Analysefibel
Analysefibel 

 

BF-Texte. Das sind Artikel, die im Laufe der Jahre im Bewerberforum erschienen sind. ((Kursivtexte sind Einfügungen bei Einstellung in die Website 2013.)

Seiteninhalt: Strukturelle Unterbeschäftigung - Inflation, Deflation - Glossen und Meckereien I (Staatsausgaben/Ungereimtes/Steuersätze/Geld und Gesundheit/Ein Viertel/Gerechtigkeitslücken/ Neuverschuldung/Ausgabenflut/ Reformen/Durchgefütterte Alte/Obskur/Sachverstand/Erblast Ostländer) - Selbständig, keine Rezepte - Turbulenzen im EWS - Euro-Geld - Meckereien und Glossen II (Medien/Anmarschkosten/Entlassungswahn/ Mitbestimmung/ Verlagerung/ Subventionen/Gewinnmaximierung/ Export/ Umlenkung/ Investitionspotential Börse/ Ansprüche/Alte Kranke, kranke Alte/ Subventionsmentalitäten/ Papst und Arbeitslosigkeit) - Arbeits- u. Kapitalkosten - Völkerrecht und Menschenrechte - Öko-Steuern, -umlagen? - Schulterlast - "Ostdeutsches Fühlen" - Weg vom Fenster? - Eine andere Gesetzliche Krankenversicherung - Sozialverträgliche Mieten - Europa, das gemeint ist - Neid?Neid!
 

Wir können es uns nicht verkneifen, beim Einstellen der Texte aus der Vergangenheit Anmerkungen einzufügen aus der Sicht des Heutigen - 2013 (in kursiv).

 

Strukturelle Unterbeschäftigung (1998)

Allerlei Ungutes

  Es zeigt sich, niemand in Europa weiß Patentlösungen. Das Schwarze-Peter-Zuschieben zwischen Politik und Wirtschaft ist gewiss keine. Hier soll allenfalls versucht werden, etlichen Aspekten nachzugehen, über die bislang noch nichts eigentlich Erhellendes gelesen, gesehen oder gehört werden konnte.

  Der Autor erlaubt sich, ein ungutes Gefühl gegen gewisse neumodischen Strömungen in der Wirtschaft zu empfinden, die als Heilmittel gegen drohende Einflüsse und Auswirkungen der in aller Munde befindlichen Globalisierung angepriesen und leider Gottes auch exzessiv praktiziert werden - von Leuten, die oft weltweit als Großkopfete etabliert sind und häufig genug unternehmerischen und politischen Schrott (Man hielt es noch nicht für möglich, dass im Zuge des Internetbooms Startups wie Pilze aus dem Boden schießen, nur um sehr schnell wieder zu kollabieren oder man hatte noch nicht die Phantasie, wie in Amerika geschehen, Hypothekenbillionen umzurühren und als Derivate in die Welt zu schicken.)  produzieren, Modelle kreieren, Heilslösungen verkündigen, die übermorgen schon wieder von anderen glänzenden Ideen als obsolet entlarvt werden (und dabei allenfalls ihre Position als persönliches Risiko einbringen, nicht aber entsprechendes Eigenkapital, wie wahre Unternehmer es tun müssen), wenn auch nicht verschwiegen sei, dass mitunter doch außerordentlich helle Köpfe nachhaltig und gekonnt ihre materiellen und geistigen Potentiale einbringen, um zu verhindern, dass der Karren vollends im Schlamm stecken bleibt. Die unguten Gefühle korrespondieren mit der herrschenden Arbeitslosigkeit, daher der Versuch, sie zu artikulieren.

  Wichtig ist zu erkennen, dass die Arbeitslosigkeit weder gottgewollt noch aus sich heraus existent ist. Es gibt Ursachen, aber halt angebliche einerseits und schlicht faktische andererseits. Zu den scheinbaren zählen wir z. B. solche, die seit Jahr und Tag anprangern, dass etwa die Einkommen zu niedrig seien, daher die Kaufkraft ungenügend sei und so die Inlandskonjunktur lahme. Der Weisheit absolut kluger Schluss präsentiert sich folglich mit der Forderung, die Löhne kräftig zu steigern. (Nichts gegen Lohnerhöhungen die sich im Rahmen der Produktivitätssteigerung bewegen, alles, auch heute, gegen Zuwächse, die lediglich für eine Stimulierung der Nachfrage herhalten müssen. Früher oder später verpuffen die gesetzten Impulse. Jedoch: Niemand konnte sich vorstellen, dass die Arbeitnehmerentlohnung iür Jahre ins Minus gedreht werden könnte, so dass jetzt Entlohnungsschübe notwendig werden, zu einem guten Stück auch aus sozialen Gründen und tatsächlich das Potential in sich tragen, Arbeitsplätze zu schaffen.)  Jahrzehnte hatten wir solche Zuwächse, die die Produktivitätssteigerungen überschritten. Die Folge waren Kostenexplosionen und Markträumungen, womit wir schon eine als faktisch zu beurteilende Ursache der Arbeitsplatzschrumpfung  genannt haben. Eine nicht auszurottende ewig gestrige Marotte sei benannt mit dem aberwitzigen Bestreben, eine angeblich vorhandene (Die europäischen Südländer haben solchen Kostengefahren nie entsprochen, daher das hohe Preisniveau.)  Menge an Arbeit "gerecht" zu verteilen und, damit ja sehr viele davon profitieren können, entsprechend jedem Arbeitswilligen eine reduzierte Quote zuzuweisen. (Die Protagonisten dieser Politik haben nie zugegeben, dass sie sich auf einem Holzwege bewegten.) Und schließlich, als weiteres Beispiel das Lamentieren über die angebliche Abwesenheit des Staates beim Engagement, die Arbeitslosigkeit zu lindern, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu gebären usw., als ob der Staat so Arbeitsplätze schaffen könnte. (Immerhin hat er es dann mit dem Kurzarbeitergeld geschafft zu verhindern, dass noch viel mehr Arbeitsplätze perdu gingen.)

  Hierzu muss schon in mehreren Richtungen Deutlichkeit angemahnt werden, denn sehr wohl hapert es mit den Arbeitsmarktstrukturen, mit dem staatlichen Regelungsrahmen und was der Mängel mehr sind, die berechtigterweise fast täglich in den Zeitungen als kontraproduktiv vorgeführt werden. Solche Verfestigungen sind so sehr als schädlich evident, dass ihre Erwähnung als Wiederkäuen einzustufen und einengend entlarvt sind. Das gleiche gilt für die weit verbreiteten Defizite in den Staatsfinanzen. Sie laufen als Staatsschulden auf, zu Lasten der Zukunft, oder anders ausgedrückt, vorweg verbrauchte Ressourcen, zumeist alles andere als sinnvoll und optimal eingesetzt oder verwendet, fehlen allsogleich. (Staatsschuldenkrise, Gefahr für den EURO).

 

Billionen von Kaufkrafteinheiten

Irgendwie will es einem nicht in den Kopf. Da gibt es zonenweise riesige Volumina an ungedecktem Bedarf. Wie wäre es, wenn die Billionen, die von der EZB aus dem Nichts gezaubert wurden, nicht in den Bankensektor geschleust würden, sondern gezielt dorthin, wo Millionen arme Menschen der nötigen Kaufkraft entbehren?

 

  Weltweite Verwerfungen an den Finanz- und Währungsmärkten sind nichts anderes als Indikatoren von Fehlentwicklungen, die ganz gewiss früher oder später schädlich auf die weltwirtschaftlichen Entwicklungschancen einwirken werden, wenn sie es nicht jetzt schon im Übermaß bereits tun. Sie stehen im engen Zusammenhang mit einer weltweit sich manifestierenden Überbordung des Umfanges an Finanzmitteln, in tausenden von Töpfen und Fonds dahinköchelnd, immer bereit zum Überquellen, Überlaufen, auf dem Sprung, wirtschaftliche Gebilde aufzukaufen, zu schlucken, zu arrondieren, Oligopole, globale Präsenz zu schaffen, angeblich allein zu dem Zweck, überleben zu können. Man kann zu diesem Phänomen nicht den Begriff des Kapitalismus heranziehen, denn die Finanzfluten sind nicht eigentlich Kapital, weder Geld- noch Sachkapital- wären sie es doch bloß!

  Das Pendant ist die "Leistungswirtschaft". An diesem Punkt geht es ganz heikel zu, weil eine richtige Titulierung der vagabundierenden Kaufkraft schwierig ist. Die Finanzmärkte als solche gehören ja auch unverzichtbar zur Leistungswirtschaft. Kapital-, Geld und Forderungshandel ist nun einmal notwendig, um die Weltwirtschaft mit dem Schmiermittel "Finanzen" zu versorgen, Handel und Wandel in Gang zu halten. Kaum zu bestimmen ist auch das Volumen der Finanzen, das hierzu gebraucht wird. Fakt ist aber, dass Kaufkraft unterwegs ist, die sich durch weltweite, stetige, jahrzehntelang schleichend wirksame Inflation aufgebaut hat. Dazu bedurfte es der endlos praktizierten wie auch immer stets fragwürdig gerechtfertigten Geldschöpfung. (Und heutzutage erst! Draghi, Bernanke.) Diese Finanzmittel bräuchte man nicht; sie sind schlicht unnütz, d. h. sie stiften nur scheinbaren Nutzen, zumindest unter den gegebenen Umständen und Verhältnissen. Ja, wenn es gelänge, sie zur sinnvollen Nutzenstiftung zu bringen! (Dem erfolgreichen Spekulanten, den wir alle abgeben können, nötigt dies nur ein belustigtes Lächeln ab.) Wenn sie doch Arbeitsplätze generieren würden!

  Gleichwohl, hier soll der "Leistungswirtschaft" die "inflatorische Scheinwirtschaft" gegenübergestellt werden, so, wie in der Betriebswirtschaft früher "Scheingewinnen" eine wichtige Rolle in der Konjunkturlehre zugewiesen wurde. Diese Scheinwirtschaft sei nähers untersucht: Um die weite Welt rotieren Tag und Nacht Billionen Einheiten von finanzieller Kaufkraft. Finanzielle Potentiale, die die Kraft haben zu kaufen. Zu kaufen - was denn? Alles! Aber das ist nur die Möglichkeit! In Wirklichkeit wird sie, was die Zielrichtung anbetrifft, höchst schmalspurig praktiziert. Diese potentielle  Kaufkraft stürzt sich eben nicht auf Konsumgüter, auf Produktionsgüter, aber dann auf was? Wer ein wenig Durch-blick hat, kann die Frage selbst beantworten: Die frei fluktuierende globale Kaufkraft stürzt sich auf - Forderungen, die ihrerseits wiederum Kaufkraft verkörpert. Was für ein Witz: Kaufkraft kauft Kaufkraft! Schiere Inzucht.

  Man koche sich eine schöne Fleischbrühe. Was passiert? Es bilden sich Fettaugen, bei fettem Fleisch ein Fettüberzug, eine Fettschicht. Das Fett schwimmt oben drüber. Es ist spezifisch leichter, gegenüber der kräftigen Brühe untendrunter auch minderwertiger. Es mischt sich nicht mit der guten Brühe, es sei denn, man rührt um. So auch bei der hochmobilen Kaufkraft, von der wir sprachen. Es gilt, nach einer Möglichkeit des Umrührens zu suchen. - Die vagabundierende, inflatorische, unstete und unproduktive Kaufkraft ist nicht etwa herrenlos, nein, sie hat Eigentümer - immer. Es sind sehr viele kleine und weniger große. Ja, ist zu fragen, warum kaufen denn diese vielen Eigentümer Forderungen, also Wertpapiere, abstrakte Warenkontrakte und was der Instrumente mehr sind, und keine Konsumgüter? Die schlichte Antwort lautet: Weil keiner dieser Eigentümer hungrig, dürftig bekleidet, unbehaust ist. Das Schlimme ist, dass Hungrige, Frierende, Unbehauste weder Forderungen noch Konsumgüter zu kaufen vermögen. Wir müssen weiter fragen, warum kaufen unsere Forderungseigentümer nicht durchgängig Produktionsgüter? Weil sie keine Unternehmer sind! Warum sind sie meistens keine Unternehmer? Weil das Unternehmerdasein kein Honigschlecken ist. Letztlich ist es nämlich ein nicht abreißendes Bemühen, Leistungen abzusetzen, zu verkaufen. Sie müssen erst mal erbracht, hergestellt werden. Das ist der Bereich der Arbeitsplätze. Zwischen dem Verkauf von Forderungen und demjenigen von Leistungen besteht ein grundsätzlicher Unterschied. Forderungen, wenn sie sicher und rentierlich sind, kauft jeder, der über Finanzkraft verfügt, die nach einer Anlagemöglichkeit sucht. Leistungen erwirbt nur jemand, Kaufkraft vorausgesetzt, der für diese eine Verwendung hat. Andererseits, was ist denn am Kauf von Forderungen so reizvoll, so interessant? Auch einfach zu beantworten: Es sind die Preisschwankungen, Preis-differenzen. Daran lässt sich verdienen, nicht ohne Risiko, denn jedem Gewinn steht ein adäquater Verlust gegenüber. Da handelt es sich um verteufelte Spekulation. Unsere Forderungseigentümer sind also oftmals pure Spekulanten. Aber: Spekulation ist dem Grunde nach wichtig, bedeutsam. Man muss das relativieren: Spekulation ist Handel mit Erwartungen.

  Da jeder Erwartungen hegt, kann auch jeder spekulieren. Erwartungen meinen hier Preisbewegungen, nach unten, nach oben. Der Handel mit Erwartungen ist Austausch von möglich gehaltenen zukünftigen Entwicklungen. Es ist äußerst klug, schlechten auszuweichen, sich vielmehr guten zuzuwenden. Damit werden schlechte möglicherweise vermieden, Positives befördert. Wie erwähnt, wir alle verhalten sich so, wir sind also mitgemeint. Spekulation ist folglich notwendig; es fragt sich aber, in welchen Volumina. Weiters interessant am Besitz von Forderungen ist natürlich der Zins, der demjenigen gewährt wird, der sein Geld für die unterschiedlichsten Zwecke anderen überlässt. Oder die Dividende, die Gewinnbeteiligung, die auch ausbleiben kann. Das erwähnte Risiko meint nicht auszuschließende Verluste.

  Den Käufern von Forderungen, von Kaufkraft, stehen die Verkäufer gegenüber. Verkäufer wollen sie wiederum los werden aus unterschiedlichen Gründen. Sie befürchten Preis-(Wert-)verfall, sie wollen andere, bessere Forderungen  erwerben können, sie wollen ein Nutzgut ihr eigen nennen, sie möchten eine Produktionsidee realisieren und die Finanzmittel in Sachkapital investieren. Das wären dann die Unternehmer, die Arbeit nachfragen. Forderungen entstehen nicht einfach aus dem Nichts. Den Forderungen entsprechen Verbindlichkeiten. Das sind - oftmals nur bedingte - Versprechungen. Solche Versprechungen können unglaublich große Umfänge annehmen. Man denke an die Kreditaufnahme von Staaten, an die Möglichkeiten der Kreditschöpfung, der unkontrollierten Notenausgabe (wie wir sie in der Gegenwart beobachten können und wo dem gesunden Gleichgewicht der Versprechungen Hohn gesprochen wird, weil so Gleichgewichte nur über Inflation wieder erlangt werden können).

  Die Metapher der Fleischbrühe - was ist denn dann diese? Nun, darunter subsumieren wir wie oben schon erwähnt die Leistungswelt, also Dienste und Güter aller Art. Noch deutlicher: Leistungsträger, Arbeitsplatzschaffer, Leistungs-mittel oder: Produzenten und Produkte. Man begegnet auch dem Begriff "Realwirtschaft", was wohl meint, dass die Finanzzone mehr "virtueller" Art sei. Das ist aber nicht exakt, wie dargelegt. Man sollte dabei bleiben, von der Realwirtschaft nur die inflatorisch bedingte Scheinwirtschaft abzusetzen. Alles, was Schein ist, ist irreal. Also so ist eine Scheinwirtschaft zwar Schein, aber keine Wirtschaft (Nur Preisblasen? ). Das kann nicht deutlich genug gesagt werden.

  In dieser Realwirtschaft ist, das kann man schon statistisch belegen, der Großteil des Humankapitals zu Hause. Und in diesem wiederum der Geist, die Idee, die Motivation, der Bedarf. Ist die Realwirtschaft unterdimensioniert, benötigt sie weniger menschliche Leistungskraft. Es gibt bei dieser Sachlage Arbeitsreserven, Arbeitslose, ungenutzte Potentiale, viel schlimmer, als wenn das Potential einer Maschine nur teilweise ausgenutzt ist. Nichts ist übler, als eine strukturell dünne Fleischbrühe!

  An diesem Punkt ist aufzuzeigen, nicht umfassend, sondern punktuell, was denn das Volumen der Fettaugen vergrößert und was denn die Gesellschaft in die Lage versetzt, die Brühe, was dringender geboten scheint, gehaltvoller zu machen. Das kann man ganz salopp formulieren: Weniger Fett, mehr Fleisch! Und zwar nicht erst beim Beschicken des Topfes, sondern schon bei der Zucht und Fütterung der Tiere. - Was setzt Fett an? Alles was überschüssig ist! Was ist überschüssig? Was nicht zum Sattwerden nötig ist, was, realwirtschaftlich gesagt, nicht ver- und gebraucht wird, was nicht investiert, was in der Leistungswirtschaft nicht unterkommt, was daher zur Suche nach Anlage-möglichkeiten als Fettauge um die Welt geschickt wird. Und was in inflatorisch aufgeblähte Preisluftballons eingeblasen wurde und wird.

  Überschüsse. Sind sie nicht positiv zu bewerten? Verkörpern sie nicht die Möglichkeiten, noch Fehlendes zu schaffen? Doch. Aber was fehlt denn?  Dazu müssen die Menschen - und Tiere, jawohl auch die Pflanzen - ins Kalkül mit herein genommen werden. Denn nur diesen kann etwas fehlen. Etwas, das ist so oft verschieden als es Kreaturen, Individuen gibt. Und fehlen tut nur dann etwas, wenn es nicht gekauft, nicht bezahlt werden kann, folglich auch nicht produziert wird. Wenn nicht hergestellt, dann auch nicht erarbeitet, wenn dies nicht, dann ledig von Arbeit. Damit sind wir angelangt bei einem uralten Menschheitsproblem: Diejenigen denen etwas fehlt, können es nicht kaufen und diejenigen die kaufen können, brauchen es nicht bzw. haben keine Verwendung dafür. Weil dem so ist, wird heutigentags mit staatlichem  Zwang dem einen genommen und dem anderen gegeben. Was für eine grandiose Lösung! Doch, leider, was dem einen genommen wird, reicht längst nicht um bei anderen Fehlendes zu beschaffen. Also gibt es weiterhin Arme. Die Erkenntnis liegt nahe, es müssen Wege gefunden werden, die dem Reichen nicht zu viel nehmen, dem Armen aber trotzdem geben, was nötig ist - schlicht durch Mehrarbeit, Mehrproduktion halt! So sind aber die Verhältnisse nicht. Und weil durch die Umverteilung nicht alle Überschüsse verschwinden (es wird nicht insinuiert, dass folgerichtig die Umverteilung zu gering bemessen ist), wachsen die Fettaugen weiter an, nicht zuletzt auch durch das Gesetz, dass wenn und wo etwas ist, dazu weiteres, oft von alleine, zuwächst. 

