waren wir laut beim Unterhalten. So richtig hatten wir das gar nicht verortet, wo die beiden denn schliefen. Uns trennte nur eine dünne Bretterwand und so waren sie am Schlaf gehindert. Also fingen sie um Mitternacht mit dem Schimpfen und Keifen an.

Wir hatten jetzt die Fahrräder mit. In M war der Starnberger See auf den Postkarten stets mit dem Gebirge abgebildet. Was für ein Schwindel dachte ich, als wir zum See radelten und weit und breit nichts von einem Berg zu sehen war. Erst Jahre später schien mir auf, dass die Aufnahmen jeweils bei Föhn geschossen wurden.

 

Zum Studium ist nichts Besonderes zu sagen. Bei Semesterende kehrte ich nach MA zurück, der Helm blieb in München, geriet schließlich an die Tochter des berühmten Mundmalers Stegmann (ehemaliger Dennoch-Verlag), heiratete sie und leitete dann später den Verlag, obwohl die Ehe kippte. Er bereiste auf Verlagskosten die ganze Welt, wie er überhaupt die Gewohnheit hatte, alleine zu reisen. Was aber sicherlich mit der schon erwähnten Freifahrt bei der Bahn zu tun hatte. Auf dieses Ehepaar ist später zurück zu kommen. - Wie das Leben doch so spielt: Laut SZ 283 vom 8. Dez. 2018 wird mit dem Artikel "Das Geschäft mit dem Mitleid" aufgezeigt, wie die Linien jetzt nach Vaduz zum Batliner-Clan verlaufen.

 
H.-P. - politisch aktiv. Nahebei Angela.

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In Mannheim war inzwischen die Hochschule in das riesige, wieder aufgebaute Schloss umgezogen und alles war recht repräsentativ. Ich ging so gut wie nie in Vorlesungen, nur Seminare nahm ich wahr. Ich erwarb das gar ca. 70-bändige Großwerk „Die Handelshochschule“ vom Betriebswirtschaftlichen Verlag in Wiesbaden, mit dem ich im späteren Leben etliche Jahre kooperierte und deren Inhaber Drs. Sellien ich kennen lernte. Dieses Werk arbeitete ich durch.

   

Mit drei Professoren bekam ich Ärger, beim berühmten Altprofessor LeCoutre hatte ich dagegen ein Stein im Brett. Als 1969 die Kampagne gegen die Profs losbrach (1000 Jahre Muff unter den Talaren) hatte ich die allergrößte Freude, dass den teilweise arroganten und mächtigen Professoren daraufhin Zähne gezogen bzw. sie zurecht gestutzt wurden.

Den ersten, den ich negativ erwähne, ist der Willecke. Der hielt seine Vorlesungen in einem so geschraubten, geschwollenen Sprachstil, dass ich kaum etwas verstand. Schließlich arbeitete ich die erwähnte „Handelshochschule“ durch, verfasst von namhaften Hochschullehrern. Also konnte ich die gängige Diktion einigermaßen vergleichen. Ich ließ ihn einfach links liegen, was sich bitter rächen sollte.

Der nächste ist der Sozi Schachtschabel, später für die SPD im Bundestag. Ich habe ihn als übel sich gerierenden Typ erfahren müssen. In einer seiner Vorlesungen hatte ich Anlass, ihm zu widersprechen, wohl begründet und höflich. Was zog der Fiesling daraufhin ab? Er machte mich in unflätigen Worten vor der versammelten Kommilitonenmannschaft fix und fertig. Wenn er wenigsten recht gehabt hätte!

Und der dritte, ein gerne süffisanter Prof, von oben herab dozierend, schmiss mich von der Uni, allerdings lieferte ich einen lächerlichen Grund dafür. Aber der Reihe nach.

 

Im sechsten Semester arbeitete ich auf das Examen hin und schrieb meine Diplomarbeit wie erwähnt über die Bilanz im gemeinnützigen Wohnungswesen. Ich bezog die Bilanzlehre LeCoutres mit ein und fügte quasi ein Kapitel zur „Totalen Bilanz“ hinzu indem ich die Korrelation zwischen Buchhalterischen Abschreibungen und Fremdkapital untersuchte. Das kann man irgendwo in meiner Homepage bei den BF-Texten finden. Für meine Arbeit wurde mir von LeCoutre ein "Sehr gut" zuerkannt. Die gleiche Note erwarb ich in der schriftlichen Prüfung in Volkswirtschaftslehre. Das muss doch erwähnt werden, wenn noch das Geschehen bei der mündlichen Prüfung des oben erwähnten Willecke beigefügt wird. In meinem Diplomzeugnis steht nämlich bei diesem Fach eine Vier! 1 + 5 = 6:2 = 3 habe ich erwartet. Die Rechnung lautete aber insgeheim wohl 6 + 1 = 7:2. Wie es zu der Sechsen kam? Also, das Willecke-Vokabular war mir unbekannt. Seine Prüfungsfragen verstand ich nicht. Ich sagte zu ihm, „Herr Professor, ich habe Ihre Vorlesungen gemieden, daher verstehe ich von vornherein Ihre Prüfungsfragen nicht.“ Ob ihm der Mund offenblieb (nicht real) sei dahingestellt. Pfeif drauf, Hauptsache ich kenne mich in Volkswirtschaft einigermaßen aus und kann da auch Redebeiträge liefern, wenn es drauf ankommt.

 

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Also erlangte ich halt den akademischen Grad eines Diplom-Kaufmanns. Deshalb wertvoll, weil er ja langsam ausstirbt. Die neumodischen Titel Bachelor etc. kann man den Hasen geben.

 

Jetzt, was nun? Ich machte mich ans Promovieren, Doktorvater LeCoutre. (Die Welt ist klein. Da treffe ich doch gestern - 8. März 2019 - einen alten Markelfinger, Dipl.Kfm., den ich schon lange kenne. Und er erzählte mir, dass er LeCoutre's Assistent war, als er Emeritus war!). Ich schrieb mich nun noch an der Goethe-Universität in F ein. Erst fuhr ich mehrmals wöchentlich nach dort von MA aus und dann arbeitete ich ja auch in F. Ich schrieb meine Dissertation. LeCoutre, den ich in Meersburg an seiner Dependanz besuchte, infortmierte mich, dass die Arbeit ein Summa cum laude bekommt. Bevor es so weit kam, flog ich erst mal von der MA-Uni, sprich Relegation. Warum, das wird allsogleich geschildert, was dann aufzeigt, was für ein Tölpel ich doch in Wirklichkeit war. LeCoutre schrieb mir und er meinte, dass es "überall Esel gibt, die das Gras wegfressen“, also etwas aufdecken, was besser zugedeckt geblieben wäre. Er meinte mit dem Esel nicht mich, obwohl eigentlich gerechterweise ich mit einbezogen werden müsste. Um es nicht zu vergessen: Von meiner Dissertation habe ich im Selbstverlag 400 Exemplare an Wohnungsunternehmen verkauft, denn es ging thematisch um die Kostenrechnung der Wohnungsunternehmen. Und eine Anzahl von Kapiteln brachte ich bei diversen einschlägigen Zeitschriften gegen Honorar unter. Die Badische Landesbibliothek hat ein Exemplar im Bestand. Das erfuhr ich von einer jungen Dame, die dort über die betreffende Karteikarte gestolpert ist.

 

Finanziell hielt ich mich unmittelbar nach dem Examen dadurch über Wasser, dass mein Zimmervermieter, Personalchef wie erwähnt, mir einen Studentenjob verschaffte. Dazu ein paar Sätze. Ich kam in die Betreuung eines Universal-Sekretärs. Als ich ihn 20 Jahre später geschwind besuchte, er stand kurz vor dem Altenteil, konnte er sich sofort wieder an mich erinnern. Dieser Herr Merz wies mir einen Schreibtisch zu und dann legte er mir ein kleines Konvolut von Texten vor die Nase. Da ging es um ein von diversen Leuten schon bearbeitetes Manuskript zum Thema Sicherheitskonzept. Ich war zwar kein Sicherheitsfachmann, aber das was ich zu Lesen bekam, war schlicht wirres Zeug. Also ging ich das Thema freihändig neu an. Als ich mein Elaborat ablieferte, war der Herr Merz erfreulicherweise beeindruckt. Das weiß ich, weil er es mir sagte. Was dann später von meinem Konzept umgesetzt wurde und ob überhaupt, weiß ich nicht.

 

Nun zur Bauchlandung. An dieser Stelle muss ich nochmals auf den Chap zurück kommen. Aber das Folgende schreibe ich nicht freudig, wie man sich denken kann. Der Chap kam eigentlich zum Promovieren nach Deutschland. Als er dann in Basel angenommen wurde, bezeichnete er sich als „Dokt. rer pol“. Als er heiratete, stand dies jedenfalls auf seiner Karte. Ich kannte den Usus nicht, nahm an, das sei die offizielle Abkürzung für den Status eines Doktoranden. So halt wie cand. rer pol.l

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pol. Aber ich äffte auf meiner Verlobungskarte den Chap nach. Und vermutlich eine der Empfänger sandte das Beweisstück an die Uni. Dann ging alles automatisch. Ich hätte mich mit dem Dr.-Titel geschmückt obwohl ich doch nur erst ein Kandidat, ein Doktorand eben, sei. – So, jetzt steht es schwarz auf weiß. Später, als ich etliche Zeit in M Freiberufler war, startete ich einen zweiten Versuch zur Promotion. Ich besuchte Seminare bei Fischer. Natürlich fiel ich auf, weil ich ja nun einiges an Praxis zu bieten hatte und auch meine Veröffentlichungen in die Waagschale werfen konnte. Der Fischer war als neuer Doktorvater sofort zu haben. Um das perfekt zu machen, bestellte er mich nach Seeshaupt an den Starnberger See und in Badehosen besprachen wir die Sache auf dem Badesteg. Also, so weit alles in Ordnung – bis das Schicksal mir Gelegenheit bot, wieder an den Bodensee zurück zu kehren. Die dort gebotene Anstellung war so attraktiv, dass ich meine Promotionsabsicht opferte. Als ich dann fast fünfzig Jahre mich als Verleger durchschlug, erkannte ich, dass von 1968 bis 1988, als meine Kunden eben noch keine Unternehmen waren, sondern ich es mit Apothekern, Optikern und Werbeleitern von Sparkassen und Dekorationsleitern von Kaufhäusern zu tun hatte, ich den Doktor glatt verschweigen hätte müssen. Er passte einfach nicht zum Handwerk. Ich hatte einen Doktor als Fahrradhändler als Kunden und irgendwie brachte ich die beiden Persönlichkeiten nicht zusammen.

 

Aber nun schaute der Hugo bei mir vorbei. Er blieb über Nacht. Ich wohnte immer noch beim Personalleiter. Ich meine, dass er bei diesem Besuch von Frankfurt mir den Vorschlag gemacht hat, seinem Vater zu assistieren. Lebensmittelhandel-Branche. Sein Vater war der Zeit voraus, ein Pionier. Der spann ein bundesweites Netz für Einzelhändler zum Direkteinkauf beim Produzenten. Wenn ich mich richtig erinnere, wurde die Methode von den Markenartiklern boykottiert. Aber diese sind, wie sich gezeigt hat, schon immer der Zeit hinter her. Es ist gar noch nicht lange her, dass ich bei ALDI zu meiner Verwunderung Nivea entdeckte. Vorher halt nicht.

Zum ersten Treffen mit seinem Vater habe ich eine lächerlich anmutende Erinnerung. Ich referierte über die Vorzüge, die ein Terminmarkt bot. Die Nachricht ist aber, dass es solche zu damaliger Zeit noch nicht wieder gab, weil Termingeschäfte noch nicht erlaubt waren. Rückblickend sind für mich solche Eskapaden schlicht irrsinnig.

Das Angebot war ideal, ich konnte kommen und gehen wann ich wollte. Natürlich wurde eine Kernarbeitszeit erwartet. Bei einem Gespräch mit ehemaligen Kommilitonen merkte ich auch, dass ich üppig honoriert wurde.

 

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Ich war dort bis 1958. Am Schreibtisch saß ich einem promovierten Juristen gegenüber. Er war schon etwas fortgeschritten im Alter und ein richtiger Seigneur. Ich verehrte ihn, wie ich nie wieder bei Jemandem beruflich tat. Das war Dr. Kliem. Gott schenke ihm sein himmlisches Leben in Fülle! Dem sog „Direktgeschäft“ waren beigeordnet Großhandelslager in F, KS, H und HH. So kam ich dann auch nach und nach in den Norden. Irgendwann arbeitete ich an einem umfassend angelegten Betriebsabrechnungsbogen. Ich wollte heraus bekommen, ob mein Verdacht Substanz hatte, nämlich, dass der Lagergroßhandel defizitär wirtschaftete. Also, nach meinen Recherchen fraß der Großhandel die Gewinne des Ursprungsmodells auf. Natürlich arbeitete ich im BAB auch mit „kalkulatorischen“ Kosten, also Kalkulatorischem Zins, kalkulatorischen Abschreibungen, kalkulatorischem Unternehmerlohn, kalkulatorischem Wagnis. Aber leider hielt mein Chef, ja erfolgreicher Praktiker, diese Kostenarten für Teufelszeug. Mit Vehemenz entleerte er solche komischen Dinger ihres Inhalts und ihrer Relevanz. Hätte er doch die Ergebnisse meines BAB ernst genommen!

 

Der Dr. Kliem schied aus. Der Nachfolger war ein, ja, aufgeblasener Hanswurst. Er gab sich zwar energiegeladen, aber er hantierte elefantenhaft im Porzelanladen. Laufend traf er Regelungen, die gegen das Recht verstießen, nicht aus krimineller Energie, sondern weil er vom Westrecht, BGB, HGB etc. keine Ahnung hatte. Wir gerieten hart aneinander und ich schäme mich, dass ich wieder meine Waffe einspielte.

In Kassel fungierte ein junger, ehrgeiziger, höchst sympathischer Geschäftsführer. Es gibt einen Grund, warum ich ihn nicht vergaß: Er führte mich und meine Verlobte in Kassel in den Ratskeller und ließ eine Gulaschsuppe kredenzen. Die war so saumäßig scharf, dass wir nach Atem rangen. Ich erwähnte schon, dass ich nach F auch in HH den Chap traf.

 

Ich litt damals leider an Vegetativer Dystonie mit Begleiterscheinungen des Starrkrampfes. Diese Anfälligkeit bei beginnendem Infekt kommt nochmals zur Rede. Weder Ärzte noch Krankenhaus boten ein Mittel dagegen an. Ich schluckte Sedativa. Der wahre Grund war, dass ich unter Kalziummangel litt. Dann heilte mich eine Ärztin für alle Zeiten! Das empfand ich so folgenschwer weil befreiend. Die Ärztin war eine Tochter meines evangelischen Pfarrers in Süßen, der uns getraut hat. Sie sagte, dass sie weiß, diese als manchmal katastrophal erlebten Anfälle ein und für alle Mal eine Sache der Vergangenheit werden zu lassen: Sie verschrieb mir schlicht Calcium-Ampullen für akuten Bedarf.

 

Ich kam damals zu der Meinung, dass ich Urlaub brauche. Der fiel dann so schön und erinnerungsträchtig aus, dass davon zu erzählen ist. – Zunächst, der Hugo stellte mir einen grünen FirmenVW zur Verfügung. Damit Bedenken verfliegen: Mein Führerschein trägt die Jahreszahl 1952.

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Der Helm, der die Mundmalerstochter in M eroberte, hatte mit ihr eine Wochenenddependance. Er meinte, meine Renate und ich, wir sollen drei Wochen zusammen mit ihnen Urlaub machen. Wo die Bleibe lag? Ich fuhr später öfters in wenigen hundert Metern Abstand vorbei: Sie lag „Am Eck“, ziemlich genau in der Mitte zwischen Tegernsee und Schliersee. Am Eck, das war ein Bauernhof mit jungen Katzen. Die Marlies und die Renate standen sich im Aussehen in nichts nach. Wir segelten zum ersten Mal auf dem Tegernsee, schwammen im Schliersee und fuhren nach Innsbruck. Nie vergaßen wir später den  Besuch auf dem Hafelekar. – Mich frug eine Frau in Markelfingen nach dem Weg. Sie sprach bayrisch. Ich frage die Fremden immer danach, wo sie denn herkommen, weil ich dann fast immer antworten konnte, dass ich in ihrer Gegend oder Stadt X-mal zu Besuch war. Aber das ist eher ein Spiel. Die bayrische Dame kannte das Eck!

 

Wir hatten einen besonders agilen und eloquenten Außendienstler. Eines Tages sagte ich ihm, dass die Idee unseres Chefs, sein Geschäftsmodell, eigentlich auch für Drogerien tauge. Sie zündete bei ihm in der Weise, dass er mit Kunden, die viel Drogerieartikel führten, diskutierte. Die steckten dann unserem Chef dieses Diskussionsthema. Wurde ich plötzlich als jemand gesehen, der hinten herum? Kam ich in den Ruch eines Renegaten? – Wie auch immer, mit der „Info“ konfrontiert, ich stritt nichts ab. Aber rückblickend mochte ich erwarten können, dass eine solche Idee ohne die aktive Unterstützung meines Chefs nie und nimmer hätte realisierbar werden können und gar keine andere Sichtweise zuließ, als dass es letztlich auf eine betriebliche Expansion hinauslaufen müsste. Hatten wir Ideenlieferanten Geld? Hatten wir auch nur die kleinste Resource?

 

In dieser Zeit gierte ich nach einem eigenen Auto. Der Hugo gab mir ein Darlehen von 900 DM. Ich erwarb den Käfer vom neuesten Typ, d. h. er war der erste mit einem nicht mehr geteilten Heckfenster. Farbe freeze (ich finde das Wort im Duden nicht). Das ist etwa erdbeerrot. Die Accessoires sagen Einiges über den Käufer aus: Luxusstoßstange, Weißwandreifen halt.

 

Ich wollte heiraten und an den Bodensee ziehen. In Radolfzell saß ein Lieferant für Suppen, Würze und Teigwaren, die Radolfwerke AG, heute Hügli GmbH. Nach wie vor schweizer Geld. Ich schrieb, ob man eine adäquate Stellung für mich hätte. Der Direktor zeigte sich interessiert und kündigte seinen Besuch in F an. Dieser neue Chef engagierte mich abends auf der Hotelterrasse. Er sollte für mich zum Weichensteller mutieren. Die Zukunft gezoomt: ca. zehn Jahre später, schon war ich selbständiger Verleger, besuchte ich seine ehemalige Sekretärin, die noch als über 90jährige lebt und erzählte ihr von meinem Telefonat, geführt in Bad Kreuznach, mit unserem ehemaligen Chef. Er lud mich zu einem gelegentlichen Besuch ein. Das war verwunderlich, wenn man weiß, was in der Zwischenzeit geschah. Diese Sekretärin schaute mich seltsam an, als ich die Grüße ausrichtete, die mir vor etlichen Wochen aufgetragen wurden. „Sie können keine Grüße ausrichten von jemandem der nicht mehr lebt.“

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Vor dem Antritt meiner neuen Stellung, nun als Verkaufsleiter, heirateten wir. Zum ersten Mal standesamtlich in MA, evangelisch-kirchlich in Süßen, vier Jahre später nochmals katholisch in Markelfingen. Also drei mal. Ich heiratete die Braut Renate Maria Heckmann, 23. Was ich bei Balzac, "Die tödlichen Wünsche" im hohen Alter las, trifft wahrlich auf dieses Wesen zu: "Die Frau, die wahrhaft mit Leib und Seele Gattin ist, läßt sich willig dahin führen, wohin er geht, indem ihr Leben, ihre Kraft, ihr Ruhm und ihr Glück beschlossen ist."

Die Hochzeitsfeier in Süßen fand bei strahlendem Wetter statt auf der Burg Staufeneck über Süßen. Zur Kirche fuhren wir im Mercedes mit Chauffeur. Das Auto wurde zur Verfügung gestellt von meinem ehemaligen Lehrherren. Ein Detail wurde schon erzählt. Gleichzeitig war in einem angrenzenden Saal ein Treffen von Leuten aus Stuttgart. Das war eine vornehme Gesellschaft. Ab zehn Uhr wurde zwischen den Sälen die Trennwand zurück geschoben. Der Impuls dazu kam von der nachbarlichen Feier. Dann vermischten sich beim Tanz die beiden Gesellschaften. Die schöne Braut wurde so ein erweiterter Mittelpunkt. Erst am frühen Morgen um vier Uhr machten wir uns zu meinen Eltern auf und unsere Gäste in ihr Hotel.

Dieser Ehestart saß. Der Tod der Renate Jahrzehnte später, 2015, beendete das irdische Glück.