  Betrachtet man die Rendite der vagabundierenden Kaufkraft, so ist sie, wenn man nur auf die Verzinsung abstellt, relativ gering. Die Zinssätze sind weltweit niedrig wie schon lange nicht mehr (wie heutigentags) . Ein Zeichen, dass es genug flüssige Mittel gibt. Ein Gutes hat dieser Zustand an sich: Wer sich aus diesen Töpfen zum Zwecke der Leistungserstellung als Unternehmer bedienen will, der kommt billig an Investitionskapital, allerdings günstiger, wenn die Staaten nicht ebenfalls durch ihre Schuldenpolitik Fettaugen in ihre Teller umschöpfen würden. Früher, als noch nicht Versorgungssättigung in den Staaten der ersten Welt vorhanden war, als es darum ging, um jeden Preis Produktionen anzuwerfen, da war auch der Finanzmarkt ausgelaugt. Jegliche Überschüsse wurden sofort in Sachkapital transformiert. Der Kapitalpreis war entsprechend hoch, weil Knappheit herrschte. Aber gerade, wenn diese rückblickende Diagnose richtig ist, will einem nicht eingehen, dass nun, da der ganze Gobus adäquat versorgt sein will, nicht ist, dass sich der historische Prozess fortzusetzen vermag, wenigsten so lange, als die Armut in der Welt einigermaßen eingedämmt werden konnte. Was fungiert als Mauer? als undurchlässige Trennwand? Ein Rätsel. Sind es Ignoranzen? Unvermögen? Unzulängliche Rahmenbedingungen? Fehlendes Wissen? Schlichte Faulheit? Klägliches Versagen? - So aber stellt sich die Frage, gibt es bessere Möglichkeiten, Überschüsse sinnvoll zum Einsatz zu bringen, als sie in die Gefilde der überfüllten Finanzwelten entfliehen zu lassen? Gibt es ausreichende Verfahren, die Kapitaltransformation (Finanz- und Sachkapital) anzuregen? Mit der vielen Kaufkraft Produktionen zu schaffen, damit Arbeitsplätze? - Oder sollte man zuvor noch einen Blick auf die Art und Weise werfen, wie Überschüsse zustande kommen und auch auf deren Stellenwert?

Überschussmaximierung?

  Es wird schon immer unwidersprochen propagiert, dass Unternehmer (auch Finanz-), ob einzelpersonell, personal-gesellschaftlich oder juristischgesellschaftlich organisiert, aus Gründen, die genuin dem Menschen eigen seien, ihre Überschüsse zu maximieren hätten. Das ist ja auch höchst einleuchtend - das Propagieren und ein Stück weit auch das Postulat. Hier soll an diesem Axiom auch nicht gerüttelt, es nicht mit einem Fragezeichen versehen werden. Aber fragen darf man, auf welche Weise und unter welchen Umständen Überschussmaximierungen zustande kommen - einmal. Zum anderen, ob zwischen volkswirtschaftlicher und einzelwirtschaftlicher Begutachtung hermeneutisch Er- gebnisdissenzen festzustellen sind. 

  Zum Wie der Realisierung von Überschussmaximierungen können ohne Schwierigkeit genügend Defekte aufgespürt werden. Man denke an Kinderarbeit, hemmungslosen Raubbau an der Natur, Ausbeutung aller Variationen, Monopole, Kartelle, kriminelle Handlungen. Der Leser kennt vielleicht noch weitere.

  Bei einzelwirtschaftlicher Betrachtung kann Überschussmaximierung eigentlich nur sich mit dem Optimum decken. Bei summenhafter, sprich volkwirtschaftlicher Einschätzung, sollte sich vordergründig kein anderer  Befund einstellen. Oder? Wie aber, wenn einzelwirtschaftlich zwar riesige Überschüsse erzielt werden, der Leistungsausstoß aber ver-hältnismäßig gering ausfällt? Der Leistungsausstoß ist immer zugleich Nutzungsvolumen. Müsste gesamtwirtschaftlich nicht ein größtmögliches, "gerecht" verteiltes Nutzungsvolumen angestrebt werden? Wird unter diesem Blickwinkel die Überschussmaximierung nicht auf den zweiten Platz verwiesen?

  Ein weiterer Aspekt: Überschüsse sind die Differenz zwischen Aufwand und Ertrag. Zwei Größen also. Überschüsse sind zu steigern durch Aufwandsverminderung und durch Ertragssteigerung. Beide Komponenten sind als Zielvorgabe rechtens, aber beide sind auch wiederum unseren obigen Beurteilungsmaßstäben zu unterwerfen. Mit Ausbeutung kann man den Aufwand vermindern, mit Kartellen die Erträge steigern. - Wenn hier gegenüber dem Prinzip der Überschussmaximierung Vorbehalte geäußert werden, so gilt dies auch für die neuerdings verkündeten Zielvorgabe mit englischem Namen, dem so genannten "shareholder-value".  (Heutzutage ein wenig schamhaft dem Blick der Öffentlichkeit entrückt weil einen Ruch bekommen.)

   Darunter versteht man, salopp ausgedrückt, das Starren der Führungspersonen großer Unternehmen auf den Marktpreis ihrer Gesellschaftsanteile. Ertragsstarke Unternehmen können auf eine hohe Börsennotiz hoffen. Sie sorgen sich so um das Wohlbefinden der Anteils-(Forderungs-)eigner, keinesfalls um das der Mitarbeiter, der Nicht-Anteils-eigner, der Menschen der Bevölkerung, die sie andererseits mit Milliarden umwerben, um ihrer Zielvorgabe genügen zu können, Gruppen, ohne die sie übrigens auch keinen Markt vorfänden. Sie verlieren auch nicht aus den Augen ihren eigenen Vorteil, mit Hilfe des Kapitals der Kapitalgeber und mit Hilfe der Vorleistungen der Generationen vor ihnen die eigenen Bezüge hochzuschrauben, schamlos möchte man sagen (ha! So strenge damals wegen eines Trinkgeldes im Vergleich zu den heutigen Auswüchsen?), denn noch nirgends las man in den Zeitungen, dass einer der Führungs-köpfe, die etwa mit ihrer Konzernschmiedeideologie und mit ihrem Fusionsgrößenwahn Überschusschancen ihrer Häuser vermasselten, ihre Bezüge wenigstens zum Teil zurückgegeben hätten. (Im Gegenteil goldener Handschlag). Das mag unter der Gürtellinie liegen. Aber es soll gleich nachgeschoben werden, dass die millionenfachen Einzel-entlassungsaktionen von Mitarbeitern bzw. die verweigerte Einstellung von vor der Türe Harrenden nicht etwa die Folge der Führungsideologie der Subalternen ist. Nein, die Richtlinien kommen von ganz oben, von der 'Nomenklatur'. Dort wurde und wird alles damit gerechtfertigt mit der neuen Zielsetzung, durch Mitarbeiterabbau die Kosten zu senken. Sie sei die einzig denkbare Möglichkeit, der globalen Herausforderung zu begegnen, sich hierfür fit zu machen, um so den Untergang abzuwenden. - Werden durch solcherlei Bedrohungen nicht die Mittel und Wege geheiligt? Haben die Ergebnisse, die offensichtliche Wiedergesundung von vielen Produktionsstätten nicht die Richtigkeit der eingeschlagenen Richtung bestätigt? Wohl wahr! Also, warum dann die Kritik? 

  Ganz einfach: weil wir bezweifeln, dass erkannt wird, dass dieser Weg in eine Sackgasse führt, wird er noch länger begangen. Nicht nur, dass die Sozialsysteme zusammenbrechen, dass die Binnenkonjunktur nicht auf die Beine kommt, nein, der soziale Friede in diesem Land wird je länger je mehr zum Teufel gehen. Daher muss das Prinzip der Überschussmaximierung - vorübergehend und als Initialzündung - der generellen und individuellen Nutzenmaximierung weichen. 

  Ein solcher Schwenk lässt sich u. E. auch imagefördernd nutzen. Wir meinen, dass Unternehmen, die nur noch  "sharholder-value-Philosophien" assoziieren, schnell unterschwellig beim Publikum Missgunst produzieren, die sich in übersteigerter potentieller Kritikbereitschaft manifestiert. Wie anders kann der Elch (DB A Klasse)  derart schaden-freudig stilisiert werden! Vielleicht ärgern sich seit Jahren viele Autofahrer, dass sie mit Kaufpreismaximierung ungefragt Pleiten wie mit AEG, mit niederländischen Flugzeugambitionen, mit Fusionsausflügen nach Amerika (Chrysler) zu finanzieren hatten?

 

Münchhausen ist möglich

  Nun müsste wenigstens andeutungsweise eine Idee aufscheinen, die aufzeigt, wie Nutzenmaximierung anzusteuern ist. Dabei kann es nicht nur darum gehen, die Politik zu beknien, endlich ihre Hausaufgaben zu machen. Dass dies - schnell - zu geschehen hätte, ist selbstverständlich. Dass das, was neuerdings angeleiert wird, eine grandiose Fehlleistung ist, ist evident für jeden, der von Wirtschaften nicht nur scheinbar, sondern tatsächlich etwas versteht. Nein, es muss ein Umdenken angefordert und als plausibel dargestellt werden. Es bedarf aber keiner neuen Idee. (So auch heute: Man weiss, dass Zockerei die Sitten verdirbt, dass Geldschöpfung ohne Ende in eine Sackgasse, dass ständiges Defizitspending in die Schuldenfalle führt, dass Kostenaufblähung aller Art die Konkurrenzfähigkeit beein-trächtigt, dass Verarmung die Wirtschaft schrumpfen lässt.)

  Hier wird nachdrücklich postuliert: Durch Senkung der Ansprüche an andere ermöglicht man Zuwächse aller Art und allerorten und setze so eine Kettenreaktion in Gang. Wie genauer? - Alle Verkäufer sollten nicht danach streben, höchstmögliche Preise zu realisieren. Vielmehr müssen günstige Verkaufspreise viel verbreiteter als Werbemittel zur Absatzsteigerung eingesetzt werden. Die Möglichkeiten, die die Grenzkostenkalkulation bietet, um neue Käuferschichten hervorzulocken, sind systematischer zu erschließen. Man verzichte vorübergehend auf die Vollkostenkalkulation und auf mögliche maximale Handelsspannen. Die Deckungsbeitragsmethode muss im Rechnungswesen genuin installiert sein. Übliche Preissprünge bei den öffentlichen Verwaltungen für Gebühren schreien geradezu nach lautem Protest. Kartellpreispolitik aller Art müsste viel rigoroser unterbunden werden (Strom, Mieten, Heizöl, Kfz.-Kosten, Lebensmittel).

  Die Preise müssen durchgängig sinken. Keine schleichende Inflation mehr, vielmehr moderate Deflation. Ein Journalist zwar glaubte vor etlicher Zeit, vor den Gefahren einer Deflation warnen zu müssen. Der Autor fand eine solche Warnung als absolut deplatziert, denn sinkende Preise senken die Kosten, erhöhen die Kaufkraft, stimulieren den Absatz. So, wie jede Preiserhöhung bei unflexiblem Bedarf Kaufkraft umlenkt, auffrisst, wegknabbert, zulenkt, so bringt jede Preissenkung zusätzliche Kaufmöglichkeiten. Die erwähnte Warnung vor Deflation stellte hauptsächlich ab auf die Entwertung der Bestände. Dass diese aber schneller abfließen und mit günstiger eingekauftem Nachschub ersetzt werden können, davon war keine Rede. Überhaupt stellt man verblüfft fest, dass oft Deflation und Inflation als Maß für das Florieren der Konkjunktur angesehen wird, wo anders es doch durchaus sein kann, dass bei ausgeprägter Inflation der Wirtschaftsverlauf nicht aus seinen Schuhen kommt. - Wir halten fest: Mehr Käufer bedeuten ein Mehr an Absatz. Absatz, nicht Umsatz. Absatzzuwachs kurbelt die Produktion von Konsum- und Investitionsgütern, von Dienst-leistungen an. Zunächst werden so Kapazitätsreserven ausgelastet, aber alsbald bedarf es zusätzlicher Produktions-möglichkeiten. Ziemlich schnell würde die Mobilisierung von Humankapital erforderlich werden. Wo rekrutieren? Natürlich aus dem Heer der Arbeitslosen. (Hallo, wir haben noch Millionen davon! Und nur mit einer solchen Reserve können die prekären Unterentlohnungen beibehalten werden.)

  Utopie? Was ist denn geschehen und passiert weithin vor unser aller Augen auf dem Reisemarkt, dem Computermarkt? Was wird geschehen auf den Kommunikationsmärkten? Der höhere Dollarkurs - er wirkt als Preissenkung für deutsche Produkte - hat er nicht einen Exportboom angezettelt? Der ist nicht nur auf eine weltweit angelaufene Konjunktur zurückzuführen. Wartet nicht eine Heerschaar von Familien auf bezahlbare Heime? Gibt es nicht auf dem Baumarkt die völlig unverständliche Flaute? Bedarf es nicht der Schlichtung durch die Polizei, wenn eine Lebensmittelkette ihre spektakulären Sonderangebote durchzieht? Was passiert bei Schlussverkäufen durch niedrige Preise? Warum sind Nobelhotels nicht ausgelastet? Warum wird die Masse der Güter mit Lkw befördert. Dabei ist das Augenmerk noch zu lenken auf das, was passiert, wenn Preissenkungen im Verein mit Innovation ihre Wirksamkeit entfalten. Zwei Schubkräfte von je unglaublich hohem Potential. Also, gibt es nicht Paradebeispiele für unsere These? Sprechen nicht Negativbeispiele eine klare Sprache? Entfaltet das Wörtchen "unbezahlbar" nicht eine fatale Brems-wirkung? Die vielen Anzeigenseiten mit Vermietungs- und Immobilienverkaufsangeboten zeigen keinen Angebots-überhang an, auch nicht fehlenden Wohnbedarf. Einzig allein die zu hohen Mieten bzw. Preise verhindern den raschen Umschlag, die schnelle Vermietung. 

  Mehrnachfrage nach geschulten Mitarbeitern bedeutet Steigerung der Lohnsumme, nicht der personalen Kosten für eine Leistungseinheit. Produktionssteigerungen verlangen eine höhere Produktivität, diese wiederum gebiert niedrigere Grenzkosten, der Kostenaufwand sinkt, nicht absolut, sondern relativ. Niedrige Grenzpreise, die zuerst noch keine Überschüsse hervorbringen, werden unversehens vollkostendeckend, gewinnträchtig. Die zunehmende volkswirt-schaftliche Lohnsumme fungiert simultan als Einkommen, als Kaufkraft, die weitere Leistungszuwächse initiiert. - Und der Staat? Nun, wenn ein Unternehmen seine Überschüsse sinnvoller verwendet, als sie an Aktionäre auszu-schütten, etwa, weil es tatsächlich nicht Höchstpreie anstrebt, etwa, weil es mehr - wirtschaftsfördernd - Leistungen beschafft, dann werden die Gewinnsteuern zwar magerer ausfallen. Das Volumen der Lohnsteuer und der Umssatz-steuer wird jedoch explodieren. Ersatz genug!

  Warum diese sich als realistisch anbietenden Effekte noch weiter ausmalen, vertiefen? Eigentlich ist alles gesagt. Denn: Münchhausen ist durchaus möglich. Fehlendes Sachkapital behindert nicht wie nach dem Krieg die Leistungs-ausweitung. So aber spielt die Musik auf den Finanzmärkten, nicht bei der realen Leistungswirtschaft. Zu wenig Finanzkapital wird in Sachkapital verwandelt. So liegt denn Geld und Arbeitskraft brach. Gott sei's geklagt und auch den Kurzsichtigen und den verbohrten Ideologen.

 

Abschmelzchancen?

  (Bevor's weiter geht, eigentlich müsste man es nicht erwähnen müssen - niemand, gar niemand, hat es sich 1998 vorstellen können, dass einmal ein Herr Draghi sich eben so mal in die Hosentasche greift und locker 1 Billion EURO - das sind 2 Billionen gute Deutsche Mark - den europäischen Banken zusteckt. Und der Bernanke erst! Diese zwei sind keine Superleuchten, sondern Hasardeure. Man wird blass vor Ärger, dass sie mit ihrem Coup noch keine Inflation angeheizt haben, also in gewissem Sinne "recht" behalten, bis jetzt. Aber man sei sich dessen gewiss, das Potential, das Pulver haben sie gelegt, die Lunte brennt. Die Immobilienpreise rühren sich nach oben, ebenso die Aktienkurse. Wer zieht daraus Vorteile? Und da hat einer vor 15 Jahren das Wort "Abschmelzen" in die Arena geworfen!)  Also:

  Chancen für die Abschmelzung der ungeheuren Seen an vagabundierenden Finanzmitteln rund um den Globus können sich eigentlich nur ergeben durch Gegensteuern, dort moderat, hier energischer. Dazu muss man wissen, wo anzupacken ist. Es wurde nur in Teilen aufgezeigt, wie die Volumina entstanden: Schleichende weltweite Inflation, nicht reinvestierte Überschüsse, gebremste Leistungserstellung wegen ungenügender Nachfrage, zu geringes Unternehmer-potential, zu hohes Kostenniveau. Noch anzuführen wären die Gewinnchancen auf den Fiananzmärkten. Die Kon-jungturschwankungen sind offensichtlich überdimensioniert. Sie sind dies durch die übergroßen Potentiale, die hin und her schwappen. Bei entsprechend eingesetzter Cleverness ist verdammt viel abzusahnen. Ist der Verdacht abwegig, dass die Sahne großenteils den Kleinanlegern abgenommen wird? Man denke nur an die überhöhten Provisionen, die die Banken kassieren. Neue Wertpapiermarktformen (Elekronischer Handel) setzen sich schnell durch.

  Nicht zu vergessen sind noch die nicht verbrauchten Einnahmen derjenigen, die in abhängiger Positition sind. Billionen davon befinden sich erfreulicherweise auf der hohen Kante. Die in Arbeit sind, geben keine Unternehmer ab. Sie sind nicht willens oder fähig, Arbeitsplätze zu schaffen, nicht einmal in ihrer Funktion. Es gibt weiterhin die nicht investierten Milliarden, die durch staatliche Hände gegangen sind - wo sind sie denn geblieben? Ist man sich klar darüber, dass die Etatmilliarden, bald Billionen, Empfänger haben? Was wird verschwendet? Was ist unproduktiv ausgegeben? Gibt es eine genaue Analyse darüber, was diese Empfänger mit den umgelenkten hunderten von Milliarden machen? Leistungen erstellen? konsumieren? wiederum aufhäufen? Größte Zuflüsse gebiert jedoch die (Fast-)Steuerfreiheit der Spekulationsgewinne aller Art. Dem steht gegenüber die konfiskatorische Abschöpfung der Erträge aus unterneh-merischer Tätigkeit. Erst jetzt wacht man so langsam auf und erkennt die Notwendigkeit der niedrigen Ertragssteuer-sätze auf Unternehmereinkommen. Wer erinnert sich noch an das Wort eines Kanzlers, dass die Zeit gekommen sei, die Belastungsgrenzen der Unternehmen auszuloten? Damals begann der Einstieg in die strukturelle Arbeitslosigkeit in Westdeutschland.

(Es ist unabdingbar, dass nun noch ein gegenwartsbezogenes Statement angehängt wird betreffend

a) Konkurrenzfähigkeit - innereuropäisch (EG) - Evidente Unterschiede in Innovationsfähigkeit. Sie wurzeln in differie-render Produktivität, Mentalität, Forschungsintensität, Religion, Geschichte, unterschiedlichem Bildungs-und Kostenniveau  -  global  - Hohe technische Standards, Industriedichte, Erfindungspower, Klima, Ressourcen.

b) Schuldenvolumina im staatlichen Bereich. Ohne Umkehr führt die Schuldenfalle unabdingbar zum Kollaps. Staatliches "Sparen" und Etatdisziplin würde keine Rezession zur Folge haben, wenn der Privtsektor fähig und willens wäre mit Investitionen dagegen zu halten bei Umwandlung von Finanzkapital in Sachkapital. Bekanntlich sind die privaten Vermögenspotentiale riesig. 

c) Lösung der Energieprobleme. Reduzierung des Kapitaltransfers in Ölregionen. Globale Armutsbekämpfung.

d) Eindämmung der weltweiten Korruption und Kriminalität. Ausmerzung alles Unanständigen. Bleiben lassen aller Aktivitäten, die ihre Impulse aus Profitgier beziehen.

e) Utopie: Alle kriegerischen Krisenherde beseitigen.)

 

 

 Inflation, Deflation (1999)

(Vorbemerkung: Der gravierendste Unterschied zwischen Deflation und Inflation besteht in Folgendem: Bei der D. gibt es den "Preisboden", bei der I. ist der Preishimmel offen. Das gebiert Folgen. Inflation kann man immer "betreiben". Die Deflation muss mal inne halten. Die Lösung ist die jeweilige Korrektur im Wechsel. Dynamik ist möglich, ein moderates beherrschbares Auf und Ab, nicht zuletzt zum Zwecke der Steuerung.)

  Es gibt, salopp oder überspitzt formuliert, zweierlei Meinungsmacher unter uns, nämlich solche, die eine Ahnung haben und jene, die bar jeder sind. Dasselbe gilt für die sogenannten Beurteiler. Auch der Autor ertappt sich hin und wieder bei Defiziten. - Unbestritten liest oder hört man da und dort Hanebüchenes zum Thema Deflation. Uns scheint, das wichtigste, was zu tun anliegt, ist, Begriffliches zu kären. Das geschieht vorab so, dass deutlich wird, was Deflation nicht ist. 

  Jeder ist schon dem Wort "Konjunktur" begegnet. Darunter versteht man das Auf und Ab der Wirtschaftsent-wicklung. Gemeint ist der Verlauf, also geht es um Schwankungen, nicht um einen Zustand. Der Satz: "Der Maschinenbau hat Konjunktur." ist schlicht falsch; die Bauwirtschaft hat auch dann eine Konjunktur, wenn es ihr schlecht geht. Conjugere = verbinden. Sämtliche ökonomischen Bewegungen wirken zusammen zu einer wirt-schaftlichen Gesamtlage mit schwankender, wechselnder Richtung und Intensität, der Konjunktur eben. Konjunktur kann sich als Aufschwung oder Abschwung in Richtung Krise darbieten. Die Feststellung, dass die K. boomt, heißt, dass sie sich in einer Aufschwungphase befindet. Depression ist Frucht einer Kriese. Prosperität ist der Gegensatz.

  Wo bleibt die Deflation? Diese ist das Gegenteil von Inflation. Jedermann weiß, dass Inflation jegliche Art von Preissteigerung meint. Hat ein Meinungsmacher argumentiert, dass 1,5 % allgemeine Preissteigerung doch keine Inflation beschreibe. Aber er irrt sich. Der Begriff Inflation stellt nicht ab auf die Intensität der Preissteigerungen, sondern allein auf die Tatsache, dass die Preiskurve nach oben zeigt. Ob eine Inflation dann ganz schlimm verläuft (steile Kurve) oder moderat, das ist eine Sache der konstatierten Entwicklung. Um mit der Inflation sprachlich umgehen zu können, ist immer nähere Charakterisierung vonnöten: schwach, stark, ausgeprägt, hoch, was immer zu beobachten ist.

  Inflation kann, muss aber nicht, ein konjunkturelles Eigenleben entwickeln. Historisch konnte man beobachten, dass in Zeiten des Booms das Preisniveau regelmäßig nach oben tendierte. Das kann man damit erklären, dass bei kräftiger Güter- und Dienstenachfrage die Angebotsseite eine starke Stellung inne hat. Kalkulatorisch ebnet die höhere Auslastung von Produktionskapazitäten aber eher den Weg zu niedrigeren Preisen, weil die fixen Kosten sich auf mehr Kostenträgereinheiten verteilen. Es drängt sich nun die Schlussfolgerung auf, dass bei schwächlicher Konjunktur sich ein gegenläufiger Effekt einstellen müsse. Auch das war zu beobachten: In den Nachkriegsjahren  musste man aber immer öfter die Erfahrung machen, dass die Wirtschaft den Rückwärtsgang einlegte und die Inflationsrate  verharrte trotzdem auf hohem Stand. Offensichtlich gab es Preisschubkräfte, die sich stärker durchzusetzen vermochten, als es die dämpfende konjunkturelle Ausrichtung nahe legte. Solche Preisschubkräfte kann man ausfindig machen. Zu nennen wären z. B. überhöhte Lohnvereinbarungen durch die Tarifparteien (erhöht = über der Produktivitätsstei-gerung), verfallender Aussenwert der Währung ( Importverteuerung), und last but not least staatlicherseits auferlegte Belastungen. Es gab aber auch die Situation, dass die Währung durch Notendruck und Kreditvolumenvergröße-rung das Preisgefüge in die Höhe trieb. In einer solchen Situation ist Alarm angesagt, denn die Spirale des Niedergangs rückt rasch näher (wie zur Zeit?).

  Inflation haben wir deshalb nähers beleuchtet, weil die Deflation als das Gegenstück zur Inflation mit also genau umge-kehrten Vorzeichen zu charakterisieren ist. Stimmt das? Wenn man so liest, was die Meinungsmacher über Deflation reden und schreiben, so ist die Antwort nein. Daher ist zunächst zu verdeutlichen, dass Deflation nicht die Baisse signalisiert, nicht den konjunkturellen Abschwung, zumal heutzutage europaweit relative Preisstabilität erreicht wurde bei durchaus erfreulichen sonstigen wirtschaftlichen Daten, von der strukturellen Arbeitslosigkeit abgesehen. Warum sich das so darbietet, soll nicht das Thema sein. (Aber heute kann man so nicht mehr schreiben.) Vielmehr:

  Zitat: "Ein Gespenst geht um, der Weltwirtschaft drohe eine Deflation. Nicht nur in den derzeitigen Krisenregionen, sondern auch in wichtigen Industrieländern könne sich ein Produktionseinbruch mit gravierenden Folgen ergeben." Da haben wir's - Deflation = Krise. Da scheinen aus den 20er Jahren Urängste herüber. Übrigens: der zitierte Autor setzt sich richtigerweise von der falschen Einordnung ab, das merkt man an der konjunktivischen Formulierung. In der Tat sackte das Preisniveau während der großen Weltwirtschaftskrise bis 7 % jährlich ab. Aber dies war nicht Ursache der Krise, sondern Folge einer angestoßenen Preisspirale nach unten durch die damalige Währungsbank, die das Geldvolumen laufend einschrumpfte und so den Trend noch verstärkte. Also, wenn die Zentralbank die Geldmenge so sehr verringert, dass der Umsatz, die Nachfrage nach Leistungen gar nicht mehr finanziert werden kann, dann haben wir die Strangulierung. Davon kann aber in heutiger Zeit keine Rede sein. (Gehen wir zu einer "jetzigen" heutigen Zeit, der Gegenwart 2013.  Sie können sich als Leser die Gefahren vorstellen, die billionenfaches Geldpumpen der EZB dem Grunde nach positioniert? Es gibt keine Erfahrung dazu, welche Summen denn nun angemessen wären.)

  Das Geschrei um eine zu befürchtende Deflation hat andere Gründe. Einmal wie dargelegt im Nichtverstehen, Nichtwissen um wirtschaftliche Zusammenhänge und Beurteilung der Daten. Wer latente Gefahren einer schleichenden Inflation nicht einzuschätzen vermag, der hat auch keinen Blick für die Vorteile einer schleichend wirksamen Deflation. Aber wer gar, wie wir bei Politikern argwöhnen, in einer wenn auch nur moderaten Inflation Vorteile zu entdecken scheint, der setzt sich der Verdächtigung aus, genau darum zu wissen, dass Inflationsraten gleichbedeutend sind mit höheren Steuereinnahmen (Verbrauchssteuern, aber auch Scheingewinnbesteuerung), mit wachsenden Einnahmen der Sozialsysteme. So gewinnt man eine gute Optik. Den Leuten können die Löhne und Renten formal erhöht werden. Was für ein Fortschritt und Wohlstandsgewinn! Die Politiker sind weniger dem Druck ausgeliefert, Projekte mangels Masse auf sich beruhen zu lassen. Wer eirnnert sich nicht an den Rausch der Ströme von stetig steigenden Steuer-einnahmen! Jedoch keine Defizitrückführung oder gar Schuldentilgung! (sic!). Realiter tat sich herzlich wenig. Der Katzenjammer folgt auf dem Fuße. Die Schwimmbäder werden zur Last, aufgeblähte teure Behörden verhindern Investitionen. Daher: Jedes Prozent Deflation erhöht die verfügbare Kaufkraft, steigert den Leistungsausstoß, senkt damit die Kosten, bringt Wachstum. Eines muss man aber auch sehen, dass nämlich Preissenkungen auf breiter Basis nur dann positive Wirkungen zeitigen, wenn die Einkommen nicht auch deflationieren. Geschieht dies, dann setzt sich eine Deflationsspirale in Gang. Da haben wir's also! Preissenkungen ja, Einkommenssenkungen nein. Wie soll das zusammenpassen? Verkörpern Einkommen nicht gleichzeitig Kosten sofern nicht verteilte Gewinne? Wie sollen Kosten sinken, wenn etwa die Löhne nicht mitziehen? Also ein Paradoxon, ja eine Aporie, wie es bzw. sie im Buche steht. Doch sind sie leicht aufzuheben. Das Codewort heißt Produktivitätssteigerung. Mehr Leistungsausstoß ohne höheren Aufwand. Ist zu bewerkstelligen durch den Einsatz von Intelligenz, Sachkapital, Wissen, Information, Arbeit. Oder: Verfahrensrationalisierung, Erfindungen, Nutzensteigrung bei den Produkten, Einsparungen beim Verbrauch von Ressourcen, verbesserte staatliche Rahmenbedingungen.

  Soll also plädiert werden für diese letzteren Zielsetzungen oder, wie neuerlich andere Paradigma aufscheinen, etwas für Vermehrung der Geldmenge, für Erhöhung von Nachfragepotentialen durch höhere Löhne, über Heraufschrauben der Verbrauchssteuern, um vermehrte Zuständigkeiten des Staates finanzieren zu können? Das zielt nicht ab nur auf neue Koalitionen, denn auch die alten Regierungen sahen einen Fortschritt darin, die direkten Steuerströme zu solchen der indirekten zu machen. Vielleicht bekommt das Volk mit, dass auf diese Art das Prinzip der Besteuerung nach der Leis-tungsfähigkeit ausgehöhlt wird?

(Nachbemerkung: Wenn eine Dienstleistungsgruppe oder ein Warensektor nachhaltig und stetig preisgünstiger wird, dann ist dieses Geschehen ein sektorprojiziertes "partielles" deflationäres Phänomen. Man denke z. B. an den Kommu-nikationsbereich oder an elektronische Produkte. Was wurde dort demonstriert, Leistungsausweitung, Vergrößerung der Kaufkraft auf breiter Front, Schaffung von Arbeitsplätzen, Generierung von Steuern, von Multiplikatoren. Und das, was die Menschen auf der hohen Kante haben, diese Billionen - ihr Wert nimmt zu. Und das soll konjunkturelles, zu vermeidendes Teufelszeug sein?)

 

Glossen und Meckereien I

Staatsausgaben (1999)

  Wenn der Staatsbürger Einkommen erzielt, dann in der Regel nur, wenn er dafür Leistungen erbringt oder erbracht hat. Diese Leistungen wollen nachgefragt sein. Also, immer - Nothilfe sei einmal ausgeklammert - wird gefragt: Was leistest Du? - Was bringst Du? So ist es, auch wenn die Kirchen einen solchen Nachfageansatz verurteilen. Und wenn der Bürger sein sauer verdientes Geld ausgibt, dann erwirbt er sich in aller Regel dafür persönlichen Nutzen, denn was keinen Nutzen abwirft, bleibt Ladenhüter. - Man sieht, der Leistungsträger gibt, bekommt, gibt wieder, bekommt wieder. Hätten wir eine Tauschwirtschaft, wäre die Kette kürzer.

  Wie sieht es nun bei der öffentlichen Hand aus? Auch so? I wo. Die bekommt erst mal. (Hierfür sorgt sie sogar so nachhaltig, dass noch Nazigesetze für die Beitreibung herhalten müssen.) Oder sie nimmt einfach. Dann hat sie. Allsogleich geben sie, die öffentlichen Hände, mehr als sie haben - Hunderte von Milliarden! Wem? Dem, der bekommt. Der, der bekommt, müsste nun nach Bürgerregel seinerseits dem Staate etwas geben, denn der Staat gibt doch auch nur, um etwas zu bekommen?

  Weit gefehlt. Der Staat gibt zu großen Teilen, ohne Gegenleistung. Weil der, der bekommt, sogenannte Ansprüche hat. Zu weiteren Teilen bekommt aber auch der Staat Leistungen für seine Ausgaben. Die Leistungen, die ihm zuwachsen, stiften dem Staate Nutzen. Immer? Meist? Hin und wieder? Konkrete Beispiele: Der öffentlichen Hand werden Schulen gebaut. Der Nachwuchs wird unterrichtet. Sehr gut. Der Staat bekommt Sicherheit, Recht, Ordnung, gar Gehorsam geliefert. Auch gut. Tausende von Abgeordneten erbringen auch ihre Leistungen, zum Großteil staatsgerichtet, parteigerichtet oder noch anders ausgerichtet. Der Staat bekommt für seine Ausgaben auch Sachen unterschiedlichster Art - und Immobilien und Beteiligungen und was sonst noch mehr.

  Wirr? Wirr! Wer so abwegig fragt, kommt bei gutem Willen zu der Erkenntnis, dass es eigentlich nicht der Staat ist, der für seine Ausgaben etwas bekommt, sondern seine Bürger! Viele davon! Manche mehr, manche wenig, manche viel. Für Ausgaben der öffentlichen Haushalte stehen stets Empfänger bereit. Sind diese Empfänger immer Normalbürger? Oder auch Großunternehmen? Institutionen? oder temporäre Geschehen wie etwa die Weltausstellung? Und bringen die Empfänger, es sei wiederholt, dem Staate bzw. seinen Bürgern immer auch adäquate Leistungen, will sagen in Volumina und Qualität, orientiert am Volumen des Empfangenen? Man werde sich bewusst: Derjenige Mitarbeiter im Unternehmen, der an solchen für ihn abgeleiteten Maßstäben scheitert, fliegt. Unbarmherzig. ob er will oder nicht, ob er kann oder nicht und nicht immer gibt es Übergangs- oder Ausgleichsgelder und nur selten werden seine bisherigen Einkommensquellen verlängert, weit seltener, als es bei vielen, vielen Subventionstöpfen geschieht. Da könnte ja dann irgendwer weniger bekommen als seither. 

Ungereimtes (2000)

  Eines der wichtigsten währungspolitischen "Gesetze" lautet, dass die Qualität einer Währung (worunter deren Kaufkraft zu verstehen ist) mit dem Volumen an Geldausstattung eines Währungsgebietes beeinflussbar ist. Wenn der Geldhahn (Notenpresse) aufgedreht wird, steigen die Preise; eine Drosselung bewirkt die Behinderung der konjunkturellen Fortentwicklung einer Volkswirtschaft. In ihrer Eigenschaft als monetärer Wächter handhabte unsere Bundes-bank ihre Aufgabe immer wohldosiert und man muss sagen, dass sie die stetige Gratwanderung fast immer meisterhaft bewältigte. (Man pumpte die Bankenlandschaft nicht schlicht mit Geld voll.) Die Problematik ist nicht einfach einschichtig, nach dem Prinzip des Wenn - Dann, vielmehr gibt es noch andere Wirkmerkmale: wie die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes, die Fähigkeit der Banken, Buchgeld zu schöpfen, aber auch die staatliche Finanzpolitik.

  Die immer noch relativ niedrigen Zinsraten signalisieren, dass die Finanzvolumina großzügig bemessen sind; Geld, Kredit sind keinesfalls knapp. Investitionen scheitern also kaum am erschwerten Zugriff auf Finanzpotenziale. Geld, Kredit verkörpern Kaufkraft. Ein weltweiter Kaufrausch in Waren und Leistungen wäre also latent möglich, in seiner Folge die Explosion der Preise - nichts von alle dem. (Gleich aber wird der Neue Markt seinen Exzess starten.) Kaum Inflation, wäre da nicht das Preisgefüge der öffentlichen Hände, deren Leistungen immer teurer werden. Preisstabilität also beinahe erreicht. Die Situation ist eigentlich völlig atypisch. Die Konsummärkte in deutschen Landen dümpeln immer noch eher dahin, die Arbeitslosigkeit grassiert nach wie vor trotz glänzender Befunde an der Preisfront und einigermaßen verlaufender Konjunktur.

  Für uns liegen die Gründe auf der Hand. Die Kaufkraft ist seit langem in einem unguten Maße verteilt. Die Schere zwischen arm und reich öffnet sich ungebremst immer weiter. (Seither hat sich nichts gebessert!). Die staatlich organisierte Umverteilung hilft da nicht weiter. Ein großer Gewinn wäre zu verbuchen, wenn es gelänge, dort, wo noch deutliche Versorgungsdefizite bestehen, endlich den Versorgungsdurchbruch zu bewirken. Gemeint ist das Wohneigentum. Im Vergleich zur englischen Bevölkerung sind die deutschen noch völlig unterversorgt mit immobilem Wohneigentum. Warum? Weil das Preisniveau auf diesem Sektor hierzulande viel zu hoch ist. Die Gründe haben wir schon einmal in früheren Ausgaben dargelegt. Kurz sei wiederholt: Kommunale Verknappungspolitik bei der Baulandbereitstellung (bremst jedoch die Zersiedelung), Ballungsneigung auch bei uns, völlig unrationelle Fertigungsmethoden in der Bauindustrie. Das Postulat stetige Wertsteigerung der Immobilien sitzt immer noch in den Köpfen. Aber so ist es eben, alle gieren nach Hausse, nach Scheingewinnen, alles und jeder pflegt nicht nur seine Geld-, sondern gerne seine Wertillusion.

  Zurück zum Paradoxon: Viel Kaufkraft, erreichte Preisstabilität bei Gütern und Leistungen. Ist das Gesetz, dass Überversorgung mit Geld Inflation verursacht, ausgehebelt? Die Antwort: keinesfalls. Nur: auf dem Güter- und Leistungsmarkt haben wir in Deutschland eine gewisse Sättigungsmarke erreicht. Daher wird aus der vorhandenen Kaufkraft keine wirksame Nachfrage. Also, was denn dann? Natürlich Teuerung ganz nach alter Regel. Wo? Dort, wo Nachfrage unerschöpflich sein kann, der Börse. Hausse ohne Ende mit gelegentlichen Einbrüchen. Ohne Ende? Das gab es noch nie. Daher, so sehr die Börse als Schwamm fungiert, die überschüssige Kaufkraft aufzusaugen in der Lage ist (Ob es in der Gegenwart auch passiert, werden wir sehen. Die Institution steht zumindest in Bereitschaft.), so unerbittlich und nachhaltig kann sie auch als Kaufkraftvernichtungsmoloch über die Welt herfallen. Man merke sich, dass nicht ohne Grund die herrschende Lehre besagt, dass es an der Börse die Hausse und die Baisse gibt, nicht aber Inflation  und die Deflation. So wahr, wie es unumstößliche wirtschaftliche Gesetze gibt. - Dabei ist der Emmissionsboom generell und speziell am Neuen Markt ein Kapitel für sich. (Aber ganz lehrhaft dann der erlebte Börsenkrach sogleich.) 