 

Das Folgende zeigt, dass ich beruflich, solange angestellt, nicht durchgängig Glück hatte. Aber das Leben am See, das war paradiesisch. Nicht umsonst kamen wir nach unserem zweijährigen Ausflug nach München wieder an den Untersee zurück.

Im ersten Sommer gingen meine Renate und ich in jeder Mittagspause auf der Mettnau am See entlang spazieren. Diese Promenade dürfte die schönste am See überhaupt sein. Nicht umsonst machte sich die Kur dort breit. Damals war das, was jetzt Park ist, wilde dichte Schilfnatur, zwischendrin grotesk verkrüppelte Büsche. Naturschutz halt, der nur so lange hielt, bis eine Kommune etwas Anderes im Sinne hatte. Gleich in der zweiten Woche hatten wir ein nie wieder erlebtes Mückenereignis als Solitär. Die Luft war erfüllt von Myriaden Eintagsfliegen. Wir liefen wie auf einem Teppich, ausgebreitet in Form von Mückenleichen. Seltsamerweise behinderten die schwirrenden Tiere nicht unsere Fortbewegung. Sie flogen einem nicht ins Gesicht.

An allen beiden Sommern erschienen mein schlankes Weibchen und ich im Strandbad auf der Mettnau täglich zum Schwimmen, weit hinaus, ob die Sonne schien, ob es regnete, ob es kühl war. Nie blieben wir weniger als eine Stunde im See.

 

Wir nahmen Wohnung bei einem Rechtsanwalt unter der Schräge. Seine Frau, Kriegerwitwe, war eine Schönheit und tüchtig! Fenster streichen? Kein Problem. Sie wurde sehr alt und dement. Der kleine Sohn wurde von der Renate betreut, wenn er morgens aufwachte. Seine Eltern gingen buchstäblich jeden Tag ins Lamm, das es längst nicht mehr gibt, aus. Immer kamen sie sehr spät nach Haus. Der Sohn ist heute Optiker und die Tante Renate war immer eine Halbmutter. Die Wohnung hatte kein Bad, statt dessen war unsere Küche dort untergebracht, Waschgelegenheit im Schlafzimmer. Kein Warmwasser, keine Heizung. Im Winter saukalt. Was man alles ohne Jammern schluckte! Im Wohnzimmer stellten wir einen Ölofen hin.

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Mit unermesslichem Staunen erlebten wir das erste Eis auf dem See! Ich konnte durchaus Eislauf-Wandern, ja wandern, denn die Fläche war unendlich groß. Meine Renate legte zu meiner Überraschung Eislaufkünste hin, Piruetten von deren Beherrschung ich nichts ahnte. - 

Und (auch) ein kaltes Widerfahren: Eis und Nebel. Ich startete zum Eislaufen am Naturfreundehaus zwischen Allensbach (Demoskopie) und Markelfingen mit der Absicht, das gegenüber liegende Ufer der Mettnau, der Halbinsel, die sich der Reichenau als schmale Zunge entgegenstreckt, zu gelangen. Es sind wenige hundert Meter. Aber kein Gegenufer nach zehn Minuten. Ich geriet in Panik, denn weiter links war ja offenes Wasser. Ich erinnerte mich an Karl May, der in einer seiner Erzählungen beim Marsch durch eine orientierungslose Wüste vor dem verderblichen Laufen im Kreise warnte, weil das rechte Bein kräftiger ausholen würde. Also Schwenk nach rechts. Nochmals. Dann plötzlich eine Eislaufspur, vielbefahren. Dieser folgte ich unverdrossen.  Eine Stunde lang. Plötzlich freie Sicht. Allensbach. Ich lief also die Mettnau entlang nach Westen an der Bootswerft und ihrem Hafen vorbei. Dann rüber nach Markelfingen, dann die 6 km nach Osten bis Allensbach. Immer etwa 20 m vom Ufer entfernt von dem ich nichts bemerkte. Kein Zug vom Bahngeleise, kein Fahrgeräusch von der damals noch Bundesstraße. Tödliche Stille. Ich zitterte.

 

Die Altstadt von Radolfzell war trotz noch fehlender Fußgängerzone wunderschön. Aber die Bahn schob und schiebt sich zwischen die Stadt und den See, so wie fast überall am See. Die Außenzonen waren damals triest und wenig erbaulich. Ich kann mich erinnern, dass die Renate zu heulen anfing, als wir von Stockach kommend die Bahnlinie mit Schrankenübergang die Schützenstraße passierten. Vom Glanz Mannheims in einen solchen Empfang zu geraten, war für sie zu viel. Aber das war halt nur prima vista. Als die Schwiegereltern im Juni zu Besuch kamen, da entdeckte der Opa sehr schnell das Scharfe Eck, ein Weinausschank, noch sehr primitiv, wir saßen oft auf Kisten aber mit wundervollem Badischen Wein! Viel später bediente meine Frau dort an Samstagen, erhielt auch Trinkgeld vom legendären Egon Bahr, der über neunzig wurde. Dadurch kannten Hinz und Kunz meine Frau. Liefen wir durch Radolfzell, dann begann das große und laufende Grüßen.  

 

Der Helm, der in M die Marlies eroberte, arbeitete nun in Tuttlingen. Da bot es sich an, ihr Wochenenddomizil bei uns in Radolfzell zu platzieren. Sie schliefen auf einer Ausziehcouch. Diese Wochenenden waren sehr kurzweilig. Aber nach einiger Zeit stank es uns, dass die Beiden immer und stets bei uns erschienen. Man möge Verständnis dafür haben, dass wir auch hin und wieder allein sein wollten. Wir sorgten für Pausen. Aber sonst wars halt nett. Insbesonders fuhren wir zum Mittagessen nach Horn auf der Höri in den Hirschen. Der stund damals noch auf rustikalem Niveau, heute ist das eine Nobeldestination. Man bekommt ohne Voranmeldung keinen Platz. Im Sommer wird auch serviert im Garten. Der Essenrummel zieht sich von halbzwölf bis drei Uhr hin. Man speist vorzüglich und teuer. Die halbe Schweiz kommt her.

1958 jedoch bestand die Anziehung darin, dass ein Drei-Gang-Menue - eine große Suppenschüssel mit Pfeiselessuppe kam auf den Tisch, üppige Bratenstücke mit Nudeln, Kartoffel- und Blattsalat und Hörigemüse (berühmt!) und selbst gemachtem Eis - DM 1,60 kostete. Die Preise kletterten jedoch relativ rasch. Etliche Jahre später waren es schon DM 3.60. Ich gebe zu, dass meine Erinnerung mich evtl. trügt. Wenige hundert Meter steht die Horner Kirche mit phantastisch schönem Ausblick auf den Untersee, Gnadensee, Rheinarm von KN her, die Reichenau, alles zu sehen vom Friedhof aus. Das berühmte Kloster nannte sich früher einfach Au. Nirgendwo in Deutschland wird den Toten so etwas geboten. Der Erzherzog von Baden bedauerte es, in Horn nicht Pfarrer geworden zu sein. 

Wieder Zukunfts-Zoom. Meine Renate geriet schon in die Demenz, wie erwähnt war das Empfinden für Schönheit noch völlig intakt, da mussten wir eine Stunde warten, um im Hirschen Platz zu bekommen - im Winter! Die Zeit vertrieben wir uns mit einem Gang auf den Friedhof. Und nun die grenzenlose Überraschung! Ein ganzes langes Leben versäumten wir es, diesen Friedhof komplett zu erwandern. Da öffnete sich nun zusätzlich der Blick nach Norden, auf Radolfzell, Moos und die Mettnau, damit der Blick zum Zeller See. - Was waren wir doch Sight-Seeing-Stümper!

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In die erste Zeit von 1958 fiel eine zweite Schweizer Episode. Meine Radolfzeller temporäre Wirtsfmilie hatten eine Tochter mit Mann, Entwicklungsleiter bei Allweiler, die hatten sich kein Auto zugelegt, dafür ein großes schönes Motorboot, Holz. Holywood on Ice kam nach Zürich!. Das wollten wir uns angucken. Das Ehepaar nahmen wir mit auf dem Rücksitz des Käfers. Auf dem Züricher Parkplatz stellten wir uns ordnungsgemäß in Reihe, am Bug Querbalken zur Abgrenzung. Man weiß, wie man aus dem Käfer ausstieg: Fahrertüre weit auf, Fahrersitz vorklappen. Dann das Herauskriechen der Hintersassen. Kommt von hinten ein amerikanischer Autoschlitten, fuhr bis dicht an unsere offene Türe heran. Vor dem Touchieren machte ich eine Faust und hieb mit voller Wucht auf die Motorhaube der Schweizer. Deshalb unverzüglicher Stopp. Der Fahrer war schnell heraus und wollte Streit. Ich ließ ihn gar nicht zu Wort kommen sondern - was wohl? In der Zwischenzeit krochen die mitfahrenden Fahrgäste heraus. Sie waren über und über behangen mit Orden und militärischen Kleideraccessoirs. Sie waren Generäle. Ich verlangte sofortiges Zurücksetzen, lautstark, um meine Autotüte schließen zu können. Meiner Forderung wurde entsprochen. Und jetzt die Nachricht: In etwa 30 m Entfernung hatte das Geschehen ein Polizist beobachtet. Er griff nicht ein, aber er kam langsamen Schrittes heran und entschuldigte sich für das rüpelhafte Benehmen der Militärs. Ich möge doch Verständnis dafür haben, dass er sich mit ihnen nicht anlegen wollte. Ich hätte mir ja selbst helfen können.

 

Als Nachbarn wohnten die Knolls, etwa so alt wie wir. Er war Ingenieur. Im zweiten Radolfzeller Jahr gingen wir den Sommer über abends ins Mettnauer Strandbad und wir aßen zu Abend. Das alles war ein Traum. Die Renate und die Frau Knoll wurden enge Freundinnen bis der Tod dazwischen ging. Das war die, die sich in Gargellen krümmte vor Lachen, als ihre Freundin nach unten sauste.

Der Walter Knoll hatte einen Vorstand, IHK-Präsident. Der Walter litt unter dem Saufen dieses Mannes und es kam in der Zeit, da ich mich für den Rest des Lebens selbständig machte, bei ihm zum Streit. Er machte es mir nach, aber in Bad Saulgau. Sein Anfang war schwer, aber nur dieser. Wenn man die Firma Walter Knoll heute googelt, dann wird aufgezeigt, dass das Unternehmen doppelt so groß ist wie der frühere und auch jetzt noch bestehende Arbeitgeber, dass es der größte und namhafteste Betrieb in Bad Saulgau ist. Saulgau verehrt die Knolls wie Könige. Ehrenbürger. Nichts ist aber ohne Trübsal. Der Walter konnte es nicht sein lassen, ein neues Hüftgelenk im Robotverfahren installieren zu lassen. Man weiß, diese Methode wurde weltweit für Unzählige zur Katastrophe. Walters Gelenk kam nie in einen Zustand, da es ohne chronische Entzündung war. Grausame Spätfolgen hatte er zu ertragen und im Alter entwickelte sich ein Sarkom, das lange Zeit als harmloses Geschwulst diagnostiziert wurde. Er wurde aber doch 86.

 

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Wenn jemand gesellschaftlich herausragt, sammeln sich alsbald Fliegen um ihn. Es wird alles getan, um in den inneren Zirkel zu gelangen. Ich kann wahrheitsgemäß versichern, dass ich das nie tat. Ich konnte warten bis man mich brauchte, mich einlud. Selbst herausragende Festivitäten konnte ich meiden. Der Walter lud uns ein zu seinen bombastischen betrieblichen Festen. Wenn er die Radolfzeller Vergangenheit beschwor, dann brauchte er einen Verleger zum Erwähnen, als Kulisse. Es gab aber auch sehr gelungene Einladungen privatim. Der Walter baute drei Häuser, das erste in Markelfingen neben uns (wir waren zeitlebens Mieter), das zweite in Bad Saulgau und ein drittes mit Säulen und allem Pi, Pa, Po. Er musste so viel Kirchensteuer zahlen, dass er es sich erlauben konnte, sich mit dem Meißner aus Köln zu streiten. Er informierte mich per Kopien. Dazu musste ich dann aber bemerken, dass er die Schreiben an den katholischen Hartgesottenen mir besser vor dem Abschicken zu lesen geben sollte. Seine Sekretärin war nicht ganz perfekt. Also war ich der Lektor. Aber der Streit mit dem Hochmögenden wurde ziemlich hart geführt, was mir gefiel. Wer auf Seite 22 dieser WebSite meine Dokumentation des Streites mit den evangelischen Kirchen sichtet, merkt, dass ich gewissermaßen in seiner Tradition, nun auf der evangelischen Seite, weiter handele. Eines jedoch gefiel mir nicht, ich kann es auch nicht deuten, über einen seiner engen Freunde äußerte er sich abfällig, in meinen Augen ungerecht. Ich frug nie etwas darüber nach.

 

Gleich im Sommer 1958 meldete ich meine Renate zum Führerscheinerwerb als Geburtstagsgeschenk an. Ich sagte ihr zuvor nichts davon. Ihr Fahrlehrer war Sisi Wünsche, Motorrad-Rennfahrer auf DKW, zweimaliger Deutscher Meister nebst vielen anderen Platzierungen. Dessen Frau war der Renate sehr zugetan. Noch im hohen Alter besuchte uns Sisi mit seiner zweiten Frau, die erste verstarb früh, in Markelfingen. Er wurde 84 Jahre alt. Ich schäme mich, aber ich jagte die Renate als Führerscheinneuling rücksichtslos durch die Innenstadt von Konstanz. Vor ihrer Demenz hatte sie noch etliche Jahre Gelegenheit einen SL 300 Cabrio zu steuern. Der Wagen ist ein Erbstück vom Sohn Thomas. Ich wollte, er lebte als dass wir so zu Erben wurden.

 

Zurück zum Job. Er wurde eine Falle. Verkaufsleiter! Jeder der bis hier her gelesen hat, weiß, dass ich über keinerlei Verkaufspraxis verfügte. Das Verkaufen erlernte ich erst ab 1968, als ich bis 2013 selbst entwickelte Produkte in Geld fürs Überleben umsetzen musste, wobei mir gelegentlich gesagt wurde, dass sich meine Art des Verkaufens deutlich von dem unterschiede, was andere Außendienstler üblicherweise so abzogen. Manchmal sollte ich einen angestellten Vertreter besuchen und ihn begleiten. Diese Profis merkten natürlich mein Unvermögen in praktischer Umsetzung von „Vormachen“. Ich hatte mal einen Besuch eines Versicherungsvertreters, den ein Chefvertreter begleitete. Der Vertreter hätte keinen Zehen in meine Versicherungslandschaft zwischenschieben können, aber sein Chef holte dann einen Abschluss bei mir heraus. Undenkbar für meinen Job. So reduzierte sich meine Tätigkeit im Unterstützen des Außendienstes mit werblichen Maßnahmen und vorbereitenden schriftlichen Kundenkontakten. Das musste ich aber initiieren, das war bislang kein Usus.

 

Die tägliche Situation war auch insofern unerträglich, dass mein Direktor alles, was für meine Aufgabe relevant war, an sich zog und mir nur noch Abfall übrig ließ. So war ich ab 10 Uhr vormittags mit meinem Pensum fertig und ich las Fachzeitschriften oder quatschte stundenlang mit dem Einkäufer, der erstaunlicherweise auch so viel Freizeit hatte. Eigentlich wurden wir Freunde. Mittags kam er mit mir in meine Wohnung zum Kaffeetrinken. Später, als wir von München zurück kamen, erstarb die Freundschaft aus persönlichen Gründen die ich nicht darlegen kann, weil sie in seinem Feld zu verorten sind. Später wurde er übrigens bei Hügli Direktor. Um diese Stellung zu bekommen, hatte er einen Initiationsschriftsatz zu erarbeiten. Für diese Arbeit kam er etliche Wochen täglich zu mir,  auf dass ich beim Verfassen behilflich sein konnte. – Danach kam er nur noch auf mich zu, wenn er meine Hilfe brauchen konnte, etwa wenn ich seinen Sohn mit Hochschulabschluss beim Bewerben Couchen sollte.

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die Kisten füllten und leerten. Danach fanden wir Gelegenheit, beim Säubern des Bodens mit einem Wasserschlauch den Schlauch aus den Händen zu verlieren, so dass er wild herumschlängelte und seinen Strahl unberechenbar herumirren ließ. Das geschah ziemlich oft, wenn dieser blöde Stellvertreter vorbeikam. Der wählte schließlich einen kleinen Umweg.

Der Holländerführer war ein honoriger Mann, unser Schichtführer. Der Betriebsleiter, ein bulliger Typ, fuhr manchmal unseren Schichtführer an. Einmal stand ich in Hörweite und ich mischte mich ein, weil mir das Gesagte und die Art nicht gefiel. Wenn der Betriebsleiter eine Dogge gewesen wäre, hätte er mich angefallen. Ich erinnerte mich aber an eine Waffe, die schon einmal Wirkung zeigte. So wurde ich im Gegenzuge hemmungslos laut. Ich schrie ihn nieder. – Und jetzt der Witz: Dieser Mann hatte eine hübsche Enkelin. Sie heiratete später meinen Neffen. Ich wurde nicht gefeuert. Unser Schichtchef wurde fortan in Ruhe gelassen.

Während des Sommers gab es eine betriebliche Ausfahrt nach Friedrichshall. Auf der Rücklfahrt begab es sich, dass die attraktive Tochter des Direktors neben mir Platz nahm. Das gab Gelegenheit zu einer Andeutung von Flirt. Jedenfalls presste ich einen meiner Arme nicht krampfhaft an mich. 

Zu berichten ist noch über einen Unfall, der glücklich verlief. Wir transportierten ein Dutzend riesige Korbflaschen, gefüllt mit Salzsäure, mit dem Aufzug in ein anderes Geschoss. Zum Glück nur eines höher, denn nach dem Schließen der Türe des Lastenaufzugs kippte beim Anfahren eine Korbflasche und die Salzsäure lief heraus. Im Nu war alles in weißem Nebel gehüllt. Ich hatte Übung im Atemanhalten. Dann stand der Aufzug auch schon wieder und wir konnten die Türen öffnen und heraus rennen. 

 

Nun kam der Herbst. Semesterbeginn. Ein neuer Lebensabschnitt stand an. In Sachen Studium passierte während der ganzen zwei Semester nichts Erzählenswertes. Die Vorlesungen fand ich totlangweilig, weil ich das Meiste schon kannte. Lediglich die Statistik machte mir Schwierigkeiten wegen des Bezuges auf Mathematik. Formeln!  Aber zum ersten Mal hatte ich mich selbst zu versorgen. Der Retter war die Mensa. Während der zwei Semesterferien arbeitete ich bei der Göppinger Städtischen Wohnungsbaugesellschaft. Ich kümmerte mich um die Buchhaltung. Der Revisor war dann mein Handelsschullehrer Feigel. Einmal machten wir einen schönen Ausflug zum Uracher Wasserfall. Auch dort beim Ferienjob  hinterließ ich meine mittlerweile eigentlich fragwürdig gewordene Visitenkarte. In einem lauten - wie anders - Wutanfall schmiss ich einen Türschlüssel zum offenen Fenser hinaus in den Hof. Der Chef war daraufhin besonders zuvorkommend. Diese Tätigkeit führte zu Folgen. Meine Diplomarbeit behandelte die Bilanz eines Wohnungsunternehmens. Sie erlangte die Note 'sehr gut'.

 

In der Tübinger Mensa begegnete ich einem Amerikaner aus Illinois und einem Taiwanesen. Letzterer besuchte mich etliche Male, im zweiten Semester war er aber nicht mehr in Tü eingeschrieben. Der Erstere, nun, das ist eine jahrzehntelange Geschichte geworden und endete mit einem Aplomb ins Nirwana. Der Grund? Der schimmert schon relativ früh in der Schilderung durch. Den Grund bedauere ich zutiefst.

Dieser Amerikaner hatte deutsche Eltern, umgängliche Leute, die in ihrer Jugend aus dem Hohenlohischen in die USA ausgewandert aber der deutschen Sprache fast entwachsen waren. Der Amerikaner meinte, ich solle ihn Chap nennen. So tat ich. Er erzählte mir, dass er seine Dollars in Zürich über den Franken in die DM wechseln würde, weil er so viel mehr herausholte. Demnächst stünde wieder eine solche Tour an. Ob ich mitkommen wolle? Natürlich wollte ich das. Aber per Anhalter! Beim zweiten Mal hatten wir ein Auto, das ich von meinem früheren Geschichtslehrer bei der WO S in Geislingen auslieh. Auf der zweiten Fahrt nach Zch passierte nichts Ungewöhnliches, sehr wohl aber bei der ersten. Anhalter, da mussten wir erst mal aus der Stadt hinauslaufen Richtung Rottweil, auf der Bundesstraße. Aber es hielt sehr früh ein Autofahrer an. Noch vor Balingen kamen wir an einem Lkw vorbei, der in Vollbrand loderte. Ich bat um einen kurzen Stopp und ich photografierte das Ereignis. Ich hatte dabei den Hintergedanken, das Photo an die Zeitung zu verkaufen, was klappte und meinem Geldbeutel gut tat.