Steuersätze (2000) 

  Es geht um die Steuern auf Gewinne und Einkommen. Die einen beharren auf hohen Spitzensteuersätzen, die anderen wollen sie deutlich senken. Die einen gebrauchen als Argument die soziale Balance und Gerechtigkeit, die anderen wollen Handel und Wandel stimulieren. Die einen unterscheiden zwischen gutem und schlechtem Einkommen, die anderen lassen eine solche Differenzierung nicht gelten. Allemal gut sei das gewerbliche, denn dort entstünden Arbeitsplätze. Folglich sei dieser Sektor besonders zu schonen. - Ohne dieses letztere Fazit beeinträchtigen zu wollen, sei aus unserer Sicht ein anderer Aspekt angeführt, der übrigens zu parallelen Ergebnissen kommt.

  Unsere These ist ganz simpel. Gewinnsteuern aus gewerblichem Engagement sind realiter Kostensteuern - welche Aussage der herrschenden Meinung widerspricht.  Vielleicht eine kleine Korrektur: nicht Kostensteuern, sondern kalkulative Steuern. Das meint, dass die wirtschaftlich tätigen Individuen und sozialen Gebilde bei ihrem Streben nach Überschüssen stets die an den Staat abzuführende Steuerquote im Auge behalten. Die Gewinnplanungen peilen den Gewinn nach Steuern an, halt das, über das man noch für eigene Vorhaben verfügen kann. Die Preise werden entsprechend kalkuliert.

  Nun sind kalkulierte Preise letztlich keine solche, die garantiert am Markt erzielbar sind. Marktpreise sind aber à la longue solche, die nicht nur Verluste vermeiden wollen, sondern auch "vergleichsweise" zu niedrige Überschüsse, dies alles unbeschadet des Strebens nach Gewinnmaximierung. - Bleibt nur noch zu folgern. Wenn Gewinnsteuern halbiert werden, sorgt der Markt dafür, dass die entfallende Hälfte aus den Preiskalkulationen herausbleibt (Wenn man die Hälfte auch möglichst lange selbst behalten will, was man schön beim Strompreis beobachten kann. Dort die Ersparnisse bei Stromauktionen und Verschmutzungsrechten.), mit der Folge, dass das Preisniveau ganz allgemein sinkt. Dadurch nimmt die Kaufkraft zu, auch der Absatz an Gütern und Diensten.

Geld und Gesundheit (2000)

  Vor Jahren hat sich der Autor getraut, einer seiner Visionen Ausdruck zu verleihen, nachdem dem ewigen Reformieren des Gesundheitswesens und der Gesetzlichen Krankenversicherung kein Ende ist. Da hat er gemeint, dass allem abgeholfen werden könnte, wenn man sich zu einer grundsätzlichen Modellreform durchränge. Vision deshalb, weil sie eine solche bleiben wird, denn Bewerberforums Modell hat keine politische Chance, jemals auch nur in Ansätzen verwirklicht zu werden.

  Die Hauptthesen ganz kurz: Zwangskrankenversicherung nur insoweit, als sie durch die  Arbeitgeberbeitragshälfte finanziert wird. - Zwangsvorsorge dagegen, was dem Arbeitnehmeranteil entspricht. Will zu Letzterem sagen: Ansparen der Beiträge der Versicherten auf einem persönlichen Konto. Bei jeder krankheitsbedingten Ausgabe zuerst volle Heranziehung des aufgelaufenen Guthabens. Bei Erreichen eines hoch genug angesetzten Vorsorgebetrages Aussetzen der Zwangsvorsorge. Möglichkeit der Vererbung. Schließlich Inanspruchnahme der Versicherung nur dann, wenn die Zwangsvorsorge nicht mehr in der Lage ist, Vorsorgesummen  bereit zu stellen. Das hätte die Konsequenz, dass die Verantwortung für Heilmaßnahmen temporär oder dauerhaft auf den Patienten bzw. beim Fall des Falles auf seinen Betreuer überginge. - Die Gesundheitsindustrie wäre voll dem Preiswettbewerb unterworfen. Durchgehend deshalb, weil die Inanspruchnahme der Versicherung vorschießenderweise zu geschehen hätte, will sagen sie behielte Ansprüche an die Vorsorgepotenziale. Es soll auch nicht verschwiegen werden, warum die politische Umsetzungswahrscheinlichkeit eines solchen Modells gleich null ist: Die Krankheit würde ein gutes Stück weit privatisiert, der eigenen Vorsorge, wenn auch zwangsweise, anheim gestellt. 

  Da der Schreiber immerhin etwas vorzuschlagen hätte, sollte ihm auch zugebilligt werden, dass er über die Krampflösungen, die die Gesundheitspolitik immer wieder anpeilt, meckert, wie folgt: - Da vertritt das Bundesgesundheitsministerium die in den Augen der Gesundheitsindustrie offensichtlich frevelhafte Meinung, dass es mit dem jetzigen und auch zurückliegenden Volumen an aufgebrachten Krankenversicherungsbeiträgen durchaus möglich sei, den Menschen eine nach wie vor qualitativ hoch stehende Gesundheitsversorgung zukommen zu lassen, ohne dass die Beiträge angehoben werden müssten. (Auf die Praxisgebühr und deren Schicksal soll hier aus gegenwärtiger Sicht nicht eingegangen werden). Schließlich handele es sich um eine irre Summe, die ja noch im Gleichschritt der Lohnerhöhungen (und Zurückdrängung der Arbeitslosigkeit) weiter anwachse. Daher habe die Gesundheitsindustrie mit dem Vorhandenen auszukommen, basta. So figuriert man dann ein Budget. - Mit Verlaub: wir sind der gleichen Meinung, nur, mit einer solchen Globalaussage sind dann die realen Probleme noch lange nicht gelöst. Denn:

  Auf der einen, der Nachfrageseite nach Gesundheitsleistungen, kann man keinesfalls in der Weise Volumina eindämmen, indem einem Patienten die bestmögliche Behandlung vorenthalten wird. (Das Beste vermeidet das Unnötige!)  Auf der Angebotsseite stellt sich das Problem der Finanzierbarkeit. Wenn die Leistungskosten so hoch anfallen, dass das Budget eben nicht ausreicht, sie abzudecken, dann beginnt die Zwickmühle und auch  der unseriöse Argumentationsschmarren. Denn was sind Leistungskosten? Jeder Kostenrechner lächelt müde, wenn in der Öffentlichkeit mit dem Begriff "Kosten" hantiert wird. Dahinter kann man so viel Luft verstecken, wie man böswillig nur will. Wenn man etwas von einem kostengerechten Leistungspreis hört, dann ist Wettbewerb fern.

  Die Empfänger der Gesundheitsleistungsentgelte haben vieles in der Hand oder auch nicht. Also etwa: Kosten beziehen sich auf Mengen von Leistungseinheiten. Die Einheiten haben ein Volumen, eine Dichte oder Konzentration. Ihnen eignen Wirkungsintensitäten. Gemeint ist schlicht die Leistungsqualität. Deren korrelierende Kostenhöhe? Die ist niemals proportional. Allein die fixen Kosten umschließen  die Möglichkeit der Nullleistung. Und dann die Qualität der Diagnose, die Anlage der Therapie überhaupt! Soll doch keiner bestreiten, dass beim heutigen System die Produktionsseite nicht zuletzt die eigenen Erlöse im Blick hat. So geht es letztlich um den Kampf um Budgetanteile, untermauert mit Größen, Daten und Definitionen, die allesamt Manipulationen zugänglich sind. Die offenste Flanke, wenn ein solches Bild überhaupt richtig ist, bietet die stillschweigend hingenommene Monströsität, dass die Preise auf dem Gesundheitssektor "gerecht" bemessen sein müssten. Gerecht durch Bezug auf sogenannte Leistungserbringungskosten. Kostenpreise sind aber niemals gerecht, wie es denn überhaupt keine gerechten Preise gibt. Anzuerkennen sind letztlich ohne Wenn und Aber (selbst wenn solche vorzubringen wären) nur Marktpreise, ermittelt anhand des Ausgleichs von Angebot und Nachfrage. Auf dem Gesundheitssektor gibt es aber nur in Maßen freie Preise, etwa bei Produkten, die im Handel jeglicher Couleur zu erwerben sind oder im Balneosektor für Privatkurgäste.

  Sie wissen, es gibt eine Unmenge von Betrieben aller Art, die um ihren Budgetanteil buhlen, oft nach sehr strengem, nur scheinbar sinnvoll angelegtem Reglement. Diesen haben wir, wenn man es genau nimmt, oben einiges um die Ohren gehauen. Ganz wichtig: Eigentlich, ja eigentlich, ungerechterweise. Denn sie können ja nichts für die Unzulänglichkeiten unseres Systems. Angenommen, jedermann kaufte seine notwendigen Gesundheitsleistungen in eigener Regie, zu Lasten des eigenen Geldbeutels, so, wie wir Wein im Laden kaufen, was wäre dann? Auch da würden die Leistungen zu wohl nur happigen Preisen zu bekommen sein. Aber es gäbe unversehens Preiskonkurrenz. Was die alles zu Wege bringt, dafür sehen wir genügend Beispiele. Aber darum geht es gar nicht; es ginge darum, dass niemand außerhalb des Marktes Einfluss nehmen könnte auf das Volumen an Entgelten, das an die Gesundheitsbetriebe flösse. Auch wären die Entgeltsempfänger niemandem, außer dem Fiskus, rechenschaftspflichtig über die Einnahmen. Kosten kämen bei der Preisdiskussion nicht mehr vor. Diese Kategorie schrumpfte zu einem Anliegen des einzelnen Leistungsanbieters, der einzelnen Praxis, des jeweiligen Krankenhauses. Nur dann, wenn der Patient bereit wäre, das geforderte Honorar für eine Konsultation oder Therapie zu bezahlen, käme der Gesundheitsproduzent oder Krankheitsbekämpfer zu seinem Entgelt!

 Das sind selbstverständlich nur systemtheoretische Überlegungen. Aber sie erhellen einiges. Sie provozieren zur Frage, ob es wirklich keine Möglichkeiten gibt, beim gegebenen System derartige Effekte herbei zu zaubern, um die unendlich schwelende Problematik doch noch in etwa einzufangen. Da ist nun guter Rat teuer, teuer, weil ein jeder sofort das Unmöglich ausruft.

Ein Viertel (2001)

  Ein Viertel der Menschheit kann die "unerlässlichsten Lebensbedürfnisse" nicht decken". Eine Tagung "Global Justice" - weltweite Gerechtigkeit. Plädiert ein Referent dafür, die Hilfe der reichen Länder nicht mehr als eine Frage der Moral einzustufen, sondern als eine politische Größe. 

  Der Hinweis genüge, denn es kann hier nicht darum gehen, die Aussagen und Erkenntnisse dieser Tagung zu referieren. Vielmehr ist zu thematisieren die aufgezeigte Verschiebung in der Begründung der Notwendigkeit zur Hilfe, zur Armutshilfe, zur Entwicklungshilfe.

  Reduzieren wir die Anliegen auf das Simple. Welche Motivation zur Hilfe bringt wohl die größte Effizienz? Guter Rat ist teuer. Es ist ja nicht so, dass die Moral keinen Maßstab setzen könnte für die erforderlichen Maßnahmen. Er besagt schlicht: Sorgt (wer?) dafür, dass das Menschheitsviertel endlich die unerlässliche Versorgung erhält! Gebt! Aber mit Geben ist es halt nicht getan, denn sonst hätte sich längst etwas gebessert an den trostlosen Verhältnissen. Schlechter werden sie. Und beim Begreifen als politische Kategorie? Was würde sich ändern? Auch hier wäre als Maßstab für die Hilfsvolumina das Bemühen zu nennen, endlich für die Beseitigung der lebensbedrohenden oder gar tötenden Armut zu sorgen. Auch durch wen oder was?

  Der Autor hat sich schon einmal in einem anderen Beitrag ausgiebig mit der Entwicklungshilfe beschäftigt. Seither hat sich nichts gebessert. Aber wie man sieht, die Debattiererei ist nicht eingeschlafen. Bislang konnte ein Hilfeempfänger, wer immer das war, die moralische Keule schwingen. Ihr Reichen, es ist ein Gebot der Moral, dass Ihr uns helft. Beseitigt unsere Armut. Passiver geht es offensichtlich nicht. Und unter dem selben Blickwinkel nun politisch? Nun, da hörte es sich wohl besser an, wenn signalisiert wird - beispielhaft - wir haben uns mit den Notwendigkeiten gründlich befasst. Zu dieser und jener Erkenntnis sind wir gelangt. Das sollten oder wollten wir tun. Wäre es denn möglich, dass Ihr Reichen uns hierzu begleitende Hilfe zukommen lassen? Wenn dann noch bei Hilfestellung nicht nur für die empfangende Seite ein Nutzen abfällt, ist der Motor oder die Promotion installiert. Also, eine Überstellung der Notwendigkeiten auf die politische Schiene gefällt durchaus. 

  Gegenseitiger Nutzen. Da ist der Ruf nach weltweiter Marktwirtschaft als Vehikel zur Abhilfe des Hungers nicht weit. Aber die Erfahrungen mit dem Warten auf das Sich-schon-Richten sind nicht gut. Dafür sind die Potenziale der Leistungserstellung zu ungleich verteilt. Wie schon früher wird für die Käseglocke plädiert. Sie ist die Metapher für abgegrenzte Modelle, in ihrer Größe so bemessen, dass sie steuerbar sind. Wenn man eine Käseglocke betrachtet, so wird deutlich, dass die Abgrenzung eine große Bedeutung hat. Keine Planwirtschaft, i wo. Nur ein Nachholen der Entwicklungsprozesse, die die Entwickelten durchzugehen hatten, bevor sie als "entwickelt" angesehen werden konnten, entwickelt auf durchaus niedrigem Niveau, das die Versorgung mit Gütern zur Deckung der Grundbedürfnisse gerade noch absichert.

  Das meint genauer: (keine Smartphones, teure Autos, Haushaltsmaschinen, Autobahnen, ICEs etc.) In einem Slum beispielsweise wird das Überleben durch Hilfe von außen abgesichert, nicht mit Geld, sondern mit gezielter Güterzuteilung. Dann wird das Nichtstun und Tun, ja gar die Plackerei organisiert, ausgerichtet auf die Erstellung von Gütern, die man zum Überleben benötigt. Einsatz von Technik nur in dem Maße, als diese geeignet ist, die Produktivität des Arbeitenden so zu steigern, dass die Gesamtgrößen der erstellten Leistungen mit einer gegebenen Anzahl von Arbeitsfähigen ausreicht, Grundbedürfnisse zu befriedigen. Kein Leistungsaustausch mit dem Außen (daher gehört Plantagenwirtschaft z. B. in eine andere Kategorie), keine Organisation region- oder gar staatsweit. Die Herstellung von Tauschgütern wäre eine später sich anschließende Phase. Bei uns dient die vorhandene Kaufkraft und die beliebigen Wünsche der - gesättigten - Menschen der Produktionssteuerung. Das Modell dagegen kennt keine Kaufkraft, nur Grundbedürfnisse, zu deren Stillung die Arbeitsleistung organisiert wird. Wer organisiert? Derjenige, der es kann. - Klingt alles sehr theoretisch, aber machbar. Eben durch politischen Willen und ebensolchen Taten. Nicht durch moralische Postulate. (Wenn aber die Phantasie die Krawatten tragende Oberschicht vor Augen bringt, dann bekommt die Befürchtung Nahrung, dass ein solches Prozedere als Beleidigung des Stolzes der darbenden Menschen empfunden wird. Kann man sich aber einen solchen Stolz leisten?) 

Gerechtigkeitslücken (2008)

  Bei der Debatte um Gerechtigkeitslücken befürchtet jemand, dass Spitzenleute aus dem Lande getrieben werden. (Wenn die Steuersätze von der Opposition erhöht werden.) - Je nun: Niemand ist bekanntlich unersetzlich. Wenn eine solche "Spitze" stirbt, rückt sofort jemand nach, jemand, der vielleicht noch besser ist. So verhielte es sich auch bei der Abwanderung. (Oder sind einfach die etablierten "Reichen" gemeint? Die ja u. U. nichts taugen können, wie andere auch.) Warum sind Nachrücker im Wartestand? Weil sie in aller Regel gedeckelt werden, solange sie eine potentielle Gefahr bedeuten. Sie werden nieder gehalten durch nach außen geschlossen gehaltenen Machtstrukturen. Es bedarf einiger Voraussetzungen, bis man in bestimmte Zirkel einrücken darf. - Die sogenannten Spitzenleute sind oft nicht die Besten, was Führungskunst und Weitblick anbetrifft. Sie bewegen sich aber unter sich, fein austariert. Also: Wer das Land verlassen will, soll es tun. 

  Es gibt Spitzenleute, da wäre es gut, wenn sie den Schritt täten. Denn zum Steuern hinterziehen braucht man sie hier nicht, zumal ihnen auch nicht aufgegangen ist, dass das Sicherheitsumfeld, in dem sie sich bewegen, die Mobilitätsstrukturen, das Bildungssystem das sie genossen haben, nur gewährleistet werden kann, wenn die öffentlichen Einnahmen stimmen. - Es ist schlimm genug, dass man ihnen einen Grund zum Steuernhinterziehen gerechterweise durchgehen lassen muss: Wenn sie nämlich keine Lust verspüren, die milliardenschweren Fehlgriffe der Verschwender, wie sie der Bund der Steuerzahler regelmäßig anprangert, mitzufinanzieren. Kleine Fische mögen ähnlich empfinden, wenn sie mitbekommen, wie die Volksvertreter für ihr Alter (und ihre Verwandtschaft) vorsorgen, wie die Kosten für Fahrten zum Arbeitsplatz dreist und verfälschend als "Subventionen" deklariert werden.

Neuverschuldung (2013)

 Dem Wort wohnt ein riesiges Drohpotential inne. Nettokreditaufnahme meint das Gleiche. Beide Begriffe sind schlicht falsch, beschönigend. Man will mit Neuverschuldung das jährliche Etatdefizit finanzieren. (Immer noch, denn Schäuble schafft es nicht, Deutschland als Vorbild zu etablieren, wie es eigentlich doch nötig wäre. - 2015 aber doch, wenn man die Schattenhaushalte außen vor lässt.) 

  Der ganz normal denkende Bürger versteht unter Neuschulden-Machen aber das Eingehen zusätzlicher Verpflichtungen. Das aber geschieht in einem Umfang, der weiter gefassten Zwecken dient als der Deckung eines Defizites. Auch der Kreditetilgung z. B. Neuschulden stehen logischerweise Altschulden gegenüber. Diese - weit jenseits der 1 Billionengrenze - verlangen laufenden Tilgungsdienst. Fast schon immer wurden diese Tilgungsraten nicht etwa geleistet aus Haushaltsmitteln, sondern für sie werden Neukredite aufgenommen, wohlbemerkt neben denjenigen, die unter Neuverschuldung laufen. Um beide Größen zusammenführen zu können, wird der Begriff "Bruttokreditaufnahme" bemüht. Auch das ist einigermaßen raffiniert. Jeder weiß, dass ein Bruttogehalt unter dem Gesichtspunkt des Empfangens eine Phantomzahl  ist. Der Unternehmer wendet es auf, ankommt aber weit weniger. So auch bei der Bruttokreditaufnahme. 

  Die Schuldenaufnahme fällt als Rückzahlungsverpflichtung an, ein kleiner Anteil deckt das Haushaltsdefizit (auch entstanden durch die riesige Zinsenlast) ab, ein großer Teil wird weitergereicht an die Altgläubiger, verwendet als Tilgungsraten für Altschulden, die trotzdem laufend wachsen. Tilgungen sind so keine Ausgaben, sie kürzen Krediteinnahmen! Ohne Defizite könnte man auf solche begrifflichen Maskeraden verzichten.

Ausgabenflut (2006)

  Wir haben dargelegt, dass alles Geld, das die öffentliche Hand ausgibt, jemandes Taschen füllt, genauer vieler Taschen. Von den einen bekommt sie eine Gegenleistung (Straßenbau, öffentlich Bedienstete z. B.), von anderen keine (z. B. Kohlesubventionen, Abwrackprämie). 

  Alle sehen wir, wie qualvoll sich die Politiker bemühen, die öffentlichen Haushalte in Balance zu halten bzw. zu bringen. Weil es meist nicht gelingt, vielmehr Schuldenberge aufgeschüttet werden, wird nach Schuldigen gesucht. Vermeintlich Unschuldige an der Malaise sprechen vom "verschwenderischen Staat" und meinen die Politiker aller Couleur und Stufen.

Man muss aber differenzieren beim Urteilen. Denn es gibt schiere Zwänge - allerdings mit unterschiedlichem Druckpotential. Der Zwänge gibt es so viele und von so unterschiedlicher Art, dass hier nur grob und unvollständig sortiert werden kann, halt beispielhaft. Der Zwang, die öffentlichen Verkehrsnetze am Funktionieren zu halten, ist ein absoluter, Kinder unterrichten zu müssen gleichfalls. Nicht immer absolut sind aber die Dimensionen. Viele Male wird über das Notwendige hinaus geschossen. Viele Male aber auch hinterher gehinkt. Alles. was so gesehen als notwendig  ausgegeben wird, muss vom Verdikt der Verschwendung verschont bleiben.

  Wir möchten aber nicht nur bei der Verschwendung verharren. Vielmehr ist zu fragen, was denn an Überdimensionierung zurückzuführen ist auf den Forderungsdruck bestimmter Empfängergruppen. Nicht immer erfolgen Ausgaben, weil die Politik Motor hierfür ist, wenn auch festgehalten  werden muss, dass mit dem Versprechen von Wohltaten meist Schindluder getrieben wird, insofern, als es um Stimmenfang geht. Aber Forderungen an den Staat werden ziemlich regelmäßig mit den Postulaten begründet, dass sie sinnvoll, gerechtfertigt, unverzichtbar, ja über-haupt unabdingbar seien. Der Autor als Vater hat für seine zwei Kinder gerade mal 50 DM insgesamt zugesprochen erhalten. Niemand kam auf die Idee zu poltern, dass bei solchen Almosen die Familien kollabierten. Sie sind auch nicht. Nichts gegen reichliches Kindergeld! Man möchte halt meinen, dass es nur solche Bürger bekommen sollten, die darauf angewiesen sind. Auch dies nur beispielhaft.

  So gibt es also neben absoluten Ausgabenzwängen die relativen, die manchmal so relativ sind, dass sie sich in Beliebigkeit auflösen, ja, deutlich der Bereicherung dienen. Solche Empfänger sind in aller Regel einflussreich, wenn nicht gar voller Macht. - Der ehrliche Kleine Mann kann in Sachen Ausgabenflut sich ganz ruhig als unbetroffen aber auch als verschaukelt fühlen. Während sein Einkommen stagniert bzw. sinkt, wird, damit man aus der öffentlichen Schusslinie kommt, für den Landtag beschlossen, dass die Diäten nach einer Formel automatisch, also unabhängig von der Kassenlage, ansteigen. Die Bürger lassen es geschehen. Auch in der EU gibt es Skurriles. Lesen wir doch, dass die Queen und ihr Sohn, aber auch "Herzöge" hohe sechsstellige Pfundbeträge p. a. für Agrarsubventionen zugebilligt bekommen. Unsere Überweisungen an die EU werden aber mitfinanziert auch von Obdachlosen - über die Mehrwertsteuer. So läuft das halt.

Reformen (2006)

  Nicht nur bei den Preisen können sich die Dinge zu einer Inflation ausweiten. Auch bei Begriffen/Wörtern ist so etwas möglich. Wann inflationiert ein Begriff? Wenn die Hirne sehr vieler Leute, maßgeblich aber deren der Kaste der Politiker, nur noch eindimensional zu denken vermögen, vor allem, wenn ein Wort die Lösung aller Probleme vorgaukelt.  Derjenige, der auf dem Wort Reform herumreitet, glaubt, dass er die anderen, die Gemeinten, schnurstracks erreicht, auf gleicher Ebene, mit gleichem Sinngehalt, so, dass sich ein näheres Eingehen auf den Begriff erübrigt. Er meint, alle Welt verstünde unter dem Wort das Selbe wie er. Wir wissen aber, dass das überhaupt nicht der Fall ist.

 Da gibt es Menschen, die geraten beim Auspizium Reform in Verzückung, weil sich am Horizont unbegrenzte Möglichkeiten auftun. Man muss es nur angehen, nur machen. Andere reagieren verhalten. Sie möchten Näheres erfahren. Nicht über das Wort Reform, sondern über das, was denn ausgeheckt werden soll. Wieder andere hören gar nicht mehr hin, gar weg, weil jegliche Reform ihnen Überdruss bereitet. Und tatsächlich: Es gab, glauben wir, einmal eine Zeit, da hatte das Wort, das damit verbundene Vorhaben einen positiven Klang. Man assoziierte Gutes, Besseres, Sinnvolleres, Anzustrebenwertes. Die Erfahrungen haben das gründlich geändert. Nunmehr bereitet jegliche, jawohl jegliche! Reform erst mal Bauchgrimmen. Vielleicht gibt es aber auch Entwicklungen, die es verschwinden lassen. Geben wir die Hoffnung nicht auf.

  Was heißt denn das, Reform? 'Re' meint 'wieder', 'Form' = Gestalt. Also landen wir bei 'Wiedergestaltung', vielleicht besser 'Neugestaltung'. Und siehe da, jetzt liest es sich gar nicht mehr so abgenutzt, so schillernd. Neu gestalten! Etwas Anderes, weg vom alten Gerümpel, auf den Müll das Vorhandene. Aber nicht schon wieder düster. Fakt ist, dass eine Neugestaltung zunächst nichts darüber aussagt, wohin die Richtung geht. Das neu Gestaltete kann eine Verschlechterung bringen oder einfach etwas Anderes, aber auch etwas Verbessertes. Weil jede Neugestaltung, die die Verhältnisse verschlechtert oder nichts weiterbringt, ein Unding ist, unterbleibt in den meisten Fällen solcher Blödsinn. Aber jeder ist sofort dafür, Verbesserungen - Reformen eben - anzugehen. Und so kam es, dass jedweder Reform Vorschusslorbeeren anhafteten. Erst unsere Zeit brachte die Ernüchterung. Die Reformierten - nicht religiös gemeint - erfuhren und werden erfahren das Potential zur Verschlimmerung.

  In der Vergangenheit - bleiben wir aber nach dem großen Krieg - wurde überaus eifrig reformiert. Vieles, was sich positiv veränderte, schrieben sich die Politiker auf ihre Fahnen, obwohl das Positive gar nicht auf das Fummeln dieser Leute zurück ging. Die gewöhnlichen Menschen, manchmal auch schlicht die Verhältnisse, waren es, die die Entwicklung zum Guten vorantrieben. Und weil es die Verhältnisse eben doch richteten, war es auf weiten Strecken tragbar, wenn die politischen Macher im Glauben, die Dinge richtig anzupacken, realiter Lösungen zuwege brachten, die sich als verfehlt heraus stellten. War es aber so, dann schwand die Erträglichkeit entlang der Zeit, weil die Negativwirkungen mit Verzögerung zu Tage traten. Man muss mal ein Beispiel nennen: Vorruhestand.

  Wenn also Neugestaltungen deswegen missraten, weil die Akteure nicht den nötigen Weit- oder Durchblick hatten (vor der Maßnahme, oft ein ganzer Katalog), oder wenn die Gefahr hierzu mit Händen zu greifen ist, dann fragen sich die Bürger, warum niemand da ist, der ihnen den - falschen - Weg versperrt. Jahrzehnt um Jahrzehnt hirnt eine ganze Armee  von angeblich Zuständigen darüber, was man verändern müsste. Sie haben die miesen und besseren  Ver-hältnisse produziert Sie sind Ergebnis unzähliger Reformschritte. Ihre Produktion hört nicht auf. das Volk muss ihnen das Handwerk legen. Wie?

  Ist es nicht offensichtlich, dass die ganzen Veränderungsapparaturen völlig überdimensioniert sind? Sie kosten ein irres Geld. Fahrlässiges Verschwenden von Steuergeldern (Drohnen!)  wird nicht einmal geahndet! Was passierte denn, wenn die Zahl der Ministerien halbiert würde? Ebenso die Zahl der Landtags- und Bundestagsmandate? Einträgliche Positionen fielen weg! Die Bürger erlitten weniger Manipulationen. Außerdem ist bekannt, dass ein Großteil der politischen Potentiale der Apparatur, deren Abläufe und Funktionsfähigkeit, gewidmet ist. Bürokratie beschäftigt sich selber.

  Wenn nun ein Wunder geschähe, so, dass sich die Verhältnisse zum Guten wendeten, dank guter Reformen, dann sollte eigentlich der Reformbedarf schrumpfen. Endlich könnte man wenigstens die nähere Zukunft besser überblicken. Man könnte den privaten Lebenszuschnitt nachhaltiger gestalten oder planen. Man könnte längerzeitig in Ruhe gelassen werden. Keine Furcht vor Entlassungen, vor Rentenminderungen, vor schlechterer gesundheitlicher Versorgung. Es klappt! Und man sollte endlich erkennen, dass etwas, was gut geraten ist, bewahrenswert, eben auch so belassen wird wie es ist. Konservative Einschätzungen müssen sich nicht per se muffig darbieten, wenn auch die Gefahr besteht, dass Angst vor Veränderungen Bestehendes halt am liebsten konservieren, bewahren möchte, auch wenn es erkennbar Besseres anzustreben gilt. Vom Konservatismus zu unterscheiden ist die Tradition, das Überkommene, das so sehr geliebt wird, dass es wie in einem Naturschutzgebiet eingehegt bleibt, liebevoll gepflegt die Zeiten übersteht. Natürlich sind die Vorlieben so sehr gestreut, dass Traditionen zu alten Zöpfen geraten können. Man muss sie aber dulden und ertragen können, wenn für die Allgemeinheit kein Leidensdruck daraus entsteht, sie vielmehr als Kolorit das Zusammenleben bunter gestalten.

  Allerdings darf man nicht verdrängen das dräuende Geschehen auf der Welt allgemein und hautnah um uns. Es wird uns beschäftigen in einem Maße, dass uns Hören und Sehen vergeht. (Pure Prophetie: Krisen zuhauf alsbald!)  Daher ist es wichtig, dass wir die Fähigkeit erringen, auch außerhalb Deutschlands gestaltend bessere Verhältnisse anzu-gehen.      

Durchgefütterte Alte (2002)

  Oswald von Nell-Breuning, selbst uralt geworden, soll einmal gesagt haben, Sozialpolitiker bewege nur eine Frage, nämlich die, wie man das Ganze so finanzieren könne, dass diejenigen, die es trifft, es nicht merken und am Ende niemand mehr weiß, an wem die Kosten hängen bleiben.

  Wir wollen uns nicht in das Argumentationshickhack einklinken, das schon Jahrzehnte lang dem Publikum dar-geboten wird von solchen, die es wissen müssten und solchen, die so tun als ob. Es wogt hin und her zwischen den Polen Kinder und Eltern, Rente und Kinderlosen, Alte und Junge, Rente und Überalterung, Beitragszahler und Rentenempfänger, Rente und Bevölkerungsschwund, Rente und Zuwanderung, Rente und Teilhabe am Produktivitätsfortschritt. Die Aufzählung mag unvollkommen sein. - Wir wollen uns nur einem Wort zuwenden, das Nell-Breuning, wenn es denn wahr ist, verwendet hat. Das Stichwort ist "Kosten".

  Natürlich kostet das Durchfüttern der Alten etwas, ebenso der Arbeitslosen. Aber wer sich mit dem Chamäleon Kosten nähers befasst hat, der verwendet das Wort Kosten im Zusammenhang mit der Altersrente nicht einfach so. Denn Kosten suchen an Vielschichtigkeit ihresgleichen. Hier kommen nur solche Varianten ins Gespräch, die wirkend sind.

 Immerfort drehen sich die Überlegungen um die Finanzierbarkeit der Renten durch Beiträge und Steuerzuschüsse zum Umlagesystem. Als Drohpotential steht am Horizont der Schwund der Beitragszahler und die Langlebigkeit der Alten. Die letztere Erscheinung wird gekennzeichnet mit dem Begriff "Überalterung", ignorierend, dass er auch personal gelesen werden kann, sprich, das erreichte Alter ist schlicht zu hoch. Ganz zaghaft mittlerweile auch die Absurdität, dass teilweise schon ab 58 arbeitsloses Versorgen möglich ist. Wer in der Antike und bis zur frühen Neuzeit hohen Lebensstandard ohne Arbeit erleben wollte, der hielt sich Sklaven. Diese schufen den erstrebten Mehrwert, Mehrwert deshalb, weil sie auch Kosten verursachten. Unsere These war schon immer, dass auch wir Heutigen unsere Sklaven haben, zudem solche, die keinen moralischen Bedenken unterliegen. Gemeint ist unsere moderne Technik mit allem, was man da als produktiv subsumieren kann. Mit diesen vervielfachbaren Helfern ausgestattet, werden die Menschen der Industrieländer voraussichtlich nicht am Hungertuch nagen müssen. Nicht die genügend umfangreiche Herstellung der Güter und Bereitstellung der Dienste ist das Problem. Es sind die finanziellen Abzweigungen von den Einkommen für Beiträge zur Alterssicherung. Dahinter steht das Phänomen, dass die Einkommen und damit die Kaufkraft keinesfalls zunehmen im Gleichklang mit der Güter- und Diensteproduktion. Nicht jede Ausweitung von Produktion bedarf proportional zusätzlicher Arbeit. Das Abführen von Beiträgen zum Durchfüttern der Alten ist aber persönlich erlebte Schmälerung der eigenen Kaufmöglichkeiten. Daher das Bemühen um Ausgewogenheit zwischen Belastung und Transfer.

  Schon mehrmals wurde daran erinnert, dass die so genannten Grenzkosten es erlauben, die zusätzliche Produktion von Gütern äußerst kostengünstig zu betreiben. Anteile von fixen Kosten am Einzelstück werden mit steigender Anzahl immer niedriger, wenn auch nicht unterschlagen werden soll, dass bei erreichter Vollauslastung von Kapazitäten diese aufgestockt werden müssen. Selbst den variablen Kosten eignen degressive Elemente. Und nun denken wir mal in Extremen. Humanerweise setzen wir an beim Alter von 65. Die in Ansätzen bereits erkennbare Bereitschaft zur Sterbehilfe ziehen wir weiter aus und sorgen durch gesetzliche Maßnahmen dafür, dass die Menschen durchgängig ab dem 65. Lebensjahr keinen Anspruch mehr auf Lebensunterhalt haben. Alles ist privater Vorsorge überlassen, Sozialhilfe auch ade. Was dann? Die Beitragszahler sind endlich von berufslangen Zwangslasten befreit. Es ist Schluss damit, persönliche Einbußen hinnehmen zu müssen, bloß um das Altern Fremder finanzieren zu müssen. Irgendwie wird man es schaffen, wenn man selbst an der Reihe ist, sich eigenständig über Wasser zu halten. Nun aber, um eine bestimmte Konsequenz darlegen zu können, müssen wir leider sehr makaber werden, es geht nicht anders. Wir müssen die Denksituation verschärfen etwa in der Weise, dass die über 65-Jährigen in stetem Strom auf andere Gestirne ge-schossen werden, sie dort ihrem Schicksal überlassen. Dies nur deshalb, um sie hier bei unserem Modell nicht mehr existent zu haben. Insgeheim erfasst uns Grauen, wenn wir mitansehen müssen, was aus Marktbereinigungsgründen mit unseren Mitgeschöpfen veranstaltet wird. Also, was passiert?

  Gemach! Die Produktionsserien schrumpften bei manchen Artikeln sogar gegen null. Nicht proportional, aber immerhin, würde Arbeitszeit kräftig schmelzen, so dass die entlasteten Beitragszahler zu allem hin gar noch weniger zu arbeiten hätten, mehr Freizeit gewönnen. Die nach Billionen zählenden Fixkosten verharrten aber auf einem bedrückend hohen Niveau, ganz nach der Lehre der Kostenremanenz. Ein Auto, von dem nun plötzlich etwa ein Drittel weniger an Stückzahlen herzustellen wären, stünde zu einem Verkaufspreis im Schaufenster des Autohauses, dass dem noch fitten Produktionsträger und Kaufaspiranten die Augen zu tränen begännen. Das durchgehend bei der gesamten Produktepalette! Futsch wären die Kaufkraftgewinne der Beitragseinsparung, gänzlich futsch. Nicht viel anders sähe das Szenario aus, wenn man sich dazu verstünde, die Über-65-Jährigen alle und überall etwa 25 Prozent günstiger einkaufen zu lassen. Das hieße, dass die Alten Preise zugebilligt bekämen, die als Kalkulationsquoten nur noch Grenz-kosten benützten. Nicht mehr als gerecht wäre es dann, wenn man die Renten um ein Drittel absenkte. Die Höhe der Beiträge könnte angepasst werden. Und auch hier bekämen die Beitragszahler wieder mehr Luft, Zuwachs bei der Kaufkraft. Und wieder gemach! Leider kämen die Bereitsteller von Gütern nicht darum herum, ihre Preise für die Noch-nicht-65-Jährigen nun nicht mehr mit den bisherigen Durchschnitts- oder Vollkosten zu kalkulieren. Sie wären gezwungen, Fixkosten, die bislang auf den Gütern lagen, die die Alten zu Mittelpreisen erwarben, auf den Absatz an die Jungen umzupolen. Wieder wären die Vorteile der Beitragsabsenkung dahin.

  Obzwar hier mit dem Stoff unschön umgegangen wurde, ist doch deutlich geworden, dass die Alten viel günstiger versorgbar sind als befürchtet. Auch ist zu fragen, ob denn dem Beitragszahlerschwund diejenige Bedeutung zuzumessen ist, wie es geschieht. Wenn akzeptiert wird, dass es möglich ist, auf Grund der technischen Sklavenschar das Ausmaß der Güterproduktion aufrecht zu erhalten obwohl die Zahl der Arbeitenden und damit Beitragszahler abnimmt, dann kann deren Einkommen entsprechend erhöht werden, so dass es ihnen möglich ist, auch höhere Beiträge zu verkraften. Allein, diese Möglichkeiten zu Einkommenszuwächsen sollten halt auf breiter Basis gestreut werden und nicht nur in die Taschen enttäuschend häufig unfähiger Manager wandern. Ebenso kann auch der Ruf nach geförderter Zuwanderung leiser hallen, denn deren Volumen ist ungefördert auch schon ganz beachtlich, wobei betont sei, dass bei letzterer eine Menge menschlich relevanter Motive dahinter stehen und zu akzeptieren sind.

  Auch die Diskussion über Familienförderung kann entsozialisiert werden (Familie = Produktion von künftigen Beitragszahlern und Erhaltern des Systems) und projiziert werden auf die Tatsache, dass Familien eben latent armutbedroht sind oder weniger dramatisch formuliert ins Hintertreffen geraten. Nicht aus der Schusslinie genommen sind Aspekte, die die Gerechtigkeitsfrage stellen insofern, als angesichts einer Doppelbelastung möglicherweise die Jungen im Vergleich zu den Alten stärker belastet werden. Das sollte Schub geben in Richtung Einführung einer privat veranlassten Altersvorsorge, vom Staat gestützt. Deren Ausmaß sollte auch nach wie vor an der Überlegung orientiert werden, ob allerneuest organisierte Lebensformen Gefahren schaffen für die Erhaltung der sozialen Zukunft oder anders herum die Frage provozieren, ob und in wie weit sie fähig sind, Nötiges zur Sicherung beizutragen.