Wie oft wir die Mitnehmer wechselten, weiß ich nicht mehr aber ich kam durch eine Gegend Richtung Schweizer Grenze, die ich heute in allen möglichen Facetten und Winkeln kenne. Ich brauchte vor allem etliche Zeit, bis ich das Prozedere des Grenzübertrittes überblickte. Ich bekam ja auch mit, dass wir Deutschland verließen. Die noch nie gesehenen Grenzschilder zeigten das an und was ein Douane ist, weiß ich mittlerweile zur Genüge. Aber schon nach kurzer Fahrt landeten wir wieder in Deutschland (Büsingen) um gleich wieder in der Schweiz zu sein. Den Rhein deutete ich auch richtig. Merkwürdig, ich kam nicht auf den Gedanken, eine Karte zu studieren! Echt. Das erste Zusammentreffen mit Schweizern geriet spektaktulär positiv. Aber das Schwyzerdütsch war schon eine eigenartige Sache.

 

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Der Chap holte sich seine DM im Wechseln über den Franken und es dämmerte. Der Tag war ja auch lang. Wo übernachten? Wir kamen am „Hotel du Theatre“ vorbei. Vor gar nicht so langer Zeit sah ich das Hotel mit Bild in einem Reisebericht in der Zeitung erwähnt. Wir gingen zum Portier, der gerade seinen Nachtdienst antrat. Und fragte nicht groß weiter über unser Begehr. Wir leisteten einfach dem Portier Gesellschaft. Es war ihm recht. Und es ging Mitternacht zu. Irgend wann etwas vorher kam dem Portier der Gedanke, dass wir hungrig sein könnten. Also schleppte er uns in die Küche und richtete einen Imbiss für uns her. Anschließend hieß er uns, zwei Matratzen aus einer Kammer zu ergreifen und sie mit dem Aufzug in die Bar zu schleppen. Dort legten wir sie auf den Boden und der Portier wünschte uns einen guten Schlaf. Wir mussten uns sehr früh, vor Schichtwechsel erheben, wurden aber noch mit Kaffee und einem Unterwegs versorgt und wir konnten uns auf die Heimreise machen. Wir bedankten uns vielmals. Das war die zweite schweizer Episode, noch zwei weitere stehen an.

 

Auf dieser Heimreise geschah etwas, was ganz weitläufig einen Faden hinterher zog zum erwähnten Aplomb. Man kann es nicht fassen!

Wir wurden mitgenommen gleich am Züricher Stadtrand von einem üppigen Wagen amerikanischer Provenienz, ich glaube es war ein Buick (ich weiß nicht, ob richtig geschrieben). Der Fahrer war auf dem Weg nach Stuttgart. Der Chap saß vorne auf dem Nebensitz, ich hinten. Der Mann am Volant war elegant gekleidet, mit langärmeligem Jackett. Irgendwann rutschte ein Jackettärmel zurück und gab eine spindeldürre Handspeiche frei. Der Mann bemerkte wohl im Rückspiegel meinen Blick und zog den Ärmel noch weiter zurück bis zu einer Stelle, da das Kleidungsstück eine eintätowierte Nummer frei gab. Er gab sich als Jude zu erkennen, der aus einem Konzentrationslager bei Kriegsende von alliierten Truppen befreit wurde. Darauf unterhielten sich der Chap und der Jude noch angeregter als zuvor. Dem Fahrer stellte sich der Chap als Amerikaner vor und er genoss daher besonderes Zuvorkommen und Interesse. Wenn der wüsste, was ich wenig später mitbekam und worunter ich eigentlich viele Jahre litt, immer in der Hoffnung, dass „es“ sich begab und legte.

 

Es stellte sich heraus, dass ihn in USA ein jüdischer Fleischer ausbeutete, als er jobbte. Es mag wahr, konnte aber auch wegen des deutschen Bezugs nazistischen Einflüssen geschuldet sein. So machte der Chap denn beiläufig antisemitische Bemerkungen. Ich forderte ihn auf, das gefälligst bleiben zu lassen. Er ließ es auch, bis das Thema Jahrzehnte später wieder hochkam, nunmehr so, dass die Freundschaft endete. Es soll nach und nach erzählt werden.

Der Chap war ein tadelloser Kumpel, man musste ihn mögen. Aber im zweiten Semester nahm ich ihn mit übers Wochenende in mein Elternhaus. Über Süßen ist eine sehr schöne Burgruine Staufeneck mit schönen Lokalitäten. Wir Schüler damals wanderten oft hinauf. Und es sei vorweg genommen: Dort feierte ich unsere Hochzeit. 

 

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Also dort hinauf nahm ich abends den Chap mit. Ich weiß nichts mehr über das Transportmittel. Aber wir kehrten nach gut deutscher Art ein. Nun sollte es so sein, dass in unserem Raum fünf Soldiers, Amis, Platz nahmen. Und die Soldiers waren guter Stimmung, weil ihnen die Gemütlichkeit offensichtlich zusagte. Der Chap regte sich auf. Er erzählte mir, dass in Amerika solche Leute sich nicht so präsentieren könnten. Nun war ich wiederum hoch und unangenehm überrascht. Weil, ja weil, die Soldiers halt von schwarzer Hautfarbe waren. Also outete sich der versteckte Antisemit auch noch als Rassist. Dieses letzte Verhalten wiederholte sich mangels Anlass und Gelegenheit nie mehr, auch nicht im Meinungsaustausch. Denn ich putzte dem Chap damals die Nase.

 

Bleiben wir noch bei dem „Kerl“, denn das bedeutet ja Chap, bis zum Aplomb. Eines Tages kam ich in Mannheim vom Abendbesuch bei meiner Renate zurück in meine Studentenbleibe bei Herrmanns. Es war ein Doppelzimmer, der Helm (mit Lokvater) war ausgezogen und verblieb in München und nun war ich vorübergehend alleine. Bei den Herrmanns waren wir schlicht zuhause, integriert. Jemand lag in meinem Bett, es war der Chap. Meine Wirtin ließ ihn erst nicht herein in die Wohnung, aber als er nicht wieder weg ging, erbarmte sie sich seiner und glaubte seinem Bericht. Das war nach Tü die erste Wiederbegegnung.

Dann lebten er und ich eine längere Zeit in Frankfurt zur gleichen Zeit. Er hatte ein Zimmer in der Nähe bei der Mörfelder Landstraße in Sachsenhauen. Damals sollte er Soldat werden, die Behörden waren hinter im her. Daraufhin schlief er kaum noch, geriet absichtlich gesundheitlich in Schieflage und war bei wiederholten Musterungen einfach nicht mehr zu gebrauchen. Als er das hinter sich gebracht hatte, blühte er wieder auf und studierte in Marburg. So kam ich zum ersten Mal nach dort. Später sollte ich in Jahresabständen eine zweistellige Anzahl von Besuchen machen, halt wie in Freilassing und Bad Reichenhall. In der Regel startete ich meine Reisetour in MR um 9 Uhr morgens weiter nach Norden, nachdem ich ab fünf Uhr von Radolfzell nach dort mit Vollgas unterwegs war. Zuletzt bewunderten wir den Marktplatz und das Schloss, wir, meine liebe Frau und ich auf einer Reise die ganze Lahn entlang bis zum Ursprung. Da waren wir beide aber schon alt.

Der Chap verdiente dann einige Zeit lang in HH bei der Deutschen Erdölgesellschaft, DEA, Geld dazu und als ich eine Hamburger Niederlassung meines Frankfurter Arbeitgebers beim Hugo besuchte, schleppte mich der Chap nach St. Pauli. Ich bekam zum ersten und letzten Male einen Schlammringkampf in einem Etablissement zu sehen und schließlich auch noch einen amerikanischen Flugzeugträger, der dem Hamburger Hafen einen Besuch abstattete.

 

Noch später besuchten wir von Radolfzell aus den mittlerweile verheirateten Chap in Weil, weil er in Basel promovierte. Da gingen wir – ob in Basel oder Weil, weiß ich nicht mehr – in ein Reptilien-Café. Das meint, dass unter den Tischglasabdeckungen grausliche Viecher hausten. Plötzlich stieß meine Renate einen gräßlichen Schrei aus, die Leute erstarrten. Sie bekam mit den Beinen Kontakt mit den Kabeln, die zu den Tischen führten, um für Wärme zu sorgen. Das Kabel an ihren nackten Beinen fühlte sich schlangenmäßig kühl an. Sie schrie erst, dann blickte sie.

 

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Längst war ich selbständiger Verleger, da schlug der Chap mit seiner, ja, lieben und fürsorglichen Frau vor, einen gemeinsamen dreiwöchigen Urlaub am Limfjord zu verbringen. Das war sehr schön, stattliches Wochendhäuschen hoch über dem Fjord mit Ruderboot. Ich kann mich noch an Agger an der Nordsee erinnern, wo wir Dutzende von Quallen sammelten und die schlabbrigen Dinger auf den Sand kippten. Beim Schwimmen war es angesagt, sich vor Berührungen zu hüten. Auch taten wir wohl Verbotenes: Unten im Wasser lagen Rohre herum, in denen sich Aale verkrochen. Die fischten wir zwar nicht, aber wir kippten die Röhren aus. Zeitvertreib halt. Am Strand gab es Miesmuscheln in Hülle und Fülle. Wir waren zu fremd, um sie zu einem Mahl herzurichten. Viel später lernte ich in einem bekannten Edellokal in Moos am Untersee bei Radolfzell die leckeren Dinger kennen – übrigens viel besser als am Strand in der Normandie, dort, wo die Alliierten landeten. Das finde ich bemerkenswert. Schließlich begingen wir wohl eine Totsünde. Das Ruderboot wollten wir zum Segeln bringen, weil wir hinter einem Holzstapel eine dänische Flagge entdeckten. Sie taugte als Segel. Es geschah dem Tuch nichts, aber die Dänen merkten, dass die Fahne nicht mehr so deponiert war wie zuvor. Nun, wir haben ihnen für sie sündhaft teuren Kognak serviert, sie sollen sich bescheiden und den Nationalismus nicht gar zu intensiv pflegen.

 

In meinen Reisejahren übernachtete ich dann regelmäßig einmal im Jahr bei ihnen in der Nähe von Hanau.

Ich habe Chaps Frau schon zuvor als fürsorglich gelobt. Und ich sparte Hotelkosten, sic. Der Chap machte sich schließlich auch selbständig, sehr originell. Er eröffnete in Berchtesgaden eine Galerie, verkaufte an die Amis unzählige Gebirgsbilderschinken, die ihm bayrische Maler fabrizierten. Renate und ich waren dort hingereist, um bei der Konfirmationsfeier des Sohnes dabei zu sein.

Dann geschah in Markelfingen das, was in seiner Konsequenz schließlich zum Ende der Freundschaft führte. Aber nicht ich war es, der sie aufkündigte, sondern der Chap begriff, dass sie nicht mehr weiter geführt werden konnte. Das kam so:

 

An anderer Stelle ist zu lesen, dass meine Renate eine begnadete Sängerin mit weichem und führendem Sopran war. Also war sie jahrzehntelang Mitglied im Liederkranz. Dieser Verein feierte jedes Jahr im August ein Sommerfest hoch auf der Anhöhe, mit Blick auf den Markelfinger See-Winkel. Ab der Dämmerung wurde ein Riesenscheiterhaufen abgebrannt, Bier und Wein flossen in Strömen und der Magen bekam auch etwas Festes, Würste, Schnitzel. Zufällig war der Chap bei uns zu Gast – warum ohne Frau, weiß ich nicht mehr. Und er trank, denn es gefiel ihm an diesem Abend außerordentlich.

In diesem Verein sang auch ein angesehener Handwerksmeister. Und er fragte später meine Renate, was wir denn für einen Freund hätten. Der hätte an diesem Abend in seinem Suff gesagt, dass den Juden die Haut abgezogen gehöre, um daraus Lampenschirme herstellen zu können.

Das war für uns der absolute Hammer. Jahr um Jahr bekamen wir von Chaps Frau regelmäßig Weihnachtsgrüße und –wünsche. Wir erwiderten sie nicht. Aber nach vielen Jahren, wir hatten die Siebzig schon überschritten, bekamen wir überraschend, unangemeldet Besuch von Künzelsau, wo der Chap mittlerweise ein Haus gekauft hatte. Der Chap war sichtlich gealtert, seine Frau kaum.

 

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Dieser Besuch fiel kurz aus, denn alsbald sprach ich ihn auf das Vorkommnis am damaligen Sängerfest an. Ersichtlich hatte er keine Erinnerung an das, was er anrichtete. Aber die Situation war ja so, dass wir das Geschehen uns nicht aus den Fingern saugen konnten, vielmehr es eine Sache war, die so passierte, realiter eben.

 

Wollen wir nunmehr auf den Wechsel zur Handelshochschule in Mannheim, später schon Universität, kommen. – Der Helm und ich kamen in MA an an einem nasskalten, nebligen November. Die Handelshochschule residierte in einem alten Schulgebäude am linken Neckarufer. Unsere Wirte, Frau Herrmann und Herr, wohnten in einem großen Mietshaus in der Neckarstadt, Feuerwache linkswärts. Der Fußweg zur Hochschule war nicht gerade kurz. Die Hochschule konnte ich im riesigen wieder aufgebauten Schloss erst genießen in den letzten beiden Semestern.

Wir gehörten wie bemerkt rasch zur Wirtsfamilie. Der Mannheimer Dialekt und ja nicht nur dort, sondern auch in HD und der Pfalz drüben hörte sich für mich grausig-gemütlich an. Der Singsang! Dieses „Ach Gott“ in jedem Satz. Aber das Urschwäbische ist ja auch kein Ohrenschmaus. Für die Schwaben soll MA ein Anziehungsort gewesen sein. Der Schwabenvater hielte, wurde uns bedeutet, seinen Sohn schon sehr jung aus dem Fenster und würde die Richtung anzeigen, wo MA liegt. Wenn wir auch in der Türkei einem Inhaber einer Teppichknüpferei begegneten, der 20 Jahre in MA gelebt hatte, die Stadt aus der Erinnerung heraus geradezu überschwenglich lobte, so wuchs mir diese Stadt nie ans Herz.

Die Herrmanns hatten eine Tochter, sie hieß Emmy. Wir waren wie Geschwister. 2016 bekam ich einen Anruf: „Hier ist die Ämi aus Mannheim“. Ob ich der Herr Lang sei, der in Mannem studiert habe. Die Frauenstimme siezte mich. Ich kannte keine Ämi, bis nach ein paar Sätzen bei mir der Groschen fiel. Marundjosef, ach Gott, ach Gott, Emmy, kannst Du Dich nicht mit Emmy melden? Warum willst Du die Ämi sein?

 

Meine Stimmung war trübe, ich hatte Heimweh. Das hielt über Weihnachten hinaus an. Aber dann kam das Thema Fasching auf. Was mir davon schwärmerisch erzählt wurde, machte mich neugierig.

Nun weiß man, dass nicht nur die Mainzer Fasching feiern konnten, die Mannheimer ziehen auch Einiges ab. Gleich in diesem Jahr 1954 war der gemeinsame Faschingsumzug MA-LU in der Breeten Stros zu besichtigen. Ich war bis dahin chemisch rein von der Fasnacht. Aber jetzt die Bälle im Rosengarten! Umwerfend für einen schwäbischen Hinterwäldler.

Zum ersten Ball wurde ich regelrecht gedrängt. Schon da zeigte sich, dass MA auf eine Art ein Dorf war. Die Emmy berichtete, dass sich Mädchen über den Helm und mich ausgetauscht hätten. Diese Festivität verlief für mich sofort eigenartig. Ich geriet allsogleich an eine gekonnt aufgemachte junge Dame. Wir blieben von 20 bis 24 Uhr immer beisammen und tanzten in einem fort. Ich lud sie sogar zu einer Cola ein. Aber Punkt Mitternacht sagte sie mir, dass jetzt ihr Freund gekommen sei und sie mich leider verlassen müsse. Natürlich reagierte ich etwas enttäuscht aber als ich ihren Freund von Weitem sah, unglaublich einschlägig in Pracht herausgeputzt, da begriff ich, dass der Bursche Geld besaß und keine schlechte Partie war. Ich bekam das Mädchen nicht mehr zu Gesicht.

Am folgenden Samstag wieder ein Ball. Und dieser war unendlich folgenschwer.

 

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Er bot sich anders dar. Nicht so quirlig, braver. Man saß am Tisch. Ich sah auch keine spontan aufgabelbare Tanzpartnerin. Also stand ich auf, ging an den Seitwärtsrand der Tanzfläche und lehnte mich an einen Pfeiler oder eine Deckensäule. Und musterte mit Muße die Paare, genauer, die weiblichen Zielsubjekte. Nun, da war eine junge Dame zu entdecken, die tanzte mit Verve und rhythmischer Empathie. Sie fiel halt auf, sonst wären meinen Augen weiter gewandert. Ich guckte sie eine Weile ziemlich direkt und abschätzend an. Sie schaute mir im Vorübertanzen ebenso direkt in die Augen oder auch bloß ins Gesicht. Ich weiß es noch genau, keine Gesichtsregung bei ihr und auch ich zeigte Langeweile. Als sie mir weiter weg das Profil zeigte, wandte sie den Kopf en Face zu mir und forschte neugierig, ob ihr meine Blickrichtung immer noch folgte. Dann geriet sie eine Zeitlang aus meinem Blickfeld, kam in der Tour wieder in meine Nähe und sie lachte. Ein Leben lang konnte sie das Lachen in einer solchen Situation nicht unterdrücken. Ihre wohltönenden Lachsalven waren in ihrem großen Freundeskreis (oft Sänger) Gespräch. Nur ein einziges fieses Weib, das ich noch gar nie lachen hörte, heute noch bösartig, bezeichnete ihr Lachen als Wiehern. Sie ist Sauerländerin.

 

Was wäre gewesen, wenn ich sie abgeklatscht hätte, also ihrem Tänzer entwunden, mit der beiläufigen Bemerkung, dass nun die Zeit gekommen sei und begonnen habe, ihr und mein Leben für die nächsten  zweiundsechzig Jahre zu verquicken – bis zu ihrem Sterben?

 

Dass dies so geschehen möge, unternahm ich unverzüglich beim nächsten Tanz den ersten Schritt. Ich bat sie zum Tanzen. Es war – Fügung? - ein Walzer. Das war nun meine Spezialität. Bei dieser Tanzart hielt ich die Partnerinnen weit von mir, die Füße berührten sich beinahe und langsam aber stetig steigerte ich, dabei raumgreifend, die Geschwindigkeit der Drehung, so sehr, dass ich merkte, den Damen wurde es leicht schwindlig. Mir längst nicht mehr. Aber ich punktete und imponierte. Gegen Ende des Tanzes frug ich, ob man sich am nächsten Tag wiedersehen könnte. Die Zusage kam ohne Zögern. Den Abend blieben wir dann beieinander. Im benachbarten Essay „Todestraumata“ kann man sie als frisch gebackene Mutter angucken. Dieses Grundlegen meines Lebensglückes postete ich ungeplant, also zufällig, heute am 27. Mai 17 am 70er-Geburtstag des H.-P.  Ein Riesenbohei in einer Matinee auf der Mainau, abgezogen vom südbadischen Bezirk einer Partei. Der baden-württembergische Innenminister Strobl laudierte ebenso wie der CSU-Müller, der Entwicklungsminister. Per Zufall platzierte sich der Erwin Teufel, langjähriger Ministerpräsident Baden-Würtrtembergs, links neben mich und bot reflexartig seine Hand. Er stellte sich nicht vor, er nahm einfach an, dass ihn jeder Schwabe kannte. Rechts neben mir nahm seine Frau, sehr sympathische Ausstrahlung, Platz. Eine weitere laudierende Rede hielt abends der ewige Schäuble in seinem Rollstuhl. Ich freue mich, dass sich der H.-P. und meine Renate sehr mochten. Das ist wahr.

 

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Fast wäre das Treffen anderntags an der Feuerwache bei der „Brück“ schief gegangen. Weil: Ich war vor diesem Treffen kopflos. Ich ging mit genügender Zeitspanne aus dem Haus, aber schon ziemlich gelaufen, bemerkte ich, dass ich meinen Geldbeutel vergaß. Dann von neuem losgelaufen, wieder retour, weil noch anderes fehlte. Meine Wirtin verwunderte sich und zeigte sich nun besorgt, dass ich zu spät käme. Und ich kam zehn Minuten zu spät.

Sie wartete und war sauer. Gekleidet war sie in einen flauschigen Teddy, der verhinderte, dass sie fror. Der Kragen war hochgeschlagen und hüllte und umrahmte ihr frisch zu entdeckendes Gesicht. Mein Wohlgefallen bestand unvermindert. Ich habe ihr die Verspätung wahrheitsgemäß begründet aber so erzählt, dass sie erkannte, meine Kopflosigkeit war ihr geschuldet. Ich nehme an, dass sie sich geschmeichelt fühlte und weiß nur noch, dass der Tag dann harmonisch verlief. In der folgenden Zeit schmolz die Dramatik, flammte aber hin und wieder frisch auf, weil sie ungewohnt temperamentvoll war. Das konnte sich zum heftigen Streit steigern. Dann aber gelang es mir ohne Verdienst, alle Streitereien fortan wieder in Normalzustände verflachen zu können durch eine einmalige Konfrontation, wo alles auf Spitz und Knopf stand. Das war mir eine Lehre.

 

Es sei ein Semester übersprungen. Im fünften Semester wohnte ich am Anfang der Lange Rötterstrasse beim Personalleiter eines großen Mannheimer Unternehmens. Dort war ich sehr gut untergebracht. Mit der Renate begann ein Spiel des Trotzes. Ich besuchte sie fünf Tage nicht. Daraufhin läutete es an der Wohnungstür, die Vermieter waren nicht anwesend. Die Renate kam. Wir fielen uns in die Arme. Wie gesagt, nie mehr ließ ich es zu einer solchen Zuspitzung kommen. Auch wenn es großen Streit gab, spätestens wenn die Sonne unterging war er begraben. Es ist eindeutig, dass dieTiefe der Zuneigung und die Sorge um Versöhnung korrelierten. Und die Reife des Lebens gibt die Vorlage für die Richtung jeglichen Zusammenlebens. Trennung und gar Scheidung in der Ehe sind Zeichen der Unreife.

 

Allzu lange konnten wir nicht zusammen bleiben, denn ich hatte dem Helm versprochen, das vierte Semester mit ihm an der LMU (Uni) in München zu absolvieren. (Den Künstler, der das Logo der LMU gestaltete, sollte ich später im Leben kennen lernen  Wir freundeten uns an.) Das war ein Sommersemester. Wir kamen bei einem verarmten alten Architektenehepaar in deren etwas verlottertem Haus unter. Zimmer unter dem Dach. Im Winter hätten wir dort nicht bleiben wollen. Der Architekt hatte ganz eindeutig als Selbständiger es versäumt, für sein Alter vorzusorgen. Ein einziges Mal gab es Krach, weil uns eine Schulkameradin aus der WO S, die Irma, abends besuchte. Natürlich waren wir laut beim Unterhalten. So richtig hatten wir das gar nicht verortet, wo die beiden denn schliefen. Uns trennte nur eine dünne Bretterwand und so waren sie am Schlaf gehindert. Also fingen sie um Mitternacht mit dem Schimpfen und Keifen an.

Wir hatten jetzt die Fahrräder mit. In M war der Starnberger See auf den Postkarten stets mit dem Gebirge abgebildet. Was für ein Schwindel dachte ich, als wir zum See radelten und weit und breit nichts von einem Berg zu sehen war. Erst Jahre später schien mir auf, dass die Aufnahmen jeweils bei Föhn geschossen wurden.

 

Zum Studium ist nichts Besonderes zu sagen. Bei Semesterende kehrte ich nach MA zurück, der Helm blieb in München, geriet schließlich an die Tochter des berühmten Mundmalers Stegmann (ehemaliger Dennoch-Verlag), heiratete sie und leitete dann später den Verlag, obwohl die Ehe kippte. Er bereiste auf Verlagskosten die ganze Welt, wie er überhaupt die Gewohnheit hatte, alleine zu reisen. Was aber sicherlich mit der schon erwähnten Freifahrt bei der Bahn zu tun hatte. Auf dieses Ehepaar ist später zurück zu kommen. - Wie das Leben doch so spielt: Laut SZ 283 vom 8. Dez. 2018 wird mit dem Artikel "Das Geschäft mit dem Mitleid" aufgezeigt, wie die Linien jetzt nach Vaduz zum Batliner-Clan verlaufen.

Standesamt Mannheim: Stocksteif er. Schalkhafter Blick von ihr!
Staufeneck 1958. Beide sind gestorben.
Geburtstagsfeier

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Aber nun begann ich strategisch zu denken wie es eigentlich meine Art war. Der Betrieb hatte in der Fertigung freie Kapazitäten, das Verkaufsgebiet war aber durch den Main begrenzt. Ich schlug meinem Chef vor, nach und nach über die ganze BRD zu expandieren. Das wurde erst mal abgeblockt. Ich ließ nicht locker, bis er mir für den ersten zusätzlichen Bezirk einen Etat einräumte. Dieser Bezirk war erstaunlich schnell „überschüssig“. Damit war das Eis gebrochen. Der Norden war vor meinem Abgang erobert. Profitiert hat davon Hügli. Als ich noch von Nestlé z. B. laufend deren Ausbildungsplatzausschreibungen fürs Bewerberforum erhielt, verhielten sich die Leute von Hügli in vornehmer Zurückhaltung. Man wurde da arrogant abgewiesen.

 

Ich hatte die Nase voll von meinem Job und bewarb mich bei Maggi. Wenige Wochen später, noch bevor ich von Maggi Bescheid erhielt, konfrontierte mich mein Chef mit meiner Bewerbung. Ich habe der FAZ damals über den Vertrauensbruch berichtet und man bedeutete mir, dass man daran sei, solche Fälle zu sammeln und zu dokumentieren. Aber das Verhältnis bei Radolfwerke AG war demoliert.

Der Kampf um Expansionsetate schuf eine gereizte, aufgeheizte Atmosphäre. Als mir mein Chef bei einer solchen Auseinandersetzung bedeutete, dass der eine oder andere Außendienstler meine fehlende Verkaufserfahrung erwähnt hätte, explodierte ich. Man kennt das ja schon von mir. Aber ich sagte ihm, dass er an der Stagnation des Betriebes schuld sei, Verwaltung des Verharrens, Blockade gegen Expansion. Er möge die Mängel bei sich suchen. Jetzt noch ein Zitat: „Sie sind der wahre Totengräber dieses Unternehmens!“

 

Nun setzte der Schweizer Inhaber eine Besänftigungsbesprechung an. Ich bewarb mich aber spontan bei einem Münchener Wohnungsunternehmen, das eine Stelle als Immobilien-Vertriebsleiter ausschrieb. Wiederum schickte ich keine Bewerbung. Der Personalberater Markus Müller München, bekannt durch seine drei M’s, fädelte alles ein und ich wurde zur Vorstellung eingeladen. Der Gestalter übrigens des MMM-Logos, oder der LMU München oder meines Logos „el“, Frettlöh, wurde alsbald ein Vertrauter. Er gestaltete auch eine ganze Anzahl von Kirchenfenstern. Ich schätzte seine hohe Bildung sehr.

Schon die Vorstellung misslang eigentllch. Der zukünftige Chef, Konsul Holzmüller, er schaffte es später zu einer gigantischen Gant, sprich Konkurs, war ein feister Typ, gerierte sich als König Ludwig IV von München, denn er hielt regelrecht Hof.

Der Konsul war stinksauer, weil ich zur Vorstellung genau eine Stunde zu spät erschien. Ich wollte auf der Fahrt nach München endlich Garmisch kennen lernen. Die Verspätung nahm ich total auf die leichte Schulter: Ich hatte in meinem Leben noch nie eine offizielle „Vorstellung“ absolviert! Ich nehme an, dass ich nur deshalb eingestellt wurde, weil der Markus Müller, Freund Frettlöh’s, einen Narren an mir gefressen hatte. Anders kann ich mir die Entwicklung nicht erklären.

 

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Bei der Deeskalationssitzung in Radolfzell hatte ich die Veränderung schon fest gezurrt. Zwei Jahre später kommt mein nun ja Kontrahent nochmals ins Spiel, daher das Attribut „Weichensteller“.

Diese zwei Jahre in München sollten turbulent werden! Schon der wieder wahnwitzige Auftakt! Daher schon hier: der neue Job geriet wiederum zum Intermezzo.

Wir zogen also um in eine Kellerwohnung in der Düsseldorfer Straße, weil die Wohnung im schönen Neuried I, Starnberg zu, noch nicht fertiggestellt war. Mittlerweile war Wiesenzeit. Ach Gott, ach Gott würden die Mannheimer sagen. Der Wiesenbesuch war betrieblich. Er geriet für mich den Einständler zur Katastrophe. Aber nur halb durch meine Schuld.

Zwar trank ich vier oder fünf Maß an diesem Abend, aber einmal vertrug ich an Alkohol schon einiges, zum anderen wurden die Promille in sechs oder sieben Stunden wieder kräftig abgebaut. Aber durch die viele Flüssigkeit sackte mein Kalziumspiegel sehr stark ab und ich verfiel am anderen Morgen in Starre, so sehr, dass im Schwabinger Krankenhaus ein Dutzend Medizinstudenten um mein Bett standen, denen so etwas noch nie begegnet war. Selbstverständlich hatte niemand im Betrieb diesen einleuchtenden Überblick über die Diagnose und Ursache. Ich glaube schon, dass da Einiges über mich gedacht wurde. Wie anders!

Aber zunächst begegnete ich in meiner neuen Stellung dem Münchener Bürgermeister, der berühmte Karikaturist Ernst Maria Lang bei der SZ arbeitete unter dem gleichen Dach als Freiberufler. Ich bekam wieder mit sehr netten Kollegen zu tun, was noch lange anhielt. Und ich konnte mit meiner breit angelegten Bildung punkten. Doch versuchte ein Kunde, mich zu korrumpieren, indem er mich unermüdlich zu Segelpartien auf dem Chiemsee einlud. Und dann war da noch die Chefsekretärin Frau Schulz, die mir Jahre später ungewollt und unwissentlich beinahe den Hals brach. Aber wider der Reihe nach.

 

Das Jahresende meinten wir im Hotel Tatzelwurm am Fuße des Sudelfeldes verbringen zu sollen. Einen dooferen Sylvesterabend hatten wir noch nicht und auch späterhin nicht mehr verbracht. Man erlebte die Gäste in einer Stimmung, als ob sie gerade von einer Beerdigung gekommen wären. Das Abendessen bestand aus einer kalten Platte, die zwar schmeckte aber wohl nicht ganz einwandfrei war. In der Nacht gegen drei Uhr spuckte ich alles wieder aus und ich musste fürchten, wieder meine berühmten Pfötchen zu bekommen. Wir klingelten den Wirt aus dem Bett und machten uns auf den Heimweg. Zu Hause ging es mir schnell wieder besser. Abends ließen wir uns an Neujahr im Kino beim Marienplatz die „Mitternachtsspitzen“ präsentieren.

 

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Es war Sommer geworden und wir erwanderten nach und nach Gebirge und Seen. So gab es einen Ausflug an den Spitzingsee mit Aufstieg zur Rotwand. Beim Loslaufen bekam ich alsbald Herzbeschwerden, die sich dann aber, je länger wir gingen, verloren. Das merkte ich mir lebenslang weil ich erkannte, dass man mit Bewegung manche Beschwerden zu überwinden vermag. Beim Abstieg kamen wir über weite Hänge und Almen. Das wäre nichts Besonderes, wenn wir nicht so uns ins Gelände zurück versetzen hätten können, als in der Presse darüber berichtet wurde, dass der Bruno genau dort abgeschossen wurde. – Das ist überhaupt das Interessante am Reisen, dass man bei allen möglichen Ereignissen schon am Ort des Geschehens weilte. So auch in Südfrankreich, wo der Todespilot seinen Flieger gegen die Felswand flog. Die Städtchen dort berührten wir bei einer Durchreise.

Der Hausarzt in Schwabing kam wegen des Verdachts auf Hirnhautentzündung nach Fürstenried gefahren und wies die Renate unverzüglich ins Schwabinger Krankenhaus ein. Er besuchte sie. Es gab Anzeichen, dass der Doktor an seiner Patientin einen Narren gefressen hatte. Ich kann mich aber nicht erinnern, es sei gesagt, dass ich je einen Grund zu Eifersucht hätte haben müssen. Allerdings bekam ich mit, dass sie in KN später einen Anflug von Rot ins Gesicht bekam, wenn ein Perser, der eine wunderschöne Gattin besaß, ihr Avancen machte.

 

Es begann nun die Zeit der beruflichen Agonie und die Monate einer temporären Freiberuflichkeit.

Vielleicht gab es beim Konsul damals schon finanziellen Druck. Der Konsul baute nicht nur im Sozialen Wohnungsbau sondern auch freihändig. Als solche Wohnungen los geschlagen werden sollten, wurden derartig hohe Mieten fixiert, dass es mir die Sprache verschlug. Die Aufgabe, den Block zu vermieten, übertrug der Konsul mir. Ich ahnte, dass damit der Abgang eingeläutet war. Ich verfügte nicht um die nötige Raffinesse des Aufschwatzens. Ich bot an, die Firma zu verlassen unter der Zusage, dass ich noch eine Weile tätig sein könne, bis ich als Selbständiger etwas Fuß gefasst hätte. Das lief dann auch so, aber ich war natürlich nur noch Zuarbeiter.

 

Der Helm war immer noch in Tuttlingen stationiert. Sie meinten, wir sollen zehn Tage am Überlinger See zusammen Urlaub machen. Gesagt, getan. Die Marlies besorgte zwei Doppelzimmer in einem Bauernhof mit direktem Seeanstoß. Da begann dann ein seltsamer Wettkampf, nämlich darum, wer abends die geringste Zeche erzielte. Ich entwickelte nicht den geringsten Ehrgeiz als Sieger hervor zu gehen. Aber mitbekommen habe ich diese Methode gründlich! Dieser Urlaub wurde dann noch zu einem besonderen Genuss insofern, als mehrere Tage Südost-Föhn anhob. Der schob solch hohe Wellen an das Ufer, wie wir Gleichartiges nur am Mittelmeer kennen gelernt hatten. Und das Wasser war warm! Wir aalten uns im Wellengang mit einer unbändigen Lust, stundenlang. Nie wieder erlebten wir Ähnliches.

 

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Und gleicherweise ein Solitär der Blizzard. Wir wohnten in einem oberen Stockwerk mit Balkon mit Aussicht auf die Alpen. Da zog ein Schneesturm auf. Der schmiss binnen kurzer Zeit so viel feinsten Schnee in solchen Massen auf den Balkon, dass er sich auftürmte. Nicht eigentlich die Schneemenge war das noch nie Erlebte, sondern in welcher Dichte er pulverfein herunter kam. Es wurde dunkel. Wenn ich jetzt von Schneestürmen in Nordamerika lese, weiß ich, was sie bedeuten und ausmachen.

 

Zwischendurch zeichnete sich die Möglichkeit ab, in M eine Anstellung zu bekommen. Es ist zu berichten von einer Bewerbungsbegebenheit, bis heute eigentlich noch nicht recht verdaut. Man lernt auf einer Messe den Verkaufsleiter eines Markenartikelunternehmens kennen, ein alter Praktiker. Man unterhält sich, findet sich sympathisch, tastet Möglichkeiten ab. Der Verkaufsleiter alter Schule führt den nunmehrigen Bewerber dem Personalreferenten zu. Er ist auch jung, frischgebacken, tüchtig - in gegebener Situation als höchst unsympathisch empfunden. Man sehe sein Gehabe an, seine Sprech- und Formulierungsweise - einfach zum Kotzen für den jungen, unerfahrenen Bewerber. Kommt die Frage vom Personalreferenten: "Was ist Ihr Berufsziel, welche Stellung peilen Sie in unserem Unternehmen an, einmal angenommen, Sie sind bereit, zukünftig unser Mitarbeiter zu bleiben, so dass wir langfristig mit Ihnen rechnen können?" - Mal ehrlich, ist die Frage - im Rückblick - nicht eigentlich korrekt? Wie dem auch sei, der Bewerber hielt sie seinerzeit für saublöd (pardon!). Längeres Schweigen seitens des Bewerbers, interessiertes Angestarrt-Werden. Der Bewerber kämpft mit sich. Dann die Antwort, böse, aggressiv: "Herr X, wenn ich eingestellt werde, dann werde ich all mein Können und Wissen darauf verwenden, Ihrem Unternehmen dienstbar zu sein, nebenbei aber Vorstandsvorsitzender zu werden." Der sympathische Verkaufsleiter wird bleich, der Bewerber - samt mitgebrachter Ehefrau - steht auf und geht.

  Der Verkaufsleiter macht 3 Jahre später einen Privatbesuch beim ehemaligen Bewerber. Nun in Radolfzell. Und letzterer begegnet 10 Jahre später dem Personalreferenten wieder - der eine ist Verleger, selbständig (er besucht eine 3stellige Anzahl von Personalleitern), der andere Personalchef. Man erkennt sich. Ganz offensichtlich findet man sich höchst sympathisch. Aber: Bis heute weiß der - mittlerweile in die Jahre gekommene - Verleger nicht, ob er die Frage des Personalreferenten zurecht als blödsinnig empfunden, oder ob er einen Bewerberdefekt offenbart hat. Vielleicht schleppt der diesen Defekt noch heute mit sich herum, unfähig, sich unter- und einzuordnen? Diese Fähigkeit zu haben, spielt doch wohl eine große Rolle beim Vorankommen? Oder?

Ein Einschub: Irgendwann machten wir beim Verkaufsleiter in KA einen Gegenbesuch. Es empfing uns eine bildschöne Ehegattin, blutjung. Erwähnenswert deshalb, weil der Ehemann sich dem Pensionsalter näherte.

 

Ich makelte einiges, darunter einen Supermarkt, der eine dicke 5stellige Maklerprovision einbrachte. Wir litten nicht unter Geldmangel. Meine Gattin betreute das Kleinkind der Enkelin eines Kleinunternehmers mit zwei Geschäftszweigen, einmal eine technische Vertretung und zum anderen ein Heizkostenabrechnungsdienst für M. Als der Großvater des Kindes, österreichisches Gehabe, mitbekam, dass ich freiberuflich werkelte, meinte er, ich solle bei ihm mal – wiederum freiberuflich, nach dem Rechten sehen. Das war durchaus notwendig, denn die Abläufe waren nur auf Vertrauen aufgebaut, nicht nach Prinzipien. Bei den Ingenieurstätigkeiten bekam ich lustigerweise einmal mit, dass einem Kunden das Funktionieren eines Bimetall-Schalters erklärt wurde. Leider grottenfalsch, weshalb ich mit meinem schulphysikalischem Wissen nicht an mich halten konnte, die Dinge richtig zu stellen. Das sollte sich rächen. Ich sagte zum Ingenieur gelegentlich, dass jedes Unternehmen auf dem Dach eine typisierende, virtuelle Leuchtschrift platziert habe. Und hier stünde das Wort „Provisorium". Bei einer der nächsten Besprechungen mit dem Inhaber wurde dann der Einwurf gemacht, der Herr Lang sehe eine Leuchtschrift über der Firma. Er benannte meine Charakterisierung expressis verbis. Der Chef wurde bleich. Als die Herren das Besprechungszimmer verlassen hatten, bat ich ihn, mir einen Scheck mit dem noch zu begleichenden Honorar auszustellen damit ich gehen könne.

 

In dieser Zeit kam der Christian zur Welt. Nach vier Jahren Ehe. Endlich. Wir ließen ihn in der wunderschönen Wallfahrtskirche im nahe gelegenen Forstenried taufen. Die Mami war jetzt beschäftigt. Unsere Ausflüge geschahen mit Kinderwagen, ich erinnere mich noch an einen solchen nach Fall. Im Mai lud uns der Walter für eine Woche nach Markelfingen ein. Die Großeltern hüteten das Kind. Ich wanderte den Kirchweg mit Deutschlands schönstem Kirchturm hoch und mich ergriff grenzenloses Heimweh nach dem Bodensee. Im Südkurier schrieb ein Konstanzer Pharmakonzern die Stelle eines Leiters der Organisation aus. Das elektrisierte mich. Ich kam gar nicht auf die Idee, eine Bewerbung einzureichen. Ich fuhr einfach hin und suchte den Personalleiter auf. Wir kamen sofort miteinander klar. Dieser Mensch war nach meinem Geschmack.