Obskur

  Es gab Zeiten, da waren Zuwächse im Absatz der Produkte und bei den Gewinnen Normalität, wurden die Unternehmen nur einigermaßen ordentlich geführt. Dann kamen die schwierigen Zeiten. Konjunktureinbrüche verdüsterten Gegenwart und Zukunft.

Ein Gespräch mit einem Unternehmer kommt in Erinnerung. Er gestand verunsichert, dass er einen erheblichen Gewinneinbruch zu verkraften habe. Ich prophezeite ihm bessere Verhältnisse. (Diese Prognose hat sich für ihn erfüllt.) Aber geradezu heiter konnte man bei dem Gedanken werden, ihn fürs Erste trösten zu können. Schau, Du hast nicht etwa zwei Millionen Mark weniger verdient, sondern nur sechs Hunderttausender. Denn, hättest Du denn, dann wären an den Fiskus (damals) 1,4 Millionen abzuführen gewesen. Das leuchtete ihm ein. - Und unausgesprochen unterblieb der Hinweis auf noch andere Vorteilsaspekte, die ein hoher Gewinnsteuersatz bot: Das Luxusgefährt wurde dadurch ja erheblich verbilligt. Beteiligte sich doch der Finanzminister über die Afa am Kaufpreis.

  Soweit so gut. Nun ist Einiges nicht mehr so, wie es war. Das spüren etliche Autobauer mit Zuständigkeit für Luxusausführungen. Aber nun gar ist beabsichtigt, den Gewinnsteuersatz auf 35 % zu senken! Von jeder Kostenmark, die den Gewinn nicht mehr schmälert, bleibt ein höherer Anteil als seither übrig! Da lohnt das Kosten einsparen. Kosten sind aber Einkommen und Umsätze der zuliefernden Leistungserbringer. Wird jetzt die Wirtschaft vollends zuammen-brechen? Schließlich verliert das Stichwort "Abschreiben" an Relevanz.

 Die Schlussfolgerung, die hier unversehens gezogen wird, verschlägt einem den Atem. Wie, eine niedrige Steuer auf die Einkommen soll kontraproduktiv wirken? Das kann doch wohl nicht wahr sein. - Überlegen wir in Ruhe. Also, sicherlich werden Leistungen, die nur deswegen interessant wurden, weil sie es unter steuerlichen Beschaffungsaspekten waren, künftig kritischer gesehen werden. Entscheidend ist aber schließlich, dass nichtstaatliche Hände, erzielen sie denn durch vermehrte Anstrengung ein höheres Einkommen, mehr Geld übrig haben werden. Dieses Geld ist nichts anderes als Kaufkraft, eine Kaufkraft, die allerdings andere Wege nimmt, als wenn sie durch öffentliche Hände ginge.

  Wir kennen die verschiedenen An- und Einsichten, die herrschen, wenn es darum geht zu beurteilen, wessen Ausgaben mehr Nutzen stiften, diejenigen des Staates bzw. die Kommunen oder Privathände. Dabei ist die Frage ziemlich falsch gestellt. U. E. kann man den Nutzenvergleich ignorieren. Nutzen ist eh nur bedingt eine objektiv bewertbare Kategorie. Sagen wir es deutlich: Entscheidend ist die Wirkung, die von der Kaufkraftverlagerung ausgeht. Die Wirkung wird darin bestehen, dass der Antrieb zur Leistungserbringung eine Zunahme erfahren wird. Die Dynamik der Wirtschaftssubjekte wird gefördert. Jedes Wirtschaften ist mit Risiken behaftet. Und diese Risiken sind zwar nicht minder groß, jedoch, die Bereitschaft, sie einzugehen, wird zunehmen, weil ihre Bewältigung höhere Belohnung verspricht.

  Genau das ist es: Das Errichten von Arbeitsplätzen, als Risiko begriffen, wird weniger riskant. Alle weiteren Einsichten und Maßnahmen, die darauf abstellen, sollten ganz schnell kommen.

  Die Kuponschneider aber, die zu bequem sind, sich unternehmerisch zu betätigen, um in den Genuss des 35 %-Satzes zu kommen, die sollten kräftiger zur Kasse gebeten werden als bisher. Leute, die bislang, gleich nicht mehr, ihre 6000 Mark steuerfrei einsteichen konnten, sind schon deshalb nicht gemeint, weil solch arme Schlucker nicht noch zum risikoreichen Selbständigsein gedrängt werden dürfen.

Sachverstand (1997)

  "Warum immer weniger Arbeitsplätze, Herr Dormann?" - das FAZ-Magazin (894) hat ihn unter diesem Rubrum "interviewed". Schlussfrage: "Sehen Sie schwarz für dieses Land?" - Teilantwort: "Wolfgang Schäuble hat vor kurzem gesagt, dass die Deutschen 45 Milliarden Mark für den Urlaub iim Ausland ausgeben. Nun nehmen Sie - wissend, dass dies gegen die reine Lehre ist und bloß ein unrealistisches Gedankenspiel - folgendes Szenario: Wenn diese Summe im Schwarzwald und an der Ostsee ausgegeben würde ... was meinen Sie, wie dies für unsere Wirtschaft als Multiplikator wirken würde."

 Verstoß gegen die reine Lehre, unrealistisch! Natürlich, denn welche Gründe sollte es auch geben, dass die Leute nicht mehr im Ausland Urlaub machen. Aber das stört gar nicht. (Gegenwärtig, um die 2014, gerät Deutschland wegen seines immensen Leistungsbilanzüberschusses ins Kreuzfeuer der Amerikaner und der Europäischen Kommission. Sie importieren zu wenig. Urlaub im Ausland ist aber Import.) - Im Zusammenhang mit der Entwicklungshilfe - auch hier fließt Geld, Kaufkraft, statt ins Inland (neue Länder?) ins Ausland - wurde im BF IV/94 folgendes dargelegt, ansprechend Klagen aus der Wirtschaft, weil die Entwicklungshilfe nicht mehr am Nutzen, der für unsere Wirtschaft entsteht, orientiert wird, sondern an der Notwendigkeit der Linderung der weltweiten Armut:

  "Bei der direkten Entwicklungshilfe darf ein deutsches Unternehmen Anlagen welcher Art auch immer liefern. Das wäre dann alles. Viel mehr bei der indirekten Methode, weil: Das Projekt X verlangt nach dem Installationsgut Z. Es wird in England gekauft. Der Projektträger erwirbt Pfund und bezahlt. Der Pfundverkäufer besitzt jetzt DM; er wird sie weiterverleihen, weitergeben. Die DM wandert durch eine Kette von Wirtschaftssubjekten, so lange, bis sie von jemandem erworben wird, der in Deutschland die Ware K kaufen will." "Wichtig ist zu erkennen, dass die Kaufkraft nicht untergegangen ist."

  Die Milliarden, die Urlauber im Ausland ausgeben, kommen allemal wieder zurück. Teilweise landen sie sogar im Schwarzwald, bezahlen etwa Engländer ihre dortige Nächtigung, mit Geld, die ein Deutscher im schönen Cornwall ausgegeben hat. Man muss erkennen, dass Auslandsurlaub nichts anderes als Leistungsimport ist. (Eben!).

 Aber es ist notwendig, zu generalisieren, denn der € steht vor der Tür. Dann ist es aus mit dem Umtausch von DM in Francs, in Lire. Denken in Extremen verhilft zum Verstehen. Angenommen, ganz Deutschland importiert nichts mehr, exportiert nur noch. Dann häufen sich hier EURO-Berge. was machen mit dem vielem Geld? Das hatte man schon einmal im 17. Jahrhundert unter Colbert, dem Minister des Sonnenkönigs Ludwig IV. Gold ins Land! Gold außer Landes, um Bündnisse zu stützen. Merkantilismus. (Heute EURO nach draußen, Forderungen haben, Export finanzieren!)

  Wer die Kaufkraft sich im Lande ansammeln lässt, fördert die Inflation, verzichtet auf preisgünstigen Einkauf im Ausland, setzt die wohltätigen Wirkungen des Gesetzes der komparativen Kosten außer Kraft, kauft teuer produzierte Inlandswaren.

  Noch weiter Kommentare? Ja! Denn man muss wissen, wer als Denkspiel die angeblichen Vorzüge formuliert hat, die sich daraus ergeben würden, wenn die Deutschen in Deutschland blieben. Herr Dormann ist Vorstandsvorsitzender der Hoechst AG. (Die es nicht mehr gibt.) Wundert es einen, dass Deutschlands Großkonzerne immer mal wieder (damals wie heute noch!)  in Schwierigkeiten geraten, wenn Leute mit einem solch eingeschränkten Durchblick an deren Spitze stehen? Uns wundert es nicht.

 

Erblast Ostländer (1993)

(Noch bis 2020 läuft der "Solidarpakt Ost." Länderfinanzausgleich spezial. Das Thema ist also nach wie vor virulent.)

  "Bei den Erblasten der DDR geht es vor Allem um die Schulden der Treuhandanstalt von etwa 250 Mrd. Mark, des Kreditabwicklungsfonds von 140 Mrd. Mark und der Wohnungswirtschaft von 52 Mrd. Mark" - so eine Zeitungsnotiz zum Bundeshaushalt 1993. Addieren kann der Leser selbst, nur sollte er nicht so naiv sein zu glauben, dass die "Erblast" sich damit erschöpft. Vielmehr führt eine (Gewichtungs-)Einengung auf diese drei Posten in die Irre, denn zur Erblast zählen alle Transfers, die seit der Vereinigung notwendig wurden und in den folgenden Haushalten weiterhin erscheinen werden. Von einer weiteren Zahlenjongliererei soll abgesehen werden. Wir können uns nicht dagegen wehren: Manchmal vergleichen wir den Transfer mit dem riesigen afrikanische Fluss Cubango/Okavango, dessen Wasser im (Binnen-)Ngamiland versickern und verdunsten, vorher allerdings eine einmalige Naturlandschaft hervor bringt. Gestanden sei, dass das Bild einigermaßen schief ist, denn auch bei den anderen Flüssen, die ins Meer münden, kann kein Auge den Verbleib verfolgen. Lassen wir das Auge also beim Okavango nicht aujf dem Versickern und Verdunsten verharren, sondern beim Stück bezaubernder Natur. Und darum geht es auch bei unserem Transfer. Es soll also nicht ins Jammern ausgebrochen werden, denn schließlich ist die Hilfe notwendig. Was stört, ist der uns (nur dem Autor?) fehlende Überblick, wohin denn die guten Gelder versickern. Sagt da jemand, wir sollen uns den Überblick durch entsprechende Studien eben verschaffen? Z. B. durch Zeitung lesen.

Aber selbst wenn man zwei Zeitungen, eine regionale und eine Überregionale liest, bleibt man trotzdem unwissend. Noch mehr sich umsehen? Wir weigern uns, haben anderes zu tun. Um was es geht: Der Autor ist nach Dresden gefahren und hat mitbekommen, dass die Autobahn von Hof nach dort und Görlitz fein herausgeputzt, will sagen, fast von Grund auf neu ausgebaut wird. Wird ja auch nötig sein, wenn man eine im Vorkriegsstadium belassene Magistrale up to date bringen will. Und das hat gefreut. Das Auge sah, dass etwas geschieht. Das ist der springende Punkt. Ein Beispiel nur, auf weitere Aufzählungen soll verzichtet werden. Wohlbemerkt, die Freude beschränkte sich nicht nur auf das Entstehen. Viel mehr stellte sie ab auf das Bemerken, dass mit dem Westgeld etwas Vernünftiges, etwas Gegenwertiges bewirkt wird. Dem Ostbürger kann es gleichgültig sein, ob sich der Westler mehr über das eine oder aber das Andere freut: Es ist an ihm, dem Sachsen, sich - auch - über die neue schöne Straßenverbindung zu freuen. So weit wäre alles in Ordnung. Hier Transfer, dort - bemerkte - Investition. Man mache sich bewusst, dass das Wort Investition für Arbeitsplätze steht!

  Uns missfällt, dass die Regierenden es versäumen, dem Steuerzahler aufzuzeigen, welcher Anteil des Transfers in Investitionen fließt, welcher in den Konsum, wobei  "der Konsum" nicht von vornherein negativ besetzt ist! Schließlich können wir im Westen nicht weiter so schlemmen und die anderen darben lassen. Aber informiert werden möchten wir über die Relationen, wenn schon die Einzelauflistung nach Posten irreal sein mag. Wer bei den Westdeutschen Konsens über die Hilfe produzieren will, muss eine andere Verdeutlichungspolitik betreiben. Nur so kann der Transfergeber am Aufbau Ost "teilnehmen". Er will das nicht nur bemerken an höheren Steuerabzügen. - So wäre es auch interessant zu erfahren, was denn von den obigen 450 Mrd. der Rubrik "Investition" zugeordnet werden kann. Und: Was finanzieren denn nun so nach und nach die neuen Bundesbürger in eigener Regie? Darf man danach überhaupt fragen, ohne dass man in einen scheelen Ruch gerät?

 Wir sagen es eiskalt: Mit Moral allein wird der Aufbau Ost nicht gelingen. Die marktwirtschaftlichen Zukunftsaussichten müssen alsbald positiv aussehen. Ostdeutschland (eigentlich Mitteldeutschland) muss es nicht deshalb bald besser gehen, damit es den Menschen dort ebenso schnell gut geht, was immer darunter verstanden wird. Vielmehr müssen die Investitionen dort greifen, damit die neuen Länder zum Wirtschaftsfaktor werden, wobei das nur geschieht, wenn dort Kaufkraft entsteht. Kaufkraft entsteht nicht auf einem Markt, sondern auf tausenden von Märkten. Für jedes Produkt gibt es einen, wenn nicht, dann muss er geschaffen werden. Wie? Durch Verkaufen! Verkaufen können nur Verkäufer, nicht die Politiker, die Buchhalter, die Konzernbosse und was der Nichtverkäufer mehr sind. Eine Wirtschaft lebt vom Verkaufen, nicht vom Einkaufen. Es ist müßig, diesen Satz semantisch zu hinterfragen: Er stimmt absolut in dem Sinne, wie er gemeint ist. Auch hierzu gibt es eine Erblast ... 

 

Selbständig, keine Rezepte (2006)

  Wie geht man die Selbständigkeit an? Es gibt keine Rezepturen, die den Erfolg garantieren. Es gibt verschiedene Arten von Gründern. Da sind Arbeitslose, die es ums Verrecken (so!) nicht in eine Anstellung schaffen. Auswandern? Den Sprung in die Selbständigkeit versuchen? Anderen stinkt im wahrsten Sinne das Leben in der Abhängigkeit von einem Arbeitgeber. Für wieder andere kommt aus Gründen des Selbstverständnisses gar nichts anderes in Frage als das Auf-eigenen-Beinen-Stehen. Ganz Glückliche erben die Selbständigkeit. Die schlechtesten Aussichten haben diejenigen, für die die Unabhängigkeit ein ewiger Traum ist. Kein Erwachen in einer realen Selbständigkeit. Die Auflistung mag unvollständig sein, aber ein Typus muss noch erwähnt werden: Er/sie hat eine Idee, von deren Umsetzbarkeit oder Verwirklichung er/sie überzeugt ist, sei es aus Besessenheit, sei es aus dem Wissen heraus, dass man etwas zu bieten hat, dass man "es" können, dass man es notfalls lernen wird. Ich werde mich durchbeißen, sagt er/sie sich.

  Es gibt Anläufe, etwa dass man ein Einzelhandelsgeschäft eröffnet. Wenn es so weit ist, dann wird darauf gewartet, dass jemand kommt, der einmal die Schwelle überschreitet und schließlich noch mit etwas Gekauftem wieder hinaus geht. Bei solchen Anläufen werden die Gesichter meist schnell immer länger. Und ebenso schnell muss man den Laden wieder dicht machen, nun aber mit einem Schuldenpaket auf dem Buckel. Wer glaubt, mit Werbung könne man solche Schwierigkeiten meistern, irrt. Selbst ein teuer errungener Bekanntheitsgrad ist keine Erfolgsgarantie. Vor der Eingliederung eines Einzelhandelsgeschäftes in das Kaufverhalten der Konsumenten bedarf es des Eingeführtseins. Dabei handelt es sich um einen jahrelangen Prozess, um nachhaltiges kundengerechtes Management. 

  Im Handwerk sind jedoch Fälle zu beobachten, bei denen der Erfolg vom Start weg eintritt. Das Eintrittstor sind Ausschreibungen oder Funktionsträger, die Aufträge "verteilen", etwa die Architekten. Wer hier perfekte Arbeit liefert, preislich günstig platziert ist, wird schnell weiter empfohlen.

  Bei der Realisierung einer Produktidee werden sich die Dinge viel schwieriger entwickeln als gedacht. Wenn es sich allerdings um etwas handelt, auf das jedermann gewissermaßen latent gewartet hat, dann gilt das nicht. Aber sonst! Die Masse der potentiellen Käufer mobilisieren als erstes nicht etwa Interesse, sondern Alibigründe, die es rechtfertigen, alles beim Alten zu belassen. Der Leser hat sicherlich schon von der Klage gehört, dass z. B. die Umsetzung von Produktideen, die an Hochschulen geboren werden, in unverständlicher Weise zäh verläuft. -  Ist ein Produkt intensiv erklärungsbedürftig, ist ein Kraftakt notwendig, beim Ansprechpartner die Bereitschaft zum Aufnehmen und Nachvoll-ziehen des Vorgetragenen (!) zu mobilisieren. Ganz arm dran sind Erfinder, die ein Unternehmen gewinnen wollen, ihre Erfindung zu vermarkten. Die Ansprechpartner wollen sich möglicherweise vor dem Vorwurf schützen, nicht schon längst selber auf die angebotene Lösung gekommen zu sein. Patentschutz ist entscheidend wichtig. Es gibt Beispiele.

  Überhaupt der Ideenklau! Er wird anschaulich gemacht durch eine Fülle von Beispielen. Von den Produktplagiaten der Chinesen wollen wir hier gar nicht sprechen. - Da gibt es einen Übelstand, der als solcher von Nachahmern erst erkannt wurde, nachdem er mittels eines erfolgreichen Produktes ausgeräumt werden konnte. Der Nachahmer sieht die Möglichkeit, am neuen Marktsegment zu partizipieren. Das neue Produkt wird genauestens analysiert. Dann wird untersucht, ob etliche Produktkomponenten durch Modifikationen ersetzt werden können. Wenn ja, ist ein evtl. Patentschutz aushebelbar. Ideenformen gibt es unzählige. Jede Idee wird früher oder später in abgeänderter Version nachgeahmt - Raubkopien seien wie gesagt außen vor gelassen.

  Diese Nachahmerei ist nicht durchgängig negativ einzustufen. Der Kartoffelknödel ist ein prächtiges Beispiel. Als er in der Form des Fertigprodukts auf den Markt gebracht wurde - war es Pfanni? - dümpelte er so dahin. Dann folgten andere aus der Nahungsmittelbranche. Diese geballte Produktpräsentation überzeugte schließlich. Also: Konkurrenz belebt das Geschäft, wie man so sagt. Aber die Projektion ist wichtig. Modeformen! Sportarten! Mobilitätsüblichkeiten!

  Beim Selbständigmachen kommt es u. U. auch darauf an, ob man die Aufgabe allein oder zu mehreren mit sich ergänzenden Qualifikationen anpacken soll oder kann. Die Partner muss man ganz genau kennen, sonst droht böses Erwachen. Besonders mit dem Verkaufen, mit dessen Technik und Anforderungen tun sich viele Erfinder schwer.