 

Es klappte ruck zuck.. Aber man staune warum ich nicht daran gedacht hatte. Man erkundigte sich über mich  bei meinem Direktor in Radolfzell, den ich den Totengräber hieß! Kommentar überflüssig. Die Großeltern waren noch in München und Renate und ich packten sofort die Koffer, um nach Zell an den Zeller See zu fahren, im Hinterkopf die Gewissheit, bald wieder an einem anderen Zeller See zu hausen. Bei dieser Gelegenheit besichtigten wir eingehend die Kapruner Stauseen und Anlagen. Man erinnere sich an die spätere entsetzliche Katastrophe!

Mutter geworden, 1962
August 62 Besuch in Süßen

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Von dieser letzten Angestellten-Station meines Lebens, erzähle ich von hinten her. Dann erst vom sechsjährigen Geschehen.

Nur so viel: Das Unternehmen war tätig mit Tochtergesellschaften in der ganzen Welt. Heute ist es in japanischem Besitz. Mein Chef – Direktor der Verwaltung – war der intelligenteste Mensch, dem ich je begegnete. Ich war Leiter des Betriebswirtschaftlichen Sekretariats, einer Stabsstelle und Leiter der Organisation. In dieser Position verfügte ich über einigen Einfluss. Das Ende dort zog sich lange hin und es war schließlich mein freier Entschluss, mich endlich auf eigene Füße zu stellen, als Verleger. Im Rahmen der Vorbereitung der Umstellung auf maschinelle Datenverarbeitung entdeckte ich einen Unterschleif – nicht eine Unterschlagung, oh nein, der Tatbestand bot sich viel raffinierter dar. Ich will ihn skizzieren. Es ging um riesige Lizenzzahlungen für ein Präparat, das, wenn man die Komposition der Elemente-Kombination analog einiger Religionen beschreiben will, eklektisch war. Lizenz wird vom Umsatz bezahlt. Der Lizenzvertrag benannte natürlich ihn als Basis. Ich wollte die Lizenz einfach von der Maschine ausrechnen lassen, aber das ging nicht. Weil in den Tochtergesellschaften nicht deren Umsatz als Bezugsbasis genommen wurde, sondern Umsatz war der Apothekenabgabepreis. Wer für diese Manipulation verantwortlich war, wollte ich gar nicht eruieren. Ich wollte auch den Status quo nicht modifizieren, mit Papst Franziskus: Wer war ich? Von mir wurde angestrebt, den „richtigen“ Umsatz zu erfassen und dafür den Lizenzsatz zu erhöhen. Aber der Lizenznehmer wollte unter allen Umständen verhindern, dass an dem Vertragstext gerührt wird. Er wollte mich sprechen. Bei diesem Gespräch ließ ich nicht durchblicken, dass ich die jetzige Handhabung als Betrug einschätzte. Vielmehr stellte ich mein Begehren als Selbstverständlichkeit dar. Er übte Druck aus, er drohte. Ich ließ mich auf nichts ein.

Vielmehr gab ich davon meinem Chef Bericht. Sollte er doch entscheiden. Mein Chef schloss sich meiner Meinung an und sandte mich nach Frankfurt zum Syndikus. Auch dieser meinte, dass die Geschichte nicht sauber war.

 

Es zeigte sich, dass der Lizenznehmer über ein mächtiges Netzwerk verfügte. Er war fähig, Wege der Gegenwehr zu finden, die meinem Chef seine Stellung kostete und alsbald auch sein Leben. Nach einiger Zeit tauchte plötzlich eine Unternehmensberatung in Konstanz auf. Diese versuchte, mich als ihr Zuarbeiter dran zu bringen. Das wurde vehement, gar strictissime, von mir abgelehnt. Mein Chef machte keinen Versuch, mich bei dieser Zumutung zu bedrängen. Im Rahmen einer Neugestaltung des Abteilungszuschnittes wurde erst mal mein Direktor geschasst, seine Mannschaft zerschlagen. Noch behielt ich aber meine Stellung, bis der Nachfolger meines Chefs bestimmt wurde. Es war ein Tierarzt, ein Neffe der Inhaberfamilie. Mit diesem Mann konnte ich nicht. Das betriebswirtschaftliche Vokabular war ihm völlig fremd und als ich meiner Position auch verlustig ging, handelte ich eine fünfstellige Abfindung aus und kündigte. Das kündigte ich aber nur an. Fieserweise kündigte ich erst dann, als ich mit meinen Vorbereitungen für die Selbstständigkeit so weit war, dass ich den Schritt nach meiner Einschätzung wagen konnte. Es war, als ob mir mit 38 ein Lebenstor aufgestoßen worden sei. Ich passte einfach nicht in die Angestelltenwelt.

 

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Das war es dann. Der Bericht darüber, wie es mir als Selbständiger erging und was ich zuwege brachte, steht auf dieser Seite unter dem Titel „Hürden und Neubeginn“ schon viele Jahre im Netz.

 

In Konstanz waren wir während der Probezeit und danach auch noch, bis neben dem Haus des Walters Wohnungen mit Seeblick entstanden, erst mal in einem möblierten Appartement untergebracht. Die Miete beglich der neue Arbeitgeber, auch das Warmwasser, auch die Heizung. Das Französiche Bett war sehr reizvoll. Es kam die Zeit der Seegfrörne, während der der Bodensee bekanntlich vollständig zugefroren war. Meine Renate packte den Christian ein paar Male in das Auto und schob den Kinderwagen über den Überlinger See. Mit dem Auto hoben wir uns von Anderen ab. Aber was solls, wir brachten es von M mit. Die Münchner Wohnung behielten wir bei, wir hätten unsere Einrichtung ja sonst teuer in KN einlagern müssen. Wurde es erwähnt, dass die Wohnung in München eine Sozialwohnung war? Das war nun sehr schön, sie war gewissermaßen zur Dependance geworden. Wenn wir München besuchten, wohnten wir „bei uns“.

 

Beim neuen Arbeitgeber war ich keines Falls von Anfang an in der Position, für die ich mich bewarb, vielmehr wurde ich erst mal durch das Unternehmen geschleust, um es kennen zu lernen. So eben auch den Sepper, mit dem ich als Kostentheoretiker mich natürlich als Kenner der Materie fachgerecht unterhielt. Ich brachte ihn manches Mal zum Staunen und dann auch den ganzen Laden, die Abteilungsleiter meine ich. In dieser Zeit machten die ausufernden Forschungskosten Maleur. Im Süddeutschen sagt man Malär. Ich bekam den Auftrag, für die Transparenz dieses Kostenblocks ein Konzept zu entwickeln. Das tat ich, leichter Hand, befasste ich mich doch wie erwähnt in meiner Dissertationsschrift mit der Kostentheorie in profunder Weise. Mit der Arbeit, die ich also ablieferte, wurde den Beurteilern aufgezeigt, was Sache ist. So wurde ich dann schnell in meine vorgesehene Position eingesetzt.

 

Weil die Betriebsabrechnung Quartal für Quartal eine dicke Ergebnisübersicht abzuliefern hatte, verursachte sie auch hohe Kosten und es wurde beschlossen, dass allerschnellstens diese Aufgabe auf maschinelle Abwicklung umgestellt werden sollte. Man beachte, dass ich nicht von Elektronisch spreche. Das gab es noch nicht, nur das Lochkartenverfahren.

 

Also arbeitete ich die Konzeption aus, ein umfangreiches Werk. Gleich erkennt man, warum das so ausführlich erzählt wird. Es ging wieder einmal um meine Reputation. Mein Werk durchlief nun die einzelnen tangierten Abteilungen. Dann berief mein Chef eine Besprechung, in der meine Ausarbeitung zur Diskussion gestellt wurde. Es saßen 16 Entscheider am Tisch plus Chef und mich.

 

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Methodisch ging der Chef raffiniert vor. Ich bekam zunächst Redeverbot. Dann bekamen die anderen sukzessive Gelegenheit, ihre Stellungnahme abzuliefern. Selbstverständlich ging es hier nicht um Lob. Das Kollegium am Tisch verstand die Sache so, dass sie möglichst viel Kritik anbringen konnte. Gleich beim ersten Redebeitrag erkannte ich, dass ich die vorgebrachten Einwendungen leichter Hand zerlegen und aushebeln konnte. Das zog ich durch, indem ich reichlich Notizen machte und so Zeit gewann, Gegenargumente zu sammeln und parat zu halten. Die hatten keine Chance, mir am Zeug zu schnippeln. Hinterher gratulierte mir der Chef zu meiner gelungenen Performance. Ich wurde zum Leiter einer Runde bestimmt, die die Umsetzung begleiten sollte, schließlich ging es um die angepasste Erfassung der Daten aus und in den einzelnen tangierten Bereichen.

 

Es gab manchmal Ärger mit den traditionell orientierten Bereichsleitern, ansonsten gibt es nichts zu berichten vor dem zuvor geschilderten Drama. Aber halt, da war noch die Frau Schulz in München. Mein Chef rief mich eines Tages in sein Büro und frug scheinheilig, ob ich denn eine Frau Schulz in München kennen würde. Das bejahte ich freudig. Er erzählte, dass er sich mit ihr dort traf und unter anderem ein gewisser Monsieur Lang Gesprächsthema war. Die beiden waren schlicht befreundet aus vergangenen Zeiten. So klein ist die Welt. Der Chef frug ziemlich unwirsch, warum ich in meinem Lebenslauf die Holzmüllerepisode unterschlagen hätte. Meine Antwort war hilflose Verdatterung. Folgen bekam ich nicht zu spüren.

 

Im Privatleben verbrachten wir mit dem Sepper und seiner Hilde herrliche Winterurlaube und Sommer mit viel Ausflügen, Wandern, Einkehren, gegenseitigem Einladen zu Besuchen und vor allem Pilze suchen und zubereiten. Der Sepper begleitete mich in der Selbständigkeit wie erinnerlich nur noch wenige Jahre. 1966 wurde Thomas geboren. Ob es Omen waren? Geburt am Karfreitag, zuvor in der Kirche Platzen der Fruchtblase, ein pienzendes Kindlein neben dem Wochenbett im Krankenhaus. Pläneschmieden für die Selbständigkeit bei Spaziergängen mit dem kleinen Thomas. Die Brüder waren unzertrennliche Spielgefährten. Immer wieder brachen wir zu Reisen auf. Als die Buben heranwuchsen, wurde grundsätzlich gezeltet, so in Spanien, Italien, Frankreich, Jugoslawien. 

 

Ein letztes Stück eines Schweizer Performers geht kurz erzählt so: Wir kamen vom Bregenzer Wald heraus. Wer sich ein wenig auskennt, weiß, dass der Weg von Schwarzach bis Höchst sich endlos hinzieht. Vor uns zottelte mal wieder ein Auto mit Schweizer Kennzeichen. (Die Schweizer legen Rennen nur auf deutschen Autobahnen hin, indem sie den Verkehr unverdächtig behindern, bis sich vor ihnen eine weite unbefahrene Strecke auftut.) An geeigneter Stelle überholte ich. Protesthupen. In Höchst am Zoll eine kleine Warteschlange, damals wurde man noch nicht einfach durchgewunken.

Unser Trödler fuhr an der Schlange vorbei zu den Zöllners. Der Beifahrer stieg aus und zeigte auf meinen Wagen. Dann wackelte, wenn nicht taumelte, er zurück. Ganz offensichtlich hatte er Alkohol intus. – Als wir nun an der Grenze angekommen waren, verweigerte der Zöllner uns die Durchfahrt durch die Schweiz. Wir müssten um den See herum fahren, meinte er. Wir kannten die Mentalität dieser Eidgenossen und ließen uns auf keinen Streit ein. – Fazit: Lieber ein Sauschwob (der Name für alle Deutschen) als ein Schwyzer. Nicht ist gemeint ein Bürger der schönen Stadt Schwyz beim Vierwaldstätter See.

 

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Zum letzten Male eine Tangente zum Helm: In den Anfängen meiner Reiserei drückten mich Hotelkosten. Als München und Umgebung mein Reisegebiet war, gedachte ich der vielen Übernachtungen der Marlies und des Helms bei uns und machte einen unangemeldeten Besuch in Deisenhofen. Da war die Marlies allein zu Hause, der Helm schon lange in Freiburg in der Schweiz zum Promovieren. Ich bekam nichts Erfreuliches zu hören. Die Marlies kümmerte sich um mich und zum Schlafengehen setzte sie sich auf den Rand des Bettes im Negligé. Wir unterhielten uns sehr angelegentlich über die Zeiten. Coolness war angesagt und durchgehalten. Ihre Ehe brach.

 

In den 70er-Jahren nervte uns der Christian mit dem Wunsche nach einem Segelboot. Wir sollten ihm eines kaufen, das bei HERTIE in Konstanz angeboten wurde. Nichts da, wenn, dann wenigstens eines, auf das die Familie passte. Beim Toni, Bootsbauer in Moos, stand ein Kielzugvogel in Holzaufführung im Hof.

Sechstausend Mark. Es war das Schiff unseres Lebens, weil wir es 25 Jahre lang segelten (Bild).

Das Boot war eines von Havarien gezeichnetes, weil es im Zustande des Kaufes schlicht nicht dazu taugte, Stürme zu überstehen. Die Schäden entlang der Zeit seien aufgelistet: Zuallererst riss das Groß quer. Weiter geht es in nicht korrekter Reihenfolge. Die Fock verlor ihr Auge für die Einhängung am Fall. Die Genua bekam ihren Schlenz ab. Der Fockspanner löste sich aus seiner Verankerung desgleichen diejenige der Großschot auf dem Bootsboden. Mein Christian und ich reparierten nicht nur, sondern verstärkten. Ein Achterstag sorgte dafür, dass wieder ein paar Windstärken mehr überstanden werden konnten. Dann brach der Mast im unteren Drittel. Der neue Alumast  bog sich kaum noch, denn er wurde mit einer Unterwant ausgestattet. Er saß auf dem Vordeck so lange, bis dieses Deck eingedrückt wurde. Man sieht, welch irre Kräfte sich bei Sturm entwickelten. Dann flog das Boot beim Aufbocken vom Aufbockgerät. Die Werft schloss das ziemlich große Loch. Um noch das Geld zu erwähnen, von seinem ersten Einkommen bezahlte der Christian einen komplett neuen Unterwasserboden. Sturmfock und Triesegel wurden angeschafft. Segel waren nicht billig.

Vorausschauend machten wir das Boot mit seinem schweren Kiel unsinkbar durch Vergrößerung des Auftriebs. Denn auch wir sind schon gekentert bei einer Regatta. Eine Hammerbö legte uns flach. Sie war wegen der nahen Mettnau nicht zu "wahrschauen", auf der Wasseroberfläche zu sichten. Sofortiges Fieren der Schoten und In-den-Windschießen retteten uns nicht. Das praktische Segeln wollte erlernt sein. So unterlag ich lange Zeit einem Postulat des Schönsegelns. Auf einen schönen Bauch im Groß musste geachtet werden. Das führte bei zunehmendem Wind rasch zur starken Krängung, was das Tempo verringerte. Ich beobachtete bei Segelassen, dass sie den vorderen Teil des Groß nicht ziehen ließen, durch Fieren gewissermaßen still legten und so den Druck herausnahmen. Das sah dann nicht besonders schön aus, denn es begann dann am Mast entlang das Flattern. Anfänger geraten dadurch leicht in Panik. Überhaupt muss man wissen, dass die Segel am Wind nicht geschoben werden. Das war nur vor dem Wind anzustreben. Der Vortrieb entsteht am Wind dadurch, dass die Windströmung hinter dem Segel intensiver ist als davor. Dadurch entsteht ein Grad an Vakuum, das sich in Sog umsetzt. Es ist das Gleiche Phänomen, dieselbe Ärodynamik wie beim Flugzeugflügel. Es kann sein, dass der Erklärung völllige Exaktheit ermangelt. 

 

Überhaupt konnten wir nicht einfach lossegeln. Zuerst galt es, das Bodensee-Schifferpatent zu erwerben. Mit dem A-Schein konnte man nur temporär auf dem Bodensee segeln. Auch meine Buben absolvierten diese Zulassung. Und die Erlangung einer Boje im Bojenfeld vor Markelfingen war auch noch eine Hürde. Sie verlangte auch die Anschaffung eines Dinghis.

 

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Wir erlebten viel Schönes und Skurriles in diesen 25 Jahren. Da gibt es mehrere Geschichten. Eine davon zeugt davon, dass geniale Momente generiert werden konnten. Man lasse mir die Freude, davon zu berichten. Es geht um die einzige Club-Regatta, die ich mit meinem Thomas gewann. Kürzlich besuchte mich die Usch, die damals als einzige meinen Sieg hinterfragte, auf meiner Terrasse, im Vorbeifahren mit dem Fahrrad. Sie hat jetzt auch einen Siebener vor dem Alter. Wir sind eigentlich befreundet, kann man sagen. Da rieb ich ihr ihre damalige Kritik unter die Nase. Nicht böse, aber einfach begründet. Und ich schilderte ihr nochmals die Details der damaligen Regatta, warum wir, die Nicht-Segeln-Könner siegten und nicht die Regattakings: Sie wusste damals wie heute darüber Bescheid, dass der Kielzugvogel bei Leichtwind machte, was er wollte, dass die Usch auf einem Boot saß, das seine phantastischen Qualitäten bei besagten Windverhältnissen erst so richtig entwickeln konnte. Sie verwand aber die Niederlage nicht, sondern stellte in den Raum, dass die Geschichte nicht ganz mit rechten Dingen zuging. Es ist ja bekannt, es gibt da Mittelchen – aber nicht für uns, die wir über moralische Qualitäten verfügten, die wir erhaben dagegen waren, die solche verboten. Bitte, man lese es lustig.

Daher zottelten mein Thomas und ich dem Regattafeld hoffnungslos hinter her. Das Boot ließ sich kaum steuern. – Als wir an der Mettnauspitze ankamen, lag das Feld vor dem Hafen von Allensbach auf einem Haufen dicht gedrängt. Der Haufen rührte sich mangels Windhauch nicht. Konnte auch nicht nach folgender Rechnung: Nordwind über die Mainau = 1, Thermik über dem Bodan = -1, Wind im Allensbacher Hafen = 0 (Null). Ich sagte zu meinem Thomas: Lass uns zur Reichenau schippern und das Nordufer entlang segeln nach der Rechnung: Nordwind im Gnadensee vor der Reichenau = 1, wegen der vielen Gewächshäuser auf der Insel Thermik = 1, macht zusammen = 2. Gesagt, getan. Die Wendeboje lag übrigens weit im Osten vor Hegne. Es dauerte, bis das Boot bei der Reichenau ankam. Aber dann lief es stetig, und wie! Schnell erreichten wir die Höhe der Wendeboje, holten dicht und umrundeten die Marke mit einer Halse. Den gleichen Weg zurück in die Markelfinger Bucht. Das Boot lief! Ziellinie, Abblasen!

 

Wer im Fernsehen die großen internationalen Meisterschaftsregatten auf dem Obersee anschaut, der muss wissen, dass auch da der Sieg nicht nur der seglerischen Leistung der Crew geschuldet ist. Vielmehr die Taktik, der Kurs, der Wind, der nicht immer großflächig in gleicher Stärke weht, die Reaktionsschnelligkeit der Mannschaft, der Segelstellung, der Bauart des Schiffes, der Zeitspanne der Regatta (Da der Wind abflauen kann oder zulegen, ist von Bedeutung, wie weit der Weg zum Ziel noch ist.) entscheidet in Summa über die Trophäe.

Das Schiff „Quick David“ gewann später noch vier Club-Regatten hintereinander weg. Aber da saß auch ein Profi an der Pinne, nicht der Eigentümer, der durfte nur mitmachen. Der Profi heißt Alfred. Er ließ sich locken durch meinen Hinweis, dass der Kielzugvogel ein äußerst schnelles Schiff sei. Nach vier Siegen hörten wir auf, weil im Club ein Grummeln anfing. Die offiziellen Yardstickwerte wurden verteufelt. Das sind Werte, mit denen bei Rennen mit unterschiedlichen Bootstypen deren Potential vergleichbar gemacht werden.

Am Steuer der Alfred.

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Bei einer Ausfahrt schwappte plötzlich Wasser über die Bodenbretter. Wir entdeckten, dass sich am Spiegel das Bodenbrett gelockert hatte. Also setzte ich mich vorn auf den Bug (Schandeck). So kam das Heck aus dem Wasser und fiel trocken. Das Wasser unter den Bodenbrettern floss nach vorn und verstärkte den Effekt. Die Tücher runter und den Außenborder angeworfen tuckerten wir langsam am Nordufer entlang dicht unter Land, nur noch wenige Zentimeter Wasser unter dem Kiel. Das nahe Ufer durfte aber nicht nahe sein nach den Regeln, 50 m sollte der Abstand betragen. Pirscht  die Wasserschutzpolizei etwa auf der Höhe des Naturfreundehauses heran. Was tut sie? Sie fährt seelenruhig neben uns mit gebotenem Abstand her. Dann ging ihr die Geduld aus. Megaphon-Zuruf bitte kommen Sie her. Können wir nicht, viel zu gefährlich! Warum? Wir müssen im Flachwasser bleiben. Wieso? Leck, Wassereinbruch, wir wollen kein Gluckgluck im Tiefwasser riskieren. Schweigen. Sollen wir Sie schleppen? Nein, bringt ja nichts. Wir kommen zurecht. Vielen Dank! Sie machen kehrt.

 

Im Flachwasser am Nordufer der Mettnau, beim Finkturm, bleibt das Boot unvermittelt stehen. Was ist? Der Kiel verfing sich in einem Fischernetz. Ich musste ins Wasser und tauchen, um das Boot von den Fangfäden zu befreien. Das war gar nicht lustig. Das Auswerfen eines Netzes im Flachwasser war nicht erlaubt. Das Netz musste zerrissen werden.

 

Wir hatten keine Kajüte. Trotzdem wollten wir auf dem Boot übernachten. Also nähte die Renate ein Zelt zusammen, dessen First der höher gezogene Baum, am Achterstag hängend, bildete. So bekamen wir Stehhöhe. Die Persenning war dafür nicht geeignet. Das Bettzeug wurde in wasserdichten  Plastiksäcken verstaut, die Luftmatratzen zusammengelegt unter dem Schandeck. Die Buben lagen in der Achterducht, Renate und ich mit den Füßen bis zum Querbalken von Bord zu Bord, auf dem die Winsch zum Dichtholen der Fock- bzw. Genuaschot saß. Platz genug! Wir ankerten vor Gaienhofen zwischen Höri und CH. Die Mama packte die Abendmahlzeit aus und es war einfach nur schön, wegen der Ruhe, von Vogellauten unterlegt. Das Wasser strömte wellenlos vorbei. Es dämmerte, wurde Nacht. Also wurde das Zelt montiert, das Nachtlager bereitet.

Am anderen Morgen musste man. Das war dann totales Neuland. Das Ufer bot sich unwirtlich dar. Blieb nur der See respektive Rhein als Alternative übrig. Es brauchte keiner Hemmung, die Strömung war merklich. Aber es gab Überraschendes zu erleben. Was gemeint ist, soll nicht nähers ausgeführt werden.

 

Sehr schön war das Baden vom Boot aus. Man konnte dafür die schönsten Ecken anpeilen. Wir verfügten über eine provisorische Badeleiter. Immer hatten wir üppigen Proviant dabei. Überall wo nötig gab es Anlegestege. Meist war man in der Gruppe unterwegs. Glück ohne Trübung.

 

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Irgendwann reizte es uns, einmal auf dem Obersee zu segeln. Also schaute ich mich nach einem Freien Liegeplatz in einem Oberseehafen um. Ich wurde fündig beim Dingelsdorfer Schwimmsteg.

Nun ging es darum, den Kielzugvogel nach dort zu verlegen. Wie man sehen wird, ist das eine Tagesaufgabe, wenn man die Zeit dazu einrechnet, dass vor dem Start am Morgen ein ausgiebiges Sektfrühstück am Strand im Markelfinger Winkel eingelegt werden sollte. Außerdem ging das nicht nur mit der Renate, denn es war der Mast zu legen wegen der Rheinbrücken. Der Kurs war Mettnauspitze, Reichenau, Ermatingen (CH). zum Rheineinfluss in den Untersee, links davon das weltberühmte Wollmatinger Ried als Naturschutzgebiet, das vom Reichenauer Inseldamm sehr schön einzusehen ist, Rhein, an Gottlieben, das direkt am Rhein mit einer phantastisch schönen Front an Gaststätten in prunktvollem Fachwerk aufwartet, vorbei (In meinem Wohnzimmer hängt ein echter Stahlstich aus dem 19. Jahrhundert vom Schloss an der Wand.) weiter zum Schwanenhals, zu betrachten aus der Höhe einer Brücke, dann an der Altstadt von Konstanz vorbei in den Konstanzer Trichter, wo das groß dimensionierte Seenachtsfest abgehalten wird. Mal war zu segeln, mal musste der Motor gestartet werden. Von den zwei Brücken ist die Westbrücke lange Zeit eine Soda-Brücke gewesen, als Autobahnbrücke konzipiert. Eine zweistellige Zahl von Jahren nie benutzbar, mangels fehlender Auffahrten bzw. die Südauffahrt wurde bei Inbetriebnahme vorher wieder beseitigt und neu gebaut.

 

Der H.-P. war bei diesem Trip mit seiner lieben Frau, die die 70er-Laudatio für ihn hielt, eine tragende Stütze.

Zuerst war die Autobahnbrücke zu durchfahren. Allein, das ging nicht, wie wir erst wenige Meter davor erkannten. Unser Mast war zu hoch. Also umkehren und an der Anlegestelle des Wasserwirtschaftsamtes den Mast legen. Dieses Manöver war deshalb nicht ärgerlich, weil durch die Obere Brücke eh kein Durchkommen war.

Nahe Kreuzlinger Hafen stellten wir wieder den Mast, zogen wir die Tücher hoch und nahmen Kurs auf die Insel Mainau. Auch von ihr schmückt mein Wohnzimmer ein Stahlstich. Nun kam auch schon Dingelsdorf am Überlinger See in Sicht. Wir verspürten jetzt ausgeprägten Hunger und vertäuten das Boot rasch. Stimmt meine Erinnerung, dass wir alle Linsen mit Würstchen verzehrten?

 

In diesen zehn Tagen war mein Thomas zu Hause. Ich meine, dass er zu dieser Zeit gerade den Fähnrich markierte. So segelten er und ich nach Bodman, an der Marienschlucht vorbei, in der letztes Jahr eine Frau verschüttet wurde. Die Schlucht ist vieljährig gesperrt. Das war auf der Seite des Bodan. Zurück glitten wir am Nordufer an den Pfahlbauten vorüber, vorher an Sipplingen, wo das Bodenseewasser für halb Württemberg entnommen wird. Gab es noch weitere Exkursionen? Ich weiß es nicht mehr.

 

In einem Jahr war der Markelfinger Segelclub – MWSC – an der Reihe, die Ausfahrt nach Öhningen, fast an der Schweizer Grenze zum prächtigen Stein (Wartet no a Wyli), in Sichtweite die Insel Werth, wo uns ein Hafen erwartete.

 

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Als der Konvoy im Osten des Zeller Sees dahin schipperte, sah ich, dass der Jürgen, sonst der Regattaleiter und Gastgeber in Milez, seine Tücher barg und den Motor anwarf. Noch ein Stück weiter sah ich ihn in Schwimmweste. Herangekommen fragte ich ihn, was das soll. Er verkündete, dass in Kürze Sturm aufkäme. Ich sah in Richtung Bohlingen ím Seewesten keine Anzeichen von Gewittergewölk. Ich ließ außer Acht, dass auch ohne Gewitter Sturm aufkommen konnte. Wir segelten mit leichter Brise von Steuerbord Halbwind, das meint, dass der Wind von querab kam. Auf Höhe von Horn an der Spitze der Höri neigte sich der Mast und das Boot gewann an Fahrt. Lag der Jürgen doch richtig? Am Steuer saß der Thomas. Dann, vor Steckborn auf Schweizer Ufer die ersten Stöße. Wir waren nun zum Kreuzen gezwungen, also die Segel dicht heran. Vorsichtshalber band ich ein erstes Reff in das Großtuch. Die Windstärke 3 wurde überschritten. Ebenso im Vorgriff barg ich die Genua und tauschte in die Fock um. Wir machten nun Wende um Wende, Schlag um Schlag. Der Rhein wurde immer schmaler.

Und dann ging es los. Noch ein Reff im Groß und in Sichtweite von Öhningen musste ich auch die Fock wegnehmen. Wir hatten ja keine Rollfock. Ich stand auf dem Schandeck am Bug und hielt mich am Vorstag fest, bekam plötzlich von der Anstrengung Schmerzen in der Brust. Das war etwas ganz Neues. Und wir hatten ein Höllentempo und kamen doch nur wenig nach West voran, die Abdrift war enorm seitdem die Fock geborgen war. Ein Glück, dass uns nicht auch noch die Strömung entgegenstand. Das Boot hielt sich prächtig. An der Hafeneinfahrt fehlten nur noch ein paar Meter Höhe. Der Thomas hielt trotzdem darauf zu. An der Bootseite erschien plötzlich Grund. Aber wir schoben so viel Lage, dass die Bombe des Kiels gerade noch über die Untiefen hinweg glitt. Großtuch runter gezerrt, und der Schwung brachte uns in die Vertäuungsduchten.

Es gab kein Gewitter. Die Mama kam mit dem Auto über den Schiener Berg mit seinen zig Kehren, der reinste Pass. Dann widmeten wir uns dem Leibeswohl und die Ohren dem Erzählgeschnatter.

 

 

Es genügt, was über das Segeln berichtet wurde. Was uns, die Mama und mich viele Sonntage beschäftigte, die Kinder waren außer Haus, das waren Sonntagsauflüge bei denen wir ein Programm abspulten. Der Südkurier brachte etliche anspruchsvolle Bände heraus, die die Burgen in der Region thematisierten. Der Christian war schon, übrigens jetzt noch, bei dieser Zeitungs- und Druckgruppe angestellt und brachte die Bände. Mittlerweile absolvierte er den Druckermeister und er peilte das Heiraten an. Diese Burgen, von denen es erstaunlich viele gab, waren einmal skizziert, als Rekonstruktion, also dargestellt wie sie sich früher darboten, zum anderen gründlich mit beschreibendem und historisch ausgerichtetemText versehen. Lange Wochen hatten wir so ein jeweils anderes Ziel.

In der Regel trafen wir eine Ruine an, manche Baulichkeiten waren sogar bewohnt aber es gab auch Orte, da unsere Phantasie und die Bebilderung gefordert waren, weil uns nur eine leere Lichtung oder bloße Hänge erwarteten. Nach der Sichtung kehrten wir zünftig ein.

 

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Nach Sepper‘s Tod die Zeit der Leere. Bis das Schicksal eine neue Periode anschnitt. Es sei hier ebenfalls erwähnt, dass ich Woche für Woche in Deutschland, der Schweiz und in Österreich unterwegs war, Jahr für Jahr, zwei Jahrzehnte, bis 1988. Dann kam das Bewerberforum. Das Schicksal oder der Heilige Antonius sorgte auch dafür, dass meine liebe Frau, sie mag die Fünfzig erreicht haben, nicht so jung glatt erschlagen wurde. Gleich neben unserer Terrassentür wuchs in Jahrzehnten eine Fichte heran. Sie war geradezu respektabel geworden und bedrohte mit ihrem Wurzelwerk die Bausubstanz. Da kam ein Sturm auf. Die liebe Renate ging zwei Schritte auf die Terrasse, um irgendetwas vor dem Wegwehen zu retten. Ich sah dies, sprang ihr nach und riss sie zurück, herein ins Wohnzimmer. Sie stieß noch einen Schmerzensschrei aus ob des derben Zugriffs, da kam die Spitze der Fichte herunter. Sie war plötzlich um ein Viertel oder gar Drittel kürzer. Das Stück prasselte haarscharf hinter dem Rücken der Renate auf den Boden. Andern Tags konnte ich das Teil keinen Deut (historische kleinste holländische Münze) anheben. Die Spitze hatte ein unheimlich großes Gewicht. Ein Treffer hätte mich zum frühen Witwer gemacht. Es war um die Zeit meines beschriebenen verheerenden Unfalls auf der Straße.

 

Als unser Thomas an der FU Berlin das zweite Semester belegte, also über eine Absteige verfügte, machten wir einen Besuch. Wir fuhren über Dresden, ließen uns von den Sehenswürdigkeiten, die teils noch Ruinen waren, denn der Mauerfall ging vor nicht allzu langer Zeit von statten, beeindrucken. Die Frauenkirche bot sich als Steinhaufen dar. Die kühnste Phantasie konnte sich den Wiederaufbau nicht vorstellen. Wir kamen dann noch viermal, verteilt über Jahrzehnte, in die Stadt zurück. Einmal auf der Tour durch Schlesien und ins Riesengebirge zur Schneekoppe, ein ander Mal nahmen wir Quartier in Rahden im Elbschlösschen. Zu Fuß erwanderten und bestaunten wir die Bastei, nach Dresden nahmen wir den Zug. Das wird erwähnt, weil auf dem Sitz gegenüber plaudernderweise zwei junge Frauen saßen und wir hörten der Unterhaltung unfreiwillig zu. Haften bleibt in der Erinnerung das kurzlautige unnachahmliche „Nu“ in jedem Satz. Irgendwo erwähnte ich, dass mir Dialekte immer sehr nahe kamen. Auch die Eröffnung des Grünen Kabinetts war uns Anlass zum Wiederkommen, ganz abgesehen davon, dass wir als Christen zweimal an Gottesdiensten in der Frauenkirche teilnahmen. Diese Kirche faszinierte mich so sehr, dass ich mittlerweile Schwierigkeiten damit habe, Fernsehübertragungen und Anwesenheit vor Ort auseinander zu halten.

 

Beim Erstbesuch ging es dann auf der holprigen Autobahn gen Berlin weiter. Zusammen mit dem Thomas besuchten wir die Museen, bestaunten den Pergamon-Altar. Später in Pergamon wollte meine Renate wissen, wo er seinen ursprünglichen Standort hatte. Bei allen Eindrücken blieb mir noch haften, dass sich meine Renate zum Kauf eines bunten Schales überreden ließ. Zur Konfrontation mit der Nofretete die Anmerkung, dass es an einem kalten Februartag Anlass gab, einen Tagesausflug mit den Kindern nach München zu machen, denn die Tutanchamon-Maske  

 

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nebst weiteren ägyptischen Kostbarkeiten waren in einer exquisiten Komposition nach Bayern gekommen. Jahrzehnte später wurden wir im Archäologischen Museum in Kairo am Tahrir–Platz von der Überfülle der aufgespürten Grabbeigaben regelrecht erschlagen. Mein Thomas sollte übrigens in Berlin vor neun Jahren sterben.

 

Es besteht Anlass, das kirchliche Ambiente zu erwähnen. Beginnen wir mit den Evangelischen. In früherer Zeit war die Gemeinde mit einem eloquenten Pfarrer gesegnet. Leider zog es den Pfarrer irgendwann nach Heidelberg. Als wir in MA weilten, fuhren wir an einem Sonntagvormittag nach HD und besuchten dort seinen Gottesdienst. Der Pfarrer Steinbach machte einen Hinweis darauf, dass heute Besucher aus Radolfzell anwesend seien. Als Verleger bekam ich Zugang zu einer Original Scheuchzerbibel. Nachdem ich eine Anzahl Zyklen der Enzyklopädie Diderot-d’Alembert, Folio, auf feinstem Bütten als Reprint 1 : 1 aufgelegt hatte, trug ich mich eine Zeit lang mit dem Gedanken, die Kupferstiche der Scheuchzerbibel in gleicher Weise heraus zu bringen. Schließlich erregten die Diderot-Zyklen immerhin auch Aufmerksamkeit bei den Öffentlichen Bibliotheken. Ein Vertreter der Deutschen Bibliothek besuchte bei zweimaligem Ausstellen auf der Frankfurter Büchermesse meinen Stand und erkundigte sich, welche Zyklen ich denn noch auflegen würde. Ich produzierte jeweils nur zweihundert Stück, entsprechend hoch war der Preis. Die Bibliotheken bekamen 50 % Rabatt. Bei der Bibel kam ich von dem Vorhaben wieder ab, hatte aber schon mal ein besonders schönes Motiv zur Vorabwerbung drucken lassen. Was damit machen? Ich dachte, dass unser evangelischer Kindergarten vielleicht die Tafeln in Bastelstunden einrahmen wollte, um diese dann an Liebhaber weiter zu reichen. Selbstverständlich bot ich sie gratis an. Mir tat es leid, die Büttentafeln ins Altpapier zu werfen. Das hat den Hintergrund, dass meine Eltern eine Bibel besaßen, die reich mit Holzschnitten ausgestattet war, so dass mir biblische Inhalte schon als Kind erschlossen wurden. Sie ist heutzutage eine bibliophile Rarität. Jedenfalls war ich für das Metier sensibilisiert. Die Kindergärtnerin empfand meinen Vorschlag jedoch als lästiges Ansinnen und der Abweisung haftete etwas Unhöfliches an, jedenfalls in der Art der Äußerungsweise. Heute weiß ich, dass Evangelische ein prekäres Verhältnis zu biblischen Darstellungen haben können, dass es auch mal eine Art von Bildersturm gab und dass das historische Wissen über bebilderte evangelische Bibeln dünn gesät sein mag. Ich weiß nur, dass z.B. Luther zeitlebens zur Maria ein ehrfurchtsvolles Verhältnis bewahrte, weshalb ich hier ungerührt gestehe, dass seit Jahrzehnten in meinem Esszimmer eine gotisch gefasste  Madonna steht.

Fazit: Noch nie hat sich bei mir ein evangelischer Pfarrer sehen lassen, obwohl man in Markelfingen in einer Art von Diaspora lebt. Noch nie bekam ich Gelegenheit, mit jemandem aus dem protestantischen Biotop zu diskutieren. Im Gegensatz z. B. zu den Zeugen Jehovas, von denen sogar so etwas wie ein Bischof auf meiner Wohnzimmercouch Platz nahm, nachdem ich sie provoziert hatte.

 

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Ganz anders die katholische Seite. Mein liebe Frau wollte unbefangen zur Kommunion Zutritt haben. Sie wollte im Kirchenchor singen, sie wollte nicht in Wilder Ehe leben. Wie schon erwähnt, heirateten wir also ein drittes Mal in der schönen Dorfkirche von Markelfingen, in der übrigens seit Jahrhunderten eine Brücke zu den Evangelischen geschlagen ist: Das Glaubensbekenntnis an den Wänden rundum ist kein katholisches. Die Katholische Kirche wird als „Allgemeine christliche Kirche“ erwähnt. Aber Katholisch ist ja die Übersetzunng. Nun, die Beseitigung der religiösen Trennungslinie in unserer Ehe, was für ein Wahnwitz, dass es überhaupt nötig war, hatte Folgen. Der katholische Pfarrer war bei Familienfesten, Taufen, Firmung, runden Geburtstagen, fortan selbstverständlicher Gast. Und wenn dem Pfarrer die Decke auf den Kopf fiel, kam er zu uns. Man kann sich denken, dass er in mir einen Christen fand, der sich nicht scheute, Einiges zur Sprache zu bringen, so wie auch heute auf Seite 22 meiner Website.

Der Pfarrer sah mich beim Zuschauen beim Fastnachtsumzug und lud mich zu einem Geburtstagskaffe ein. Zu meiner Überraschung war ich der einzige Gast. Er war es auch, der mir die Zugangsberechtigung zur Kommunion in Freiburg einholte. Meine Frau schlug nicht das Abendmahl aus und ich nicht die Kommunion. Meine Kirche schockierte mich übrigens zweimal. Einmal fiel am Altar Brot beim Austeilen auf den Boden. Niemand fühlte sich bemüßigt, sich zum Aufheben zu bücken. Ein andermal war auf Tischen zum Selbstbedienen Brot dargereicht. Hernach fuhren die übrig bleibenden Brocken auf den Tischen als herrenlose Reste herum, genau diejenigen, die vorher vom Pfarrer als „mein Leib“ bezeichnet wurden. Ein respektloser Albtraum! Ich mischte mich jeweils handelnderweise ein.

Der katholische Pfarrer zeigte uns seine Bibliothek unter dem Dach. Da standen in Regalen nun, nicht übertrieben, tausende Bücher in Regalfluchten. Als er aus dem Pfarrhaus aus Altersgründen auszog, bekamen diese Bücher ein eigenes Schicksal. Meiner Gattin und mir wurde in einem Haus ein Heizkeller gezeigt. Da lag ein riesiger Berg von Büchern bis an die Decke vor dem Kessel. Fazit: Der eine liest sie, der andere verbrennt sie.