  Da hat ein mutiger Unternehmensstarter ein gutes Produkt. Er macht selbst Verkaufsreisen. Aber die vielen zähen Informationsgespräche, das mühselige Anfahren der potentiellen Abnehmer, das Ausbleiben des sofortigen Auftrags ja, das Beibehalten des alten, machten ihn schnell mürbe. Es schien, als müsse es beim Probieren bleiben. Da gab es einen entscheidenden Kontakt mit einem Vertreter, der schon lange Jahre bei allen einschlägigen und potenten  Methodenanwendern eingeführt war. Dem gefiel das in jeder Beziehung perfekte Produkt und von da an ging es nur noch aufwärts. 900 Mitarbeiter, größter Gewerbesteuerzahler vor Ort heute. Seine Mitarbeiter betrachtet er als völlig gleichrangig. Denn ohne sie wäre er gescheitert. Die meisten der Mitarbeiter sind übrigens als Lehrling eingestellt worden! Eine der wichtigsten Unternehmerqualifikationen ist das Aufspüren von guten Mitarbeitern.

  Zuletzt: Wer über etwas Kapital verfügt, der kann einen bestehenden Betrieb erwerben oder sich an einem beteiligen.

  Man kann die vielen Möglichkeiten zum erfolgreichen Start nur beispielhaft skizzieren. Wichtig erscheint folgender Appell: Wenn schon jemand eine Lehre mit Erfolg abgeschlossen hat, nicht übernommen wird und - wegen einer desolaten Wirtschaftslage - Gefahr läuft, in Arbeitslosigkeit schon in jungen Jahren verharren zu müssen, dem sei geraten, den Schritt zur Selbständigkeit und sei diese noch so mickrig per Anfang, zu wagen. Ein anfängliches Scheitern hat gar nichts zu bedeuten, denn der Zweit- und Drittanlauf bringt neue Aspekte und Möglichkeiten. Im Übrigen gibt es ja auch Hilfestellung, z. B. von der IHK oder Handwerkskammer. Nur: Wenn die Hilfe von Nichtunternehmern erbracht wird, dann wird hier ein solches Angebot für fragwürdig gehalten. Wer glaubt, dass ein Unternehmen erfolgreich gestartet werden kann mit der Aufstellung von "Geschäftsplänen", mit der Beibringung von Kenntnissen im Umgang mit Behörden, von der Erkundung von 'Bedarfen', Schulung in Verwaltungsdingen u. a. . m. - der wird auf die Nase fallen, wenn er sich nicht das Verkaufen zutraut. Gemeint ist nicht so sehr das Anpreisen, sondern das Formen seiner Persönlichkeit, deren Darstellung, deren Überzeugungs- oder Argumentationsfähigkeit, deren Selbstbewußtsein, deren Ausdauer, deren Wille, deren Fleiß, deren Phantasie, deren Standfestigkeit, deren Umgang mit Menschen, vor allem mit solchen, die meist nichts kaufen wollen - alles spontan niedergeschrieben wie eingefallen. Wenn 95 % von Werbekontakten im Nichts landen, dann ist dies viele Male das Normale.

  Den Entschluss zur Selbständigkeit kann man eigentlich nicht von jetzt auf nachher fassen. Schon an das Sich-damit-befassen-Wollen muss man sich langsam herantasten. Die meisten Menschen haben eine Barriere oder gar Sperre zu überwinden. Schließlich handelt es sich bei dem Vorhaben um einen Sprung ins Ungewisse. Gedanken an die eigene Selbständigkeit kann man ein ganzes Berufsleben hegen, auch schon sehr früh, wenn sich etwa das Ende der Lehrzeit abzeichnet und Unsicherheit darüber besteht, ob man denn übernommen oder in eine rauhe Wirklichkeit geworfen wird. Wichtig ist, dass man während der Ausbildungszeit so oder so zum Fachmann geworden ist.

  Das Sich-Annähern verlangt stetes Durchdenken von Möglichkeiten. Es macht nichts, wenn man schon bei ihrem Andenken stecken bleibt, weil man erkennt, dass man allsogleich in einer Sackgasse landet. Die nächste bitte! Man habe hemmungslos Visionen! Die Gedankengebäude müssen einem allmählich vertraut und verinnerlicht werden. Sicher ist: entlang der Zeit zeigen sich laufend Änderungen der Sichtweisen, der Einfälle, des Durchdenkens. - Der Autor hat mit 16 für die Klasse - dilettantisch genug - eine "Klassenzeitung" redigiert, auch "gesetzt", sprich mit der Schreibmaschine getippt. Es war ein Umlaufexemplar. Um das Wichtigste dabei ging es damals noch nicht: um Umsatz. In der 12. Klasse unterbreitete er der "Quelle" (sie ist Geschichte) in Fürth  die Idee, mittels preiswert zu mietender bzw. erwerbbarer Filmrollen bzw. Heimvorführgeräte das Heimkino zu etablieren. Fernseher und Videogeräte gab es damals noch nicht. Für Quelle lag die Idee so weit außerhalb ihres Denkens, dass man nichts mit ihr anfangen konnte.

Turbulenzen im EWS (EURO-System) (1993)

(Der Aufsatz betrifft noch DM-Zeiten. Der Inhalt ist aber auch für €-Zeiten relevant, wenn an die Stelle der Bundesbank die EZB gesetzt wird und die €-Zone zur übrigen Welt.)

 

   Wir erleben es: Vor Einführung der Europäischen Währungsunion laufend Abwertungen der schwachen Währungen der EG-Mitgliedsländer. Dabei ist die Deutsche Bundesbank unter Beschuss geraten, weil sie insbesondere die französische Partnerwährung stützte. Es erhebt sich die Frage, ob Transaktionen gegen Währungsspekulanten (wie vertraut uns das 20 Jahre später ist'!) (Stützungskäufe) zugunsten befreundeter Fremdwährungen dem deutschen Steuerzahler, der deutschen Wirtschaft, der Bundesrepublik Nachteile bringen. 

  Was passiert(e) eigentlich? Was ist Ausgangslage? Die Bundesbank macht Gewinne oder Verluste aus den ihr obliegenden Tätigkeiten. Da sie die Gewinne an den Fiskus abliefert, ist es von Bedeutung, ob diese Gewinne hoch, niedrig oder gar negativ sind. Und: mögliche, aber nicht gemachte Gewinne sind auch Verlust.

  Es stellt sich heraus, dass vereinbarte Währungs(austausch)Relationen nicht mehr den allgemeinen wirtschaftlichen und zwischennationalen Gegebenheiten entsprechen. Das Korsett reißt irgendwann durch die Übermacht der weltweit wirksamen Marktkräfte. Die Spekulation wird tätig. Auf dem Währungsmarkt wird ein neues Gleichgewicht angestrebt. Die hohe Politik eines Landes mit der Währung X beurteilt die Lage anders, entgegengesetzt zur Meinung der Spekulation. Sie hält dagegen. Sie nimmt aber solche Ausmaße an, dass dieser Notenbank die Luft auszugehen droht. Sie verfügt nicht über genügend Vorräte von der Währung, in die die Spekulation flieht, hier in die DM. In dieser Situation gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder man gibt der Spekulation nach oder man fordert Hilfe von der Deutschen  Bundesbank an.

  Was tut die Spekulationsszene genau? Verfügungsfähige über eine nichtdeutsche Währung X beginnen unter Einsatz von Unsummen diese X-Währung zu verkaufen, weil sie befürchten, dass der Wert ihrer Verfügungsvolumina in Kürze in welchem Maße auch immer abnimmt, weil hohe Politik die fixierten Wechselbandbreiten zu ihren Ungunsten verändern wird, weil dem Druck des Marktes nicht mehr standgehalten werden kann.

  Dem wollen sie zuvorkommen. Sie wollen heraus aus ihrer akut gefährdeten Währung und in eine andere über-wechseln, zum noch günstig erscheinenden (im Vergleich zum alsbald geltenden höheren) Kaufkurs für die DM. Die Käufer von DM wissen, dass ihr Angebot (wie sehr es letztendlich massiert sein wird, weiß die Angebotsseite der X-Währung noch gar nicht), deren Kaufpreis in die Höhe treiben, also die X-Währung abwerten wird. Es ist sogar zu befürchten, dass dies in kräftigem Maße geschieht, wenn auf der anderen Seite (den potentiellen X-Währungskäufern) wenig Kaufpotential vorhanden ist, das X-Angebot aufzunehmen. Aber man hat die Hoffnung weniger zu verlieren, als dies nach der erwarteten offiziellen Abwertung geschehen wird. Niemand gebe sich der Meinung hin, dass da Spekulanten mit dunklen Absichten an den Strippen ziehen, um den Wert derjenigen Währung zu drücken, über die sie verfügen, nur um bei einem Tauschvorgang in die stärkere Währung Kasse zu machen. Das hätte zur Voraussetzung, dass ein Gelingen garantiert ist. Das Risiko ist um so größer, je weniger echter wirtschaftlicher Bedarf an einer Korrektur der Tauschrelation besteht.

  Durch das sich ballende X-Währungsangebot sinkt der Wert der X-Währung unter den Interventionspreis, demjenigen Preis, der die zuständige Notenbank dazu verpflichtet, das drängende Angebot voll aufzunehmen, den Markt zu entlasten. In einer solchen heiklen Situation entsteht, ob volkswirtschaftlich sinnvoll oder nicht, insbesondere für die Deutsche Bundesbank als Hort der Führungswährung ein wie auch immer zu beurteilender Druck, der X-Währungs-Notenbank beizuspringen, sofern nicht beabsichtigt ist, den offiziell fixierten Kurs nach reiflicher Abwägung doch noch den Erfordernissen anzupassen.

  Was geschieht? Die Bundesbank kauft die X-Währung (Stützungskauf), d. h. sie nimmt das auf den Markt drängende Angebot auf, in Orientierung an der Kursentwicklung. Auf der Aktivseite ihrer Bilanz wird der Posten X-Währung zum Anschaffungspreis eingestellt (bzw. beim dort schon vorhandenen Aktivposten entsprechender Zugang verbucht). Und auf der Passivseite schwillt in gleichem Maße das Notenbankgeld. Oder aber die Bundesbank stellt der zu helfenden ausländischen Notenbank entsprechend dimensionierte Kredite in DM zur Verfügung, so dass letztere in die Lage versetzt wird, das Spekulationsangebot aufzunehmen. Die Kredite werden in der Bundesbankbilanz als Forderungen ausgewiesen.

  Die Fremdwährungsverkäufer bekommen für ihre X-Währung gute Deutsche Mark, entweder wiederum konkret oder als Verfügungsmöglichkeit. Mark, die tatsächlich durch einen "Federstrich" entstanden ist. Die Spekulanten werden mit ihrer so erhaltenen DM etwas anfangen wollen; sie bringen sie in Umlauf. Das Geldvolumen in DM ist - analog der bewegten Summen - "durch einen Federstrich" urplötzlich aufgebläht worden, (es handelt sich um einen Geldschöpfungsakt), was, über entsprechende Nachfrage, die Inflationsgefahr verstärkt. Das künstliche Interventionsgeld landet früher oder später bei den Geschäftsbanken. Mit ihrem währungspolitisch wirksamen Instru-mentarium sammelt die Bundesbank bei diesen ihr Interventionsgeld wieder ein. Damit ist Waren- und Leistungspreis-Neutralität bewerkstelligt. (Was war das doch für eine schöne Welt! Heute: Wieder einsammeln? I wo. Das ist mittlerweile eine Aufgabe geworden, die man vor sich herschiebt. Merke: Das, was mit dem € geschieht, zeigt sich nur inflationsfrei, weil die europäische Konjunktur - nicht in Deutschland - immer noch darnieder liegt. Warten wir ab, bis es europaweit boomt!.)

  Diese Darlegungen beschreiben nur das Geschehen. Sie beantworten nicht die Frage, ob die Bundesbank duch solche Transaktionen Verluste erleidet oder Gewinne erzielt. Reziprok dazu steht die Frage, ob die Spekulanten reicher oder ärmer geworden sind. Dem Reicherwerden entspräche ein Verlust der Bundesbank, dem Ärmerwerden ein Gewinn - aber immer nur (denn hier handelt es sich ja um ein Zurechnungsproblem) was hier durch das Tätigwerden, das Eingreifen der deutschen Währungsbank an Verlust oder Gewinn "verursacht" wurde. Es muss jetzt auch außer Acht bleiben, was Währungsänderungen an Positivem oder Negativem in der Wirtschaft bewirkt hätten bzw. schließlich bewirken werden, je nachdem, ob interveniert wurde oder nicht.

 Ohne in die Internas der Geschäftsabwicklung der Bundesbank Einblick zu haben, kann aber doch wohl vorausgesetzt werden, dass die Schuldner der X-Währungsforderung der Bundesbank diese ihre Verbindlichkeiten zu verzinsen haben, was die Ertragsseite postiv beeinflusste. Abgesehen davon, kommen wir jetzt zum entscheidenden Punkt: Was passiert mit dem Wechselkurs nach der Intervention. Hatte sie Erfolg, was meint, hat sie den Markt beruhigt, hat sie die Spekulanten davon überzeugt, dass der offizielle Austauschkurs, der Interventionspunkt, auch künftig nicht geändert wird, dass also der Spekulationsgrund irrelevant war, dass die Befürchtungen gegenstandslos wurden, dann wird der Währungstauschkurs stabil bleiben. Die DM-Besitzer werden wieder, wenn sie Anlass dazu haben, in die X-Währung zurück kehren, damit den Kurs weiters stabilisieren. Unnötig zu viel eingesetzte X-Währung beim Spekulationskauf der DM wird der Spekulant selbst verkraften müssen. Die Bundesbank wird ganz allmählich, um den Tauschpreis  nicht andersherum zu gefährden, ihre aufgehäuften X-Währungspositionen  wieder abbauen. Die DM, die sie dabei wieder einnimmt, haben die jetzigen X-Währungsverkäufer bei den Geschäftsbanken geholt. Bei diesen geht es enger zu. Und wenn die Bundesbank jetzt nicht wieder Geld in den Bankenkreislauf schleust, kommt es zu einem Deflationseffekt. Bei der Bundesbank selbst wird die Aktivseite niedriger, aber auch die Passivseite: Der frühere Zustand ist wieder erreicht.

  Wehe aber die Intervention misslingt! Wenn die Interventionswährungsbanken kapitulieren, damit aufhören, die X-Währung zu stützen, das Spekulationsangebot sich durchsetzt, wird nichts anderes übrig bleiben, als dass der abgesprochene offizielle Tauschkurs auf niedrigerem Niveau neu fixiert wird. Und jetzt muss die Bundesbank auf der Aktivseite ihrer Bilanz ihren Posten X-Währung wertberichtigen. Um diese Wertberichtigung vermindert sich ihr Gewinn aus ihrer Geschäftstätigkeit. Die misslungene Intervention kam also den Staat teuer zu stehen. Die lachenden Gewinner sind die Spekulanten, denn sie haben DM gekauft, für die sie nunmehr um den Abwertungssatz mehr X-Währung bekommen.

  So gesehen spekulieren nicht nur die Spekulanten, sondern auch in unserem Beispiel die Bundesbank. Wer gewinnt, hat gewonnen, wer verliert, hat verloren. Wer dies ist, ob die Bundesbank, ob der Staat, ob die Bürger - eine Antwort darauf ist müßig.

  Wenn des Weiteren in der Diskussion mutmaßt wurde, dass derartige Interventionen auch im realwirtschaftlichen (sprich Waren- und Leistungs-)Bereich Auswirkungen zeitigen, so kommt es darauf an, wie langsam oder wie schnell die Bundesbank ihre Neutralisierungsmaßnahmen nachschiebt. Die erste Auswirkung im zeitlichen Ablauf, die Geldaufblähung, wird den Geschäftsbanken wohl vorübergehend Vorteile bringen, denn schließlich werden sie flüssiger, was Zinserträge bringt. Die alsbald einsetzende Geldabschöpfung wirkt als Korrektur.

Bleibt zu fragen, was es dem internationalen Handel bringt, wenn Interventionen das freie Spiel der Marktdaten ausbremsen.  Wird die Aufwertung der DM nachhaltig vermieden, freut sich die exportierende deutsche Wirtschaft, weil ihre Leistungen fürs Ausland nicht teurer werden, ebenso die importierende X-Währungswirtschaft. Die Möglichkeit, den deutschen Import zu verbilligen, den Export der X-Währungswirtschaft zu erleichtern, wurde aber auch hingegeben.

 Ließe man der Spekulation freien Lauf, sänke der X-Währungskurs überdimensional, aller Einsicht nach, was dann nicht schlimm wäre, bewirkte der Niedrigkurs entsprechend hohe Nachfrage nach der X-Währung. Sie triebe den Tauschkurs wieder in die Höhe. Bekanntlich gibt es auch Spekulation à la Hausse.

  Wenn sich aber offensichtlich doch alles wieder von selbst einrenkte, warum dann Intervention? Ja warum? Nun, da muss der Leser die Interventionisten fragen und sich mit ihren Antworten zufrieden geben oder auch nicht. Den Autor würde interessieren, ob sie auch dann zu Interventionen griffen (deren Risiken haben wir heraus gearbeitet), wenn sie die Verlustgefahr auf ihre höchsteigene Kappe nehmen müssten? Oder macht die Möglichkeit, Verluste auf die Allgemeinheit abwälzen zu können, nicht doch risikofreudiger? Verluste, die die Allgemeinheit treffen, tangieren sie nicht auch das Volumen an Arbeitsplätzen???
 

Euro-Geld (1992)

 Ist man europafeindlich, wenn einen ein flaues Gefühl im Magen beschleicht, denkt man an den  bevorstehenden Abschied von der Deutschen Mark - fast hätten wir "gute" geschrieben, aber das stimmt ja zur Zeit auch (fast) nicht mehr, erlebt man die Preissteigerungswelle. Aber der Name ist es halt. Und selbst als Deutscher weint man ein wenig dem alten Pfund nach, dem Gulden etc. Schon lange trugen wir uns mit dem Gedanken, in einer Glosse vorzu-schlagen, den Europäern nicht ihre Währungen, sondern ihre Geldnamen zu belassen und glaubte, damit als einziger das Ei des Kolumbus gefunden zu haben. Aber dann gingen ähnliche Überlegungen durch die Presse, etwa der Art, dass auf der Rückseite des ECU der Altname prangen dürfe. Wir haben es aber ganz ernst gemeint, auf den ECU zu verzichten, statt dessen vorschlagen wollen, die Kurse der alt-europäischen Währungen unverrückbar auf 1 : 1 : 1 etc. zu fixieren. Mit Vergnügen hätte ich beim Bäcker eine Pfundnote aus meinem Geldbeutel herausgezogen, um einen Brotlaib zu bezahlen - was für ein europäisches Geld ich auch in der Geldbörse gefunden hätte, fürs Bezahlen hätte es nur einen Preis gegeben. 

  Aber die Dinge werden ihren Lauf nehmen. Es gibt Leute, viele Fachleute darunter, die eine Menge Haare in der Suppe finden. - Allen Ernstes: Ein Journalist schreibt das Menetekel an die Wand, dass bei fehlendem Kursausgleichsinstrument wieder wie in alten Zeiten Arbeitskräfte zu wandern beginnen bzw. dass die bisherigen europäischen Zahlmeister noch mehr ihre Taschen zugunsten der letzten Schiffe im europäischen Geleitzug leeren müssten. Die Analyse hierzu fehlte allerdings. Wir wollen das versuchen in aller Kürze:

  Als Gegebenheit wird gesetzt, das die Wirtschaftskraft der Euroländer auch weiterhin differenziert sein wird. Eigentlich ist das nicht ganz einzusehen, denn wir halten auch den Italiener und Portugiesen u. a. für gleich fleißig oder gar fleißiger als den Deutschen, ohne jemandem nahe treten zu wollen. Am Fleiß liegt es nicht. Ein gewisses wirtschaftliches Gleichgewicht wird sich einstellen - müssen - über das Preisniveau, ausgedrückt in ECU. Das Gesetz der Komparativen Kosten wird sich noch wirksamer bemerkbar machen - in zwiespältiger Weise: Entweder das mit dem unterschiedlichen Preisniveau funktioniert, mit der Tendenz zur Anpassung entlang der Zeit, dann wird auch in die fernen Ecken Europas die Vollbeschäftigung einziehen. Es entstehen lukrative Arbeitsplätze, sofern nur die Verkehrs- und Transportstruktur vorher gelöst wird. Oder es funktioniert nicht. Es wird nicht funktionieren, wenn einer der wichtigsten Preise, entgegen aller Vernunft, durch Kartellmacht in die Höhe gedrückt wird ohne Rücksicht auf die Produktivitäts-fortschritte, die dort erzielbar sind. Wir erleben das jetzt bei der Eingliederungsaufgabe der neuen Länder Deutschlands. Wir meinen den Lohn. Allzu viele Politiker und Nichtpolitiker werden von der himmelschreienden Ungerechtigkeit zu reden beginnen, die darin liegt, dass nicht überall in Europa für die gleiche Arbeit der gleiche Lohn gezahlt wird. Nun, eigentlich haben sie ja recht, es ist ungerecht. Aber es ist dann nicht ungerecht, wenn es sich dabei um ein Übergangsstadium handelt. Das unterschiedliche Wohlstandsniveau in Europa kann nur langsam verschwinden. Es wird noch Generationen dauern. 

 Für deutsche Unternehmer wird es noch leichter werden, anstatt in Deutschland Arbeitsplätze zu schaffen, dies in Portugal zu tun. Der Wohlstandsausgleich wird sich nicht nur dadurch manifestieren, dass die relativ unentwickelten Länder nachziehen. Vielmehr wird auch die Lokomotive gebremst werden. Aber eines ist tröstlich: Jeder Wohlstandszuwachs in der Armenzone um uns herum wird eines Tages sich auch bei uns positiv auswirken. Nichts ist fördernder, als wachsender Reichtum bei unseren Nachbarn, weil wir davon als Verkäufer profitieren.

  Doch angesichts der unterschiedlichen staatlichen Disziplin beim Umgang mit Geld - demjenigen des Steuerzahlers - wäre uns lieber gewesen, wenn dem Eurogeld eine Trainingszeit vorausgegangen wäre, wie gesagt mittels der Fixierung der Währungskurse auf 1:1:1:... 

Europa, das gemeint ist (1997)

(Als diese Abhandlung verfasst wurde, hatte niemand eine Vorstellung darüber, was in den vergangenen 15 Jahren alles ablaufen würde. Da jeder über das Geschehene Bescheid weiß, kein Kommentar. - Jedoch: wir leben jetzt in einer Zeit, da in den Medien immer öfter Überlegungen abgehandelt werden, was denn nun passieren soll - weiter so oder ein völliger Neuanlauf? Und: Ist nicht die Entwicklung in Schottland eine Metapher für Europas Zukunft? Und nun gar der Brexit! Aber die Schotten!)

 

  Europa - man könnte ins Träumen geraten - oder auch nicht. Das Europa der Träume, jeder träumt seine Gestalt anders. Das andere, das nüchterne, das, sich oft noch quälend, entstehen will - aber entstehen, ist das eine korrekte  Bezeichnung oder gab es das Europa, das nüchterne und das erträumte, nicht schon vor tausend und mehr Jahren? Oder schon immer? In Ansätzen? In Teilen? Etwas anders? Oder: in bestimmter (aber nur Teil-) Hinsicht grundsätzlich anders? Wenn ja, leuchtet es denn ein, dass sich das moderne so schwer tut mit seiner Geburt? Wo doch möglicher-weise Vieles schon vorhanden ist? Europa, nicht nur eine Vereinigung von Nationalstaaten, sondern etwas Neues, ganz Anderes, oder doch nur letztlich mehr oder weniger Bekanntes, Gewohntes, nur Größeres und Komplexeres in seiner Verfasstheit?

  Wenn schon der Blick zurück, - was ist anders gegenüber der Zeit, da ein Charlemagne herrschte, da noch Frühere in gemeinsamer Anstrengung die Sarazenen beii Tours und Poitiers, Spätere die Mongolen an der Liegnitz zurück schlugen, da Polen und Deutsche, vor Wien unter damaliger Sicht Europa retteten. Oder da Baiern, Friesen, Germanen, Gallier, Hunnen, Normannen unter dem Namen "Franken" nichts anderes als frühe Europäer waren? Was ist anders, das geeignet ist, das große Europaziel zu gefährden? Ist es das Land, der Kontinent, sind es die Menschen, die Technik, Ideologien, Religionen? Und wenn all dies nicht, was dann?

  Das Land? Immer noch ist es das Land, das gegenüber dem Meer reich strukturiert ist. Immer noch sind die Wege zum Wasser kurz. Nach wie vor ist es für die anderen Okzident, ist es offen zum Osten. Noch vor Kurzem fürchteten die Europäer im Westen Raketen aus der asiatischen Weite. - Und die Menschen produzieren immer noch Modelle des friedlichen Zusammenlebens, nach so viel Irrwegen, innereuropäischem Irrwahn und teurem Lehrgeld. Architektur, Kunst und Ratio werden vom Insel- bis zum Gebirgsbewohner als zusammengehörend, verwandt, vertraut erlebt und empfunden. Die Menschen strömen hier hin und dort hin, schneller als damals und kein Romane, der einem Slaven oder Germanen begegnet, assoziiert den Andern als Exoten. 

  Die Technik entwickelt sich nach gemeinsamen Standards, um so mehr, als solche schon weltweit sich zu etablieren im Begriffe sind. Das Denken, das Glauben ist, was Vielfalt, Ausrichtung und Wurzeln anbetrifft, nach wie vor "europäisch-katholisch", katholisch nicht kurial verstanden sondern im Wortsinne.

Also, wenn nicht dies, was dann? Die Geschichte? Verlief sie nicht auch entlang vieler Zeitläufte total parallel? Wenn eine schwedische Hausmacht sich imperial ausdehnte, war solches Bestreben in Spanien oder Britannien denn nicht gleichfalls gang und gäbe? Und das gegenseitige Sich-die-Köpfe-einschlagen - einer, der Fernhandel betrieb, begegnete diesen Händeln im Westen, Osten, Norden, Süden. Kein Däne erachtete die Franzosen als Barbaren, weil diese ihre Ehrenhändel mit dem Degen ausfochten. Sie taten desgleichen. Eine Medici im französischen Königshaus, hanno-veranisches Blut bei britannischen Prinzen, alles völlig normal, ebenso Italiener als spanische Untertanen. 

  Bevor das entscheidende Hindernis für das Werden Europas benannt werden soll, vorab die letztlich entscheidende Prognose für Gebilde, absichtlich noch undefiniert, die ihrerseits als Gegenfrucht einer zuvor gewordenen langfristig untauglichen Verfasstheit vermutlich und hoffentlich wiederum nur als morbides Zwischenstadium entstanden. Diese Gebilde werden, je länger je mehr, als historische Teufelsfrucht erkannt werden, nicht nur deshalb, weil sie Voraus-setzung für unvorstellbar verheerende Kriege gewesen sind, sondern weil sie nach wie vor die Wohlfahrt der Menschen insgesamt zu beschädigen in der Lage sind. Es handelt sich um Dinosaurier, die zum Absterben verurteilt sind, aller-dings in nichts an eine obsolete kommunistische Doktrin erinnernd. 

  Stammesfürstentümer, Hausmacht, Imperien, Nationalstaaten, Diktaturen, alle entstanden durch Machtmotive, dynastische Oktrois, archaisch-religiös verbrämt nach altorientalischen, vorchristlichen Absolutmustern. Grundsätzlich anders: demokratisch-regionaler Zusammenschlussdrang, von unten nach oben, freiwillig, demokratisch legitimiert, vom aufgeklärten souveränen Bürger gewollt. Nicht an einem Mast angehängt wie beim Maienbaum, sondern ein Gebilde wie eine Landungsbrücke auf vielen Pfählen, gleich ausgerichtet, in gegenseitigem Übereinkommen dem Prinzip der Subsidiarität verpflichtet. Je mehr Pfähle, desto weniger Rivalität untereinander, desto geringerer Drang, hegemonial zu handeln, desto weniger Anlass zu Furcht, desto mehr Raum übergreifende, Raum überspringende Sympathie. Wirkende Vielfalt, durchmischte Interessenkoalitionen, Chancen für das Mehrheitsprinzip. 

  All diese positiven Aspekte behindert der Nationalstaat. Obwohl er immer noch in Hirnen und Gemütern sitzt und dräut, ist seine Zeit vorbei. Wo er noch unheilvoll am Wirken ist, wie auf dem Balkan, gibt er genug Anschauungsmaterial ab, um sich ein endgültiges Urteil erlauben zu können. Warum ist das so? - Zunächst waren die Stämme, in sich verbunden durch Sitte und Brauch, Sprache und mit genau abgegrenzter Herrschaft. Dann begann das Obsiegen in größerem Maßstab. Aus Benachbartem, Verwandtem wurde Umfassenderes, Gewichtigeres von Oben nach Unten: Herzogtümer. Schließlich etablierte sich König- und gar Kaisertum, immer europäisch gesehen und immer im Wissen darum, dass die einzelnen Entwicklungsphasen sich zeitlich und geografisch teilweise deutlich verschoben heraus-bildeten und abliefen und überlappten. Die schließlich wahrhaft weltumspannenden Imperien, Habsburg und Britannien, brachten nicht nur Stämme, sondern Völker, ganze Ethnien unter einen Hut, ohne danach zu fragen, ob die Beherrschten damit einverstanden waren, all dies mit meisterhafter Heirats- und Erbpolitik und - mit immerwährenden Kriegen.

  Genau diese Ignoranz führte dazu, dass schließlich die Imperien in ihre nationalen Teile zerfielen. Diese sehnten sich nach nichts Dringenderem, als sich in einem Staat wiederzufinden, der nur ihnen gehörte, in dem sie möglichst unter sich waren. Die anderen, die ja ähnlich handelten, das waren alsbald nur noch die Feinde. Je nach Größe der Nation ergriff sie Furcht oder Anmaßung. Das Gefühl der Bedrohung gewann die Überhand und man glaubte, sie in den Griff zu bekommen, indem man die Gleichgewichtspolitik erfand. Rastlos wurden Allianzen geschmiedet, nicht etwa nach Maßstäben  wie gemeinsamer Religion, übergreifenden Herrscherdynastien, - gut, auch - sondern hauptsächlich nach unmittelbar vermutetem oder erfahrenem Bedrohungspotential. Nur so kann man verstehen, dass Todfeinde wie Frankreich und England über zwei Weltkriege hinweg zuletzt zu Alliierten wurden.

  Und wieder wird gegeneinander gearbeitet. Die Italiener, die Deutschen, die Franzosen, die Engländer - immer noch haben sie voreinander Angst. Ach, kennten wir doch nur noch Wallonen und Schotten, Tiroler und Katalanen, Umbrier und Bretonen und - Schwaben und Badenser (Badener!!). Haben Sie, lieber Leser, als solcher Angst vor einem Basken? Vor einem Andalusier? Können Sie sich ausmalen, wie viel gemeinsame Interessen und Sympathien ein gutmütiger Hesse mit einem Kalabrier entdecken könnte, wenn sie sich nur - gleichrangig - nähers kennen lernen würden? 

  Daher: Wir können ja nach wie vor Deutsche und Spanier, Engländer und Griechen bleiben. Aber die europäische Verfasstheit sollte auf regionalen Pfählen, auf Regionen also, gründen. Nicht mehr La Nation Grande, nicht Deutschland über Alles, nicht Britain rules the waves. Dann hätten wir etwas Neues, etwas Erträumenswertes, ein gemeinsames Europa halt.

 

Neid? Neid!

  Der Christ, ertappt er sich denn bei gelegentlichen Neidgefühlen, bekreuzigt sich erschrocken. Solche Geste bedeutet in diesem Zusammenhang, dass er einer Sünde begegnet ist. Es geht darum, Vergebung zu erlangen.

  Andere, Unbekümmerte aus diversen Gründen und Gesichtspunkten, empfinden keine Schuldgefühle, weil ihnen das Bewusstsein dazu fehlt. Am äußersten Rand Agierende,  kultivieren Neidgefühle, sei es, weil sie sich aus einem bestimmten Grund dazu berechtigt fühlen, sei es, dass sie Neid aus einer Haltung der Empörung heraus als 'gerecht' empfinden, sei es gar, dass ihnen bewusst geworden ist, wie sehr sich Neid doch als hochwirksames Instrument schüren lässt, um dies oder jenes bewirken zu können.

  Es fällt auf, dass z. B. bei Politikbegründungen von siech gewordenen Koalitionen manchmal sich die Warnung einschleicht, heikle politisch angepeilte Gestaltungsformen unter Neidaspekten zu beurteilen und sie daher abzulehnen. Das geht so weit, dass das Wettern gegen Neid sogar als Kampfargument für oder gegen Etwas benutzt wird. Wie dumm! Im Wahlkampf wird von den Newcomern hin und wieder ganz unverholen auf Neidkomplexe gezielt, klug bemäntelt mit dem Begriff einer schillernden Gerechtigkeit. Wie raffiniert! Immer, wenn der Vorwurf der Umverteilung von unten nach oben als Slogan benutzt wurde, gehen einem, um an einem Beispiel einzuhaken, solche Gedanken durch den Kopf - unbeschadet des Tatbestandes, dass es eine solche Umverteilung offensichtlich gibt, mal mehr, mal weniger.

  Raffiniert, weil diejenigen, die Neidkomplexe mobilisieren wollen, schlechtweg klug sind. Denn sie wissen, dass solches aus leichter Hand möglich ist. Dumm, weil diejenigen, die glauben, Neid bekämpfen zu müssen, offensichtlich noch nie sich nähers über den Neid als Phänomen Gedanken gemacht haben. Dabei wäre doch zu untersuchen, wann, wie, wo, warum bei zu beobachtendem Neid was genau geschieht. Dumm auch, weil diejenigen, die meinen Neid therapieren zu können, nicht wissen, auf was sie sich dabei einlassen.

  Was ist Neid? Ein Gefühl! Wie verhalten sich denn Ratio und Emotion untereinander? Vermögen sie es, sich gegenseitig zu beeinflussen? Zwar ganz gewiss. Doch auf welch verschlungenen Wegen und unter was für Bedingungen und Voraussetzungen! Weiter helfen mag die Frage, ob es nur Gefühle schlechthin gibt oder ob nach Arten und Intensitätsgraden oder anderem zu differenzieren ist. Wir kennen gute und schlechte Gefühle. Es geht nicht an, dass wir uns an diesem Punkte dabei aufhalten, ob gute wirklich gute und schlechte wirklich schlechte sind. Denn Hass z. B. dürfte allgemein der Schlechtkategorie zugewiesen werden. So verhält es sich halt mit unserer abend-ländischen Ethik. Damit ist für die Katalogisierung schon der Bezugspunkt benannt. Aber es sei vor voreiligen Schubladenzuweisungen gewarnt! Zorn! Hat dieses Gefühl nicht zwei Gesichter? Ambivalent mehr dorthin oder nicht doch viel mehr hierhin? Wie denn nun? Ach es kommt offensichtlich drauf an! Auf was? Auf die Zielrichtung? Auf die Heftigkeit? Auf die Ursache? Auf noch anderes?

  Neid! Gibt es für dieses Gefühl nur einen unzweideutigen Beurteilungsmaßstab? Es bleibt bei einem, nämlich dann, wenn die Meinung vertreten wird, dass Neid nur zerstörerisch wirken, Gutes aus ihm nie abfallen kann. Und überhaupt, wenn durchgängig akzeptiert wird, dass Gott es ist, der gibt und nimmt. Und niemals nimmt sich der Mensch.

  Wie soll man Neid definieren? Ein Versuch: 'Was der eine hat, soll das nur haben dürfen, wenn auch der Neider es bekommt.' Oder als Umkehrung: 'Wenn der Neider schon etwas nicht besitzt, soll es auch der andere nicht haben, gleichgültig, ob es dadurch, dass dem anderen etwas verwehrt ist, dem Neider besser geht'. - Meint da jemand, dass man Neidern damit das miese Gefühl austreiben könne, indem man die Miesigkeit als solche unter die Nase reibt? Oder durch Argumente, etwa der Art, dass gerade in diesem Neidfalle ein solches Gefühl 'eigentlich' gar nicht rational nachzuvollziehen ist, verhalte es sich doch im Grund genommen anders, m. a. W. es sei gar kein Anlass vorhanden? Selbst wenn das Argument eingeht, so verschwindet das inkriminierte Gefühl noch lange nicht. Da muss viel innerliche Seelenarbeit geleistet werden, wie überhaupt Gefühle nur langsam abklingen. Zorn 'kühlt' ab (langsam), Angst weicht (allmählich), Liebe verharrt (nachhaltig) u. a. m.

  So gesehen nimmt sich der Neider schäbig aus, alle mal. Alle Mal? Da fährt einer, der nichts in der Birne hat, einen dicken Wagen und verkehrt nur in teuersten Lokalen - weil er halt geerbt hat. Ein ansonsten Tüchtiger wird es nie dahin bringen. Anlass zu Neid? Aber nicht doch: Geist zu besitzen ist eine solch wertvolle Gabe, dass sie nicht mit Geld aufzuwiegen ist. Erinnert sei aber daran, dass es durchaus gesellschaftlich-politische Strömungen gibt, die das Erben für fragwürdig halten, dass gerecht sei, bei dieser Gelegenheit kräftig für den Staat abzusahnen. Gerecht sei auch, bei den Reichen zu holen.

  Unversehens ist jetzt mehr ins Spiel gekommen: Gerechtigkeit, Leistungsfähigkeit, Quotenzumessung. Dass diese Größen politisch zum Zuge kommen, dazu bedarf es u. E. der gezielten Mobilisierung von Neidgefühlen, wie schon gesagt, nicht offen, nein, schön verpackt in Appellen zu mehr Gerechtigkeit. Daher ist eine Politik dumm, die im Wissen um latent vorhandenen Neid eine Politik betreibt, die dem Neid ungeschützte Flanken öffnet, zumal es Gegner gibt, die solche Sachlagen für ihre Zwecke und Absichten instrumentalisieren. - Ein anderes Beispiel: Wer Leserbriefe in Zeitungen verfolgt, wer Absichten dahinter entdeckt, wenn gewisse ungute Tatbestände zur Sprache gelangen, etwa, wenn antreffbare Selbstbedienungsmentalität aufgespießt wird, der weiß, dass bei solchen Sachlagen Neid und Zorn ein mehr oder weniger berechtigt erscheinendes Gemisch eingehen, das langfristig nachhaltige Wirkungen zeitigt, das jeden trifft, welcher Couleur er auch zuzuordnen ist. Wenn es so ist, erübrigt sich alles Nachdenken und Urteilen über die Schlechtigkeit der Neider.

Ein Letztes: Zum Neid, dieser schäbigen Regung, darf noch gefragt werden, wer besser zu seiner Verdammung berufen ist, derjenige, der sich auf der Sonnenseite aalt oder der Pfarrer?  

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Halt und Anker

 

Der Gedanken Kreise sind vermauert,

Die Seele erstarrt und versauert.

Drum sorg hin für lindernd Zerstreuen.

Den Anker halt frei fürs Vertäuen.

 

Denn einen Halt braucht jedermann,

Einen Auslauf für die Freud immer dann,

Wenn Enge den Atem raubend bedrängt

Und das Boot im Starkwind zur Seite krängt.

                                                                              EL

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