Hernach hörten die Hausbesuche auf, bis vor gar nicht langer Zeit ein neuer Priester, ein Allgäuer, in Markelfingen Fuß fassen wollte. Er schaute etwa ein halbes Dutzend mal bei uns vorbei obwohl das besuchte Kirchenmitglied langsam in die Demenz verfiel. Dann sei er, so hörte ich, weggemobbt worden. Ja, in Markelfingen gäbe es einen hoch konservativen Klüngel.

 

Die Markelfinger Gemeinde pflegt seit Langem eine Patenschaft mit einer peruanischen Gemeinde im Hochland. Kustorin ist die Professorenehefrau Marga aus dem Heidelberger Gebiet. Meine Liebe feierte im August auf der Gartenterasse Geburtstag. Die Marga fragte an, ob sie zwei Gäste aus Peru mitbringen dürfe. Der eine Gast sprach Englisch und Spanisch, der andere spanisch und italienisch. Der zweite war der sel. Pater Viktor der Patengemeinde Sicuani, indigen. Ihm schenkte ich mein Langenscheidtbüchlein Deutsch - Italienisch und zwei Jahre später nach unserer Compostelareise Deutsch - Spanisch. Der erste Gast, sel. war der - Bischof von Lima.

Wer hat schon einen Bischof als Geburtstagsgast?

 

Es gab weiterhin einen polnischen Präsidenten, der trug eine Augenbinde, ein General. Der rief den Kriegsnotstand aus. Das hatte zur Folge, dass zwei junge Polen, die gerade in Markelfingen weilten, nicht mehr in ihr Land zurück kehren wollten, um dem Soldatwerden zu entgehen. Sie wohnten in Räumen bei Freunden, die aber im Freiburger Raum lebten. Wir wurden gebeten, sich um die Polen zu kümmern. Der eine war ein Kaschyk, der andere ein Sbeschek. Das dürften so etwas wie Kosenamen sein. Die Namen lauten polnisch korrekt anders. Da kamen sie also zu uns, sprachen kaum Deutsch. Ich war nicht gewillt, Polnisch zu erlernen, weil ich zu dumm dazu war. Also paukte ich mit ihnen die deutsche Sprache. Sie machten schnelle Fortschritte und es gab Missverständnisse, köstliche. So: Ich verscheuchte Fliegen um mich herum. Etwas später tat dies auch der Kaschyk. Er schilderte mir gerade ein Dilemma in dem er sich befand. Ich fragte ihn „was machst Du da?“ Er antwortete mit empörtem Duktus: „Nur, was Sie auch gemacht haben!“. Nett, gell? – Die beiden kamen immer dann, wenn gerade Abendessen angesagt war (natürlich eingeladen). Es ging nun dabei höchst lebhaft zu.

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Der Sbeschek ging so bald als irgend möglich nach Polen zurück, tauchte später noch ein paar Mal auf – nun auch mit seiner Frau. Seine Tochter lernte in Radolfzell deutsch. Sie promovierte und lebt jetzt in München. Der Kaschyk wurde so etwas wie Familienmitglied, weil ihm ja auch die Einsamkeit auf den Kopf fiel. Natürlich entstand eine Freundschaft bis heute. Er beendete sein Studium an der TH Karlsruhe, holte seine Freundin nach und heiratete. Der H.-P. förderte seine Eindeutschung. Als wir zum zweiten Male in Görlitz waren, trafen wir uns dort zur Weiterfahrt nach Polen, Breslau, Opeln, Andrychow. – So kamen Renate und ich nach Wadowice, dem Geburtsort des Papstes J.-P II. Und nach Krakau und – nach Zakopane an der Nordseite der Hohen Tatra, die wir dann nach Jahrzehnten auf der anderen Seite von Süden her kennen lernten wie schon erwähnt.

 

Mittlerweile ging der Seeblick unserer Wohnung durch Verbauung verloren. Gegenüber erstand ein Haus, etliche Jahre vermietet. U. a. auch an den Jürgen. Dann zog der Sohn des Bauherren ein. Der H.-P.. Er übte einen unnützen Beruf aus, nämlich den des Politikers.

Alsbald lud er die Nachbarn zu einem Hausfest ein. Wir begegneten einem non-chalenten Stil, den wir zuletzt in München erlebt hatten. Es war für uns klar, dass wir uns nach einer Schonfrist revanchieren mussten. Damals Siezten wir uns noch.

 

Wir mieden grundsätzlich Parteien und hielten das ein Leben lang durch. Aber zu anderen Hocks kamen dann halt auch völlig fremde Leute, vor allem solche mit Parteibindung und aus der großen Verwandtschaft. Ich glaube nicht, dass wir groß fremdelten aber ich bemerkte sehr wohl die Blicke, mit denen wir gemustert wurden, nicht immer wohlwollend. Was wollen die? Wir wollten gar nichts, vor allem nicht in einem der nächsten Parteitreffen auftauchen.

Aber als wir dann zusammen mit anderen Markelfingern zu einer Bonnfahrt eingeladen wurden, hielten wir es für angebracht, kein Nein auszusprechen. Ich darf hier darauf hinweisen, dass für mich Bonn nichts Besonderes mehr war, schaute ich doch dort jahrelang vorbei. Bereits war die Stadtsparkasse Bonn mein Kunde, denn ich erhielt von ihr einen dicken Auftrag für Schriftgut, für die Kaufmännischen Schulen bestimmt. Aber gleichwohl beteiligte ich mich vor allem meiner Renate zu liebe. Mit verblüffender Selbstverständlichkeit spielte sie alsbald und fortan die Vietkong-Frau nach dem Motto, der Fisch schwimmt im Wasser, wie sie überhaupt weitere Male in BN und B ohne mich war. Ich erinnere mich an ihren Anruf, als ich alleine den Abend verbrachte. Ich reagierte am Telefon etwas spitz. Das erzählte sie ihrem Pfarrer, der auch in der Gruppe war. Der Kommentar dieses ihres Pfarrers muss wieder gegeben werden: „Du dumme Kuh, warum hast Du auch angerufen?“ Als ich das erfuhr, verschlug es mir die Sprache. Einmal, was erlaubte sich der? Zum Anderen, die Duzten sich! Alles hinter meinem Rücken.

 

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An zwei meiner üblichen Blödeleien kann ich mich erinnern. Im Kabinettssaal, dort am ovalen Tisch, meinte ich, einmal in des Kanzlers Sessel sitzen zu müssen, ohne Mandat natürlich und auf einem Notizblock eines Ministers, den beigelegenen Stift benützend vermerkte ich, dass der Lang aus Radolfzell geruhte, seine Anwesenheit zu dokumentieren. Der Gruppe wurde dann auch Gelegenheit gegeben, sich mit politischen Fragen an einen Ministerialdirektor zu wenden. Ich erlaubte mir zu fragen, warum denn uns der Minister nicht persönlich die Ehre gäbe. Der Gefragte war konsterniert, weil ich mich mit seiner hochmögenden Person denn nicht zufrieden geben wollte. Manchmal erkläre ich, dass es um eine Frotzelei gehe. Wegen der gezeigten Reaktion unterließ ich es für dieses Mal. Man möge verzeihen, dass ich das hier vortrage, aber ich erinnere mich halt daran und der Politik brachte ich damals wie heute keinen übermäßigen Respekt entgegen.

 

Als wir nach Westberlin mitfliegen durften, waren gestandene Respektpersonen dabei, solche die später Minister wurden oder damals schon Ämter bekleideten. Da passierte Einiges, wovon man erzählen muss. Zunächst: Was erwartete mich am Flughafen? Wo ließ ich mein Auto für sechs Tage? Parkhäuser! Die wollten alle viel Geld. Also erst mal gucken. Da war ein Eingang mit Portier! Davor standen reichlich Parkuhren. Die Tagesgebühr war erträglich. Wie aber die Uhren täglich füttern? Also fragte ich den Portier, ob er dieser Augabe nachkommen wolle? Na klar! Ich händigte ihm das Geld dafür aus. Nach sechs Tagen konnten wir ohne Weiteres in unser Auto einsteigen und heim fahren. Der Portier hatte den Hunger der Parkuhren zuverlässig gestillt. Beim Flug ab Stuttgart gab es eine Premiere. Der Vorderteil des Fliegers war besetzt mit der Presse. Der Grund wurde alsbald ersichtlich. Es handelte sich um den ersten Flug, bei dem die Crew hätte weg bleiben können. Start, Flug und Landung waren extern gesteuert oder programmiert.

Die Route führte damals über der DDR noch durch einen Korridor, der von Berlin nach Westen zum Gebiet der BRD führte, querab, so dass der Flieger erst mal nach Norden flog um dann nach rechts abzuschwenken. Die Sicht war gut und ich bemerkte ohne angestrengtes Gucken den Moment, da unter meinem Hintern sich Kommunistenland auftat. Die Bebauung, die Feldergröße änderte sich deutlich. Es war übrigens das erste Mal, dass ich ein Flugzeug als Transportmittel benutzte.

Es kann sein, dass ich jetzt Begebenheiten mit einem weiteren Flug vermische. Man möge es nachsehen.

Also, ich erinnere mich daran, dass es in einer Nacht im Hotel wenige Zimmer weiter brannte. Und meine Renate und ich davon nichts merkten. So ist es halt, wenn man noch (aus heutiger Sicht) jung ist, da schläft man tief. Natürlich brannten wir darauf, nach Ost-Berlin zu gelangen. 

 

Der Übergang zur DDR geschah im Bahnhof Friedrichstraße. Man erlebte die Grenze! Es war ein Schleusen! Die waren ausgestattet mit Spiegeln, die dem Mann hinter dem Schalter erlaubten, den Kopf, den Rücken und möglicherweise weitere relevante Körperpartien einzusehen. Der H.-P. wurde besonders behandelt, strenger. Er war MdB. Also dauerte das Prozedere. Beim Heraustreten aus dem Bahnhof geriet einem zuallererst der geballte Abgasgestank der vielen Zweitaktmotoren in die Nase. Wir (man muss nun unterscheiden zwischen der Reisegruppe und uns (2 + 2) machten uns auf den Weg zum Dom, dessen Kuppelkreuz sich bekanntlich in der Glasfront des Palastes der Republik, der ja abgerissen wurde, widerspiegelten. Meine Renate und ich besichtigten den Dom dann Jahrzehnte später, nach dessen Renovierung, noch einmal. 

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                             75

Allmählich hungerte uns und wir dachten darüber nach, die zwangsweise eingetauschten DDR-Mark auf den Kopf zu hauen. Erinnere ich mich richtig mit 40 Mark pro Kopf? Unterwegs nahmen wir Platz in einer Art Café, das auf der Straße servierte. Ich habe keinen Schimmer an Erinnerung an die Flaneure, als Individuen, die vorbeigingen.

 

Der H.-P. mit seinem Spezialwissen meinte, wir sollten im Roten Rathaus speisen. Vor den Speiseräumen war ein Vorplatz. Da standen etwa dreißig Leute, auf Einlass wartend. Ich machte mich erst mal über die Gegebenheiten kundig, indem ich meine Augen wandern ließ. Durch die Glastüren, die sich gelegentlich öffneten, war zu sehen, dass die Hälfte der Tische und Stühle unbesetzt waren. Vor dem Zugang stand ein Zerberus mit seinem Adlaten. – Ich ging direktemang auf den Eingang zu und wurde vehement gestoppt. Man könne da nicht einfach rein marschieren. Ich fragte den Zerberus, warum denn nicht, absichtlich so laut, dass das Publikum alles schön mitbekam. Ein einziges Starren. Den Wichtigtuer machte ich darauf aufmerksam, langsam wütend werdend, dass es Platz genug gäbe. Insgeheim wunderte ich mich darüber, warum denn die Tische so weit auseinander standen. Vielleicht wollte man gescheiterweise dafür sorgen, dass man nicht einfach bei der Unterhaltung zuhören konnte? Von einem Spitzel? Das wäre lobenswert. Allein, mein Drängen bewirkte nur, dass ich am Arm gefasst und wir gebeten wurden, in einen Nebenraum zu treten. Dort wurde uns dann bedeutet, dass wir alsbald einen Tisch zugewiesen bekommen werden. Zum opulenten Essen fällt mir besonders ein der Krim-Sekt, dem ich zum ersten Mal begegnete. Ansonsten konnte sich das Menu sehen lassen. Und die Preise! Bei unserem Umtauschkurs, geschenkt!

 

Wir beschlossen, den Besuch anzureichern mit einer Fahrt nach Köpenick mit der S-Bahn. Es war jetzt die Zeit des Feierabends und die Leute waren auf dem Heimweg. Das Schloss gefiel mir sehr, die Baulichkeiten waren rundum in einem elenden Zustand. Mir ging nicht aus dem Kopf, was in der Bahn mitzubekommen war. Im Wagen herrschte tödliches Schweigen. Die Fahrgäste schauten so gut wie nie auf, ließen die Augen nicht wandern. Gut, wenn das halt alltägliches Geschehen war, aber warum die bedrückte Atmosphäre? Ich las aber in der Jetztzeit einen Artikel über die Befindlichkeiten im Osten und da wurde wiedrum das Schweigen in den öffentlichen
Verkehrsmitteln erwähnt.

 

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An einem Tag besuchte die Exkursionsgruppe eine Ecke in Westberlin, wo sich offensichtlich Unbehauste tummelten. Wir hatten in der Gruppe einen Bürgermeister, dem es im Hegau oblag, Sozialhilfeempfänger am Leben zu erhalten. Da mögen sich etliche Aversionen gegen Nichtstuer angesammelt haben. Auf alle Fälle bemerkte er, dass diese Leute doch dem Arbeiten nahe gebracht werden müssten. Ich habe dem hochmögenden, verdienten Amtsmenschen entgegen gehalten, dass diese Leute nicht nur nicht arbeiten wollten, sondern gar nicht könnten. Ihre Antriebe seien verkümmert durch was auch immer und wer oder was schuld daran sei. Der aus meiner Sicht Wohlsituierte, ich musste ja im Vergleich alles, was uns und meinen Kindern zum Leben verhalf, erst herbei holen, erwiderte – kein Wort.

 

Im tiefen Bauch der BF-Texte, solcher, die im ‚Bewerberforum‘ in noch Papierform veröffentlicht wurden, ist ein längerer Beitrag zur Entwicklungshilfe nachzulesen. Hierzu wurde ich inspiriert durch einen Besuch bei einem entwicklungspolitischen Kolleg in der Borsig-Villa am Tegeler See. Da breitete der DED, der Deutsche Entwicklungsdienst, seine Tätigkeiten in ja aller Welt genüsslich und breit angelegt vor der Hörerschaft aus. Mir fiel aber auf, dass über einen Aspekt kein Wort verloren wurde, weshalb ich in einer Wortmeldung nachhakte. Es ging um das Evaluieren und zwar des schließlichen Erfolges all der Bemühungen. Dazu blieb aber eine positive Antwort aus. Es wurde kleinlaut zugegeben, dass Derartiges schlicht nicht vorgesehen sei und daher nicht geschieht. Mir verschlug es die Sprache. Wie das später und heute aussieht, weiß ich nicht.

 

Auf dem Wannsee und der Havel bis zur Glienicker Brücke zur Abendzeit und Abendzehrung genossen wir einen Ausflug auch an der Pfaueninsel vorbei per Schiff. Nicht das Schiffleinfahren bot etwas Besonderes, sondern die gesamte Landschaft. Es ist schon so: Wo Wasser, da Wohlgefallen möglich. Ich vermag nicht mehr auseinander zu halten, ob wir zusammen mit dem Thomas oder mit dieser Gruppe zu Fuß die Brücke überquerten. Um zu erkennen, dass man auf geschichtsträchtigem Gelände unterwegs war, musste man das Zeitgeschehen verfolgt haben. Spektakulär die Erzählung über den Austausch von Spionen auf dieser Brücke. Sanssouci kann ich aber eindeutig dem Thomas zuordnen.

 

Auf dem Heimflug kam die Stewardess im Gang gezielt zu mir und sagte mir, dass der Flugkapitän mich dazu einlade, in das Cockpit zu kommen. Natürlich verschlug es mir die Sprache. Da war eine freundliche Begrüßung durch die Crew! Es war nicht nötig, dass ich meine Neugier mobilisierte, ich bekam viele Details freihändig geschildert. Voll erinnerlich ist, wie er darauf hinwies, dass wir gerade Würzburg ansteuerten, man konnte die Stadt auch voraus erkennen. Wer das Ganze angeleiert hat, weiß ich nicht; ich forschte nie nach, weil mir das Geheimnis als solches wertvoll war.

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                77

Ich besuchte B ein letztes Mal, als wir auf der Rückreise von Usedom ein paar Tage Quartier in der Wohnung des H.-P. nehmen durften. Da gab es dann noch einen Ausflug nach Cottbus – einem Cottbuser Kellner in Mellau im Bregenzer Wald bewies ich meine Anwesenheit in seiner Heimatstadt, indem ich die Straßenbahn erwähnte. Das freute ihn.

Auch machten wir im Spreewald eine Bootsfahrt. Grandios! Seitdem lasse ich keinen Spreewaldkrimi aus. Und dass Bautzen mit seinen Türmen an der jungen Spree liegt, haben wir ein andermal  auch mitbekommen.

Die liebe Renate zog später allein mit dem Zug nach B, um dem H.-P. bei seinem Abschied aus der Politik die Ehre zu geben.

 

Es gab einen Bundespräsidenten noch zu Bonner Zeiten, für den stand seine Wiederwahl an. Zu diesem Ereignis, das ja eines ist, wurden wir eingeladen, natürlich nicht als Akteure, sondern als Zuschauer. Mit Fahrer und Panzerwagen startete die Reise in Markelfingen. Am Abend vor der Abstimmung gab das Land Baden-Württemberg einen Empfang in seiner Landesvertretung. Begrüßt wurden wir vom Ministerpräsidenten mit Handschlag und auffällig musterndem, forschendem Blick. Das Ehepaar Lang durfte passieren. Ich unterhielt mich mit einem Abgeordneten aus dem Unterland angelegentlich über die Überforderung der Politiker durch Überbelastung und Problematik. Hautnah neben mir redete eine Dame lange Zeit eindringlich auf den noch unversehrten Schäuble ein. Man konnte bemerken, wie er ziemende Geduld aufbrachte – schließlich wurde drum herum gefeiert. Beim Selbstbedienen wurde ich einem Bundestagsabgeordneten empfohlen, der sofort geistig aufrüstete und so geschwollen wie der Willecke an der Uni MA auf mich einredete. Ich verstand Bahnhof. Weil ich dann nochmals einen solchen Gesprächspartner, doch der Reihe nach, kredenzt bekam, begann ich darüber nachzugrübeln, wie man denn Politik betreiben kann mit solchen Höhenflügen im Denken. Ich bekam Minderheitskomplexe.

Aber als die Dame endlich vom Schäuble abließ, wandte er sich sofort zu mir und ging natürlich davon aus, dass mir ein bestallter Status eignete. Das interessierte ihn, wahrscheinlich halt so. Ich klärte ihn darüber auf, dass ich rein privat anwesend sei, als Gast. Wessen Gast ich denn sei? Des H.-P. Nun war er perplex, war doch dieser sein Freund, weshalb er ja auch beim 70er laudierte.

An der Rheintreppe begegneten wir noch dem Minister, der die Renten für sicher erklärte und auch da kam es zur Vorstellung. Mittlerweile war ich akklimatisiert und zählte mich zur Regierungsmannschaft.

 

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Das Wahlgeschehen war eigentlich unspektakulär zu erleben, allenfalls der Tagesstart begann in solchen Bahnen, denn wir wurden vor dem Hotel in der Fußgängerzone mit Panzerwagen und Fahrer abgeholt. Für Madame wurde der Schlag aufgehalten und die Leute guckten, ob sie jemanden zu Gesicht bekommen, der bzw. die ihnen bekannt waren. Die mussten enttäuscht werden, denn wir bekleideten kein medial öffentliches Amt. Wir gehörten zu ihnen.

Warum das Ehepaar Lang abends Gast des jugoslawischen Botschafters in einem südslawischen Kölner Edellokal war, erhellt bzw. kann man sich ableiten vom Text allsogleich. Auf der Heimfahrt andern Tags sonderten wir reichlich Knoblauchduft ab. Aber, wie schon angedeutet, wurde ich von meinem Gegenüber am Tisch wiederum peinlich überfordert, weil seine Diktion nicht aus meiner Welt war.

 

Nun wird es notwendig, für den H.-P. eine Lanze zu brechen. Wir begegneten dem damaligen Entwicklungshilfeminister. Von dem spricht heute niemand mehr. Zur damaligen Zeit ging vielmehr ein Bonmot im politischen Bonn und Berlin um, wonach, der H.-P. der beste Entwicklungshilfeminister war, den die Bundesrepublik je hatte. Das Bonmot ist heute noch en vogue unter denen, die die Zeit erlebten. Erst kürzlich wurde es wieder aufgefrischt bei Laudationes, die auch der heutige Minister auf der Mainau hielt. Er war der unermüdlich reisende Parlamentarische Staatssekretär, weltbekannt. Er traf die relevanten Staatslenker, frühstückte mit Reagan, speiste am Tisch eines Kaisers, von denen es nicht mehr viele gibt, war Gouverneur von Weltorganisationen. Und ob er heute immer noch handschriftliche Glückwünsche von einer gewissen Angela bekommt, will ich nicht fragen. In den Räumlichkeiten der Parlamentarischen Gesellschaft wurde er, das bekam ich mit, von allen Seiten höchst respektvoll begrüßt.

 

Der H.-P. ist Halbslowene. Sein Vater stammt aus Muta an der Drau, die ihren Anfang übrigens nur um ein Geringes östlich des Brenner nimmt, dicht an der österreichischen Grenze gelegen. Diesem gehörte ein in einem Seitental gelegenes Elternhaus, das nun der großen Familie als Dependance diente. Viel später wurde sie opulent ausgebaut. Wir kamen zweimal mit. Es sei betont, dass die dortigen Aufenthalte für die Renate und mich sich in höchstem Maße kurzweilig gestalteten, trotzdem hielt ich es für notwendig, bei Gelegenheit darauf aufmerksam zu machen, dass auf uns noch eine Riesenmenge an Destinationen harrte. Diese Vielzahl waren wir bis dahin erst im Ansatz angegangen. Meine Einschränkung wurde mir dann auch bei Gelegenheit unter die Nase gerieben. Aber man muss mir doch zustimmen, dass eine gewichtige Konkurrenz der Möglichkeiten vorgegeben war. Außerdem stand die Notwendigkeit im Raum, das Bewerberforum war noch nicht einmal eine Idee, für den Lebensunterhalt zu sorgen. Auch war ich kein Staatsangestellter, vielmehr drückte mich der Staat später virtuell auf Harz IV. Es gelang ihm nur realiter nicht, weil sich die Rentenanstalt schon lange davor meiner erbarmte.

Als wir durch den Tauern-Tunnel fuhren, erinnerten wir uns daran, dass wir den Radstädter Tauern-Pass früher oberirdisch passierten‘. Und in Muta wurde man erst mal mit Formalien konfrontiert, denn Slowenien war damals noch Teil von Jugoslawien. Die Landschaft war nicht alpin aber die Berge, abgerundet, doch ziemlich hoch. Vorne weg: Der H.-P. mischte auch in slowenischer Politik mit. Dem ehemaligen slowenischen Außenminister Peterle begegnete ich in Markelfingen zwei mal.                                                                         

Renate, 65, Lymphom im 4. Jahr, Halsschwellung
70er-Geburtstag, 9. Lymphomjahr
Altverleger, 75

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Das Balkanland Südslawien bereisten wir schließlich bis Kotor. Den Fjord umrundeten wir und übernachteten bei dieser Gelegenheit in einem ehemals staatlichen Hotel. Das Zimmer war im Rohzustand, wovon die Dame an der Rezeption nichts wusste, denn sie war selbst entsetzt. Dort trafen wir etliche Ossi-Familien an, die aus früheren Zeiten wussten, wo man hinter dem Eisernen Vorhang superschöne Urlaube verbringen konnte.  

Die Landschaft dort in Muta (Maut) war nicht alpin aber die Berge vor allem dicht bewaldet..

Die umfängliche Verwandtschaft war teils in uriger Form erlebbar, der Onkel Michel als Förster Respektperson und die Tante Maritza funktional verortet. Der Sohn Robert war schon damals auf Lernen getrimmt. Jetzt am Runden Geburtstag begegneten wir uns mal wieder. Dieses Mal postierte er sich als gestandener Mann und in dieser Eigenschaft als vergleichsweise Dekan der Physikalischen Fakultät der Universität Maribor, zu deutsch Marbach. Die Maritza ist schon etliche Jahre Witwe und wusste genau, vor wie vielen Jahren wir uns zuletzt begegneten. Sie ist einfach eine herzliche Frau.

 

Durch das Seitental fließt ein Gebirgsbach, der auf der Karte ca. 40 km österreichisches Gebiet durchmisst und in A den deutschen Namen Kesselbach trägt. Damals konnte man nur ein begrenztes Stück nach Norden gehen. Alsbald wars abgesperrt durch die Grenze. – Am Sträßchen nach Muta, etliche km weg, fiel mir auf, dass eine ganze Anzahl von viertels- und halbfertigen Wohnhäusern in den Wiesen standen. Sie wurden immer nur stückweise weitergebaut, wahrscheinlich so, wie die Finanzen flossen.

Im Anwesen war ein Jeep deponiert, mit dem wir luftige Ausflüge machten. Einer ragt heraus. Die Fahrt nach Sv. Jerenei. Das war ein einziges Kurven auf steilem Weg, immer wieder an Lichtungen vorbei, auf denen ein Bauernhaus stand und wohl Jahrhunderte lang einsame und entbehrungsreiche Lebensgrundlage abgab. Die Winter!, die Schulwege! Ganz oben stand ein wunderbar romantisches pittoreskes baufälliges Kirchlein, umgattert mit einer wackligen hölzernen Einsäumung. Und ich meine mich zu erinnern, dass auch alte Gräber dem Ort ein besonderes Flair gaben. Gegenwärtig wichtig waren aber derbe Holzbänke und –tische. Es gab Frugales und doch Reichliches zu Essen. Das war etwas Alltägliches zwar aber die Art des Darbietens! Eine Riesenpfanne, angefüllt, ja hälftig angefüllt mit füssigem Schweinefett. Darin schwammen sicherlich ein Dutzend Spiegeleier! Diese und derbes Brot, das war nicht zu überbieten.

Und Wasser brauchten wir auch nicht zu trinken.

Wie es meine Art war, machte ich einen Spaziergang. Als ich zurückkam, war Drohpotential angehäuft. Dem H.-P. ging die Phantasie durch. Er hätte nach Schüssen gehorcht und überhaupt (gut, ich übertreibe) wäre mein Leben bedroht gewesen von der Kugel irgend eines Grenzers oder ich hätte können eingesammelt werden für den Knast. Das Grenzregime werde rigoros gehandhabt. Nun, ich bekam von solcher Gefährdung nichts mit, was nicht heißen soll, dass sie nicht gegeben war.

Immer wieder wird diese Geschichte bei Gelegenheit aufgetischt. Daher fühlte ich mich mit der Zeit als ein Grenzheld, der dem kommunistischen Regime tapfer zeigte, zu was westlicher Schneid fähig ist.

 

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Noch fürchtete ich nicht um das Leben meiner liebsten Gattin. Aber als ihr Lymphom 1998 entdeckt wurde, fragte sie mich bang, wie lange sie denn noch zu leben habe. Die Spanne kann man selbst ersehen. Die Diagnose begann damit, dass sie einen kleinen Huckel im Nacken wegoperieren lassen wollte. Die Hautärztin verweigerte jedoch den Eingriff und verordnete erst mal eine Ultraschall-Aufnahme. Da war die Katastrophe zu sehen: der ganze Hals war wie eine Perlenkette bekränzt von vergrößerten Lymphknoten. Wir gerieten an einen bestens empfohlenen und ausgewiesenen Onkologen in KN. Zuerst, das Lymphom war unheilbar. Es musste eingedämmt werden, damals mit noch unzulänglichen Mitteln.

Es gibt viele Lymphome. Ein agressives, das Hodgkin–L. Das ist mittlerweile heilbar, die Non-Hodgkin-L. nicht, nur eindämmbar oder auch nicht. Die Diagnose ergab, dass die B-Zellen befallen waren. Das war der Patientin Glück. Das Blut besteht zu 90 % aus T-zellen und aus 10 % B-Zellen.

Die Lymphozyten, weiße Blutkörperchen, vermehren sich unkontrolliert, so sehr, dass die überzähligen Geschwulste bilden, weil das Überschüssige sich dort einlagert. Diese Geschwulste verunstalteten meine Liebe, zum Glück nur temporär, denn später gelang es mit neuem Medikament die Zahl der Lymphozyten zu reduzieren, ja, sie auf Normalmaß zu bringen. Diese Wunderwaffe bewirkte die Reduzierung so, dass sie körpereigen über längere Zeitspannen verlief. Nur alle zwei Jahre war eine Wiederholung der Chemotherapie erforderlich. Aber doch gab es auch Krankheitserscheinungen, die rätselhaft blieben, z. B. starke Fieberanfälle. Solche reduzierten aber auch die Körperchenmenge, also möglicherweise ein Selbstheilungsphänomen. Ebenso ließ es uns als glücklich einschätzen, dass die Lymphozyten peripher Tumoren bildeten, die Milz vergrößerten, Magen, Hirn, Herz, Lungen unbefallen blieben.

In den 18 Jahren des Lebens mit dem Blutkrebs konnten wir mit Bewunderung und Freude die Fortschritte der Wissenschaftsmedizin am eigenen Leibe miterleben.

 

Je älter wir wurden, desto häufiger gab es runde Geburtstage. Den 60ten meiner Renate feierten wir mächtig, nämlich mit einer eineinhalbstündigen Geburtstagsrede, wie sie der H.-P. stoppte, durch ihren Gatten, den sie „ganz arg liebte“, wie sie auf dem Sterbebett gestand. Die Länge kam dadurch zustande, dass ich die Rede anhand von Kärtchen frei hielt und bei ihrer  Beschriftung keinerlei Vorstellung darüber hatte, wie lange ich zum Vortrag brauchte. Wer aber vermutet, dass ich peinlich empfand, geht in die Irre. Ich postulierte, dass derjenige, der ein schönes Menu kredenzt bekommt, gefälligst einen Obolus in der Form des geduldigen Zuhörens zu entrichten hätte. Ich behaupte zudem, dass die Rede saß, dass nicht viele Ehefrauen so beehrt wurden und werden.

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                            81

Nun war die Renate ein Eheleben lang eine begnadete Köchin. Lange Jahre konnte ich kund geben, was ich denn andern Tags gerne essen möchte. Dann gab ich es auf und setzte auf die Überraschung. Dabei blieb es. Sie übertraf sich beim siebengängigen Sylvestermenu beim Jahrtausendwechsel. Die Gäste bedankten sich mit einem Gedicht.

 

Auch die Beate, Renates Freundin, hatte dann einen Runden. Ich sagte mir, dass ich mich da anstrengen muss, um für manches gekonnte Servieren, profundes Diskutieren und gebotenen gesellschaftlichen Hintergrund nur ein klein wenig zurück zu geben, tief gefühlte Hochachtung dar zu bringen. Wie? Da fielen mir meine früher gepflegten Briefkünste ein. Ich sage nur Friederike in Lindau!

Also, setzte ich mich hin und verfasste eine schriftliche Laudatio. Ich hatte das Gefühl, dass sie einigermaßen gelang. Der geburtstagslobende Gratulant, ihr Ehemann, frug mich, ob er in seinen Vortrag Passagen aus meinem Geburtstagsbrief zitieren dürfe. Wenn irgendeiner der Gäste auch nur im geringsten den Gedanken erwogen hätte, dass der Verfasser der Monsieur Lang gewesen sein könnte, dann hätte ich einen Blick aus der Runde auffangen müssen. Niemand guckte mich aber an. Diese Ignoranten alle!

 

Wie das Reisen mit einer Demenzkranken zu einem fatalen Verlauf ausarten kann, das zeigt die Heimreise aus Sizilien: nach dem Ergattern unserer Koffer vom Laufband nach der Rückkunft am Flughafen S beeilte ich mich, zum Bus nach Radolfzell zu gelangen. Meine Renate etliche Meter hinter mir her. Ich passierte den Exit; sofort nachdem ich durch war, schloss sich die Glaswand wieder. Sie war noch "drin", bemerkte mein Verschwinden nicht rechtzeitig und lief vorbei ins Leere. Für mich war kein Zurück möglich, die Glaswand blieb zu, weitere Passagiere folgten nicht. Was jetzt? Die Zeit verstrich. Der Bus wartete draußen um die Ecke. Ein Mitreisender suchte uns. Zusammen fanden wir eine Möglichkeit, durch ein Büro, ins Zurück zu kommen. Aber keine Renate weit und breit, selbst ein Familienpfiff half nicht. Mich ergriff Panik. Nach weiteren dreißig Minuten tauchte ein weiterer Mitreisender bei uns auf mit der Botschaft, dass mein tüchtiges Weib allein zum Bus gefunden habe. Ich dankte dem lieben Gott.

 

Am wohl letzten Abendhock, als ich noch keine Vorstellung darüber entwickelt hatte, überhaupt konnte, was die Demenz aus und mit einem Menschen macht, stellte mein liebes Weib fest: „Ich bin zwar dement, aber nicht blöd“.

Viel später, Jahre, sagte sie plötzlich in ihrem bequemen Sessel sitzend, vor dem Fernseher, mit dem sie nichts mehr anfangen konnte vor sich hin, nachdrücklich: Ich kann niemandem sagen, wie gut es mir doch geht. - Ich aber schwamm in einem Meer des Elendes.

 

Nun ist es mir nicht möglich, weiter zu schreiben, gar Alles ist belanglos, gar schal geworden. In meiner Verzweiflung versuche ich, Trost zu finden in der Antwort: „Nun bist Du zwar nicht mehr da, aber bei mir. Mir gegenüber.“ Es ist so: das Entscheidende ist das Sein beider im Hier, Dort und Jetzt. Was absurd klingt: Ich deute ihr Sterben als Metamorphose. Ich fühle mich nach wie vor als verheiratet. Allerdings haftet dieser Vorstellung etwas Asymetrisches an. Eine starke Imagination hält sie gegenwärtig.

Das eröffnet die Möglichkeit, alles bislang Versäumte ehelich legitimiert nachzuholen und nachzubessern, fehl Gelaufenes zu korrigieren. Dies erkenne ich an ihrem 83. Geburtstag, dem 11. August 2018.

 

Aber am 5. August 17 kam der H.-P. und ich auf diese Memoiren zu sprechen. Er wollte wissen, wie sie zugänglich sind. Sorgenvoll meinte er, ohne einen Satz gelesen zu haben, dass solche nur etwas taugten, wenn sie eine Erzählung seien. Das habe Thomas Mann gesagt. Ich dachte für mich, dass das richtig gesehen ist, schließlich ist der Th. M. auch ein Altmeister der Literatur. Ich aber bin ein Dilettant.

Ich revanchierte mich mit der Bemerkung, dass ich in der Zeit, da er einen Monat auf seiner Dependence in Muta verbrachte, nichts Gescheites tat (es folgte Einspruch!), einundzwanzig achtzeilige Gedichte vefasste. Diese Erzählung will keine Geschichte sein, er soll es nur wissen.

 

Heute, am 11. August 2017, war der 82. Geburtstag meiner lieben Frau. Der Verlauf war etwas unliebsam, ließ doch der Christian abends um 16 Uhr, als ich mich zum Friedhof aufmachte, das Wort Mutters Geburtstag fallen. Da erschrack ich, denn ich selbst dachte bis dahin überhaupt nicht daran; ich vergaß ihn. Wenn es nur das gewesen wäre! Man muss es dokumentarisch sehen, es zeigt den beginnenden desolaten Zustand meines Gehirns auf. Das besorgt mich.

Aus unerfindlichen Gründen geschah für mich das Vergessen schon "gestern", wo es doch noch um das Heute ging.

Spät abends rief der Hugo aus Mannheim an, man weiß schon, wer. Ich wisse ja, warum er anrufe, schließlich sei heute ja Renates Geburtstag. Lieber Hugo, sagte ich, das war gestern! Es tröstet mich, dass auch Du den rechten Tag übersehen hast. Nein mein Lieber, meinte er, ich würde offensichtlich in der Zukunft leben. Schließlich sei ja bis Mitternacht noch der Elfte. Der zwölfte, verbesserte ich. Aber natürlich lag ich daneben. - So war denn das Gedenken an Renates Geburtstag gerettet, wenn ich auch nur noch ein paar Stunden Zeit dazu hatte. Dabei wurde ich gewahr, dass sie für ein riesiges Stück meines Lebens damals auch für mich geboren wurde!

Was geschah nach dem Sterben meiner Gattin? Bleiben nur Atome? Tote Materie? Ist der Gedanke an Auferstehung denkenswert? Darüber gibt Einblick die Seite 22 „Sinnfragen“

Das Sterben der Renate löste Vieles aus: Das Verfassen eines Essays „Todestraumata“. Den Zugang dazu listet Google ungewöhnlich prominent. Die Hinterbliebenen charakterisiert die FAS im Oktober 2017 als „Sekte“. Will wohl sagen, sie sind „vom Bodenpersonal des Himmels“ stigmatisiert. Genau so ist es:

Der EKD-Ratsvorsitzende predigt Ostern 2016 als Katastrophe für einen Angehörigen dieser Sekte. Ich bin empört. Eine Einlassung dagegen wird ignoriert. Das hat zur Folge, dass ich mich mit der biblischen Verkündigung zum Thema befasse und mit Zarathustra. Er ist der Ausgangspunkt einer absurden Irrlehre für Jahrtausende. Allen Deutsch verstehenden Theologen Europas versuche ich, diese Erkenntnis in zweijähriger Arbeit.nahe zu bringen Nun interessieren sich bereits die Methodisten und Baptisten in den USA für meinen Protest, denn jeder dritte Besucher meiner Website sitzt dort. Diese Megaaufgabe ist vor Ostern 2018 abgeschlossen worden.

 

Eintrag am 5. 9. 2018:

Es geht um Schmetterlinge der buntesten und schönsten Art.

 

Geschehen Nr. 1: Vor drei Jahren beim Requiem für meine Frau in unserer schönen Dorfkirche mit den prächtigen Fresken schien die Julisonne durch die Südfenster ins Kircheninnere. Den ganzen Gottesdienst flatterte ein Exemplar der Gattung mit den zarten Flügeln durch den Kirchenraum.

Geschehen Nr. 2: Vor ein paar Wochen sass ich am Grab meiner Gattin auf einer Bank nahebei. Ein buntes Flügelpaar umkreiste ausdauernd die Grabblumen um dann plötzlich zu mir herzuschwenken und nach einigen aufdringlichen Umrundungen auf meinem Kopf zu landen. Der erwartbare Reflex jagte das Tierchen wieder auf um unverzüglich über meinem Herz zu landen. Da fühlte es sich erst mal 5 Minuten wohl, flog dann auf meinen rechten Fuß nahe zum Grab. Nun übte ich mich drei Viertelstunden in Geduld bzw. es war üblich, dass ich, wenn es das Wetter erlaubte, oft eine ganze Stunde auf diesem Platz döste und sinnierte.

Geschehen Nr. 3, heute. Dieses mal saß ich auf einer Bank gegenüber dem Grabstein meines Sohnes und betrachtete in 7 m Abstand das gefällige Gesicht in einer Vignette des Grabsteins, dokumentiert am Ende der Seite 18.

Von der Natur geschaffen. Kein Schmetterling zu sehen, aber nun kommt doch einer und setzte sich auf meinen Unterarm. Wieder ein Farbenspiel in  herrlicher Zeichnung! Dann ging es auf meine Hose, um schließlich auf dem nackten Schienbein des rechten Beines zu verharren. Nach längerer Zeit wurde ich ungeduldig, stand auf, um ganz hinten am Friedhofsende ein Urnengrab zu besuchen. 50 m waren es bis dahin. Die Hälfte der Strecke hing das Tierchen an meinem Haxen trotz der Schritterschütterungen. Nach Verrichtung meiner Grabobliegenheiten gings zurück zur Bank. Kaum saß ich, wer kommt herangeflattert? Und wieder Geduld fordern, bis eine junge hübsche Frau mit Zwillingen zum Nachbargrab herankam. Fort war der Schmetterling!

 

Und jetzt darf ich mich doch wundern! Mehr als 88 Jahre mussten vergehen, um solches zu erleben. Steckt hinter dem Schmetterling etwa eine irdische Inkarnation eines jenseitigen Wesens? Muss man spintisieren? Geht alles mit rechten Dingen zu?

Schöpfung aus Nichts

 

Anna, 5, sagt „Mr. Gott ist leer“.

Sein Tun also kommt aus Nichts.

Ein Schöpferwort nur, dann aber ist's.

So Geschaffenes ist groß und hehr.

 

Weiß Bescheid der Kindermund?

Gebiert Erwachsener Sinn und Grübel

Nur der Vielzahl tödlich Übel?

Gschicht und Sag geben alte Kund.

                                                        EL

 

 

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